Gustav Meyrink: Des deutschen Spießers Wunderhorn

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Vor Jahrzehnten besaß ich Meyrinks Gesammelte Werke. „Der Golem“, sein erfolgreichster Roman, war zwangsläufig dabei. Ich nahm das Buch mit respektvollem Befremden zur Kenntnis. Mit den folgenden Romanen konnte ich noch weniger anfangen. „Das grüne Gesicht“, „Walpurgisnacht“, „Der weiße Dominikaner“, „Der Engel vom westlichen Fenster“ wurden als esoterisch-unbrauchbarer Quark beim nächsten Umzug kurzerhand entsorgt, „Der Golem“ mit leichtem Bedauern auch. Nur „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ behielt ich …
… und las es dieser Tage mit großem Vergnügen noch einmal. Das erstmals 1913 erschienene Buch ist eine Sammlung von Texten, die Gustav Meyrink seit 1901 hauptsächlich für den Münchner „Simplicissimus“ geschrieben hat. „Novellen“ nennt er sie, doch erwarte man nichts à la Conrad Ferdinand Meyer. Meyrinks Texte sind eher relativ kurze Kurzgeschichten, sind Grotesken, Tierfabeln, Parodien, Reiseeindrücke und vor allem Satiren. Der Mann war ein gottbegnadeter Satiriker. Seine witzigen Einfälle wie scharfen Angriffe haben auch nach gut hundert Jahren nichts von ihrem fulminant Zündendem verloren. Dabei existiert die Gesellschaft, gegen die sie sich richteten, so längst nicht mehr. Seine Lieblingsfeinde waren die Militärs der Habsburger wie anderer Monarchien, weltfremd-verbohrte Wissenschaftler, grundlos eingebildete Adlige, flach denkende Bürger – eben die dankbaren Hassobjekte, an denen sich das deutsche Satire-Magazin mit großem Erfolg damals rieb.
Von den 53 Geschichten empfehle ich besonders, falls man zunächst nur Kostproben nehmen will: Die Erstürmung von Serajewo, Schöpsoglobin, Tschitrakarna – das vornehme Kamel, Hilligenlei, Der heiße Soldat, Prag, Die Geschichte vom Löwen Alois.
Zu Meyrinks Eigentümlichkeiten gehört, dass er Gesellschaftskritik mit phantastischen Einfällen effektvoll verbindet. Von Anfang an gibt es bei ihm ein starkes Interesse an Übersinnlichem, das er gern für groteske, frappierende Schlüsse seiner Storys einsetzt. Wenn er den damaligen Bestsellerautor Gustav Frenssen parodiert, macht er sich auch über die entmythologisierende Tendenz des Ex-Pfarrers Frenssen lustig. Im weiteren Verlauf von Meyrinks Leben wie Werk gewinnt das Interesse am Okkulten immer mehr das Übergewicht. Damit erreicht er einen neuen Kreis von Lesern, Esoteriker, die ernsthaft bei der Sache sind – und enttäuscht seine Anhänger von vor 1914.
Tucholsky war einer von diesen. Noch sein „Riviera“-Text von 1928 lässt den Einfluss von Meyrinks satirischer Abrechnung mit „Montreux“ (und dem Genfer See wie der Schweiz überhaupt) erkennen. Aber schon 1917 rezensiert Tucholsky in der „Schaubühne“ Meyrinks „Das grüne Gesicht“ höchst ungnädig. Tucholsky wusste die antimaterialistische Stoßrichtung wie die Textqualität des früheren Meyrink zu schätzen, das hohe Niveau von Sprache und Stil. Jetzt wirft er ihm vor, das „Idiom der Masse“ zu benutzen. Seine Romane seien „ein Abstieg, weil die Erkenntnis des Weisen die Kraft des Schaffenden weit übersteigt.“ Das war wohl so. Nicht dass Tucholsky die ganze Richtung nicht gepasst hätte - Meyrink entwickelte sich zu einem E.T.A Hoffmann des Industriezeitalters, das war es, was Männer mit fein ausgeprägtem Empfinden für literarische Qualität verdross. Tucholskys nunmehrige Enttäuschung ist der Gradmesser für den Wert von „Des deutschen Spießers Wunderhorn“.
Das billig Spekulative der späteren Meyrink-Prosa muss auch uns nicht daran hindern, der früheren ihren hohen Rang zuzuerkennen. Darin hat Meyrink Prototypen der Dummheit und Gewöhnlichkeit geschaffen, literarisch fast so unsterblich wie die Gestalten Molières.
 

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