Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht (Forts. 'Ein Abendessen u. mehr)

aliceg

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Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht (Forts. 'Ein Abendessen u. mehr)

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Die Kombination Wein und Musik rührte etwas an in ihm, das dann bei Barber's 'Adagio For Strings' durchbrach und die Tränen zum Fließen brachte. So war das nicht gedacht!
Es steckte sichtlich mehr dahinter als nur ein Reagieren auf diese gefühlsaufwühlende Tonfolge. Er, als hochmusikalischer Mensch war für alle Emotionen, die Musik auslösen konnte, sehr empfänglich. Aber das allein war es nicht.
Ich mag Männer, die Gefühle zulassen. Was aber quälte ihn, doch nicht Abschiedsgedanken? Der Gedanke an Abschied bedrückte jedenfalls mich, verdunkelte meinen eigenen Gemütszustand. Ich bildete mir das nicht ein. Alles mengte sich zu einem Gefühlscocktail in mir.
Wir hatten beide gegen einen Seelenschmerz anzukämpfen, vielleicht sogar den gleichen. Aber während ich noch stabil blieb, kam seine Künstlernatur zum Vorschein. So feinfühlig und so verletzlich, da genügte eine Prise Melancholie für den Durchbruch. Es war ergreifend, wie ihm bei zurückgelehntem Kopf die Tränen herunterrollten. Ich liebte ihn in seiner Zerbrechlichkeit mehr als je zuvor. In diesem Augenblick hätte ich ihm alle Liebe der Welt zu Füßen legen wollen. Der Satz aus einem persischen Märchen fiel mir ein, wo jede einzelne Träne sich in einen Diamanten verwandeln sollte ...
Dabei hatte ich nicht einmal ein Taschentuch für ihn.

"Nicht weinen, Darling, das macht auch mich traurig."

Ich lege eine Hand in seinen Nacken, um ihn dort zu streicheln, wische mit der anderen seine Tränen beiseite und küsse ihn auf die nassen Augen. Er lässt alles mit sich geschehen, schnupft immer noch. Bei solch überquellenden Emotionen fühle ich mich etwas hilflos, will ihm Trost spenden ohne gleich mitzuheulen. Ganz sanft nehme ich seinen Kopf zur Brust, kraule ihn und streichle sein Haar und küsse wieder sein tränennasses Gesicht. Er tut mir so leid. Was war das für ein herzzerreißender Schmerz, der ihn da erfasst hatte?

Langsam fängt er sich wieder. Sicherlich hätte es mich brennend interessiert, wohin seine Seele sich verlaufen hatte, aber wenn er das in sich verschlossen hielt, hatte ich kein Recht zum Nachspüren. Dann war es etwas zwischen Gott und ihm. Und mit Gott wollte ich mich nicht persönlich anlegen. Der hatte sein Meisterstück schon geliefert, indem er ihn schuf!

Die schmeichelnde Mondnacht lud ein, den Pavillon barfuß zu umrunden. Und das tun wir auch. Wenn Musik und Wein versagten, hilft vielleicht nur noch ein Stoßgebet ...
Ich sag jetzt nichts mehr.
Nach diesem Intermezzo kommt der Mann in ihm wieder in die Gänge. Bei unserer Rückkehr fängt er sofort an, mich körperabwärts zu küssen, bis sein Kopf in meinem feuchten Schoß zu liegen kommt. Wenn unsere Körper nicht zusammenspielten, weil ihm sein Hauptinstrument nicht gehorchte, so konnte er doch sein Fingerspiel und seine zärtlichen Lippen so kreativ einsetzen, dass sie Lustempfinden schenkten. Und seine Zunge wurde zur wahren Echsenzunge.
Ich liebe ihn. Bin ganz umnebelt von seiner Gegenwart, vollkommen vereinnahmt von ihm.
Ich habe noch nie einen so zärtlichen Mann erlebt, einen, der selber süchtig nach Zärtlichkeiten war, ja, der geradezu hungerte danach. Was hat man denn nur mit dir gemacht, dass dir all das so sehr fehlte? Bist du auf der Suche nach dem, das du bisher vermisst hast? Hast du deshalb einen gigantischen Nachholbedarf?
Brauchst du mehr Liebe als jeder andere, viel, viel mehr? Könnte ich sie dir geben? Das würde ich allzu gerne, du müsstest mich nur lassen ...
"Al, wir versuchen einen neuen Anlauf für unser erstes Mal," reißt Ronnie mich aus meinen Gedanken, als er aus den Untiefen auftaucht, mit den strubbelig feuchten Haarsträhnen und nass um den Mund, mich irgendwie an ein frisch geschlüpftes Küken erinnernd.
Auf einmal ist alles ganz einfach. Obenauf angekommen, übernimmt er wieder die Führung. Sein prächtiges Stück in meinen Händen fühlt sich an wie eine saftige Frucht, prall und überreif, deren Bestimmung es war, Lebenssaft zu spenden und diesen unter Lustaufwallung ausstoßen wollte. Nur kurz sauge ich daran, liebkose mit der Zunge seine nasse Spitze, bevor ich ihm das Terrain überlasse.
Der halb Hereingetretene tastet sich behutsam vor, lotet meine Tiefe aus. Er ist am Erkunden, wie er seinen Rhythmus findet, seine Kreise zieht. Seine Stärke ist nicht das Stakkato sondern die Variation an Achterschleifen. Zwischen Küssen fragt er, ob alles okay ist. Bis zum Überlaufen flutet er mich in slow motion. Wir fließen zusammen und ineinander in dünnen weißen Rinnen, die ins Nichts über unsere Schenkel tropfen. Unablässig, während ich mit ihm in zeitlose Gefilde fliege. Alle Regenbogenfarben funkeln und blitzen bis zu seinem Auszittern und meinem Nachglühen.
Aus schwindelerregenden Höhen sind wir nicht in Bewusstlosigkeit gefallen, bloß knapp davor wieder auf der Erde gelandet. Nach dem holprigen Anfang war daraus doch noch eine phantastische Abenteuerreise geworden.
Das ließ ich ihn auch wissen. "Bleib bei mir my Captain, bleib in mir, bitte bleib, solange es geht."
Ich halte ihn innen noch immer ganz fest, will nicht, dass er sich entzieht. Will ihn auch äußerlich nicht loslassen, nie mehr hergeben. Er bleibt wirklich. Er zieht sich nicht zurück, denn er ist erfahren genug, sich deswegen nicht zu ängstigen. Er empfindet das Beharren angenehm wärmend und beruhigend, fühlt sich total geborgen.
Der Schlaf würde uns schon behutsam trennen. Und so war es dann auch.
Es war die Nacht der Nächte für mich gewesen, eine verklärte Nacht, der viel zu schnell ein Morgen folgte.
Ich blinzelte um mich und war allein im spärlichen Tageslicht. Hinter dem Vorhang mit dem gleichen rot-goldenen Schnörkelmuster wie auf der Tapete befand sich tatsächlich ein Fenster.
So hatte ich mir das Aufwachen nicht vorgestellt. Ich hätte mir gewünscht, Ronnie würde neben mir noch schlummern, ich könnte sein schönes Gesicht lange betrachten und sein beginnendes Bartsprießen beim Wachküssen leicht stechen spüren. Dann würde ich ihm für die wunderbare Nacht gestern danken. Ich war zugedeckt worden. War er das gewesen? Ich sah mich näher um und entdeckte hinter einer Nische, gut versteckt wie das Fenster, in einer Art Nebenanbau die Sanitärräume. Zeit für eine morgendliche Dusche! Aber zunächst nur das Gesicht, mein Körper war noch zu sehr dem Fluidum von Ronnie verhaftet. Das wollte ich noch nicht wegduschen.
Auf dem Ledersessel lag ordentlich zusammengefaltet meine Kleidung, auch meine Schuhe waren da, nicht aber mein Rucksack. Ich schmunzelte über seinen ausgeprägten Ordnungssinn. Auf dem Tischchen, wo gestern noch unsere Weingläser standen, lag ein Blütenzweiglein aus dem Garten mit einer handgeschriebenen Botschaft im Telegrammstil: Thanx Luv Ron
Wie süß! Ich nahm das Zettelchen an mich, küsste es und steckte es in die Brusttasche meiner Bluse. Ich liebe ihn. Jetzt mehr denn je. Wie werde ich ohne ihn zurechtkommen? War er nur ein Vorübergehender in meinem Leben? Lieber nicht dran denken. Noch bin ich ja hier, in seinem Umfeld, und weit kann er jetzt nicht sein.
Wo bist du denn? Hätte nie gedacht, dass ich dich jetzt schon so sehr vermisse, so sehr brauche! Da hatte er mit mir wohl eine schöne Klette am Hals. Ob er sich das weiter antun will? Aber so ist der Mensch nun einmal. Ich träumte schon lange von ihm. Für einen einzigen One-Nite-Stand mit ihm hätte ich sogar dem Teufel die Hand gereicht. Und dann war es so easy passiert. Ganz ohne Teufel. Jetzt will ich nichts mehr wissen von einer einzigen Nacht, sondern von vielen Nächten mit ihm. Ronnie Today Tomorrow and Forever. Wer weiß, vielleicht waren sogar kosmische Kräfte im Spiel?
Ich trete hinaus ins Sonnenlicht. Da geht die Sonne ein zweites Mal auf für mich. Ronnie kommt mir lächelnd entgegen. Ich mag seinen Gang, so schlaksig, armschlenkernd, jede Bewegung Tanz und Rhythmus. Sogar im Stehen nicht starr sondern schwingend entlang der Silhouette.
"Morning, Al. How you're doin'? Hast du gut geschlafen?" zwinkert er mir andeutungsvoll zu, so verflixt charmant wie nur er sein kann.


Forts. folgt
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Einen Mann muss man verstehen, um ihn zu lieben!
Eine Frau muss man lieben, um sie zu verstehen!
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Zuletzt bearbeitet:

Blue Sky

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Hi aliceg,
deine Geschichte entwickelt sich gut.
Ein paar Anmerkungen dazu von meiner( nicht Experten) Seite.
Du hast öfters Brüche in der Erzählzeit deiner Icherzählerin. Das macht es für mich schwierig, im Lesefluss nah bei den Handlungen deiner Prots zu bleiben. Manchmal scheint mir auch die Erzählperspektive zu wechseln?
Z.B.
Er empfindet das Beharren angenehm wärmend und beruhigend, fühlt sich total geborgen. (Gegenwart)
Der Schlaf würde sie schon behutsam trennen.(Anere Perspektive, Person?) Und so war (Vergangenheit) es dann auch.
Vielleicht ging es, wenn eine deutlichere Trennung in Absätzen zwischen der Beschreibung ihrer Gefühle und dem aktuellen Geschehen da wäre?
Dann ...
als nur ein Reagieren auf diese gefühlsaufwühlende Tonfolge, obwohl er als hochmusikalischer Mensch für alle Emotionen, die Musik auslösen konnte, sehr empfänglich war.
Ich kann mich auch irren, aber ist er nicht sehr empfänglich, gerade weil er ein hochmusikalischer Mensch ist?

Das würde ich allzu gerne tun, du müsstest mich nur tun lassen ...
Mindestens ein, besser beide "tun" würde ich wegtun.;)

Sein prächtiges Stück zwischen( in ) meinen Händen
In meinen Händen, fühlt er sich irgenwie besser an!? ;)

Mach weiter !

LG
BS
 

aliceg

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liebe Blue Sky,

Danke für deine Mühe.

Pandemiezeiten können auch animieren.. Bei Aufräumereien fiel mir meine teils in Scripts, teils im Kopf vorhandene (aber immer noch unfertige) Geschichte wieder in die Hände und beschäftigt mich seither. Meistens mit Streichungen aber auch Hinzufügungen.

1) Einzelnes deiner Anmerkungen fiel mir schon beim Schreiben auch seltsam auf, aber da noch mit Fragezeichen. Jetzt fühl ich mich bestätigt und führte die Änderungen durch.

2) Die Zeitwechsel sind gewollt. Immer bei starken Gefühlen: Gegenwart! Vergangenes schildern hat für mich zu wenig Wirkkraft. Werde mit Absätzen arbeiten - nicht die an den Schuhen :)

lg aliceg
 


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