Gundi und der Dunkelmann

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Ciconia

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Um kurz nach acht durchmaß Karl-Wilhelm Dunkelmann forschen Schrittes das Sekretariat. Der Gamsbart an seinem Trachtenhut wippte, der Lodenmantel war eigentlich zu warm für diese Jahreszeit. Dunkelmann, gebürtiger Westfale, wollte gern dazugehören in München, und das begann für ihn bei der Bekleidung.
Gundi Beck schaute widerwillig von dem Poststapel auf, den sie gerade schwungvoll mit Eingangsstempeln versah. Sie wusste, was jetzt kommen würde.
Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?
„Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?“
„Danke, Herr Dunkelmann, ich kann nicht klagen.“
Dunkelmann verschwand in seinem Zimmer, Gundi hörte Bügel klappern. Ein lautstarkes Schnäuzen folgte.
Ob die Post wohl schon fertig ist?
„Ob die Post wohl schon fertig ist, Fräulein Beck?“, dröhnte Dunkelmann von nebenan.
„Einen Moment, Herr Dunkelmann.“
Gundi setzte mit kräftigem Druck den letzten Stempel aufs Papier, sortierte alles nach Wichtigkeit und brachte ihrem Chef eine rote Mappe mit dem Aufkleber „30.5.1982“. Jeder Tag eine Extramappe in einer anderen Farben, damit Dunkelmann die Eingangspost gewissenhaft nacheinander abarbeiten konnte.
„Danke, Fräulein Beck, wenn Sie dann auch noch einen Kaffee hätten ...“
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, bin schon unterwegs“.
Gundis hohe Absätze klackerten über den Flur in die kleine Küche, wo die Kaffeemaschine schon blubberte. Einen Löffel Zucker, einen kräftigen Schuss Milch („Schön blond, gell, Fräulein Beck?“) und zur Abrundung des Geschmacks einen kleinen Schuss Spucke. Das hatte Gundi mal irgendwo gelesen und sofort geliebt. Seitdem ertrug sie Dunkelmann ein wenig besser.
„So, Herr Dunkelmann, Ihr Kaffee! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Dunkelmann sah von seiner Zeitung auf, die er jeden Morgen vor dem Durchsehen der Post las. Auf dem Schreibtisch lagen bereits allerlei Zettel verschiedener Größen mit handschriftlichen Notizen ausgebreitet. Gundi wunderte sich nicht mehr, hatte er ihr doch ganz am Anfang ihrer Tätigkeit erzählt, er schreibe sich nachts immer Ideen auf, sobald er einmal wach werde. Er musste oft aufwachen, wenn sie die Häufigkeit seiner Toilettenbesuche tagsüber als Maßstab nahm.
„Nein, danke, Fräulein Beck, im Moment nicht.“
Na bestens, freute sich Gundi und wollte mit einem gekonnten Hüftschwung die Tür hinter sich schließen.
„Lassen Sie die Tür ruhig auf, Fräulein Beck, ist doch wesentlich besser zu kommunizieren.“
Dann wurde es erst einmal nichts mit privaten Telefonaten. Missmutig machte sie sich über die Ablage des Vortages her.
Das Telefon klingelte.
„Sekretariat Dunkelmann, Beck“
Gundi war erleichtert, die Stimme von Ilse Sonneberg zu hören. Die Sonneberg war Dunkelmanns neues Gspusi, nach der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau. Gundi würde nie verstehen, was diese Frau an dem alten Knacker fand, aber na ja, Kohle hatte er. Dunkelmann besaß eigentlich alles, was Gundi verachtete: viel Geld und eine riesige Villa in Grünwald. Er war Golfer und Jäger. Jäger! Das setzte dem Ganzen die Krone auf, und es war für Gundi die Höchststrafe gewesen, als Dunkelmann sie einmal in ein Jagdfachgeschäft schickte, um ein spezielles Messer abzuholen.
Gundi stellte durch zu Dunkelmann und begann leise zu zählen. Bei sechs flog die Tür zwischen Sekretariat und Chefzimmer schwungvoll zu.
Jetzt blieb endlich Zeit für Gundis Privatgespräche, denn der Chef würde mindestens zwanzig Minuten, gern auch länger, mit der Sonneberg telefonieren. Gundi wollte lieber nicht wissen, was die zwei sich zu sagen hatten. Wie die Sonneberg ihn wohl nannte? Kalli? oder Willi?
Sie wählte die Nummer von Michi, ihrem derzeitigen Freund. Seine Stimme klang verschlafen.
„Na, Michi, noch nicht ausgeschlafen? Hast du nicht heute Vormittag ein Vorstellungsgespräch?“
Michi schnaufte. „Nee, ich glaub, der Job wär nichts für mich, die Firma liegt viel zu weit draußen, hab keine Lust auf so eine lange Fahrerei jeden Tag.“
Bevor sie ihre Standpauke beenden konnte, riss Dunkelmann die Tür auf. Gundi hatte glatt übersehen, dass das Lämpchen für Dunkelmanns Nebenstelle auf ihrer Telefonanlage nicht mehr leuchtete. Sie beendete das Gespräch mit einem säuerlich geflöteten „Danke für die Auskunft, Herr Weber!“, und setzte ein verbindliches Sekretärinnenlächeln auf.
„Können wir dann mal mit dem Diktat beginnen, Fräulein Beck?“
Gundi raffte Stenoblock und zwei bereits gespitzte Bleistifte zusammen und folgte Dunkelmann. Der Alte las erst einmal in aller Ruhe die vor ihm liegenden Schreiben durch. Gundi hasste das, musste sie doch die ganze Zeit tatenlos dasitzen. Im Zimmer roch es nach altem Kerl, fand sie, er sollte öfter mal lüften. Er sei so zugempfindlich, hatte er ihr neulich anvertraut. Wehleidiger alter Sack! Sie rückte ihren Stuhl ein wenig von der Tischkante ab und prüfte unauffällig, ob der Teppichboden unter seinem Schreibtisch in den letzen Tagen weiter gelitten hatte. In Stresssituationen besaß Dunkelmann nämlich die Angewohnheit, wild mit den Füßen zu scharren, so dass der Boden an einigen Stellen fast durchgewetzt war. Und unter Stress stand der alte Knacker in letzter Zeit genügend.
„Ja, dann wollen wir mal ...“, begann Dunkelmann.
„Schreiben an die Zentrale ... Dear Phil ... Following our yesterday’s phone conversation ...“
Der Stift flog über den Block. Nach jahrelanger Praxis behauptete Gundi in der Lage zu sein, Texte unter Umgehung der Hirnwindungen sowohl in Steno zu schreiben als auch direkt in die Maschine zu klopfen, so eine Art Automatismus. Erst beim Durchlesen des fertigen Schriftstücks begann der Denkvorgang, und letztendlich waren ihre Schreiben stets fehlerfrei. Dunkelmann wusste das sehr zu schätzen. Trotzdem hatte er ihr Gehalt nach der kürzlich beendeten Probezeit nicht erhöht.
„Ich hoffe, Sie verstehen das, wir befinden uns momentan in einer äußerst kritischen Geschäftslage.“
Das heutige Diktat schien interessant zu werden. Sie hatte längst mitbekommen, dass es aus der Londoner Zentrale Druck auf Dunkelmann gab, die Rendite zu erhöhen und Sparmaßnahmen einzuleiten. Er schien das nicht ganz ernst zu nehmen, denn erst vor zwei Wochen hatte er sich einen neuen Firmenwagen für 70.000 DM zugelegt. Ganz schön mutig, fand Gundi, denn als Geschäftsführer dieser kleinen Tochtergesellschaft war er immerhin auch nur Angestellter.
Er wand sich in seinen Aussagen gegenüber Philipp Sanderburg, dem Londoner Boss, der genaue Vorgaben machte, wie die Münchener Niederlassung auf Vordermann zu bringen sei. Gundi ahnte, dass Dunkelmanns seichte Einwände nichts nützen würden. Die Schlinge zog sich langsam zu.

Eine Stunde später tippte Gundi mit flinken Fingern ihre Briefe in die schicke rote IBM-Kugelkopfmaschine. Gundi liebte dieses moderne Teil, das war etwas ganz anderes als die hässlichen alten elektrischen Schreibmaschinen, geschweige denn das mechanische Monster, auf dem sie Maschineschreiben gelernt hatte. Gegen Mittag war sie fertig, nur zweimal gestört durch Dunkelmann auf dem Weg zur Toilette.
„Ich bin dann mal Händewaschen, Fräulein Beck“, murmelte er wie immer im Vorbeigehen. Warum um alles in der Welt musste dieser Mensch ständig durch das Sekretariat trampeln anstatt durch die direkte Tür zum Flur? Nur weil er meinte, sich jedes Mal abmelden zu müssen. So genau wollte Gundi gar nicht wissen, wo er hinging.
Gundi klappte die Unterschriftsmappe zu, durchlesen würde sie später in Ruhe.
„Ich bin dann mal in der Mittagspause, Herr Dunkelmann“, flötete sie und hoffte, schnell genug aus dem Zimmer zu kommen, denn sie hatte heute früh die große Tüte gesehen, die Dunkelmann bei sich trug. Zu spät!
„Ach, Fräulein Beck, Sie kommen doch sicher an der Wäscherei vorbei, ob Sie wohl meine Hemden dort abgeben könnten?“
Mehr noch als das Jagdgeschäft hasste Gundi die dreckigen Hemden ihres Chefs, die er ihr regelmäßig mitgab. Jedes Mal wieder war sie drauf und dran, solche privaten Besorgungen für ihn abzulehnen, grübelte aber seit Wochen an einer handfesten Begründung. Sie trug die Tüte mit spitzen Fingern über den Flur, wo ihr bereits Kollegin Silke aus der Buchhaltung entgegenkam. „Gehen wir? Heute wieder Dreckswäsche?“, grinste Silke breit.
Die Hemden waren schnell abgegeben. Silke und Gundi ließen sich Zeit beim Essen in der benachbarten Behördenkantine. Anekdoten gab es genügend zu berichten. Silke gehörte in dieser Firma schon fast zum Inventar und hatte mehrere Vorgängerinnen von Gundi kommen und gehen sehen. Sie wunderte sich immer, wie Gundi es mit Dunkelmann aushielt.
„Mensch, Silke, du weißt doch, dass ich ein paarmal Pech hatte mit meinen Arbeitgebern. Ich muss jetzt erst einmal durchhalten, sonst wird mein Lebenslauf drei Seiten lang! Und so lange Michi keine neue Arbeit hat – sollen wir beide arbeitslos zu Hause rumsitzen? Außerdem halte ich es durchaus für möglich, dass diese Klitsche irgendwann geschlossen wird, da wäre vielleicht eine kleine Abfindung drin ...“.

Das Chefzimmer war verwaist, als Gundi um halb zwei zurückkam. Auf ihrem Schreibtisch lag ein kleiner Stapel Papiere – wie üblich Dunkelmanns persönliche Dinge, die er ihr stets wortlos hinterließ. Private Überweisungen, die nicht über die Buchhaltung laufen sollten, ein handschriftlich vorgefertigtes Schreiben an seine Versicherung und dergleichen mehr. Er erwartete, dass sie alles zügig und ohne Kommentar erledigte, bis er gegen drei wieder von einem kleinen Imbiss und allerlei Besorgungen – Wäscherei passte nicht dazu, weil zu weibisch – zurück sein würde.
Gundi seufzte tief und setzte sich erst einmal einen Kaffee auf. Wahrscheinlich hatte er wieder seine übliche Belohnung dabei.
Punkt drei stellte Dunkelmann ein kleines Kuchenpaket aus der teuren Konditorei in der Briennerstrasse auf Gundis Schreibtisch.
„Ob Sie uns denn wohl einen schönen Kaffee machen?“, fragte er und bleckte seine hässlichen gelblichen Zähne zu einem breiten Kaulquappengrinsen.
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, ist fast fertig!“
Gundi trug den Kuchen in die kleine Kaffeeküche, verteilte ihn auf zwei Teller und versah den inzwischen abgestandenen Kaffee für Dunkelmann mit den üblichen Zutaten. Auf einem kleinen Tablett servierte sie das Ganze formvollendet und süßlich lächelnd.
„Danke für den Kuchen, Herr Dunkelmann.“
Er schmunzelte milde.
Nachdem sie die Tür zum Chefzimmer geschlossen hatte, was Dunkelmann nachmittags nicht störte, weil er ständig Telefonate führte, wickelte sie ihr Tortenstückchen in eine Serviette und warf es in den Mülleimer in der Küche. Wenigstens so konnte sie sich gegen diese ständige Bestechung wehren. Und auf ihr Gewicht musste sie auch achten.

Die nächsten Wochen wurden hart für Dunkelmann, sehr hart. Phil Sanderburg rief täglich mindestens einmal an und führte außergewöhnlich lange Gespräche mit ihm, nach denen sich der Alte ausgesprochen zickig zeigte. Kuchen gab es tagelang nicht, was Gundi nicht bedauerte, dafür umso mehr Arbeit. Dunkelmann verlangte plötzlich Kopien aller möglichen Unterlagen aus der Ablage, sie stand manchmal eine halbe Stunde lang am Kopierer. Phil fragte von Tag zu Tag dringlicher nach den letzten zwei Monatsabschlüssen, an denen Dunkelmann angeblich immer noch „arbeitete“.
Als Sanderburg („Just call me Phil“, hatte er Gundi kürzlich angeboten) eines Nachmittags kurz nach drei Dunkelmann sprechen wollte, erwähnte sie beiläufig, dass Dunkelmann eigentlich um diese Zeit selten im Büro sei. Phil schien irritiert und not very amused.
„I’m really concerned about what’s going on in Munich …“
Dunkelmann wirkte in diesen Tagen zunehmend fahrig, der Teppichboden unter seinem Schreibtisch schien täglich fadenscheiniger zu werden, auf seine langen Mittagspausen verzichtete er neuerdings. Er brütete von morgens bis abends über irgendwelchen Papieren, ließ sich ab und zu Unterlagen aus der Buchhaltung kommen (Silke informierte Gundi sofort, worum es ging), und schien Gundi kaum noch wahrzunehmen.

Mitte Juni kündigte Sanderburg einen zweitägigen Besuch an. Gundi war entzückt. Sie hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gesehen, und er hatte ihr auf Anhieb gefallen, ein gutaussehender, dunkelhaariger, sportlich wirkender Anfangs-Vierziger. Würd schon passen, dachte sie.
Phil Sanderburg liebte München und alles Bayerische, hatte er ihr bei einem seiner Telefonate einmal anvertraut. Gundi erwog daher zunächst, ihr bestes Dirndl aus dem Schrank zu holen, aber das schien ihr dann doch zu aufgebrezelt. Sie musste an Dunkelmanns Bemerkung beim letzten Wiesn-Besuch denken, wie gut sie das Dirndl „ausfüllte“. Er konnte froh sein, dass sie zum Zeitpunkt dieser Äußerung noch bei der ersten Maß gewesen war.
Gundi entschied sich am Morgen des Besuches für einen dunkelblauen, leicht ausgestellten Rock und eine weiße Bluse mit zarten blauen Tupfen, dazu ihre blauen Lieblings-Pumps. Tags zuvor hatte sie sich einen Friseurbesuch im „Le Coup“ geleistet und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Sanderburg wirkte entspannt, als er gegen elf das Büro betrat und Gundi herzlich begrüßte. Wie es ihr gehe? Ob sie ihren Job noch möge?
„I’m fine“, antwortete Gundi, „and the job – well, it depends …“
Phil lachte herzlich, was Gundi das erste Mal an diesem Tag zum Schmelzen brachte, und verschwand für die nächsten Stunden in Dunkelmanns Büro. Gegen zwei schickte man Gundi ins Café Luitpold, um einige Canapés zu besorgen, das Übliche, wenn Dunkelmann Besuch und keine Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen hatte. Später war ein Essen in der „Aubergine“ vorgesehen, was Gundi einige Mühe mit der Reservierung kostete. Sie wünschte den Herren einen angenehmen Abend und machte pünktlich Feierabend.

Am nächsten Morgen erschien sie etwas früher als sonst. Sie vibrierte vor Spannung. Dunkelmanns Büro war verwaist und blieb es vorerst auch. Hatten die Herren zu lange gezecht? Während Gundi sich noch den Kopf zermarterte, erschien ein gutgelaunter Phil, setzte sich ohne großes Zögern lässig auf ihre Tischkante und fragte unumwunden, ob sie sich vorstellen könne, künftig für ihn zu arbeiten.
Gundi verschlug es die Sprache, was äußerst selten vorkam.
„Why …. where is Mr. Dunkelmann?“
Phil Sanderburg erklärte ihr in kurzen Sätzen, dass Dunkelmann mit sofortiger Wirkung aus der Firma ausgeschieden sei. Gründe brauchte er ihr nicht zu nennen. Er, Phil, würde zunächst für einige Monate kommissarisch die Geschäftsführung übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden sei. In London habe er eine kompetente Vertretung, so könne er erst einmal den Sommer in München genießen, wie er grinsend hinzufügte.

In der folgenden Woche übernahm Phil Sanderburg seine neuen Aufgaben. Als Erstes ließ er den hässlichen Teppichboden im Chefbüro austauschen.
„What did that old guy do here?“, hatte er Gundi fassungslos gefragt.
Dunkelmanns teurer BMW wurde schnellstens verkauft, Phil genügte sein Privatwagen, ein rechtsgesteuerter Mini Cooper, mit dem er halsbrecherisch durch München kurvte.
Mit ihrem neuen Chef ließ sich ausgezeichnet arbeiten, er verlangte keine privaten Besorgungen und keine stundenlangen Diktatsitzungen von Gundi. Er trug stets sein kleines Diktiergerät bei sich und erwartete, dass sie die Korrespondenz, die in Deutsch geschrieben werden musste, eigenständig übersetzte. Weitere Aufgaben, von denen sie bei Dunkelmann nur hatte träumen können, folgten. Sie durfte ihren neuen Chef sogar manchmal zu Auswärtsterminen begleiten, um zu dolmetschen, und erhielt für derartige Fälle Visitenkarten mit dem Aufdruck Gundula Beck – Assistentin der Geschäftsleitung. Gundi wuchs über sich selbst hinaus. Mit Michi machte sie schnellstens Schluss, er passte nicht mehr in ihre neue Welt.

Silke hielt sich neuerdings häufiger im Sekretariat auf.
„Ich könnt dich glatt beneiden“, meinte sie mit süffisantem Unterton, „aber nach dem blöden Dunkelmann hast du’s ja auch mal besser verdient. Weißt du übrigens, dass der Alte sogar seine Kucheneinkäufe immer über die Spesenabrechnung hat laufen lassen? Was der an Geldern aus der Firma gezogen hat – du machst dir keinen Begriff!“
Doch, dachte Gundi, mach ich. Was glaubst du denn, wer Phil Sanderburg rechtzeitig über Dunkelmanns Betrügereien aufgeklärt und wochenlang heimlich Unterlagen nach London geschickt hat … Aber alles musste Silke ja auch nicht wissen.

Kaffee trank Phil übrigens nicht, er bereitete sich mehrmals täglich seinen Tee selbst zu. Das sei er aus London so gewöhnt, betonte er. Vielleicht war es besser so, dachte Gundi. Man wusste nie, wie sich das Verhältnis entwickeln würde.


***************************************
Namen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden, es können jedoch Spuren von Selbsterlebtem enthalten sein – zum Beispiel schrieb ich früher auch gern auf einer roten Kugelkopfmaschine …
 

Artair

Mitglied
Hallo Ciconia,
Deine Geschichte ist wirklich spannend vom Anfang bis zum Ende. Tolle Pointe und sehr gut erzählt... großer, abwechslungsreicher Wortschatz....Klasse, weiter so!
Liebe Grüße,
Artair
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Artair,

freut mich, dass Dir meine Geschichte gefallen hat. Vielen Dank für die gute Bewertung!

Liebe Grüße
Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Um kurz nach acht durchmaß Karl-Wilhelm Dunkelmann forschen Schrittes das Sekretariat. Der Gamsbart an seinem Trachtenhut wippte, der Lodenmantel war eigentlich zu warm für diese Jahreszeit. Dunkelmann, gebürtiger Westfale, wollte gern dazugehören in München, und das begann für ihn bei der Bekleidung.
Gundi Beck schaute widerwillig von dem Poststapel auf, den sie gerade schwungvoll mit Eingangsstempeln versah. Sie wusste, was jetzt kommen würde.
Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?
„Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?“
„Danke, Herr Dunkelmann, ich kann nicht klagen.“
Dunkelmann verschwand in seinem Zimmer, Gundi hörte Bügel klappern. Ein lautstarkes Schnäuzen folgte.
Ob die Post wohl schon fertig ist?
„Ob die Post wohl schon fertig ist, Fräulein Beck?“, dröhnte Dunkelmann von nebenan.
„Einen Moment, Herr Dunkelmann.“
Gundi setzte mit kräftigem Druck den letzten Stempel aufs Papier, sortierte alles nach Wichtigkeit und brachte ihrem Chef eine rote Mappe mit dem Aufkleber „30.5.1982“. Jeder Tag eine Extramappe in einer anderen Farben, damit Dunkelmann die Eingangspost gewissenhaft nacheinander abarbeiten konnte.
„Danke, Fräulein Beck, wenn Sie dann auch noch einen Kaffee hätten ...“
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, bin schon unterwegs“.
Gundis hohe Absätze klackerten über den Flur in die kleine Küche, wo die Kaffeemaschine schon blubberte. Einen Löffel Zucker, einen kräftigen Schuss Milch („Schön blond, gell, Fräulein Beck?“) und zur Abrundung des Geschmacks einen kleinen Schuss Spucke. Das hatte Gundi mal irgendwo gelesen und sofort geliebt. Seitdem ertrug sie Dunkelmann ein wenig besser.
„So, Herr Dunkelmann, Ihr Kaffee! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Dunkelmann sah von seiner Zeitung auf, die er jeden Morgen vor dem Durchsehen der Post las. Auf dem Schreibtisch lagen bereits allerlei Zettel verschiedener Größen mit handschriftlichen Notizen ausgebreitet. Gundi wunderte sich nicht mehr, hatte er ihr doch ganz am Anfang ihrer Tätigkeit erzählt, er schreibe sich nachts immer Ideen auf, sobald er einmal wach werde. Er musste oft aufwachen, wenn sie die Häufigkeit seiner Toilettenbesuche tagsüber als Maßstab nahm.
„Nein, danke, Fräulein Beck, im Moment nicht.“
Na bestens, freute sich Gundi und wollte mit einem gekonnten Hüftschwung die Tür hinter sich schließen.
„Lassen Sie die Tür ruhig auf, Fräulein Beck, ist doch wesentlich besser zu kommunizieren.“
Dann wurde es erst einmal nichts mit privaten Telefonaten. Missmutig machte sie sich über die Ablage des Vortages her.
Das Telefon klingelte.
„Sekretariat Dunkelmann, Beck“
Gundi war erleichtert, die Stimme von Ilse Sonneberg zu hören. Die Sonneberg war Dunkelmanns neues Gspusi, nach der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau. Gundi würde nie verstehen, was diese Frau an dem alten Knacker fand, aber na ja, Kohle hatte er. Dunkelmann besaß eigentlich alles, was Gundi verachtete: viel Geld und eine riesige Villa in Grünwald. Er war Golfer und Jäger. Jäger! Das setzte dem Ganzen die Krone auf, und es war für Gundi die Höchststrafe gewesen, als Dunkelmann sie einmal in ein Jagdfachgeschäft schickte, um ein spezielles Messer abzuholen.
Gundi stellte durch zu Dunkelmann und begann leise zu zählen. Bei sechs flog die Tür zwischen Sekretariat und Chefzimmer schwungvoll zu.
Jetzt blieb endlich Zeit für Gundis Privatgespräche, denn der Chef würde mindestens zwanzig Minuten, gern auch länger, mit der Sonneberg telefonieren. Gundi wollte lieber nicht wissen, was die zwei sich zu sagen hatten. Wie die Sonneberg ihn wohl nannte? Kalli? oder Willi?
Sie wählte die Nummer von Michi, ihrem derzeitigen Freund. Seine Stimme klang verschlafen.
„Na, Michi, noch nicht ausgeschlafen? Hast du nicht heute Vormittag ein Vorstellungsgespräch?“
Michi schnaufte. „Nee, ich glaub, der Job wär nichts für mich, die Firma liegt viel zu weit draußen, hab keine Lust auf so eine lange Fahrerei jeden Tag.“
Bevor sie ihre Standpauke beenden konnte, riss Dunkelmann die Tür auf. Gundi hatte glatt übersehen, dass das Lämpchen für Dunkelmanns Nebenstelle auf ihrer Telefonanlage nicht mehr leuchtete. Sie beendete das Gespräch mit einem säuerlich geflöteten „Danke für die Auskunft, Herr Weber!“, und setzte ein verbindliches Sekretärinnenlächeln auf.
„Können wir dann mal mit dem Diktat beginnen, Fräulein Beck?“
Gundi raffte Stenoblock und zwei bereits gespitzte Bleistifte zusammen und folgte Dunkelmann. Der Alte las erst einmal in aller Ruhe die vor ihm liegenden Schreiben durch. Gundi hasste das, musste sie doch die ganze Zeit tatenlos dasitzen. Im Zimmer roch es nach altem Kerl, fand sie, er sollte öfter mal lüften. Er sei so zugempfindlich, hatte er ihr neulich anvertraut. Wehleidiger alter Sack! Sie rückte ihren Stuhl ein wenig von der Tischkante ab und prüfte unauffällig, ob der Teppichboden unter seinem Schreibtisch in den letzen Tagen weiter gelitten hatte. In Stresssituationen besaß Dunkelmann nämlich die Angewohnheit, wild mit den Füßen zu scharren, so dass der Boden an einigen Stellen fast durchgewetzt war. Und unter Stress stand der alte Knacker in letzter Zeit genügend.
„Ja, dann wollen wir mal ...“, begann Dunkelmann.
„Schreiben an die Zentrale ... Dear Phil ... Following our yesterday’s phone conversation ...“
Der Stift flog über den Block. Nach jahrelanger Praxis behauptete Gundi in der Lage zu sein, Texte unter Umgehung der Hirnwindungen sowohl in Steno zu schreiben als auch direkt in die Maschine zu klopfen, so eine Art Automatismus. Erst beim Durchlesen des fertigen Schriftstücks begann der Denkvorgang, und letztendlich waren ihre Schreiben stets fehlerfrei. Dunkelmann wusste das sehr zu schätzen. Trotzdem hatte er ihr Gehalt nach der kürzlich beendeten Probezeit nicht erhöht.
„Ich hoffe, Sie verstehen das, wir befinden uns momentan in einer äußerst kritischen Geschäftslage.“
Das heutige Diktat schien interessant zu werden. Sie hatte längst mitbekommen, dass es aus der Londoner Zentrale Druck auf Dunkelmann gab, die Rendite zu erhöhen und Sparmaßnahmen einzuleiten. Er schien das nicht ganz ernst zu nehmen, denn erst vor zwei Wochen hatte er sich einen neuen Firmenwagen für 70.000 DM zugelegt. Ganz schön mutig, fand Gundi, denn als Geschäftsführer dieser kleinen Tochtergesellschaft war er immerhin auch nur Angestellter.
Er wand sich in seinen Aussagen gegenüber Philipp Sanderburg, dem Londoner Boss, der genaue Vorgaben machte, wie die Münchener Niederlassung auf Vordermann zu bringen sei. Gundi ahnte, dass Dunkelmanns seichte Einwände nichts nützen würden. Die Schlinge zog sich langsam zu.

Eine Stunde später tippte Gundi mit flinken Fingern ihre Briefe in die schicke rote IBM-Kugelkopfmaschine. Gundi liebte dieses moderne Teil, das war etwas ganz anderes als die hässlichen alten elektrischen Schreibmaschinen, geschweige denn das mechanische Monster, auf dem sie Maschineschreiben gelernt hatte. Gegen Mittag war sie fertig, nur zweimal gestört durch Dunkelmann auf dem Weg zur Toilette.
„Ich bin dann mal Händewaschen, Fräulein Beck“, murmelte er wie immer im Vorbeigehen. Warum um alles in der Welt musste dieser Mensch ständig durch das Sekretariat trampeln anstatt durch die direkte Tür zum Flur? Nur weil er meinte, sich jedes Mal abmelden zu müssen. So genau wollte Gundi gar nicht wissen, wo er hinging.
Gundi klappte die Unterschriftsmappe zu, durchlesen würde sie später in Ruhe.
„Ich bin dann mal in der Mittagspause, Herr Dunkelmann“, flötete sie und hoffte, schnell genug aus dem Zimmer zu kommen, denn sie hatte heute früh die große Tüte gesehen, die Dunkelmann bei sich trug. Zu spät!
„Ach, Fräulein Beck, Sie kommen doch sicher an der Wäscherei vorbei, ob Sie wohl meine Hemden dort abgeben könnten?“
Mehr noch als das Jagdgeschäft hasste Gundi die dreckigen Hemden ihres Chefs, die er ihr regelmäßig mitgab. Jedes Mal wieder war sie drauf und dran, solche privaten Besorgungen für ihn abzulehnen, grübelte aber seit Wochen an einer handfesten Begründung. Sie trug die Tüte mit spitzen Fingern über den Flur, wo ihr bereits Kollegin Silke aus der Buchhaltung entgegenkam. „Gehen wir? Heute wieder Dreckswäsche?“, grinste Silke breit.
Die Hemden waren schnell abgegeben. Silke und Gundi ließen sich Zeit beim Essen in der benachbarten Behördenkantine. Anekdoten gab es genügend zu berichten. Silke gehörte in dieser Firma schon fast zum Inventar und hatte mehrere Vorgängerinnen von Gundi kommen und gehen sehen. Sie wunderte sich immer, wie Gundi es mit Dunkelmann aushielt.
„Mensch, Silke, du weißt doch, dass ich ein paarmal Pech hatte mit meinen Arbeitgebern. Ich muss jetzt erst einmal durchhalten, sonst wird mein Lebenslauf irgendwann drei Seiten lang! Und so lange Michi keine neue Arbeit hat – sollen wir beide arbeitslos zu Hause rumsitzen? Außerdem halte ich es durchaus für möglich, dass diese Klitsche irgendwann geschlossen wird, da wäre vielleicht eine kleine Abfindung drin ...“.

Das Chefzimmer war verwaist, als Gundi um halb zwei zurückkam. Auf ihrem Schreibtisch lag ein kleiner Stapel Papiere – wie üblich Dunkelmanns persönliche Dinge, die er ihr stets wortlos hinterließ. Private Überweisungen, die nicht über die Buchhaltung laufen sollten, ein handschriftlich vorgefertigtes Schreiben an seine Versicherung und dergleichen mehr. Er erwartete, dass sie alles zügig und ohne Kommentar erledigte, bis er gegen drei wieder von einem kleinen Imbiss und allerlei Besorgungen – Wäscherei passte nicht dazu, weil zu weibisch – zurück sein würde.
Gundi seufzte tief und setzte sich erst einmal einen Kaffee auf. Wahrscheinlich hatte er wieder seine übliche Belohnung dabei.
Punkt drei stellte Dunkelmann ein kleines Kuchenpaket aus der teuren Konditorei in der Briennerstrasse auf Gundis Schreibtisch.
„Ob Sie uns denn wohl einen schönen Kaffee machen?“, fragte er und bleckte seine hässlichen gelblichen Zähne zu einem breiten Kaulquappengrinsen.
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, ist fast fertig!“
Gundi trug den Kuchen in die kleine Kaffeeküche, verteilte ihn auf zwei Teller und versah den inzwischen abgestandenen Kaffee für Dunkelmann mit den üblichen Zutaten. Auf einem kleinen Tablett servierte sie das Ganze formvollendet und süßlich lächelnd.
„Danke für den Kuchen, Herr Dunkelmann.“
Er schmunzelte milde.
Nachdem sie die Tür zum Chefzimmer geschlossen hatte, was Dunkelmann nachmittags nicht störte, weil er ständig Telefonate führte, wickelte sie ihr Tortenstückchen in eine Serviette und warf es in den Mülleimer in der Küche. Wenigstens so konnte sie sich gegen diese ständige Bestechung wehren. Und auf ihr Gewicht musste sie auch achten.

Die nächsten Wochen wurden hart für Dunkelmann, sehr hart. Phil Sanderburg rief täglich mindestens einmal an und führte außergewöhnlich lange Gespräche mit ihm, nach denen sich der Alte ausgesprochen zickig zeigte. Kuchen gab es tagelang nicht, was Gundi nicht bedauerte, dafür umso mehr Arbeit. Dunkelmann verlangte plötzlich Kopien aller möglichen Unterlagen aus der Ablage, sie stand manchmal eine halbe Stunde lang am Kopierer. Phil fragte von Tag zu Tag dringlicher nach den letzten zwei Monatsabschlüssen, an denen Dunkelmann angeblich immer noch „arbeitete“.
Als Sanderburg („Just call me Phil“, hatte er Gundi kürzlich angeboten) eines Nachmittags kurz nach drei Dunkelmann sprechen wollte, erwähnte sie beiläufig, dass Dunkelmann eigentlich um diese Zeit selten im Büro sei. Phil schien irritiert und not very amused.
„I’m really concerned about what’s going on in Munich …“
Dunkelmann wirkte in diesen Tagen zunehmend fahrig, der Teppichboden unter seinem Schreibtisch schien täglich fadenscheiniger zu werden, auf seine langen Mittagspausen verzichtete er neuerdings. Er brütete von morgens bis abends über irgendwelchen Papieren, ließ sich ab und zu Unterlagen aus der Buchhaltung kommen (Silke informierte Gundi sofort, worum es ging), und schien Gundi kaum noch wahrzunehmen.

Mitte Juni kündigte Sanderburg einen zweitägigen Besuch an. Gundi war entzückt. Sie hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gesehen, und er hatte ihr auf Anhieb gefallen, ein gutaussehender, dunkelhaariger, sportlich wirkender Anfangs-Vierziger. Würd schon passen, dachte sie.
Phil Sanderburg liebte München und alles Bayerische, hatte er ihr bei einem seiner Telefonate einmal anvertraut. Gundi erwog daher zunächst, ihr bestes Dirndl aus dem Schrank zu holen, aber das schien ihr dann doch zu aufgebrezelt. Sie musste an Dunkelmanns Bemerkung beim Wiesn-Besuch denken, wie gut sie das Dirndl „ausfüllte“. Er konnte froh sein, dass sie zum Zeitpunkt dieser Äußerung noch bei der ersten Maß gewesen war.
Gundi entschied sich am Morgen des Besuches für einen dunkelblauen, leicht ausgestellten Rock und eine weiße Bluse mit zarten blauen Tupfen, dazu ihre blauen Lieblings-Pumps. Tags zuvor hatte sie sich einen Friseurbesuch im „Le Coup“ geleistet und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Sanderburg wirkte entspannt, als er gegen elf das Büro betrat und Gundi herzlich begrüßte. Wie es ihr gehe? Ob sie ihren Job noch möge?
„I’m fine“, antwortete Gundi, „and the job – well, it depends …“
Phil lachte herzlich, was Gundi das erste Mal an diesem Tag zum Schmelzen brachte, und verschwand für die nächsten Stunden in Dunkelmanns Büro. Gegen zwei schickte man Gundi ins Café Luitpold, um einige Canapés zu besorgen, das Übliche, wenn Dunkelmann Besuch und keine Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen hatte. Später war ein Essen in der „Aubergine“ vorgesehen, was Gundi einige Mühe mit der Reservierung kostete. Sie wünschte den Herren einen angenehmen Abend und machte pünktlich Feierabend.

Am nächsten Morgen erschien sie etwas früher als sonst. Sie vibrierte vor Spannung. Dunkelmanns Büro war verwaist und blieb es vorerst auch. Hatten die Herren zu lange gezecht? Während Gundi sich noch den Kopf zermarterte, erschien ein gutgelaunter Phil, setzte sich ohne großes Zögern lässig auf ihre Tischkante und fragte unumwunden, ob sie sich vorstellen könne, künftig für ihn zu arbeiten.
Gundi verschlug es die Sprache, was äußerst selten vorkam.
„Why …. where is Mr. Dunkelmann?“
Phil Sanderburg erklärte ihr in kurzen Sätzen, dass Dunkelmann mit sofortiger Wirkung aus der Firma ausgeschieden sei. Gründe brauchte er ihr nicht zu nennen. Er, Phil, würde zunächst für einige Monate kommissarisch die Geschäftsführung übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden sei. In London habe er eine kompetente Vertretung, so könne er erst einmal den Sommer in München genießen, wie er grinsend hinzufügte.

In der folgenden Woche übernahm Phil Sanderburg seine neuen Aufgaben. Als Erstes ließ er den hässlichen Teppichboden im Chefbüro austauschen.
„What did that old guy do here?“, hatte er Gundi fassungslos gefragt.
Dunkelmanns teurer BMW wurde schnellstens verkauft, Phil genügte sein Privatwagen, ein rechtsgesteuerter Mini Cooper, mit dem er halsbrecherisch durch München kurvte.
Mit ihrem neuen Chef ließ sich ausgezeichnet arbeiten, er verlangte keine privaten Besorgungen und keine stundenlangen Diktatsitzungen von Gundi. Er trug stets sein kleines Diktiergerät bei sich und erwartete, dass sie die Korrespondenz, die in Deutsch geschrieben werden musste, eigenständig übersetzte. Weitere Aufgaben, von denen sie bei Dunkelmann nur hatte träumen können, folgten. Sie durfte ihren neuen Chef sogar manchmal zu Auswärtsterminen begleiten, um zu dolmetschen, und erhielt für derartige Fälle Visitenkarten mit dem Aufdruck Gundula Beck – Assistentin der Geschäftsleitung. Gundi wuchs über sich selbst hinaus. Mit Michi machte sie schnellstens Schluss, er passte nicht mehr in ihre neue Welt.

Silke hielt sich neuerdings häufiger im Sekretariat auf.
„Ich könnt dich glatt beneiden“, meinte sie mit süffisantem Unterton, „aber nach dem blöden Dunkelmann hast du’s ja auch mal besser verdient. Weißt du übrigens, dass der Alte sogar seine Kucheneinkäufe immer über die Spesenabrechnung hat laufen lassen? Was der an Geldern aus der Firma gezogen hat – du machst dir keinen Begriff!“
Doch, dachte Gundi, mach ich. Was glaubst du denn, wer Phil Sanderburg rechtzeitig über Dunkelmanns Betrügereien aufgeklärt und wochenlang heimlich Unterlagen nach London geschickt hat … Aber alles musste Silke ja auch nicht wissen.

Kaffee trank Phil übrigens nicht, er bereitete sich mehrmals täglich seinen Tee selbst zu. Das sei er aus London so gewöhnt, betonte er. Vielleicht war es besser so, dachte Gundi. Man wusste nie, wie sich das Verhältnis entwickeln würde.


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Namen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden, es können jedoch Spuren von Selbsterlebtem enthalten sein – zum Beispiel schrieb ich früher auch gern auf einer roten Kugelkopfmaschine …
 

Ciconia

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Um kurz nach acht durchmaß Karl-Wilhelm Dunkelmann forschen Schrittes das Sekretariat. Der Gamsbart an seinem Trachtenhut wippte, der Lodenmantel war eigentlich zu warm für diese Jahreszeit. Dunkelmann, gebürtiger Westfale, wollte gern dazugehören in München, und das begann für ihn bei der Bekleidung.
Gundi Beck schaute widerwillig von dem Poststapel auf, den sie gerade schwungvoll mit Eingangsstempeln versah. Sie wusste, was jetzt kommen würde.
Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?
„Guten Morgen, Fräulein Beck, wie war die Nacht?“
„Danke, Herr Dunkelmann, ich kann nicht klagen.“
Dunkelmann verschwand in seinem Zimmer, Gundi hörte Bügel klappern. Ein lautstarkes Schnäuzen folgte.
Ob die Post wohl schon fertig ist?
„Ob die Post wohl schon fertig ist, Fräulein Beck?“, dröhnte Dunkelmann von nebenan.
„Einen Moment, Herr Dunkelmann.“
Gundi setzte mit kräftigem Druck den letzten Stempel aufs Papier, sortierte alles nach Wichtigkeit und brachte ihrem Chef eine rote Mappe mit dem Aufkleber „30.5.1982“. Jeder Tag eine Extramappe in einer anderen Farben, damit Dunkelmann die Eingangspost gewissenhaft nacheinander abarbeiten konnte.
„Danke, Fräulein Beck, wenn Sie dann auch noch einen Kaffee hätten ...“
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, bin schon unterwegs“.
Gundis hohe Absätze klackerten über den Flur in die kleine Küche, wo die Kaffeemaschine schon blubberte. Einen Löffel Zucker, einen kräftigen Schuss Milch („Schön blond, gell, Fräulein Beck?“) und zur Abrundung des Geschmacks einen kleinen Schuss Spucke. Das hatte Gundi mal irgendwo gelesen und sofort geliebt. Seitdem ertrug sie Dunkelmann ein wenig besser.
„So, Herr Dunkelmann, Ihr Kaffee! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Dunkelmann sah von seiner Zeitung auf, die er jeden Morgen vor dem Durchsehen der Post las. Auf dem Schreibtisch lagen bereits allerlei Zettel verschiedener Größen mit handschriftlichen Notizen ausgebreitet. Gundi wunderte sich nicht mehr, hatte er ihr doch ganz am Anfang ihrer Tätigkeit erzählt, er schreibe sich nachts immer Ideen auf, sobald er einmal wach werde. Er musste oft aufwachen, wenn sie die Häufigkeit seiner Toilettenbesuche tagsüber als Maßstab nahm.
„Nein, danke, Fräulein Beck, im Moment nicht.“
Na bestens, freute sich Gundi und wollte mit einem gekonnten Hüftschwung die Tür hinter sich schließen.
„Lassen Sie die Tür ruhig auf, Fräulein Beck, ist doch wesentlich besser zu kommunizieren.“
Dann wurde es erst einmal nichts mit privaten Telefonaten. Missmutig machte sie sich über die Ablage des Vortages her.
Das Telefon klingelte.
„Sekretariat Dunkelmann, Beck“
Gundi war erleichtert, die Stimme von Ilse Sonneberg zu hören. Die Sonneberg war Dunkelmanns neues Gspusi, nach der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau. Gundi würde nie verstehen, was diese Frau an dem alten Knacker fand, aber na ja, Kohle hatte er. Dunkelmann besaß eigentlich alles, was Gundi verachtete: viel Geld und eine riesige Villa in Grünwald. Er war Golfer und Jäger. Jäger! Das setzte dem Ganzen die Krone auf, und es war für Gundi die Höchststrafe gewesen, als Dunkelmann sie einmal in ein Jagdfachgeschäft schickte, um ein spezielles Messer abzuholen.
Gundi stellte durch zu Dunkelmann und begann leise zu zählen. Bei sechs flog die Tür zwischen Sekretariat und Chefzimmer schwungvoll zu.
Jetzt blieb endlich Zeit für Gundis Privatgespräche, denn der Chef würde mindestens zwanzig Minuten, gern auch länger, mit der Sonneberg telefonieren. Gundi wollte lieber nicht wissen, was die zwei sich zu sagen hatten. Wie die Sonneberg ihn wohl nannte? Kalli? oder Willi?
Sie wählte die Nummer von Michi, ihrem derzeitigen Freund. Seine Stimme klang verschlafen.
„Na, Michi, noch nicht ausgeschlafen? Hast du nicht heute Vormittag ein Vorstellungsgespräch?“
Michi schnaufte. „Nee, ich glaub, der Job wär nichts für mich, die Firma liegt viel zu weit draußen, hab keine Lust auf so eine lange Fahrerei jeden Tag.“
Bevor sie ihre Standpauke beenden konnte, riss Dunkelmann die Tür auf. Gundi hatte glatt übersehen, dass das Lämpchen für Dunkelmanns Nebenstelle auf ihrer Telefonanlage nicht mehr leuchtete. Sie beendete das Gespräch mit einem säuerlich geflöteten „Danke für die Auskunft, Herr Weber!“, und setzte ein verbindliches Sekretärinnenlächeln auf.
„Können wir dann mal mit dem Diktat beginnen, Fräulein Beck?“
Gundi raffte Stenoblock und zwei bereits gespitzte Bleistifte zusammen und folgte Dunkelmann. Der Alte las erst einmal in aller Ruhe die vor ihm liegenden Schreiben durch. Gundi hasste das, musste sie doch die ganze Zeit tatenlos dasitzen. Im Zimmer roch es nach altem Kerl, fand sie, er sollte öfter mal lüften. Er sei so zugempfindlich, hatte er ihr neulich anvertraut. Wehleidiger alter Sack! Sie rückte ihren Stuhl ein wenig von der Tischkante ab und prüfte unauffällig, ob der Teppichboden unter seinem Schreibtisch in den letzen Tagen weiter gelitten hatte. In Stresssituationen besaß Dunkelmann nämlich die Angewohnheit, wild mit den Füßen zu scharren, so dass der Boden an einigen Stellen fast durchgewetzt war. Und unter Stress stand der alte Knacker in letzter Zeit genügend.
„Ja, dann wollen wir mal ...“, begann Dunkelmann.
„Schreiben an die Zentrale ... Dear Phil ... Following our yesterday’s phone conversation ...“
Der Stift flog über den Block. Nach jahrelanger Praxis behauptete Gundi in der Lage zu sein, Texte unter Umgehung der Hirnwindungen sowohl in Steno zu schreiben als auch direkt in die Maschine zu klopfen, so eine Art Automatismus. Erst beim Durchlesen des fertigen Schriftstücks begann der Denkvorgang, und letztendlich waren ihre Schreiben stets fehlerfrei. Dunkelmann wusste das sehr zu schätzen. Trotzdem hatte er ihr Gehalt nach der kürzlich beendeten Probezeit nicht erhöht.
„Ich hoffe, Sie verstehen das, wir befinden uns momentan in einer äußerst kritischen Geschäftslage.“
Das heutige Diktat schien interessant zu werden. Sie hatte längst mitbekommen, dass es aus der Londoner Zentrale Druck auf Dunkelmann gab, die Rendite zu erhöhen und Sparmaßnahmen einzuleiten. Er schien das nicht ganz ernst zu nehmen, denn erst vor zwei Wochen hatte er sich einen neuen Firmenwagen für 70.000 DM zugelegt. Ganz schön mutig, fand Gundi, denn als Geschäftsführer dieser kleinen Tochtergesellschaft war er immerhin auch nur Angestellter.
Er wand sich in seinen Aussagen gegenüber Philipp Sanderburg, dem Londoner Boss, der genaue Vorgaben machte, wie die Münchener Niederlassung auf Vordermann zu bringen sei. Gundi ahnte, dass Dunkelmanns seichte Einwände nichts nützen würden. Die Schlinge zog sich langsam zu.

Eine Stunde später tippte Gundi mit flinken Fingern ihre Briefe in die schicke rote IBM-Kugelkopfmaschine. Gundi liebte dieses moderne Teil, das war etwas ganz anderes als die hässlichen alten elektrischen Schreibmaschinen, geschweige denn das mechanische Monster, auf dem sie Maschineschreiben gelernt hatte. Gegen Mittag war sie fertig, nur zweimal gestört durch Dunkelmann auf dem Weg zur Toilette.
„Ich bin dann mal Händewaschen, Fräulein Beck“, murmelte er wie immer im Vorbeigehen. Warum um alles in der Welt musste dieser Mensch ständig durch das Sekretariat trampeln anstatt durch die direkte Tür zum Flur? Nur weil er meinte, sich jedes Mal abmelden zu müssen. So genau wollte Gundi gar nicht wissen, wo er hinging.
Gundi klappte die Unterschriftsmappe zu, durchlesen würde sie später in Ruhe.
„Ich bin dann mal in der Mittagspause, Herr Dunkelmann“, flötete sie und hoffte, schnell genug aus dem Zimmer zu kommen, denn sie hatte heute früh die große Tüte gesehen, die Dunkelmann bei sich trug. Zu spät!
„Ach, Fräulein Beck, Sie kommen doch sicher an der Wäscherei vorbei, ob Sie wohl meine Hemden dort abgeben könnten?“
Mehr noch als das Jagdgeschäft hasste Gundi die dreckigen Hemden ihres Chefs, die er ihr regelmäßig mitgab. Jedes Mal wieder war sie drauf und dran, solche privaten Besorgungen für ihn abzulehnen, grübelte aber seit Wochen an einer handfesten Begründung. Sie trug die Tüte mit spitzen Fingern über den Flur, wo ihr bereits Kollegin Silke aus der Buchhaltung entgegenkam. „Gehen wir? Heute wieder Dreckswäsche?“, grinste Silke breit.
Die Hemden waren schnell abgegeben. Silke und Gundi ließen sich Zeit beim Essen in der benachbarten Behördenkantine. Anekdoten gab es genügend zu berichten. Silke gehörte in dieser Firma schon fast zum Inventar und hatte mehrere Vorgängerinnen von Gundi kommen und gehen sehen. Sie wunderte sich immer, wie Gundi es mit Dunkelmann aushielt.
„Mensch, Silke, du weißt doch, dass ich ein paarmal Pech hatte mit meinen Arbeitgebern. Ich muss jetzt erst einmal durchhalten, sonst wird mein Lebenslauf irgendwann drei Seiten lang! Und so lange Michi keine neue Arbeit hat – sollen wir beide arbeitslos zu Hause rumsitzen? Außerdem halte ich es durchaus für möglich, dass diese Klitsche bald geschlossen wird, da wäre vielleicht eine kleine Abfindung drin ...“.

Das Chefzimmer war verwaist, als Gundi um halb zwei zurückkam. Auf ihrem Schreibtisch lag ein kleiner Stapel Papiere – wie üblich Dunkelmanns persönliche Dinge, die er ihr stets wortlos hinterließ. Private Überweisungen, die nicht über die Buchhaltung laufen sollten, ein handschriftlich vorgefertigtes Schreiben an seine Versicherung und dergleichen mehr. Er erwartete, dass sie alles zügig und ohne Kommentar erledigte, bis er gegen drei wieder von einem kleinen Imbiss und allerlei Besorgungen – Wäscherei passte nicht dazu, weil zu weibisch – zurück sein würde.
Gundi seufzte tief und setzte sich erst einmal einen Kaffee auf. Wahrscheinlich hatte er wieder seine übliche Belohnung dabei.
Punkt drei stellte Dunkelmann ein kleines Kuchenpaket aus der teuren Konditorei in der Briennerstrasse auf Gundis Schreibtisch.
„Ob Sie uns denn wohl einen schönen Kaffee machen?“, fragte er und bleckte seine hässlichen gelblichen Zähne zu einem breiten Kaulquappengrinsen.
„Selbstverständlich, Herr Dunkelmann, ist fast fertig!“
Gundi trug den Kuchen in die kleine Kaffeeküche, verteilte ihn auf zwei Teller und versah den inzwischen abgestandenen Kaffee für Dunkelmann mit den üblichen Zutaten. Auf einem kleinen Tablett servierte sie das Ganze formvollendet und süßlich lächelnd.
„Danke für den Kuchen, Herr Dunkelmann.“
Er schmunzelte milde.
Nachdem sie die Tür zum Chefzimmer geschlossen hatte, was Dunkelmann nachmittags nicht störte, weil er ständig Telefonate führte, wickelte sie ihr Tortenstückchen in eine Serviette und warf es in den Mülleimer in der Küche. Wenigstens so konnte sie sich gegen diese ständige Bestechung wehren. Und auf ihr Gewicht musste sie auch achten.

Die nächsten Wochen wurden hart für Dunkelmann, sehr hart. Phil Sanderburg rief täglich mindestens einmal an und führte außergewöhnlich lange Gespräche mit ihm, nach denen sich der Alte ausgesprochen zickig zeigte. Kuchen gab es tagelang nicht, was Gundi nicht bedauerte, dafür umso mehr Arbeit. Dunkelmann verlangte plötzlich Kopien aller möglichen Unterlagen aus der Ablage, sie stand manchmal eine halbe Stunde lang am Kopierer. Phil fragte von Tag zu Tag dringlicher nach den letzten zwei Monatsabschlüssen, an denen Dunkelmann angeblich immer noch „arbeitete“.
Als Sanderburg („Just call me Phil“, hatte er Gundi kürzlich angeboten) eines Nachmittags kurz nach drei Dunkelmann sprechen wollte, erwähnte sie beiläufig, dass Dunkelmann eigentlich um diese Zeit selten im Büro sei. Phil schien irritiert und not very amused.
„I’m really concerned about what’s going on in Munich …“
Dunkelmann wirkte in diesen Tagen zunehmend fahrig, der Teppichboden unter seinem Schreibtisch schien täglich fadenscheiniger zu werden, auf seine langen Mittagspausen verzichtete er neuerdings. Er brütete von morgens bis abends über irgendwelchen Papieren, ließ sich ab und zu Unterlagen aus der Buchhaltung kommen (Silke informierte Gundi sofort, worum es ging), und schien Gundi kaum noch wahrzunehmen.

Mitte Juni kündigte Sanderburg einen zweitägigen Besuch an. Gundi war entzückt. Sie hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gesehen, und er hatte ihr auf Anhieb gefallen, ein gutaussehender, dunkelhaariger, sportlich wirkender Anfangs-Vierziger. Würd schon passen, dachte sie.
Phil Sanderburg liebte München und alles Bayerische, hatte er ihr bei einem seiner Telefonate einmal anvertraut. Gundi erwog daher zunächst, ihr bestes Dirndl aus dem Schrank zu holen, aber das schien ihr dann doch zu aufgebrezelt. Sie musste an Dunkelmanns Bemerkung beim Wiesn-Besuch denken, wie gut sie das Dirndl „ausfüllte“. Er konnte froh sein, dass sie zum Zeitpunkt dieser Äußerung noch bei der ersten Maß gewesen war.
Gundi entschied sich am Morgen des Besuches für einen dunkelblauen, leicht ausgestellten Rock und eine weiße Bluse mit zarten blauen Tupfen, dazu ihre blauen Lieblings-Pumps. Tags zuvor hatte sie sich einen Friseurbesuch im „Le Coup“ geleistet und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Sanderburg wirkte entspannt, als er gegen elf das Büro betrat und Gundi herzlich begrüßte. Wie es ihr gehe? Ob sie ihren Job noch möge?
„I’m fine“, antwortete Gundi, „and the job – well, it depends …“
Phil lachte herzlich, was Gundi das erste Mal an diesem Tag zum Schmelzen brachte, und verschwand für die nächsten Stunden in Dunkelmanns Büro. Gegen zwei schickte man Gundi ins Café Luitpold, um einige Canapés zu besorgen, das Übliche, wenn Dunkelmann Besuch und keine Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen hatte. Später war ein Essen in der „Aubergine“ vorgesehen, was Gundi einige Mühe mit der Reservierung kostete. Sie wünschte den Herren einen angenehmen Abend und machte pünktlich Feierabend.

Am nächsten Morgen erschien sie etwas früher als sonst. Sie vibrierte vor Spannung. Dunkelmanns Büro war verwaist und blieb es vorerst auch. Hatten die Herren zu lange gezecht? Während Gundi sich noch den Kopf zermarterte, erschien ein gutgelaunter Phil, setzte sich ohne großes Zögern lässig auf ihre Tischkante und fragte unumwunden, ob sie sich vorstellen könne, künftig für ihn zu arbeiten.
Gundi verschlug es die Sprache, was äußerst selten vorkam.
„Why …. where is Mr. Dunkelmann?“
Phil Sanderburg erklärte ihr in kurzen Sätzen, dass Dunkelmann mit sofortiger Wirkung aus der Firma ausgeschieden sei. Gründe brauchte er ihr nicht zu nennen. Er, Phil, würde zunächst für einige Monate kommissarisch die Geschäftsführung übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden sei. In London habe er eine kompetente Vertretung, so könne er erst einmal den Sommer in München genießen, wie er grinsend hinzufügte.

In der folgenden Woche übernahm Phil Sanderburg seine neuen Aufgaben. Als Erstes ließ er den hässlichen Teppichboden im Chefbüro austauschen.
„What did that old guy do here?“, hatte er Gundi fassungslos gefragt.
Dunkelmanns teurer BMW wurde schnellstens verkauft, Phil genügte sein Privatwagen, ein rechtsgesteuerter Mini Cooper, mit dem er halsbrecherisch durch München kurvte.
Mit ihrem neuen Chef ließ sich ausgezeichnet arbeiten, er verlangte keine privaten Besorgungen und keine stundenlangen Diktatsitzungen von Gundi. Er trug stets sein kleines Diktiergerät bei sich und erwartete, dass sie die Korrespondenz, die in Deutsch geschrieben werden musste, eigenständig übersetzte. Weitere Aufgaben, von denen sie bei Dunkelmann nur hatte träumen können, folgten. Sie durfte ihren neuen Chef sogar manchmal zu Auswärtsterminen begleiten, um zu dolmetschen, und erhielt für derartige Fälle Visitenkarten mit dem Aufdruck Gundula Beck – Assistentin der Geschäftsleitung. Gundi wuchs über sich selbst hinaus. Mit Michi machte sie schnellstens Schluss, er passte nicht mehr in ihre neue Welt.

Silke hielt sich neuerdings häufiger im Sekretariat auf.
„Ich könnt dich glatt beneiden“, meinte sie mit süffisantem Unterton, „aber nach dem blöden Dunkelmann hast du’s ja auch mal besser verdient. Weißt du übrigens, dass der Alte sogar seine Kucheneinkäufe immer über die Spesenabrechnung hat laufen lassen? Was der an Geldern aus der Firma gezogen hat – du machst dir keinen Begriff!“
Doch, dachte Gundi, mach ich. Was glaubst du denn, wer Phil Sanderburg rechtzeitig über Dunkelmanns Betrügereien aufgeklärt und wochenlang heimlich Unterlagen nach London geschickt hat … Aber alles musste Silke ja auch nicht wissen.

Kaffee trank Phil übrigens nicht, er bereitete sich mehrmals täglich seinen Tee selbst zu. Das sei er aus London so gewöhnt, betonte er. Vielleicht war es besser so, dachte Gundi. Man wusste nie, wie sich das Verhältnis entwickeln würde.


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Namen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden, es können jedoch Spuren von Selbsterlebtem enthalten sein – zum Beispiel schrieb ich früher auch gern auf einer roten Kugelkopfmaschine …
 
O

orlando

Gast
Hallo Ciconia,
deine Kurzgeschichte gefällt auch mir sehr.
Ein interessanter Spannungsbogen und vor allem: ein vortrefflicher Schlusssatz.
Du schilderst das Büroleben authentisch und ironisierend zugleich. - Zwar nennen sich Sekretärinnen nunmehr persönliche Assistentinnen (was sie ja auch sind), doch geändert hat sich im Wesentlichen nichts. Auf das Diktieren/Stenografieren wird mancherorts noch immer Wert gelegt - vermutlich weil sich bestehende Machtverhältnisse so besonders schön zementieren lassen.
Gleichwohl gibt es eine nicht unerhebliche Zahl an Frauen, die ihre Chefs vergöttern (ich war mal in einem Büro, das ganz mit Jagdbildern des Herrn und Meisters tapeziert war.
Gut auch die Erwähnung privater Gefälligkeiten ...

Kurzum: Für mich gelungen. :)
LG, orlando
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Orlando,

wie schön, dass auch mal jemand aus der anderen Abteilung vorbeischaut, noch schöner, dass auch Dir der Text gefallen hat.

Ich denke, dass sich seit 1982, dem gedachten Jahr der Handlung, doch einiges geändert hat – die meisten „Sekretärinnen“ möchten heute auch nicht mehr so genannt werden, die Aufgaben sind tatsächlich andere geworden. Trotzdem mag es vor allem in der älteren Generation immer noch genügend „Dunkelmänner“ und auch typische Vorzimmerdamen geben, die ihren Chef vergöttern und gern private Gefälligkeiten übernehmen.

In meinem Krimi „Der Fall Britta A.“ hatte ich ja mal einen von dieser Sorte umgebracht, diesmal bin ich gnädiger geblieben. :cool:

Vielen Dank für Deine gute Bewertung!

Liebe Grüße
Ciconia
 

Karinina

Mitglied
Gundi

Liebe Ciconia, auch mir hat Deine Geschichte prima gefallen, es hat Spaß gemacht. Obwohl ich nie in einem solchen Sekretärin - Chef- Büro gearbeitet habe, kann ich mich gut da hinein versetzen. Ich war, im Gegensatz zu den anderen, aber vom Schluß ein klein wenig enttäuscht, ich habe auf einen tollen Geck gewartet, der schließlich aus den beiden- Dunkelmann und Gundi- ein Paar gemacht hätte. Ich weiß nicht, wie der Geck hätte aussehen müssen, aber das wäre so ein Wunschende für mich gewesen. L.G. Karin
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Karinina,

vielen Dank fürs Vorbeischauen.

Dunkelmann und Gundi ein Paar? Niemals!
Der Alte las erst einmal in aller Ruhe die vor ihm liegenden Schreiben durch. Gundi hasste das, musste sie doch die ganze Zeit tatenlos dasitzen. Im Zimmer roch es nach altem Kerl, fand sie, er sollte öfter mal lüften. Er sei so zugempfindlich, hatte er ihr neulich anvertraut. Wehleidiger alter Sack!
Der ist doch viel zu alt für sie, sie steht eher auf „Anfangsvierziger“ wie Phil … da habe ich doch alles offen gelassen, das fand ich „Gag“ genug …

Gruß Ciconia
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Mal wieder eine Kurzgeschichte, die fesselt, amüsiert und für die schon etwas reifere Generation, der auch ich angehöre, durchaus nostalgisch nachvollziehbar ist.

Ein dickes Lob vom Ironbiber
 

Ciconia

Mitglied
Danke für das dicke Biberlob, lieber Ironbiber!
nostalgisch nachvollziehbar
Dachtest Du da eher an eine rote Kugelkopfmaschine oder an eine hübsche junge Sekretärin, die mit wippendem Rock auf hohen Absätzen Kaffee servierte …? ;)

Ich freu mich sehr, dass Dir die Geschichte gefallen hat!

Gruß Ciconia
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Eigentlich an beides ...

... Meine Erinnerung funktioniert noch ganz prima. Ich habe auch den Wandel vom alten Bürofürsten im Lodenmantel und Hut, hin zum smarten Manager der Neuzeit miterleben dürfen. Es stimmt alles und du hast hier ein gekonntes Bild gemalt.

Erschrocken bin ich ganz am Anfang: Da habe ich doch glatt 1882 gelesen und dann die Kaffemaschine und die Kugelkopfschreibmaschine! Aber man (oder Biber) sollte halt lesen können. Nein, das Ganze ist großes Kopfkino – und so mag ich es.

Es hätte auch in "Humor und Satire" einen Ehrenplatz gefunden, denn bei dem Teppich und dem Stenoblock ist mir zusätzlich der Dreh von Loriot mit Evelyn Harmann - "Liebe im Büro" eingefallen. Einer meiner Lieblingssketche.

Es grüßt der Ironbiber
 

Karinina

Mitglied
Gundi

Hallo Ciconia, ein klein wenig hast Du mich missverstanden, das macht aber nichts. Natürlich kann man aus allen Zeilen die Abneigung lesen, aber was mir fehlt ist das Ahamoment einer Kurzgeschichte, denn, dass sie den Kerl verpetzt hat, war folgerichtig und erwartet. Was ich Dir sagen wollte kann ich Dir vielleicht am besten an „Katze im Regen“ von Hemingway deutlich machen: ein junges Pärchen streitet ein bisschen im Hotelzimmer. Das Mädchen sieht aus dem Fenster und beobachtet ein Kätzchen, dass sich vor dem Regen Schutz unter einem Gartentisch gesucht hat. Alles, was sie ihrem Liebsten vorwirft mündet in der Forderung nach einer Katze.
Eigentlich bis dahin die banalste Geschichte der Welt. Dann aber bringt das Hausmädchen die gewünschte Katze: Sie hängt dem Hausmädchen schwer, behäbig und alt vom Hals bis über den Bauch.
Das war es. Mehr ist nicht zu sagen. Der Ahamoment. Alle Wünsche der jungen Frau nach einer eigenen Wohnung und allem was damit zu tun hat, werden in der Erfüllung die Matrone zur Folge haben.
Ich sage Dir jetzt ganz ehrlich, dass alle meine Geschichten diesen Ahamoment auch nicht haben. Sie erzählen eine Begebenheit, genau wie in Deiner Geschichte eine Begebenheit erzählt wird. Aber mehr ist es nicht. Ich schreibe immer wieder dagegen an, aber es kommt nicht. Der Kick fehlt letzten Endes. Natürlich , ich bin kein Hemingway, was soll es. Ich schreibe einfach gern und basta.
Übrigens, sieh Dir mal die Geschichte von Usch „Irrlichter“ an, auch da funkelt so ein Ahamoment hindurch.

Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, und ich hoffe, Du findest diesen Dreh, der eine Geschichte zur Geschichte macht.
Karin
 

Ciconia

Mitglied
Liebe Karinina,

warum nur erinnert mich Dein Kommentar so sehr an den Duktus eines anderen Users, der sich auf Niedrigbewertungen beschränkt und meine Texte nicht kommentiert, der stets Hemingway als sein großes Vorbild anführt und gern das Kinderwort „petzen“ verwendet?

Du wirst deshalb Verständnis dafür haben, dass ich nicht darauf eingehe.
Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß und Erfolg in der LL!

Gruß Ciconia
 

Karinina

Mitglied
Und noch mal Gundi

Liebe Ciconia, ich weiß zwar nicht so richtig, auf wen Du anspielst, aber wenn Dir Hemingway nicht zusagt, dann probiere es doch mal mit Ambroise Bierce und seinen "Bitteren Stories". Ich dachte, einen guten Hinweis kann man manchmal gebrauchen.
L.G. Karin
 
U

USch

Gast
Liebe Ciconia,
warum nur erinnert mich Dein Kommentar so sehr an den Duktus eines anderen Users, der sich auf Niedrigbewertungen beschränkt und meine Texte nicht kommentiert, der stets Hemingway als sein großes Vorbild anführt und gern das Kinderwort „petzen“ verwendet?
Ich vermute, dass du mich meinst. Wann hören deine Hasstiraden auf mich mal auf. Ich werte seit langem anonym. Woher willst du wissen, ob und wie ich deine Texte werte? Diesen Text habe ich anonym bewertet mit einer SECHS, was bedeutet "Der Text hat was, aber da ist noch mehr rauszuholen" und das begründet Karinina so wie ich es auch getan hätte: "Der Kick fehlt letzten Endes."
Deshalb die SECHS. Warum soll ich dir das auch noch mal sagen, wo du bisher gegen jeglichen Verbesserungsvorschlag von meiner Seite immun warst. Dir täte mal etwas Selbstreflexion gut. Was du machst, sind psychologisch betrachtet Projektionen und darauf habe ich einfach keine Lust mehr.
http://de.wikipedia.org/wiki/Projektion_%28Psychoanalyse%29
Freundliche Grüße
USch
 

Artair

Mitglied
Hallo USch,
dieser Beitrag wird zu Recht auch als Themaverfehlung ausgeblendet werden, aber das muss ich jetzt unbedingt loswerden. Diese Geschichte ist um Klassen besser, als alles, was ich von Dir bisher gelesen habe. Und Du vergibst hier sechs Punkte? Nach Deiner Art zu werten hätte ich Dir für Deine Geschichte also vier Punkte geben müssen. Vielleicht denkst Du ja mal drüber nach, ob Du nicht ein klein bisschen ungerecht bist...
Gruß,
Artair
 
U

USch

Gast
Hallo Artair,
10 bedeutet „Für mich zählt dieser Text zu den besten, die ich jemals gelesen habe“. Ist ja schön für dich. Für mich nicht, denn ich habe schon sehr viele bessere gelesen. Das unterscheidet uns halt. Na und? Was hat das mit meinen Texten zu tun. Ich beanspruche keine 10.
so long USch
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das ist zwar schön erzählt, aber etwas haus- und altbacken, so wie auch der Teppichboden des Herrn Dunkelmann. Der Kick fehlt, da gebe ich Karinina recht.
Bei der Stelle
„So, Herr Dunkelmann, Ihr Kaffee! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
hätte der Text ins Absurde kippen können, wenn er geantwortet hätte: "Ja, Sie könnten mir eigentlich einen bl....".
:)

Wäre vielleicht ein Aha-Moment gewesen.

Der Verlauf der Handlung war absehbar - und auch das hätte man anders gestalten können: Es hätte auch alles beim Alten - im Wortsinn - bleiben können.

LG Doc
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Doc,

ist das Deine Vorstellung vom Büroalltag? Ich freue mich jedenfalls, dass diese Geschichte einigen Lesern auch ganz ohne ordinäres Beiwerk gefallen hat.

Gruß Ciconia
 

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