Hat Opa recht? Warum die etablierten Medien auf allen Ebenen versagen

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„Opa, was meinst Du denn?“ „Das fliegt uns Alles um die Ohren. Dem Amerikaner habe ich nie getraut. Über den Iwan muss ich ja erst gar nicht reden. Nur die großen Konzerne, die machen weltweit ihre Geschäfte. Und ich kann mich nachts nicht mehr vor die Tür trauen, von wegen die ganzen Ausländer. Es geht alles den Bach runter und früher war irgendwie alles einfacher…“
Das ist der Opa, schmunzeln wir Wissenden, das ist der Opa, mit seinem etwas eingeschränkten Weltbild. Opa ist ja kein Journalist. Die Quelle, aus denen er sein Wissen speist, ist die Indoktrination in der Hitlerjugend. Und sein Sach- und Fachverstand…na ja, Opa war Polier, immerhin einer der Besten.

Jeder Qualitätsjournalist greift in seiner Arbeit auf verschiedene Quellen zu und bedient sich zusätzlich seines Sach- und Fachverstandes. Sollte eins von beidem nicht vorhanden sein, sollte er einfach mal den Stift bei Seite legen, neue Quellen auftun oder seinen Sach- und Fachverstand schulen.
Journalisten sind auch nur Menschen. Das mag den einen oder anderen, vor allem einige Journalisten selbst, jetzt verblüffen, trat diese Tatsache doch zu Zeiten des Kalten Krieges nicht so sehr zu Tage. Richten zwei Seiten Atombomben aufeinander, macht es wenig Sinn, allzu viel Verständnis für die Gegenseite aufzubringen, als viel mehr, mindestens still und heimlich, zu hoffen, beziehungsweise davon auszugehen, dass die eigene Seite die besseren Argumente, sprich stärkeren Atombomben besitzt.
Konflikte werden heute in der Regel nicht mehr frontal, sondern asymetrisch geführt. Konfliktlinien und Interessenslagen sind schier undurchschaubar miteinander verwoben. Der Feind von Gestern ist mein Freund von Morgen. Assad und PKK lassen grüßen. Mit dieser Evolution der Realität kommen Denken und Sprechen vieler Menschen oftmals nicht mit. Im Mittelalter haben wir festgestellt, dass die Erde sich doch um die Sonne dreht und nicht umgekehrt und trotzdem „sehen“ wir diese Sonne auch im Jahr 2014 immer noch auf- und untergehen, wobei ja - wenn überhaupt - die Erde auf und untergeht. Wenn wir das also auch nach hunderten von Jahren noch nicht verstehen, wie sollen wir in so kurzer Zeit seit 1989 verstehen, dass einiges doch anders geworden ist.

Zurück zum Journalismus unserer Tage. Der Journalist ist weder Propagandist noch Agitator, jedenfalls nicht in der westlichen Welt und schon gar nicht in Deutschland – heißt es. Er ist Berichterstatter, er berichtet was passiert. „Der Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer Guten“, wird der verstorbene Grandseigneur der Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs gerne zitiert.
Das Erste was jeder Journalist und jede Journalistin lernt, ist es objektive, beweisbare Fakten zu sammeln und daraus eine Nachricht zu erstellen. Der Kommunikationswissenschaftler Winfried Schulz dagegen sieht hinter dem Tun und Erzeugen journalistischer Produkte dagegen vielmehr eine „journalistische Hypothese von Realität“. Pippi Langstrumpf hätte das anders ausgedrückt: „Ich schreibe mir die Welt, wie sie mir gefällt.“
Diese Gefahr scheint aber bekannt zu sein, deshalb ist die journalistische Qualität in ein enges Korsett aus selbstauferlegten ethischen Grundsetzen und entsprechenden Mediengesetzen eingebunden. Dazu zählt auch die journalistische Sorgfaltspflicht:
- Bei Meldungen mindestens zwei Quellen berücksichtigen
- Immer auch die andere Seite befragen
- Die Persönlichkeitsrechte Beschuldigter zu wahren, zum Beispiel die Unschuldsvermutung in laufenden Prozessen.
- Die Trennung von Bericht und Kommentar. Dem Rezipienten soll die Möglichkeit gegeben werden, aus einer sorgfältig recherchierten Berichterstattung die eigenen Schlüsse zu ziehen.

Dieser selbstauferlegte Kodex findet sich noch in den Köpfen einiger Journalisten oder in Lehrbüchern. Die Realität ist eine andere.
Gerade bei Ereignissen, die nicht vor der Haustür stattfinden, bin ich auf sichere Quellen angewiesen. Da nicht jedes Medium weltweit eigene Korrespondenten im Einsatz hat, bedient man sich der Nachrichtenagenturen, wie beispielsweise dpa, AFP, Reuters, u.a. Größere Magazine oder öffentlich-rechtliche Sender haben ein eigenes Korrespondentennetz. In früheren Zeiten abonnierten Medien mehrere Nachrichtenagenturen, heute oft nur noch eine oder so gar keine, weil findige Geschäftsführer meinen, das finde man doch alles auch in diesem Netz.
Mehrere Agenturen bedeutete mehrere Quellen, bedeutete, der zuständige Redakteur daheim konnte sich ein differenzierteres Bild machen. Was hat es aber heute für einen Wert, wenn ein Korrespondent in Moskau sitzt und über Vorkommnisse in Kiew berichtet. Der Vorteil einzig und allein, der Leser, Zuschauer oder Hörer denkt, er wird kompetent unterrichtet, da der Journalist ja immerhin „ziemlich nah dran ist“. Das wäre so, als wenn ein australischer Korrespondent in Berlin über Vorkommnisse in Warschau berichtet und zwar so, als wenn er selbst quasi dabei wäre.
Das merken immer mehr Mediennutzer, die deshalb beginnen, sich ihre Nachrichten eigenständig im Netz zu suchen. Seien es ein paar Filmchen auf Youtube oder Texte und Bilder auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien. Dieses Nutzungsverhalten öffnet Tür und Toren für Propaganda und PR. Wahrheit und Lüge mischen sich zu einem undurchschaubaren Konglomerat.

Alle wichtigen Player haben daraus ihre Schlüsse gezogen. China, Japan, Russland, Frankreich und Katar unterhalten mittlerweile hochprofessionelle 24-Stunden-Nachrichtensender in verschiedenen Sprachen. Die USA haben immerhin den privaten Kanal CCN. Diese Kanäle bieten natürlich die jeweils eigene Sicht auf die Dinge, man erfährt aber auch Geschichten und Vorkommnisse, die die deutschsprachigen analogen oder digitalen Medien nicht abbilden.

Hier könnte Qualitätsjournalismus einsetzen und Orientierung bieten. Fakten sammeln, auswerten, Experten befragen und dann gesicherte Wahrheiten verbreiten oder dem Nutzer die Möglichkeit geben, sich aus den aufbereiteten verschiedenen Sichtweisen ein eigenes Bild zu bauen. Machen sie aber nicht. Vielmehr surfen sie selbst durch die Weiten des www und basteln sich ihre Realität zurecht.

Hinzu kommt das oben erwähnte Denken in Kategorien des Kalten Krieges. Zetteln die Russen etwas an, ist dem grundsätzlich erstmal mit Misstrauen zu begegnen, man kennt ja den Iwan – Opa lässt grüßen. Verfahren die USA in gleicher Weise, wird das zwar zugebenermaßen mehr und mehr hinterfragt, aber es hat trotzdem einen anderen Stellenwert, schließlich sind die USA ja „Freunde“.

Der normale Mediennutzer ist nicht mehr bereit, das sang- und klanglos hinzunehmen. Entsprechend tummelt sich in den Kommentarspalten eine bunte Mischung aus Interessierten, Experten, Empörten und Propagandisten. Und auch hier wiederum: Nutzen die Medien diesen Schatz? Nein, sie suchen sich diejenigen Prominenten heraus, die zwar in ehrlicher Sorge um das Weltgeschehen sind, sich aber vielleicht ungeschickt ausdrücken, zerreißen diese in der Luft, erklären sie zu psychisch Kranken und ignorieren die berechtigten Fragen, die aufgeworfen werden.
Jüngstes Beispiel ist die Pathologisierung des Mannheimer Sängers Xavier Naidoo und der von ihm unterstützten Montagsdemonstrierenden durch den Spiegel-Online Kolumnisten Georg Diez. Tausende von Menschen, die gegen Krieg und Gewalt auf die Straße gehen, werden pauschal für krank erklärt, weil einige Verantwortliche dieser Montagsdemos - auch - fragwürdige Ansichten vertreten. Hier versagt der Qualitätsjournalismus kolossal, hier arbeitet er lediglich mit Hypothesen von Realität. So wie die DDR-Medien in den Umbruchzeiten alle Demonstrierenden pauschal zu Agenten des Westens und undankbaren Vaterlandsfeinden erklärt haben. Da, wo Medien nicht mehr glaubwürdig berichten können oder von Gegenbewegungen überrollt zu werden drohen, lassen sie prominente Journalisten polemisieren, mal aus der rechten Ecke, mal aus der Linken (dann nicht sich dann Pluralität) und beschweren sich dann, wenn in den Kommentaren ebenso zurückgepoltert wird.

Je näher um uns herum Menschen Grundsatzfragen aufwerfen, desto eher blocken die systemprägenden Vertreter ab, seien es nun Politiker oder Medien. Ziehen allerdings tausende von Menschen auf den fernen Maidan und demonstrieren gegen eine russlandfreundliche Politik der Machtelite, erklären unsere Medien sie zunächst pauschal zu friedlichen Demonstranten. Wird mit den gleichen Mitteln gegen eine westfreundliche Regierung demonstriert, sehen wir nur noch Krawallbrüder, Rebellen und Fremdbestimmte.

Journalisten zitieren gerne den alten Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“, verziehen kurz das Gesicht und palavern dann fröhlich drauf los. So verliert man Glaubwürdigkeit und Kunden.
Die etablierten Medien haben ihre Rolle nicht gefunden, sie laufen den digitalen Trends hinterher, ja sind nicht mal in der Lage, einen Mehrwert zu schaffen.

Jüngstes Beispiel sind die Facebook-Filmchen zur so genannten IceBucketChallenge im Internet. Entweder spendet man für die Erforschung der Muskelschwundkrankheit ALS oder gießt sich vor laufender Kamera einen Eimer Eiswasser über die Rübe und nominiert drei weitere Personen, die dies nachtun müssen. Innerhalb weniger Tage rotierte dieses Schneeballsystem um die Welt, gab vielen Selbstdarstellern eine Plattform und ließ auch die eine oder andere Stirn runzeln. Was machten vor allem kleinere Zeitungen und Medie, die sich doch auch dem kritischen Journalismus verschrieben haben? Druckten die Bilder der C-Promis in der jeweiligen Region ab, die alle schon Tags zu vor im Netz gesehen hatten und erklärten maximal nochmal was ALS ist. Wo aber war das kritische Hinterfragen dieser Massenphänomene, bei der jeder mittun muss? Wo die Interviews mit einem der Handelnden. Wo die Interviews mit Experten, ob der Forschung so wirklich geholfen werden kann? Wo die Recherchen, wie viele Millionen denn schon eingegangen sind? Wo der Aufruf von Ärzten nicht für unsinnige und kostspieligeTierversuche zu spenden, die demnach bei ALS gar nichts bringen? Das alles fand gar nicht oder wenn überhaupt viel zu spät statt.

Die Qualitätsmedien nennen sich Qualitätsmedien, finden sich in der politischen Welt nicht mehr zurecht, laufen Trends hinterher, können Wahrheit oder Lüge nicht mehr unterscheiden oder sind im Denken aus der politischen Vergangenheit gefangen. Sie sind sie froh, wenn Libyen, Afghanistan, Syrien und andere Konfliktherde wieder aus den Medien verschwinden, weil ohnedies niemand kapiert, was da passiert.

Das entspricht exakt unserer Wegwerfmentalität. Anstatt den Toaster aufzuschrauben und in Ruhe zu schauen, was es sein könnte, wird das Ding heute weggeworfen und schnell ein neuer Toaster gekauft.

Und was wird das Ergebnis sein? Die etablierten Medien erleiden momentan einen enormen Bedeutungsverlust. Medien-Heimatlose Nutzer marodieren durch das Netz und zimmern sich ihre eigene Weltsicht zusammen. Wer Geld hat und die Mechanismen verstanden hat, wird dort die Meinungsführerschaft übernehmen.

Die einzige Chance für Medien mit einem Qualitätsanspruch könnte es sein, die divergierenden Meinungen zu sammeln, neutral gegenüber zu stellen und mit Sach- und Fachverstand (falls vorhanden) Orientierung zu bieten, welches Argument stichhaltiger wirkt und warum und nicht wie im Moment den Argumenten der NATO mehr Glaubwürdigkeit zu schenken als denen von Putin, weil das eine die NATO ist und das andere Putin.

Ansonsten wird der Zynismus über die diese Welt siegen und Opa hat doch Recht gehabt. „Es geht alles den Bach runter und früher war irgendwie alles einfacher…“
 
Die Analyse teile ich zum überwiegenden Teil. Ein wichtiger Aspekt fehlt mir jedoch: dass Journalisten nicht nur überfordert bzw. hilflos sein können, sondern im Gegenteil auch recht geschickte Vertreter von Partikularinteressen, die sie dem Publikum verbergen. Ich erinnere an die in der ZDF-Satiresendung "Die Anstalt" vom 29.4.14 erhobenen Vorwürfe. Auf das Ergebnis des laufenden Gerichtsverfahrens der Herren Joffe und Bittner gegen den Sender bin ich gespannt.

Zur Form des Textes hier. Mir scheint, die Argumente hätten noch etwas gestraffter vorgebracht werden können, dann würde der an sich gehaltvolle, wichtige Beitrag noch überzeugender wirken. Sehr bedauerlich finde ich, dass er so viele kleine Flüchtigkeitsfehler enthält. Da müsste mal einer - am besten der Verfasser - den gesamten Text Zeile für Zeile durchgehen und korrigieren.

Ansonsten gern gelesen. Habe mit "7" bewertet.

Arno Abendschön
 
„Opa, was meinst Du denn dazu?“ „Das fliegt uns Alles um die Ohren. Dem Amerikaner habe ich nie getraut. Über den Iwan muss ich ja erst gar nicht reden. Nur die großen Konzerne, die machen weltweit ihre Geschäfte. Und ich kann mich nachts nicht mehr vor die Tür trauen, von wegen die ganzen islamistischen Ausländer. Es geht alles den Bach runter und früher war irgendwie alles einfacher…“
Das ist der Opa schmunzeln wir Wissenden. Das ist der Opa, mit seinem etwas eingeschränkten Weltbild. Opa ist ja kein Journalist. Die Quelle, aus denen er sein Wissen speist, ist die Indoktrination in der Hitlerjugend. Und sein begrenzter Sach- und Fachverstand…na ja, Opa war Polier, immerhin einer der Besten.

Jeder Qualitätsjournalist hingegen greift in seiner Arbeit auf verschiedene Quellen zu und bedient sich zusätzlich seines Sach- und Fachverstandes. Sollte eins von beiden nicht vorhanden sein, sollte er einfach mal den Stift bei Seite legen, neue Quellen auftun oder seinen Sach- und Fachverstand schulen.

Soweit die Theorie. Doch Journalisten sind auch nur Menschen. Das mag den einen oder anderen, vor allem einige Journalisten selbst, jetzt verblüffen. Stand dieser Fakt doch zu Zeiten des Kalten Krieges nicht so sehr im Vordergrund. Richten zwei Seiten Atombomben aufeinander, macht es wenig Sinn, allzu viel Verständnis für die Gegenseite aufzubringen. Vielmehr hofft man, mindestens still und heimlich, beziehungsweise geht davon aus, dass die eigene Seite die besseren Argumente, sprich stärkeren Atombomben besitzt.

Konflikte werden heute in der Regel nicht mehr frontal, sondern asymmetrisch geführt. Konfliktlinien und Interessenslagen sind schier undurchschaubar miteinander verwoben. Der Feind von Gestern ist mein Freund von Morgen. Assad und PKK lassen grüßen. Mit dieser Evolution der Realität kommen Denken und Sprechen vieler Menschen oftmals nicht mit. Im Mittelalter haben wir festgestellt, dass die Erde sich doch um die Sonne dreht und nicht umgekehrt und trotzdem „sehen“ wir diese Sonne auch im Jahr 2014 immer noch auf- und untergehen, wobei ja - wenn überhaupt - die Erde auf und untergeht. Wenn wir das also auch nach hunderten von Jahren offenbar immer noch nicht verinnerlicht haben, wie sollen wir dann verstehen, dass sich die Welt nach dem Ende der Blockkonfrontation doch ein wenig verändert hat.

An den aktuellen Konflikten Russland - Ukraine, Gaza - Israel und Naher Osten wird das aktuelle Versagen der Medien deutlich, die doch eigentlich so großen Wert auf ihre Unabhängigkeit legen. Es geht mir nicht darum, welche Seite politisch im Recht ist, sondern wie sehr die meisten Journalisten in einer "Hypothese von Realität" gefangen sind.

Der aktuelle Russland - Ukraine Konflikt und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit der westlichen Welt lassen viele Kommentatoren über die Gefahren eines "Dritten Weltkriegs" spekulieren. Und je weniger über die wirklichen Absichten der jeweiligen Seiten bekannt ist, desto wilder schießen die Spekulationen ins Kraut. Von vielen Seiten wird das Bild des rationalen Westens auf der einen und des spinnerten Putin auf der anderen Seite gemalt. Es wäre wünschenswert, würden sich die Journalisten mehr mit den Interessen jeder Seite auseinandersetzen, als sich die Zeit mit möglichen und eventuellen Horrorszenarien zu vertreiben.

Im Nahen Osten haben alle den Überblick verloren. Also pickt man sich nur noch bildträchtige Geschichten heraus. Auch hier wäre es interessant, wenn sich die Medien stattdessen die Mühe machen würden, nüchtern und analytisch nach Interessen zu forschen. Es ist aber einfacher, wieder und wieder zu spekulieren, wann die IS in Berlin-Reinickendorf auftaucht und schreckliche Bilder des Terrors zu zeigen, den die "Bösen" zu verantworten haben. Das die "Bösen" in der Region fast im Halbjahresrhythmus ausgewechselt werden...Schwamm drüber.

Schwierigstes Kapitel: Israel - Gaza. Wenn die Bundesregierung ihre Parteinahme für Israel aufgrund des Holocaust zur Staatsräson erklärt, ist das soweit in Ordnung, weil Transparent. Bei den Medien sieht es hingegen anders aus. Für die gilt keine Staatsräson. Aber statt Interessenlagen herauszuarbeiten, wird offenbar nächtelange diskutiert, wen man denn irgendwie und überhaupt mehr mögen darf. Das Ergebnis erhalten wir dann in einer Berichterstattung, die wieder dem Kinderschema "gut" und "böse" folgt.

Politik folgt Interessen. Ein führender SPD - Politiker in der Bundestagsfraktion sagte mir jüngst, es verstehe eigentlich kaum noch jemand, was an den Konfliktherden vor sich gehe. Er wisse nur, "Außenpolitik ist immer Interessenpolitik". Der Journalist ist aber kein Politiker. Er ist weder Propagandist noch Agitator, jedenfalls nicht in der westlichen Welt und schon gar nicht in Deutschland – heißt es. Er ist Berichterstatter, er berichtet, was passiert. „Der Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer Guten“, wird der verstorbene Grandseigneur der Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs gerne zitiert.

Das Erste was jeder Journalist und jede Journalistin lernt, ist es objektive, beweisbare Fakten zu sammeln und daraus eine Nachricht zu erstellen. Für den Kommunikationswissenschaftler Winfried Schulz entstehen journalistische Produkte dagegen weniger aus der Summe objektiver Fakten, sondern vielmehr einer „journalistischen Hypothese von Realität“. Pippi Langstrumpf hätte das anders ausgedrückt: „Ich schreibe mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

An und für sich ist die Arbeit von Journalisten in ein enges Korsett von selbstauferlegten ethischen Grundsätzen und gültigen Mediengesetzen eingebunden. Dazu zählt auch die journalistische Sorgfaltspflicht:

+ Bei Meldungen mindestens zwei Quellen berücksichtigen
+ Immer auch die andere Seite befragen
+ Die Persönlichkeitsrechte Beschuldigter zu wahren, zum Beispiel die Unschuldsvermutung in laufenden Prozessen.
+ Die Trennung von Bericht und Kommentar. Dem Rezipienten soll die Möglichkeit gegeben werden, aus einer sorgfältig recherchierten Berichterstattung die eigenen Schlüsse zu ziehen.

Dieser Kodex findet sich noch in den Köpfen einiger Journalisten oder in Lehrbüchern. Die Realität ist eine andere und dies liegt auch an der Unterfinanzierung der Medien. Gerade bei Ereignissen, die nicht vor der Haustür stattfinden, bin ich auf sichere Quellen angewiesen. Da nicht jedes Medium weltweit eigene Korrespondenten im Einsatz hat, bedient man sich der Nachrichtenagenturen, wie beispielsweise dpa, AFP, Reuters, u.a. Größere Magazine oder öffentlich-rechtliche Sender haben ein eigenes Korrespondentennetz. In früheren Zeiten abonnierten Medien mehrere Nachrichtenagenturen, heute oft nur noch eine oder so gar keine, weil findige Geschäftsführer meinen, das finde man doch alles auch in diesem Netz. Mehrere Agenturen bedeuteten mehrere Quellen, bedeutete, der zuständige Redakteur daheim konnte sich ein differenzierteres Bild machen. Was hat es aber heute für einen Wert, wenn ein Korrespondent in Moskau sitzt und über Vorkommnisse in Kiew berichtet? Der Vorteil einzig und allein, der Leser, Zuschauer oder Hörer denkt, er wird kompetent unterrichtet, da der Journalist ja immerhin „ziemlich nah dran ist“. Das wäre so, als wenn ein australischer Korrespondent in Berlin über Vorkommnisse in Warschau berichtet und zwar so, als wenn er selbst quasi dabei wäre.

Dieses "so tun als ob" akzeptieren immer weniger Mediennutzer. Sie beginnen deshalb, sich ihre Nachrichten eigenständig im Netz zu suchen. Seien es ein paar Filmchen auf Youtube oder Texte und Bilder auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien. Dieses Nutzungsverhalten öffnet Tür und Toren für Propaganda und PR. Wahrheit und Lüge mischen sich zu einem undurchschaubaren Konglomerat.

Hier könnte Qualitätsjournalismus einsetzen und Orientierung bieten. Fakten sammeln, auswerten, Experten befragen und dann gesicherte Wahrheiten verbreiten oder dem Nutzer die Möglichkeit geben, sich aus den aufbereiteten verschiedenen Sichtweisen ein eigenes Bild zu bauen. Machen sie aber nicht. Vielmehr surfen sie selbst durch die Weiten des www und basteln sich ihre Realität zurecht.

Der normale Mediennutzer ist, wie erwähnt, nicht mehr bereit, das sang- und klanglos hinzunehmen. Entsprechend tummeln sich in den Kommentarspalten eine bunte Mischung aus Interessierten, Experten, Empörten und Propagandisten. Und auch hier wiederum: Nutzen die Medien diesen Schatz? Nein, sie suchen sich diejenigen Prominenten heraus, die zwar in ehrlicher Sorge um das Weltgeschehen sind, sich aber vielleicht ungeschickt ausdrücken, zerreißen diese in der Luft, erklären sie zu psychisch Kranken und ignorieren die berechtigten Fragen, die aufgeworfen werden.

Jüngstes Beispiel ist die Pathologisierung des Mannheimer Sängers Xavier Naidoo und der von ihm unterstützten Montagsdemonstrierenden durch den Spiegel-Online Kolumnisten Georg Diez. Tausende von Menschen, die gegen Krieg und Gewalt auf die Straße gehen, werden pauschal für krank erklärt, weil einige Verantwortliche dieser Montagsdemos - auch - fragwürdige Ansichten vertreten. Hier versagt der Qualitätsjournalismus kolossal, hier arbeitet er lediglich mit Hypothesen von Realität. So wie die DDR-Medien in den Umbruchzeiten alle Demonstrierenden pauschal zu Agenten des Westens und undankbaren Vaterlandsfeinden erklärt haben. Da, wo Medien nicht mehr glaubwürdig berichten können oder von Gegenbewegungen überrollt zu werden drohen, lassen sie prominente Journalisten polemisieren, mal aus der rechten Ecke, mal aus der Linken (das nennt sich dann Pluralität) und beschweren sich, wenn in den Kommentaren ebenso zurückgepoltert wird.

Journalisten zitieren gerne den alten Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“, verziehen kurz das Gesicht und palavern dann fröhlich drauf los. So verliert man Glaubwürdigkeit und Kunden.
Die etablierten Medien haben ihre Rolle nicht gefunden, sie laufen den digitalen Trends hinterher, ja sind nicht mal in der Lage, einen Mehrwert zu schaffen. Dabei lechzen interessierte Menschen doch nach Orientierung. Nehmen wir die Facebook-Filmchen zur so genannten IceBucketChallenge im Internet. Entweder spendet man für die Erforschung der Muskelschwundkrankheit ALS oder gießt sich vor laufender Kamera einen Eimer Eiswasser über die Rübe und nominiert drei weitere Personen, die dies nachtun müssen. Innerhalb weniger Tage rotierte dieses Schneeballsystem um die Welt, gab vielen Selbstdarstellern eine Plattform und ließ auch die eine oder andere Stirn runzeln. Was machten vor allem kleinere Zeitungen und Medien, die sich doch auch dem kritischen Journalismus verschrieben haben? Druckten die Bilder der C-Promis in der jeweiligen Region ab, die alle schon Tags zuvor im Netz gesehen hatten und erklärten maximal nochmal was ALS ist. Wo aber war das kritische Hinterfragen dieser Massenphänomene, bei der jeder mittun muss? Wo die Interviews mit einem der Handelnden? Wo die Interviews mit Experten, ob der Forschung so wirklich geholfen werden kann? Wo die Recherchen, wie viele Millionen denn schon eingegangen sind? Das alles fand gar nicht oder wenn überhaupt viel zu spät statt.

Die Qualitätsmedien nennen sich Qualitätsmedien, finden sich in der politischen Welt nicht mehr zurecht, laufen Trends hinterher, können Wahrheit oder Lüge nicht mehr unterscheiden oder sind im Denken aus der politischen Vergangenheit gefangen. Sie sind froh, wenn Libyen, Afghanistan, Syrien und andere Konfliktherde wieder aus den Medien verschwinden, weil ohnedies niemand kapiert, was da passiert.

Das entspricht exakt unserer Wegwerfmentalität. Anstatt den Toaster aufzuschrauben und in Ruhe zu schauen, was es sein könnte, wird das Ding heute weggeworfen und schnell ein neuer Toaster gekauft.

Und was wird das Ergebnis sein? Die etablierten Medien verlieren weiter an Bedeutun. Medien-Heimatlose Nutzer marodieren durch das Netz und zimmern sich ihre eigene Weltsicht zusammen. Wer Geld hat und die Mechanismen verstanden hat, wird dort die Meinungsführerschaft übernehmen.

Die einzige Zukunftschance für Medien mit einem Qualitätsanspruch könnte es sein, die divergierenden Meinungen zu sammeln, neutral gegenüber zu stellen und mit Sach- und Fachverstand (falls vorhanden) Orientierung zu bieten, welches Argument stichhaltiger wirkt und warum, welche Seite welche Interessen hat. Stattdessen beispielsweise wird den Argumenten der NATO mehr Glaubwürdigkeit geschenkt als denen von Putin, nur weil das eine die NATO ist und das andere Putin. Politiker dürfen das, Journalisten nicht. Spricht der Politiker von Freiheitskämpfern oder Terroristen, sollte der Journalist das dreimal hinterfragen, anstatt es fraglos zu übernehmen.

Findet hier kein Umdenken statt, besinnen sich die Leitmedien nicht auf ihre ureigensten Aufgaben, geraten wir alle in die Hände von Populisten und Propagandaexperten. Und Opa hätte recht gehabt. „Es geht alles den Bach runter und früher war irgendwie alles einfacher…“
 
Arnos Hinweise

Lieber Arno, ich danke für die konstruktiven Hinweise und habe den ganzen Text nochmal überarbeitet. Einige Gedanken haben ich aus Gründen der Stringenz herausgenommen, andere vertieft. Gruß
 
In der Tat, Schreibensdochauf, gefällt es mir jetzt noch besser. Ich wünsche dir Leser, die alles Absatz für Absatz durchlesen und auch mal drüber nachdenken.

Bei der Gelegenheit noch ein Lesetipp (alte, schlechte Gewohnheit von mir, Jon möge Nachsicht walten lassen): Die Zeitung "Die Welt" scheint neuerdings verantwortungsbewusster zu werden. Ich las heute dort den erstaunlich guten Beitrag "Nato-Beitritt könnte den großen Krieg auslösen".

Arno Abendschön
 
F

Fettauge

Gast
Hat Opa recht?

Hallo Schreibensdochauf,

ein Versuch, sich die heutige Medienpolitik irgendwie zu erklären. Wichtig: das Irgendwie. Denn auf den eigentlichen Grund kommst du nicht, allerhand Marginalien sind für dich entscheidend, aber so kommt man nicht wirklich zur Erklärung, sondern nähert sich der entscheidenden Wahrheit höchstens an. Was ja auch schon ein Fortschritt ist gegenüber so manch einem professionell veröffentlichten Text, und so darf man beinahe schon zufrieden sein. Aber man muss sich bescheiden.

Gruß, Fettauge
 
F

Fettauge

Gast
Hat Opa recht?

Hallo Schreibensdochauf,

ich fürchte, was ich dir schreiben würde, das würdest du doch nicht akzeptieren. Dazu müsstest du dein immer noch vorhandenes Vertrauen in die Medien, das sich dir jetzt lediglich etwas getrübt hat, aufgeben müssen. Und wie ich es einschätze, liegt das außerhalb deines Denkens.

Du solltest dich vielleicht mal mit dem Buch "Media control" von Noam Chomsky befassen, dann verstehst du, was ich gemeint habe. Chomsky befasst sich mit der US-amerikanischen Medienpolitik und ihren Hintergründen, die von den deutschen Medien in der Ukraine-Berichterstattung und auch in der Gaza-Berichterstattung 1:1 übernommen wurde.

Gruß, Fettauge
 

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