Heimatverlust

4,50 Stern(e) 4 Bewertungen
Ich habe meine Heimat verloren. Es gab keinen Krieg, ich wurde auch nicht vertrieben. Und dennoch ist sie weg, meine Heimat. Ein schleichender Prozess.

Ich bin ein Kind der Siebziger. Ich wuchs auf am Rande des Ruhrgebiets. Ein Reihenhaus, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Wald, ein Freibad. Kohle, Stahl, Gastarbeiter. Meine Eltern kamen aus dem Nichts, aus Städten wie Breslau oder Memel, die lange vor meiner Geburt von der Deutschen Landkarte verschwunden waren. Darüber beklagten sie sich nicht. Sie waren Wirtschaftswunderkinder. Auch wenn meine Mutter verspätet in dessen Genuss kam, da sie erst 1954 nach einem mehrjährigen Umweg über die DDR im goldenen Westen gelandet war. Es war der goldene Westen, man bekam alles geregelt.

Schnell lernten wir, dass die Welt zweigeteilt ist. Mehr im Außen. Doch auch im Inneren gab es Irritationen. Wir sahen die Plakate der RAF Terroristen, in der Sparkasse, der Post. Deren Taten und Entführungen fanden lediglich in der Zeitung oder in den Fernsehnachrichten statt. Immer wieder wurde eines der qualitativ schlechten Schwarz-Weiß Fahndungsfotos auf den Plakaten mit rotem Filzstift durchgekreuzt. Über die Jahre stieg die Zahl der Kreuze.

In unserer Stadt gab es britische und belgische Soldaten. Die Belgier sah ich nie. Die Briten lagen auch bei uns in den 1980ern unter Waffen, als sich im fernen Nordirland die IRA und das britische Königsreich blutige Gefechte lieferten, die auch auf die Zivilbevölkerung übergriffen.

Es gab diese Studentenunruhen vom Erzählen, es gab den Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf vom Erzählen. Es gab rechte Parteien in den unseren Kommunalparlamenten in den späten 1980er Jahren, wie die Republikaner oder die DVU. Es war anstrengend, den Wehrdienst zu verweigern. Zivis wurden noch als langhaarige Bombenleger beschimpft. Der saure Regen machte Sorgen, die Proteste gegen die Volkszählung waren groß. Und es gab die Angst vor dem Weltfrieden. Strauß war schon ein ganz schön rechter Hund, Kohl ein bißchen Birne, Fischer trug Turnschuhe. Im Parlament. Und nannte den Parlamentspräsidenten „Arschloch“. Im Parlament. Aber sonst, aber sonst, war alles in Ordnung, aber sonst, aber sonst war alles OK. So wurde es in einem Song der Neuen Deutschen Welle besungen.

Es wurden die Finger in die Wunden gelegt, es gab Proteste. Es gab Fragen, es gab Zweifler. Geier Sturzflug forderten uns auf in die Hände zu spucken und das Bruttosozialprodukt zu steigern und unbedingt Europa zu besuchen, so lange es noch stehe. Nena besang ihre 99 Luftballons und gegen ihre Angst vor alten weißen Männern, mit dem Finger am roten Atombombenknopf. In der Sowjetunion war es kalt, in den USA war ein drittklassiger Schauspieler an der Regierung. Waren wir naiv? Nein, wir waren sensibel und trotz aller Herausforderungen dennoch zuversichtlich. Die von Kohl ausgerufene „geistig-moralische Wende“ fand nie statt und mündete irgendwann eher im Gefühl einer gewissen Bleiernheit.

Wir hatten alles im Griff, da Politik und Medien, Gesellschaft und Umfeld, im Grunde genommen zum System standen und das auch überzeugend transportierten. Es gab sie, die Proteste, die Ostermärsche. Es gab die Dritte-Welt-Läden, es gab die kirchlichen Gruppen, es gab die Grünen, die Partei wurden und in den Bundestag einzogen. Sie alle machten auf Ungerechtigkeiten und Umweltsünden aufmerksam, die es ja de facto gab. Die einen waren SPD, die anderen CDU, FDP oder eben auch einige grün. Das war Demokratie. Die Demokratie war das Beste was es gab und die überwältigende Mehrheit machte mit. Denn letztendlich war ja alles besser als „Drüben“, in diesem Ding, wo auch Deutsche wohnten, zum Teil sogar Verwandte. Alle paar Jahr gab es ein neues Auto, irgendwann stand das Häuschen, der Urlaub ging bis nach Spanien, bei einigen wenigen sogar in die USA. Ehrenamtliches Engagement war in weiten Kreisen eine Selbstverständlichkeit, ob im Sportverein, bei sozialen Initiativen, der Feuerwehr oder kirchlichen Kreisen. Jährlich fand die Woche des ausländischen Mitbürgers statt. Der Augenarzt war Perser, der Bauarbeiter Jugoslawe, beim Jugo wurde auch gegessen, oder beim Griechen, beim Italiener oder beim Chinesen. Irgendwann kam der Türke dazu, aber nur mit Döner. Der wiederum vertrieb das Gyros Pita.

Und dann fiel die Mauer und dann endete der Kalte Krieg. Es gab sie die Warner und Mahner, aber insgesamt, was alles ok, alles in Ordnung, wie es war. Wir hatten`s im Griff. Wir hatten´s geschaffte Die Rede ging vom Ende der (kriegerischen) Geschichte.

Im Osten wickelte die Treuhand marode Betriebe ab, gingen Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit, gab es aber Freiheit und Demokratie und D-Mark satt und außerdem ABM. Ansonsten gab es dort nur Opfer oder Täter. Plötzlich saß die PDS im Bundestag. Täter. Rote-Socken-Kampagnen wurden strickt, die alte Bundesrepublik fremdelte mit der neuen Partei. Die alten Blockparteien der DDR, die das System mitgetragen hatten, verschwanden sanglos und selig in den alten Westparteien. Lediglich Bündnis90 überstand, dem Namen nach, bis heute.

Dann kamen Rostock-Lichtenhagen, dann explodierte Jugoslawien, dann kamen 300000 Bürgerkriegsflüchtlinge, dann brach der Krieg am Golf los, dann kam die Zeitenwende mit Rot-Grün, dann stürzten die Türme des World-Trade Centers in sich zusammen, dann blähten sich EU und NATO auf, dann kam Putin an die Macht. Aber irgendwie war alles in Ordnung. Wir hatten uns so gut eingerichtet. Wir waren Europäer, weltoffen. Wir tanzten Rave, wir feierten den Christopher Street Day. Schwule und Lesben wurden verheiratet. Alles gut so. Rot-Grün an der Macht. Was ganz Neues. Agenda 2010. Was ganz Neues. Später verteidigten wir unsere Freiheit am Hindukush.

Altersarmut, Wohnungsmangel, Sorgen um den Arbeitsplatz, Xenophobie. Immer da gewesen. Immer ein Problem von Minderheiten, nie wirklich ernst genommen vom Mainstream. Immer alle irgendwie selbst schuld.

Das Internet war da. Erst langsam, mit 16 K-Modems. Es konnte gezockt werden und es gab Chatgruppen. Alles war ok. Dann kamen das WWW, Myspace, StudiVZ, Facebook und Co. Die Welt ein Dorf.

Dann kam lange nichts. Dann kam die AFD. Dann wurde das Internet wütend. Die neue Zeit brauchte neue Worte. Shitstorm. Fake-News. Chemtrails. Wutbürger. Altparteien. Dann kamen Flüchtlinge. „Wir schaffen das“. „Das Boot ist voll“. Noch mehr Wut. Missmut. Neue Demonstrationen. Dann wuchs der Nationalismus, auch und gerade unter den jungen europäischen Staaten.

Und dann kam meine alte Heimat auf einmal nicht mehr mit. Die Stimmung wurde richtig mies. Wut auf der einen Seite, Resignation und Erstaunen auf der anderen. Alle Gewissheiten gingen flöten, meine alte Heimat wurde in Frage gestellt. Diese Heimat, die nie Heimat heißen sollte. Diese Heimat, die nicht Deutschland, sondern Bundesrepublik genannt wurde.

Die überwältigende Mehrheit wählt immer noch die Parteien, die die alten Werte hochhalten. Diejenigen, die heute das Sterbeglöckchen unseres gewesenen Systems läuten, die etwas neues Altes nur für Deutsche wollen, die habe ich NIE gesehen in unseren Kreisen, in denen wir uns ehrenamtlich engagiert haben, um unseren Beitrag für eine friedliche und lebendige Gesellschaft zu leisten. NIE. Doch wir sind so viel leiser, als die wenigen, die all das ablehnen, und irgendetwas Gestriges zurückhaben wollen. Die alte Bundesrepublik? Die kann nicht gemeint sein. Denn das war meine Heimat. Die kenne ich. Die war offen, neugierig und fortschrittlich.
Wahrscheinlich belüge ich mich selbst. Wahrscheinlich war sie schlussendlich Heimat für zu wenige und verschloss die Augen zu lange vor dem Offensichtlichen. Oder mit den Worten des Propheten Jeremia, niedergeschrieben in diesem uralten Buch, der Bibel: „Höret zu, ihr tolles Volk, das keinen Verstand hat, die da Augen haben, und sehen nicht, Ohren haben, und hören nicht!“
 
Ich habe meine Heimat verloren. Es gab keinen Krieg, ich wurde auch nicht vertrieben. Und dennoch ist sie weg, meine Heimat. Ein schleichender Prozess.

Ich bin ein Kind der Siebziger. Ich wuchs auf am Rande des Ruhrgebiets. Ein Reihenhaus, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Wald, ein Freibad. Kohle, Stahl, Gastarbeiter. Meine Eltern kamen aus dem Nichts, aus Städten wie Breslau oder Memel, die lange vor meiner Geburt von der Deutschen Landkarte verschwunden waren. Darüber beklagten sie sich nicht. Sie waren Wirtschaftswunderkinder. Auch wenn meine Mutter verspätet in dessen Genuss kam, da sie erst 1954 nach einem mehrjährigen Umweg über die DDR im goldenen Westen gelandet war. Es war der goldene Westen, man bekam alles geregelt.

Schnell lernten ich, dass die Welt zweigeteilt ist. Mehr im Außen. Kalter Krieg. Doch auch im Inneren gab es Irritationen. Ich sah die Plakate der RAF Terroristen, in der Sparkasse, der Post. Deren Taten und Entführungen fanden lediglich in der Zeitung oder in den Fernsehnachrichten statt. Immer wieder wurde eines der qualitativ schlechten Schwarz-Weiß Fahndungsfotos auf den Plakaten mit rotem Filzstift durchgekreuzt. Über die Jahre stieg die Zahl der Kreuze.

In unserer Stadt gab es britische und belgische Soldaten. Die Belgier sah ich nie. Die Briten lagen auch bei uns in den 1980ern unter Waffen, als sich im fernen Nordirland die IRA und das britische Königsreich blutige Gefechte lieferten, die dort auch auf die Zivilbevölkerung übergriffen.

Es gab diese Studentenunruhen vom Erzählen, es gab den Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf vom Erzählen. Es gab rechte Parteien in unseren Kommunalparlamenten in den späten 1980er Jahren, wie die Republikaner oder die DVU. Es war anstrengend, den Wehrdienst zu verweigern. Zivis wurden noch als langhaarige Bombenleger beschimpft. Der saure Regen machte Sorgen, die Proteste gegen die Volkszählung waren groß. Und es gab die Angst um den Weltfrieden. Strauß war schon ein ganz schön rechter Hund, Kohl ein bißchen Birne, Fischer trug Turnschuhe. Im Parlament. Und nannte den Parlamentspräsidenten „Arschloch“. Im Parlament.

Aber sonst, aber sonst, war alles in Ordnung, aber sonst, aber sonst war alles OK. So wurde es in einem Song der Neuen Deutschen Welle besungen.

Es wurden die Finger in die Wunden gelegt, es gab Proteste. Es gab Fragen, es gab Zweifler. Die Band "Geier Sturzflug" forderte uns auf in die Hände zu spucken und das Bruttosozialprodukt zu steigern und unbedingt Europa zu besuchen, so lange es noch stehe. Nena besang ihre 99 Luftballons, gegen die Angst vor alten weißen Männern, mit dem Finger am roten Atombombenknopf. In der Sowjetunion war es kalt, in den USA war ein drittklassiger Schauspieler an der Regierung. Waren wir naiv? Nein, wir waren sensibel und trotz aller Herausforderungen dennoch zuversichtlich. Die von Kohl ausgerufene „geistig-moralische Wende“ fand nie statt und mündete irgendwann eher im Gefühl einer gewissen Bleiernheit. So what.

Wir hatten alles im Griff, da Politik und Medien, Gesellschaft und Umfeld, im Grunde genommen zum System standen und das auch überzeugend transportierten. Es gab sie, die Proteste, die Ostermärsche. Es gab die Dritte-Welt-Läden, es gab die kirchlichen Gruppen, es gab die Grünen, die Partei wurden und in den Bundestag einzogen. Sie alle machten auf Ungerechtigkeiten und Umweltsünden aufmerksam, die es ja de facto gab. Die einen waren SPD, die anderen CDU, FDP oder eben auch einige grün. Das war Demokratie. Die Demokratie war das Beste was es gab und die überwältigende Mehrheit machte mit. Denn letztendlich war ja alles besser als „Drüben“, in diesem Ding, wo auch Deutsche wohnten, zum Teil sogar Verwandte.

Alle paar Jahr gab es ein neues Auto, irgendwann stand das Häuschen, der Urlaub ging bis nach Spanien, bei einigen wenigen sogar in die USA. Ehrenamtliches Engagement war in weiten Kreisen eine Selbstverständlichkeit, ob im Sportverein, bei sozialen Initiativen, der Feuerwehr oder kirchlichen Kreisen. Jährlich fand die Woche des ausländischen Mitbürgers statt. Der Augenarzt war Perser, der Bauarbeiter Jugoslawe, beim Jugo wurde auch gegessen, oder beim Griechen, beim Italiener oder beim Chinesen. Irgendwann kam der Türke dazu, aber nur mit Döner. Der wiederum vertrieb das Gyros Pita.

Und dann fiel die Mauer und dann endete der Kalte Krieg. Es gab sie, die Warner und Mahner, aber insgesamt, war alles ok, alles in Ordnung, wie es war. Wir hatten`s im Griff. Wir hatten´s geschaffte Die Rede ging vom Ende der (kriegerischen) Geschichte.

Im Osten wickelte die Treuhand marode Betriebe ab, gingen Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit, gab es aber Freiheit und Demokratie und D-Mark satt und außerdem ABM. Ansonsten gab es dort nur Opfer oder Täter. Plötzlich saß die PDS im Bundestag. Täter. Rote-Socken-Kampagnen wurden gestrickt, die alte Bundesrepublik fremdelte mit der neuen Partei. Die alten Blockparteien der DDR, die das System mitgetragen hatten, verschwanden sanglos und selig in den alten Westparteien. Lediglich Bündnis90 überstand, dem Namen nach, bis heute.

Dann kamen Rostock-Lichtenhagen, dann explodierte Jugoslawien, dann kamen 300000 Bürgerkriegsflüchtlinge, dann brach der Krieg am Golf los, dann kam die Zeitenwende mit Rot-Grün, dann stürzten die Türme des World-Trade Centers in sich zusammen, dann blähten sich EU und NATO auf, dann kam Putin an die Macht. Aber irgendwie war alles in Ordnung. Wir hatten uns so gut eingerichtet. Wir waren Europäer, weltoffen. Wir tanzten Rave, wir feierten Love Parae und den Christopher Street Day. Schwule und Lesben wurden verheiratet. Alles gut so. Rot-Grün an der Macht. Was ganz Neues. Agenda 2010. Was ganz Neues. Später verteidigten wir unsere Freiheit am Hindukush.

Altersarmut, Wohnungsmangel, Sorgen um den Arbeitsplatz, Xenophobie. Immer da gewesen. Immer ein Problem von Minderheiten, nie wirklich ernst genommen vom Mainstream. Immer alle irgendwie selbst schuld.

Das Internet war da. Erst langsam, mit 16 K-Modems. Es konnte gezockt werden und es gab Chatgruppen. Alles war ok. Dann kamen das WWW, Myspace, StudiVZ, Facebook und Co. Die Welt ein Dorf.

Dann kam lange nichts. Dann kam die AFD. Dann wurde das Internet wütend. Die neue Zeit brauchte neue Worte. Shitstorm. Fake-News. Chemtrails. Wutbürger. Altparteien. Dann kamen Flüchtlinge. „Wir schaffen das“. „Das Boot ist voll“. Noch mehr Wut. Missmut. Neue Demonstrationen. Dann wuchs der Nationalismus, auch und gerade in den jungen EU-Staaten.

Und dann kam meine alte Heimat auf einmal nicht mehr mit. Die Stimmung wurde richtig mies. Wut auf der einen Seite, Resignation und Erstaunen auf der anderen. Alle Gewissheiten gingen flöten, meine alte Heimat wurde in Frage gestellt. Diese Heimat, die nie Heimat heißen sollte. Diese Heimat, die nicht Deutschland, sondern Bundesrepublik genannt wurde.

Die überwältigende Mehrheit wählt immer noch die Parteien, die die alten Werte hochhalten. Diejenigen, die heute das Sterbeglöckchen unseres gewesenen Systems läuten, die etwas neues Altes nur für Deutsche wollen, die habe ich NIE gesehen in unseren Kreisen, in denen wir uns ehrenamtlich engagieren, um unseren Beitrag für eine friedliche und lebendige Gesellschaft zu leisten. NIE. Doch wir sind so viel leiser, als die wenigen, die all das ablehnen, und irgendetwas Gestriges zurückhaben wollen. Die alte Bundesrepublik? Die kann nicht gemeint sein. Denn das war meine Heimat. Die kenne ich. Die war offen, neugierig und fortschrittlich.
Vielleicht belüge ich mich selbst. Wahrscheinlich war sie schlussendlich Heimat für zu wenige und verschloss die Augen zu lange vor dem Offensichtlichen. Oder mit den Worten des Propheten Jeremia, niedergeschrieben in diesem uralten Buch, der Bibel: „Höret zu, ihr tolles Volk, das keinen Verstand hat, die da Augen haben, und sehen nicht, Ohren haben, und hören nicht!“

Aber ich habe sie verloren. Meine Heimat.
 

CPMan

Mitglied
Hallo Schreibensdochauf,

ich hatte deinen Text vor einer Woche ausführlich kommentiert, aber irgendwie ist er verschwunden, vll hab ich es auch verbockt.

Daher jetzt nur die Kurzversion: Die Idee ist gut, der Schreibstil ist gut, was ich aber weniger gelungen finde ist die aufzählende Art der Erzählung, dieses Name-Dropping bis zum Abwinken, das natürlich Assoziationen ans eigen Leben hervorruft aber dann bei der simplen Assoziation Halt macht. Ich wünsche mir mehr Reflexion, mehr Tiefgang, ein literarisches Verweilen bei einem der Aspekte, eine persönliche Meinung, aber stattdessen bekomme ich nur einen Abriss politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen der letzten vierzig Jahre. Mein Tip wäre, einen geringeren Zeitraum zu wählen, Entwicklungen aufzuzeigen, aber dann auch mit wertendem, gerne provokativem Kommentar. Meine Meinung!

LG,

CPMan
 
Antwort CPMan

Lieber CPMan, herzlichen Dank für die Reaktion. Vorher kam wirklich nichts an. Kannst Du Deinen Kommentar dennoch etwas spezifizieren? Ich kann mit ihm momentan noch wenig anfangen. Herzlichen Gruß, ich bin gespannt...
 

CPMan

Mitglied
Gerne.

Ich greife mal willkürlich einen Absatz heraus:

Dann kamen Rostock-Lichtenhagen, dann explodierte Jugoslawien, dann kamen 300000 Bürgerkriegsflüchtlinge, dann brach der Krieg am Golf los, dann kam die Zeitenwende mit Rot-Grün, dann stürzten die Türme des World-Trade Centers in sich zusammen, dann blähten sich EU und NATO auf, dann kam Putin an die Macht. [red]Aber irgendwie war alles in Ordnung.[/red] Wir hatten uns so gut eingerichtet. Wir waren Europäer, weltoffen. Wir tanzten Rave, wir feierten Love Parae und den Christopher Street Day. Schwule und Lesben wurden verheiratet. [red]Alles gut so.[/red] Rot-Grün an der Macht. Was ganz Neues. Agenda 2010. Was ganz Neues. Später verteidigten wir unsere Freiheit am Hindukush.
Dann, dann, dann, dann, ...

Wie aus einem Maschinengewehr attackierst du uns mit zeitlich zusammenfallenden aber inhaltlich zusammenhanglosen Ereignissen. Deine lapidaren Kommentare: Aber irgendwie war alles in Ordnung. Alles gut so.

Mag sein, dass du hier die Ignoranz der westlichen Wertegemeinschaft gegenüber dem politischen Weltgeschehen karikieren willst, aber dann musst du dies m.E. ausführlicher tun. Woher glaubst du, kam diese Indifferenz? Fühlten alle so? Wer zeichnet für den Hedonismus verantwortlich? Das meine ich. Durch deine lakonischen Kommentare entsteht folgender Eindruck. Die Welt ging unter, uns war's egal, und mir irgendwie auch. Das ist für meinen Geschmack zu wenig um einen Text zu schreiben, der mich zum Weiterlesen und -denken aninmieren will.

Klar geworden?

LG,

CPMan
 
Antwort CPMan

Danke für Deine Mühe,

Dann, dann, dann, dann, ...

Wie aus einem Maschinengewehr attackierst du uns mit zeitlich zusammenfallenden aber inhaltlich zusammenhanglosen Ereignissen. Deine lapidaren Kommentare: Aber irgendwie war alles in Ordnung. Alles gut so.

Mag sein, dass du hier die Ignoranz der westlichen Wertegemeinschaft gegenüber dem politischen Weltgeschehen karikieren willst, aber dann musst du dies m.E. ausführlicher tun. Woher glaubst du, kam diese Indifferenz? Fühlten alle so? Wer zeichnet für den Hedonismus verantwortlich? Das meine ich. Durch deine lakonischen Kommentare entsteht folgender Eindruck. Die Welt ging unter, uns war's egal, und mir irgendwie auch. Das ist für meinen Geschmack zu wenig um einen Text zu schreiben, der mich zum Weiterlesen und -denken aninmieren will. Die "dann, dann, dann" Konstruktion ist bewusst gewählt. Irgendwas war immer, aber irgendwie war schon alles ok. Selbst die heftigsten Ereignisse verschwanden irgendwann wieder vom Bewusstseinsradar. Ich besuche jedes Jahr Freunde in Bosnien. DA IST NIX in Ordnung. Also, wir agierten irgendwie nach dem "wird schon". Und jetzt haben wir eine sehr unangenehme Situation, in der sich Ängste und Wut oder was auch immer, ganz anders artikulieren, als früher. Dauerhafter, penetrierender. Und das europaweit. ABER, und das ist mir beim Schreiben aufgefallen: Mein Text ist SUPERSUBJEKTIV, da es sicher Menschen gibt, die sagen, das oder das habe ich ganz anders wahrgenommen, ganz anders erlebt oder gefühlt. Zum Beispiel ist mein Text superwestdeutsch, obwohl ich seit 20 Jahren im Osten lebe.Subjektives Erleben und "objektive Ereignisse" lassen sich wohl nur sehr schwer übereinanderlegen oder frei nach Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit.

Fazit: Mein Text darf anregen zum Nachdenken über das eigene Erleben und selten war ich so Deutungszurückhaltend, so wenig verallgemeinernd, wie hier.

In diesem Sinne: Eine schöne Herbstwoche. Denn Herbst ist grad. Defintiv :)Wobei das ja auch nur eine aktzeptierte Allgemeinbeschreibung ist :) :)
 

hein

Mitglied
Hallo Schreibensdochauf,

der Text trifft ganz mein Gefühl: in der "Bundesrepublik" war alles einigermaßen übersichtlich, und wenn es irgendwo in der Welt Probleme gab konnten wir das mit dem Scheckbuch regeln.

Jetzt sind wir wieder "Großdeutschland" und müssen Verantwortung in der Welt übernehmen - also uns an jedem Krieg beteiligen. Unsere Ersparnisse werden entwertet weil die Südländer nicht mit Geld umgehen können. Usw. ...

Ich habe mich entschlossen, mich nur noch über die Höhe meiner Rente, das Gesundheitssystem und das Elend in der Pflege aufzuregen.

Mal sehen, was eher abtritt: mein Körper oder dieser Staat in der gegenwärtigen Form.

LG
hein
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Oben Unten