HAUSTÜRGESPRÄCHE: Frau Helmut und Frau Nachterstädt plaudern über Ehe, Corona und den Südpol

blackout

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Frau Helmig kommt vom Einkaufen, steht vorm Haus mit ihrem Einkaufswagen, die Haustür öffnet sich, heraus tritt Frau Nachterstädt. Sie nickt Frau Helmig freundlich zu und will vorbeigehen. Frau Helmig aber ist erfreut, ihre gute Freundin wieder mal zu sehen, denn in dem großen Haus verlaufen sich sogar Freundschaften.


„Ah, Frau Nachterstädt, wieder mal unterwegs? Schön, dass wir uns treffen. Haben Sie wat Besonderet vor oder'n bissken Zeit für meine Wenigkeit?"

„Ach, mir geht’s heut nicht, Frau Helmig. Mein Alter nervt. Wenn er nicht vorm Fernseher sitzt und sich die neuesten Schreckensnachrichten reinzieht, kommt er in die Küche, reißt alle Schubläden auf, brummelt irgendwas und fragt, wann ich endlich Essen mache. Ich sag ihm, dass ich erst einkaufen gehen muss, ehe ich was kochen kann. Dann zieht er ab, beleidigte Leberwurst in Person, und sitzt vor den Fernseher. Und der Rest ist Schweigen. Meine Ehe, ich sag Ihnen … Sie haben Glück, Ihnen steht keiner in der Küche rum und kommt Ihnen komisch. Ach, Frau Helmig, das kann man selbst nach dreißig Jahren Ehe noch immer nicht verkraften."

„Vielleicht solltense bis zum einunddreißigsten Jahr warten? Man kann ja nie wissen, der Mensch ändert sich, det steckt so im Menschen drin. Aber wolln wir uns nich'n paar Minuten uff de Bank setzen, mir is heut so, ick muss mit jemanden reden, mir platzt det Hirn!"

„Naja, aber nur zehn Minuten, sonst verhungert mir der arme Kerl da oben. Setzen wir uns."

"Tja, Frau Nachterstädt, wat sagense denn nu zum Lockdown? Ick sage Lockdown, det is der hochoffiizjelle Begriff, die sollten mal lieber Ausjangssperre sagen, uff deutsch. Denn weeß man gleich, wat Sache is. Der Trump würde det doch ooch verstehn, der is doch ooch bloß Emigrant bei die Amis."

"Nee, der nicht, Frau Helmig. Irgendwelche Vorfahren. Die waren Emigranten. Warum? Wer weiß das schon noch heute? Aber vielleicht versteht er noch Deutsch?"

"Mir ejal. Soll er Hindi rückwärts verstehn. Bloß vom Rejiern versteht der nischt. Der is voll rinjefalln inne Krise von Corona. Mann, die vielen Leichen! Sollen ja alle bloß alte Leute sein und welche, die sowieso uff'm letzten Doch jepfiffen haben. Um die sollet nich schade sein, hab ick jestern im Internet jelesen, bei die Spanier und die Italiener sollnse det jenauso machen. Schicken die Alten einfach nach Hause: So, nun seht mal zu, wie ihr alleene um't Leben kommt, da braucht ihr uns nich, sagnse im Krankenhaus."

"Naja, das Interessante dabei ist, dass die alten Leute in Italien die sind, die bei den Partisanen waren 45, die haben den Deutschen das Rennen beigebracht. Und an diesen Leuten rächen sie sich heute, denke ich. Bei dieser Regierung! Damals waren die Deutschen doch Verbündete von Italien. Die Regierung heute wäre mit denen auch verbündet gewesen. Falls ich da alles richtig verstehe, sage ich mal. Die Zeitungen schreiben ja so manches über die Italiener, dass die ihrem Mussolini noch nachtrauern."

"Ja, passiert schon allerhand inne Welt, Frau Nachterstädt. Wer hätte det jedacht: Ausjangssperre in unserm tipptoppen Deutschland! Nee, konntick mir nich vorstelln! Und die Leute sind ja so eifrig dabei, alle Rejeln zu befolgen. Und wer wat dajejen sacht, kommt inne Klapse. Die Bahner, bloß als Beispiel. Nee, wat sagen tut nich jut. Hamse eijentlich immer so'ne Maske uff, wennse einkoofen jehn?"

"Natürlich, schon wegen der Kassierinnen. Die armen Frauen, wenn die Corona kriegen, ist es ja kein Wunder. Und wenn alle Kassiererinnen Corona kriegen, können wir verhungern. Wer soll uns denn da abkassieren? So sieht es aus. Darum gehe ich nur mit Maske einkaufen."

"Ja, Vorsicht is die Mutter vom Mut, wie mein Jeschiedener immer jesacht hat. Aber wissense, wir Deutschen sind zu dämlich, wat jejen die oben zu sagen. Und wat Abkassiern, anjeht, Frau Nachterstädt, det werdense schon machen. Lassense mal erstmal wieder allet in Jang kommen, denn wernse wissen, wo se abkassiern können."

"Meinen Sie, Frau Helmig? Naja, sieht nicht gut aus für uns. Überhaupt, an den Börsen kracht es. Als ehemalige Finanzsachbearbeiterin interessiere ich mich noch immer so ein bisschen dafür, was da in den Börsen passiert. Ist mein Fach nicht direkt, aber so ähnlich. Soll und Ist müssen stimmen, und wenn es da nicht stimmt, kracht es in der ganzen Welt."

"Ach, schlimmer, als et is, kanns ja kaum noch werden. Hauptsache, der Bäcker macht nicht Pleite. Ick hol mir da immer die Schrippen, sonntags früh, wissense. Die ham alle Angst, die kleenen Läden."

"Aber die großen auch, Frau Helmig! Die noch mehr! Wer viel hat, der hat viel Angst. Aber

wir werden es erleben, der Staat greift ihnen wieder unter die Arme, wozu sonst erlauben sie den denn? Wir kleinen Leute, wir werden uns umsehen, wenn wir uns den Kontoauszug holen. Die Banken werden ja nun nicht zusammenkrachen, die sind systemisch, wird immer gesagt."

"Und wenn't Jeld nich reicht, wird automatisch wat jedruckt! So machense det heute."

"Ja, da möchte man Gelddrucker sein. Nicht, Frau Helmig! Sind wir aber nicht. Aber was ich noch sagen wollte, mein Göttergatte hat mir gesagt, der weiß das aus dem Fernsehen: Die wollen die ganze Welt impfen, kein Witz! Sieben Milliarden Menschen impfen! Und der Gates, sagt mein Mann, sackt dann die Billionen ein. Der soll so eine Stiftung haben, die organisiert das dann mit dem Impfen. Soll ja auch ein guter Freund der Pharmafirmen sein. Nachtigall, ick hör dir trapsen, wie der Berliner sagt. Ich komm ja aus Pirna, aber wir dort sagen das auch. Komisch."

"Die solln mir nich mit Impfen kommen! Denn wander ick aus zu de Eskimos, wennse grade unterwegs sind am Nordpol uff Robbenjachd! Da kriegtse keener. Und wat ick bin, denn ooch nich."

"So ist es, Frau Helmig. Bleibt noch der Südpol."

"Wat denn - den wollnse ooch impfen?"

"Nicht, dass ich wüsste. Aber wer weiß, worauf die noch alles kommen. Wenn es Geld bringt?Wir beide, wir werden uns verkleiden als Pinguine. Und dann hoffen wir, dass die am Südpol nicht auch Corona haben und dass man uns nicht entdeckt."

"Bisher wohl nich, hättick jehört, wenn't da Corona jibt. - Na, denn wolln wa mal. War nett, mit Ihnen ein bissken zu reden, Frau Nachterstädt. Bis hasta la vista! Und grüßense mir Ihren Männe! Der wird sich schon graulen ohne sein Frauchen."

19.4.20
Die beiden Nachbarinnen erhoben sich, schüttelten sich die Hände und entfernten sich jede in ihre Wohnung, Frau Helmig ins Parterre, und Frau Nachterstädt fuhr mit dem Fahrstuhl in die 11. Etage.










































































 

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