Havarie

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Ciconia

Mitglied
09.02.2016

Aufatmen.

Die Bergungsaktion der „Indian Ocean“ ist letzte Nacht geglückt. Die Holländer mussten mal wieder helfen – mit Schleppern aus Rotterdam, wie sie im Hamburger Hafen nicht verfügbar sind. Ausgerechnet von der größten Seehafenkonkurrenz wäre auch ein Riesenschwimmkran gekommen, wenn man die Container auf der Elbe hätte entladen müssen. Für den Hamburger Hafen hätte dies eine lange Sperrrung des Flusses und damit ein Riesenproblem bedeutet. Aber ist ja noch mal gutgegangen. Weitermachen!

Passt man nun die Elbe weiter den Schiffen an? Kommt die nächste Elbvertiefung, damit noch größere China-Pötte noch mehr China-Ware anliefern können?

Ich mag den Fluss, eigentlich. Aber ich meine, dass irgendwann genug sein muss mit dem Gigantismus. Vielleicht ist man durch diese Havarie ein wenig aufgewacht. Es hätte alles wesentlich schlimmer kommen können: Auch etliche Container mit Gefahrgut befanden sich an Bord.
 
A

aligaga

Gast
War da nicht etwas, vor kurzem?

Ach ja - in Nummer 27 der "Häuser am Fluss" hast du dich doch glatt darüber mokiert, @Ciconia, dass die Isar nur ein Rinnsal sei. Du meintest damals noch wörtlich:
Hm, ich glaube, da haben wir unterschiedliche Vorstellungen über die Bezeichnung „Fluss“. Meintest Du etwa das Flüsserl unterhalb der Großhesseloher Brücke? Auf den Flüssen in meinen Texten lasse ich manchmal Schiffe fahren …
Diesem Geprotze hat @ali Folgendes entgegengehalten:
... dass dir Isara rapida zu geringumfänglich scheint, ist ganz allein deine Sache - der Rest der Welt weiß diesen Fluss wohl einzuordnen. Er hat ein bedeutendes, nach ihm benanntes Einzugsgebiet(>100 Zuflüsse) und trägt dort, wo der Professor im Haus seiner Gattin wohnt, nur ganz kleine Schiffe, dafür aber eine mehr als tausend Jahre alte Geschichte auf seinem Rücken. Man kann in ihm schwimmen, ohne den Gifttod zu sterben.

Viel hilft nicht immer viel, liebe @Ciconia. Ich gönn dir deine großen Flüsse von ganzem Herzen. Oft ist aber nicht die Größe eines Päckchens entscheidend, sondern sein Inhalt.
Wie schön doch für einen schlichten Romancier, wenn er die erbarmungslose Kritikerin seines Lieblingsflusses nach gehabtem Schaden katholisch werden sieht! Wie schon gesagt - viel hilft nicht immer viel ...

LeLau!

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
10.02.2016

Früher war vieles nicht besser, aber manches schöner. Die Schiffe zum Beispiel. Sie sahen noch aus wie Schiffe und nicht wie fahrende Hochhäuser.

In meiner Erinnerung waren sie fast alle weiß: Die elegante Italia, ein Passagierschiff mit zwei Schornsteinen, das Bäderschiff Wappen von Hamburg für die Route Hamburg-Helgoland oder die Cap-Dampfer, die Bananendampfer der Reederei Hamburg-Süd. „Weiße Schwäne des Südatlantik“ nannte man diese Flotte. Der letzte, die Cap San Diego, liegt seit Jahren als Museumsschiff im Hamburger Hafen. Ein Winzling gegenüber den heutigen Containerriesen.
 
A

aligaga

Gast
Die Schifferln auf der Isara rapida sind immer noch dieselben: Zillen, Kähne, Paddelboote, Flöße. Und dazwischen treibend, im Hochsommer, Kinderteppiche.

So war es, so ist es, und so wird's immer bleiben. Kein Grund also, @Ciconia, mit einer verdreckten, zur Fahrrinne verkommenen Flussleiche zu prunken.

Wie? Es war gar nicht das Wasser, sondern die dollen Schiffe, mit denen Eindruck machen wolltest?

Denk dir - der silberne Spiegel des Würmsees ist nur 12 Kilometer von den "Häusern am Fluss" entfernt und trägt die weißen Schiffe noch, die in deiner muffigen Bundeswasserstraße längst untergegangen sind.

TTip, @Ciconia: träum nicht vom (vergangenen) Leben, sondern lebe deinen Traum! In einer der nächsten Fortsetzungen von @alis Soap könntest du Ina und ihre Kusine auf der [blue]"Seeshaupt"[/blue] ins Buchheim-Museum begleiten.

Ein bittersüßer Ausflug, den @ali dir allerwärmstens empfiehlt. Wer davon nicht gerührt wird, kann kein Herz haben!

Viel Vergnügen

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
12.02.2016

Nun fährt sie wieder. Die "Indian Ocean" hat in der letzten Nacht Hamburg verlassen.

An der Havariestelle müsse nun „das Gewässerbett wiederhergestellt werden“, heißt es beim Havariekommando. So wie man Zuhause eben sein Bett macht, nur teurer. Insgesamt sollen die Kosten für die Bergungsaktion des Containerriesen im zweistelligen Millionenbereich liegen. Dagegen ist das „Bettenmachen“ wegen Geringfügigkeit wahrscheinlich kaum zu beziffern.

Und der Fluss ist geduldig. Ausbaggern, Vertiefen, Verklappen von Hafenschlick – eine Sisyphusarbeit, die Hamburg viel Geld kostet.

Aber manchmal braust der Fluss auf, so wie im Februar 1962. Demnächst ist wieder Jahrestag der verheerenden Sturmflut. Wer damals hinter den Deichen der Niederelbe dabei war, vergisst jene Nacht sein Leben lang nicht.
 

Ciconia

Mitglied
Versuch einer Erinnerung

Oft trügt die Erinnerung, vor allem, wenn Jahrzehnte seit einem einschneidenden Ereignis vergangen sind oder man zum Zeitpunkt dieses Ereignisses noch sehr jung war. Es bleiben nur einzelne Szenen im Gedächtnis, Bruchstücke, aus denen sich nicht der genaue Ablauf einer Nacht rekonstruieren ließe, die man aber sein Leben lang nicht vergessen wird.

Landratten mögen eine andere Vorstellung von dem haben, was in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 in Norddeutschland passierte. Sie mögen meinen, die Bevölkerung habe vor Angst geschrien und Kinder hätten geweint ob der Gefahr. Nein, so war es nicht. Jedenfalls nicht in dem Landstrich, in dem ich diese Nacht erlebte. Für mich war sie … ein wenig gruselig und ein wenig abenteuerlich. Man möge mir diese Einschätzung verzeihen. Ich war zwar kein kleines Kind mehr, aber eben doch noch ein Kind.

Vielleicht habe ich wirklich einiges vergessen, vielleicht ist einiges im Laufe der Jahre durch Erzählungen hinzugekommen. Aber in meiner Erinnerung sehe ich folgendes:

***​
Unruhige Wellen spielten mit der Deichkuppe. Mal endeten sie direkt unterhalb, mal züngelten sie leicht über den Rand. Der Fluss hatte sich in eine endlose bewegte See verwandelt und allerhand Unrat mit sich gerissen: Äste, Bretterverschläge, Plastikteile, Eimer. Ein voller Mond erhellte diese unwirkliche Szenerie. Mitternacht musste schon vorbei sein.

Auf dem Deich konnte ich mich nur mit Mühe gegen den Sturm behaupten, und doch siegte die Neugier. Ich hätte nicht dort sein sollen, aber die Erwachsenen waren zu beschäftigt, um uns Kinder unter Kontrolle zu halten. Sie schaufelten Sandsäcke, zusammen mit Bundeswehrsoldaten, die im Laufe des Abends eingetroffen waren. Von der Straße hörte man Kommandos und aufgeregtes Stimmengewirr. Erste Anwohner verließen mit vollbepackten Autos das Dorf. Ich ging ein paar Schritte, hüpfte über ankommende Wellen, musste Obacht geben, keine nassen Füße zu bekommen. Ich spürte in diesem Moment keine Angst, denn ich erkannte keine Gefahr. Hochwasser gab es immer mal wieder, nur dieses war halt ein wenig höher als sonst. Längere Zeit starrte ich fasziniert auf den bewegten Fluss und sein Treibgut.

Plötzlich fröstelte ich, und schuld daran war nicht nur der eiskalte Wind, der durch meinen dünnen Anorak pfiff. Was, wenn der Deich nun bräche? Hastig lief ich vom Deich hinüber zu den Erwachsenen an der Straße, deren Stimmen inzwischen ruhiger geworden waren. Man hatte Stellen, an denen bereits Wasser durch den Deich sickerte, erfolgreich absichern können.

Meine Mutter, für einen Augenblick erschöpft auf eine Schaufel gestützt, sah mich herankommen und schickte mich sofort nach Hause. Ich gehorchte widerwillig, fand aber trotz großer Müdigkeit nicht in den Schlaf. Zu sehr wirkten die Bilder dieser Nacht nach. Erst als die Eltern zurückkehrten und mir erzählten, dass das Schlimmste überstanden sei und das Wasser wieder abliefe, schlief ich ermattet ein. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, welche Tragödien sich nur einige Kilometer weiter ereignet hatten.

Zwei Tage später, am Sonntag, konnte die kleine Dorfkirche nicht alle Gottesdienstbesucher fassen, die ihrem ansonsten fremden Herrgott dafür danken wollten, dass er sie in der Sturmflutnacht behütet hatte. Ich lauschte andächtig den wortgewaltigen Ausführungen des Pastors. Noch einmal durchlebte ich jenen traumgleichen Moment im Sturm auf dem Deich, der mir ganz allein gehörte.

***​
So könnte es gewesen sein. Die Szene mit dem Vollmond, der sich auf dem unruhigen dunklen Fluss spiegelte, habe ich jedenfalls noch ganz deutlich vor Augen.
 
A

aligaga

Gast
Landratten mögen eine andere Vorstellung von dem haben, was in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 in Norddeutschland passierte.
Hihi, das ist lustig! Die TagebuchschreiberIn eine tapf're SeerahrerIn?

Hochwasser gibt's nicht nur an den Küsten, o @Ciconia, sondern ganz gewaltig auch in den Alpenvorländern, z. B. in München. 1813 riss dort die immens angeschwollene Isar die damalige "Schwanenbrücke" (heute: Ludwigsbrücke) fort und hundert Einwohner in den Tod; dem Hochwasser von 1899 fielen die Bogenhauser- und die Prinzregentenbrücke zum Opfer; die halbe Innenstadt war verwüstet.

Wer als Schiffsratte prunken möchte, muss den Sturm mitsamt seiner Flut draußen auf See abreiten, sonst kann er nicht auf "dicke Hose" machen.

Von dem Bayerischen Volkssänger Karl Valentin (auch er eine Landratte!) gibt es einen (leider unguhgelbaren) Monolog, der um 1908 entstand und "Die Gründung der Isar" heißt ("Karl Valentin - Monologe und Dialoge", Band 1, S. 61; Piper-Verlag München, 1983). In ihm beschreibt Valentin das 1899er Hochwasser so, wie er es als 17jähriger wohl erlebt hat. Das Volk, so heißt es, sei, soweit es nicht ertrank, in die Kirchen und ins Hofbräuhaus geflohen.

Da war wirklich was los!

Amüsiert

aligaga
 
A

aligaga

Gast
Und Sie waren als Kind dabei? Alle Achtung!
Hihi - damals natürlich nicht! Wie @ali schon mal an anderer Stelle sagte: er lebt in der Gnade der späten Geburt. Deswegen hat er ja auf den passenden Zeitzeugen verwiesen und die Fundstelle angegeben, wo sich eine dramatischere Hochwasser-Schilderung fände als die gegenständliche.

Im übrigen war zu dem lahmenden Bericht ja schon alles Wesentliche gesagt worden - @alis erneute Replik galt der Hoffart deiner Landratten-Nummer: Man sieht in deinem Text ausschließlich Landratten unterwegs, die ihre Kellerlöcher verlassen und nicht den geringsten Grund hätten, sich über ihre südlichen, im 5-Seenland hausenden Artgenossen zu erheben.

Beim Zitat von @alis Text hast du das Hofbräuhaus weggelassen und damit die Ironie getötet, mit der Herr Fey so trefflich umzugehen wusste. Im Hofbräuhaus ist immer was los, nicht nur bei allfälligem HQ!

TTip: Wenn, dann immer vollständig zitieren. Das käme seriöser und diente der Sache ...

Heiter

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Der Hafencity Riverbus

Auch Norddeutsche haben Humor, er wird nur nicht immer von allen sofort erkannt. Bei der neuesten Posse aus Hamburg weiß man allerdings nicht gleich, ob man lachen oder weinen soll.

Hamburg will touristisch noch attraktiver werden, man hat in Deutschland ja mindestens einen starken Konkurrenten, gegen den man sich ständig verteidigen muss. Und womit kann man am besten punkten? Richtig, mit allem, was mit dem Hafen zusammenhängt. Hat ja in dieser Größenordnung sonst keiner, ätsch!

Um nun Touristen ganz bequem zu Lande und zu Wasser transportieren zu können, hat man ein neues Vehikel entwickelt: den „Hafencity Riverbus“, ein Amphibienfahrzeug, das von der Stadtrundfahrt auf Hafenrundfahrt gehen kann. Und wo geht er ins Wasser? In Entenwerder! Nein, das ist keine Ente. Die Hamburg Port Authority (man könnte einfacher auch Hafenbehörde sagen, aber Hamburg ist ja sooo international) hat’s genehmigt.

Erste Sicherheitsbedenken tauchen auf. Bis zu welcher Windstärke funktioniert dieses Fahrzeug einwandfrei? Was passiert im Falle einer Havarie (!)? Kommt man an die Insassen überhaupt heran? Reichen die Dachluken als Rettungsausstiege?

Seit Jahren wird in Hamburg heftig darum gestritten, ob eine Fährlinie nach Blankenese wieder aufgenommen werden sollte. Jahrzehntelang funktionierte diese einwandfrei, im Sommer sogar mit Verlängerung elbabwärts bis Stade. Dann hieß es, an den Landungsbrücken gäbe es keine freien Liegekapazitäten mehr für diese Fähren. Der Tourist fährt jetzt mit der S-Bahn nach Blankenese und versäumt damit eine der schönsten Ecken Hamburgs vom Wasser aus.

Jetzt also der Bus. Wer jemals an den Landungsbrücken stand, kennt das Gewusel auf dem Wasser: Schiffe verschiedener Größenordnungen, Barkassen, Boote – ein ständiges Hin und Her. Möchten Sie mit einem Bus dazwischen rumschippern? Ich nicht. Böse Zungen erkennen schon eine weitere Verwendung für dieses Fahrzeug: Da die A7 in Schleswig-Holstein noch auf Jahre eine Baustelle bleiben wird, könnte man mit dem Bus doch auf schleswig-holsteinischen Nebenflüssen zur Elbe bis zu den Landungsbrücken fahren. Ginge immer noch schneller, als stundenlang im Stau zu stehen.

Na dann: Gute Fahrt!
 

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