HAUSTÜRGESPRÄCHE: ÜBER JOBS UND DEN UNTERSCHIED VON ARBEIT UND JOBS

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blackout

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„Na, Frau Nachterstädt, Sie sieht man ja ooch kaum mehr. Wie jeht’s denn?"

„Och, es geht. Wie man so sagt: Könnte besser gehen, Frau Helmig."

„Immer noch nischt, keene Stelle? Sehen ja aus wie der Dod uff Latschen. Kann ick mir vorstellen, wie et Sie jeht."

„Formulare, Formulare, Frau Helmig! Ich war ja aus'm Büro, Finanzsachbearbeiterin, aber heutzutage – reinster Papierkrieg. Jeder Antrag drei Formulare beim Jobcenter. Stellen haben sie nicht, aber einen schlauen Computer. Wozu sie den haben, wissen sie selber nicht."

„Und der Herr Jatte? Wat macht er außer Fernsehn? Immer noch so'n Miesepeter? Im Fahrstuhl kricht er ja die Zähne kaum auseinander, wenn ick sage: Juten Tach, Herr Nachterstädt! Is eben nischt, wenn man im Elften wohnt, da sacht man dauernd juten Tach, wenn eener zusteicht."

„Ach der. Sieht mich gar nicht, wenn ich komme. Hockt vom Fernseher, griesgrämig wie'n alter Dachs. Dann weiß ich, jetzt ist er wieder mit seiner Politik verheiratet. Hauptsache, er kriegt sein Mittagessen und Ruhe im Karton. So sind die Männer. Seien Sie bloß froh, dass Sie Witwe sind, Frau Helmig. Und dass Sie noch Arbeit haben."

„Hatten, Frau Nachterstädt. Leider. Schon den janzen Monat. Aber ick bleib dran, muss ja, bezahlen tut mir keener wat. Uff'm Amt war ick ooch schon, da müssense mir nischt sagen. Die hat mir bloß in't Jesicht jekiekt, und denn jesacht, sie hätte da noch was, aber Stunde einsfünfzig.Nee, hab ick jesacht, bissken mehr musset schon sein. Immerhin war ick Vorarbeiterin bei unsere Wischmopbrigrade. Aber der Chef hatte wat jejen mir. Ick mach mir zu jemein mit meine Unterjebenen, hat er jesacht. Dabei habe ick bloß jesacht, wat wir alle zusammen beschlossen hatten: Zwanzig Cent mehr die Stunde. Der hat eisern nischt jesacht. Und denn der Anruf: Jefeuert! Und nu hoff ick uff't nächste Mal. Aber ick seh mir selber um, irjendwann klappt et. Wissense eijentlich möcht ick mal wieder eene richtje Arbeit ham, so eene, wo ick weeß, uff mir kommt et an, ick bin wer, ick tu wat für uns alle, nich bloß für'n Chef mit de dicke Brieftasche, verstehense? Wär ja schön, aber heute muss ick mit'm Job zufrieden sein, und den krieje ick ooch bloß, wenn ick stillhalte und ja und amen sage und mir schurijeln lasse wie ne Blöde."

„Das haben Sie aber nicht Ihrer Bearbeiterin gesagt, Frau Helmig? Ich meine, das mit der Lohnerhöhung? Sonst kommt die Ihnen noch mit wildem Streik und so. Dann werden Sie gesperrt. Wegen Eigenverschuldung. Drei Monate sind eine lange Zeit, wenn man kein Polster hat."

„Na, wo werd ick! Von jestern bin ick ooch nich."

„Und der Schwiegersohn, was macht der, kann der Sie nicht unterstützen?"

„Könnt ick nich, den anpumpen. Die haben zwee Kinder, und alle Welt verdient er ooch nich bei seinem Job in der kleenen Metallbude. Hat er ja noch nicht lange, war ja ooch'n paar Monate arbeitslos. Aber et jeht aufwärts, meint er. Nee, det bring ick nich über't Herz, die brauchen ihr Jeld, die beeden. Meine Tochter sitzt ja ooch zu Hause rum ohne Job. Nee, nee. Hab schon dran jedacht, aber det jeht nich, det ickse anpumpe. Muss schon selber sehn, wie ick durchkomme."

„Aber falls er Ihnen doch mal was zusteckt: Schweigen ist Geld. Sie verstehen?"

„Und ob! Hab schon eene Menge jehört. Die paar Piepen verrechnen die ooch noch, ick weeß. Die verdammten Halsabschneider!"

„Was haben Sie eigentlich früher gemacht, zu Ostzeiten, meine ich. Auch Putzfrau? Nein, glaube ich nicht. Sind doch gar nicht der Typ, Frau Helmig, so energisch, wie Sie sind."

„Früher, Frau Nachterstädt, war ick Gütekontrolleurin bei uns, als der Betrieb noch uns allen jehörte und der Schornstein roochte, wie man so sacht. Abjerissen hamse den Betrieb, Bäume hamse jepflanzt, dass man nischt mehr sieht, wat da mal war. Und wenn ick nich jenau wüsste, da stand mal mein Betrieb, würde ick denken, ick hab et jeträumt. Aber da sind ooch manchmal die Fetzen geflogen. Am Ende war der Harald, mein Chef damals, denn aber doch dankbar, dass et keen Ärjer mit de Obrichkeit jejehm hat. Weil ick uffjepasst habe. War schon schön, meine Arbeit, die Prämien sind bloß so jeflossen.. - Aber is lange her, heute rejiert det Jobcenter, und ick räum fremde Leute den Dreck hinterher."

„Ja, Frau Helmig, ist schon ein Kreuz. Dann machen Sie es mal gut. Falls alles zusammenbricht, halten Sie sich wenigstens tapfer. Wird schon werden, so fit, wie Sie noch sind. Ich dagegen – die Jüngste bin ich ja auch nicht mehr. Und die elf Treppen zu Fuß wäre mir jetzt zuviel. Elf Treppen – wer mir das mal gesagt hätte! Würde viel lieber im Parterre bei Ihnen unten wohnen. Also denn, ich darf mich nicht verquatschen, mein Männe wartet aufs Mittagessen. Also, bis zum nächsten Mal, Frau Helmig!"

„Ja, bis dann. Tschüss! Und grüßense Ihrn Griesgram von mir. Ist doch sonst ein anständiger Kerl, nich?"

„Ist er. Vielleicht zu anständig. Der hat's auch nicht leicht. Also dann … Bis zum nächsten Mal."
 

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