Heinrich Mann

1,70 Stern(e) 3 Bewertungen

blackout

Mitglied
Über den Ozean geholt
des Dichters Totenasche. Wind trug sie,
Wind aus Feuern, behütend.

Der Ruhelose, der mit der
verlorenen Furcht, der mit dem
großäugigen Blick, der Zergliederer,
der die Dinge benannte.

Tritt näher.
Es spricht Henri. Leg deine Hand
auf die Stele, du spürst es klopfen,
Lavagestein aus dem Herz
unserer Erde.

PS: Heinrich Mann verstarb im US-amerikanischen Exil. Er wurde in Abwesenheit zum Präsidenten der Akademie der Künste (damals noch gesamtdeutsch) gewählt. Aber er verstarb vorher. Die DDR holte seine Asche nach Deutschland zurück. Sein Grab befindet sich in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
 
Liebe blackout,

vor etlichen Jahren stand auch ich vor diesem Grab an der Chausseestraße. Ich spürte jedoch nichts klopfen. Dafür kannte ich die Werke des Autors inzwischen schon zu gut. Als Oberschüler hatte ich sie sehr geschätzt, mit primanerhaftem Überschwang. Je mehr ich aber in den folgenden Jahrzehnten las und meine Urteilskraft zunahm, umso klarer sah ich: Heinrich Mann hat nur zwei sehr bedeutende, auch ästhetisch gelungene Romane geschrieben: "Professor Unrat" und "Der Untertan". Dafür verdient er, dass man sich seiner erinnert.

Der Rest seiner Produktion ist recht mittelmäßig, zum Teil auf manierierte Weise misslungen. Der "Henri Quatre" ist stilistisch bombastisch, voll von bildungsbürgerlichem Schreibtischpathos und er nervt mit unzutreffenden historischen Parallelen. Noch ärger "Empfang bei der Welt": krass und zugleich banal psychologisierend die Figurenzeichnung, die Sprache gequält französisierend. Ich frage mich, ob H. Mann in seinen unglücklichen USA-Jahren nicht allmählich den Kontakt zu einer lebendigen deutschen Schriftsprache verloren hatte.

Dein kleines Werk atmet leider auch ein wenig jenen Mannschen Geist, den ich längst nicht mehr schätze. Dieses Pathos, diese Überhöhung, diese pompös-leeren Floskeln ("Lavagestein aus dem Herz unserer Erde" vor einem Urnengrab), das ist reinster Wilhelminismus, Nietzsche-Nippes, bei einem 1871 Geborenen ganz natürlich, aber bei einem Werk unserer Zeit?

An diesem Grab empfinde ich: Trauer und Respekt für das, was H.M. in seinen besten Jahren geschaffen hat.

Bitte mein offenes Wort nicht übelnehmen.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

revilo

Mitglied
Hallo Arno, danke für deine Abhandlung über den "anderen" Mann.Heldenverehrung ist auch nicht so mein Ding. Und warum Dylan den Nobelpreis bekommen hat, verstehe ich bis heute nicht.....LG revilo
 

blackout

Mitglied
Arno Abendschön, nur ein Hinweis: Den "Henri Quatre" hat Heinrich Mann nicht in den USA geschrieben, sondern er hat diese beiden Bände in der Zeit seines ersten Exils in Frankreich geschrieben, vermutlich als Dankeschön für Frankreich, das ihn so freundschaftlich aufnahm, der Gedanke bietet sich an. Natürlich, der Westen hat seine Gründe, weshalb an Heinrich Mann herumgekrittelt wird, angeblich war er literarisch nicht so groß wie Thomas, der von der westlichen Literatur und Politik trotz seiner BBC-Sendungen gegen das faschistische Deutschland bis in den Himmel gelobt wird, während Heinrich Mann im Westen kaum etwas gilt. Vermutlich wegen seines "Untertans". Ich halte es da eher mit dem Urteil Brechts über Thomas Mann. Aber vor allem war Heinrich Mann weltoffener, menschlicher, nicht so unnahbar wie sein Bruder, er irrte sich in der Einschätzung Churchills in seinem "Zeitalter", das sei ihm als einem bürgerlichen Literaten zugestanden, doch er begrüßte die Siege der Roten Armee über die faschistische Wehrmacht laut und öffentlich. So etwas nahm ihm die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft sehr übel, und ich habe etliche westliche Abhandlungen über ihn gelesen, für die sich so manch ein Autor schämen sollte. Ein Bekenntnis zum Antifaschismus kann der Westen nicht verzeihen, heute nicht und damals genausowenig. Also wird fachlich am Autor herumgekrittelt. Bezeichnend auch, dass die DDR es war, die seine Asche nach Deutschland holte, die BRD hatte keinerlei Interesse daran. Heinrich Mann wäre sicher ganz zufrieden gewesen mit seiner letzten Schlafstätte in Ostberlin, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, denke ich, neben Brecht und so vielen anderen antifaschistischen Künstlern. Dazu schreibst du in deinem Kommentar leider gar nichts, auch das halte ich für bezeichnend. Statt dessen palaverst du das ganze Zeugs nach, das damals durch die literarische BRD waberte und versuchte, den Autor des "Untertan" gegenüber seinem Bruder kleinzumachen.

Über deinen Stil etwas zu sagen, ist mir bisher nicht möglich gewesen, da ich noch nie ein Gedicht von dir gelesen habe, denke aber, dass mein Stil durchaus angemessen ist für die Ehrung eines großen Dichters.

blackout
 

blackout

Mitglied
Revilo, Heinrich Mann war nie "der andere Mann", sondern zu seiner Zeit einer der bekanntesten Dichter. Und während Thomas für die Familiengeschichte der Buddenbrocks den Nobelpreis bekam, worüber sich übrigens nicht nur Brecht mokierte, erhielt Heinrich Mann von progressiven Literaten für die Beschreibung des deutschen Untertans die allergrößten Ehrungen. Nicht zu vergessen, dass Heinrich Mann während der Weimarer Zeit Präsident der Akademie der Künste war. Von den Nazis wurde er aus dem Amt gedrängt. Das allein schon reicht, um zu wissen, dass wir es mit einem großen Dichter zu tun haben, der die deutsche Misere aus dem Effeff erkannte und sezierte.

blackout
 
blackout, wo und wann H. Mann den "Henri Quatre" geschrieben hat, war mir schon bekannt, auch ohne deinen "Hinweis". Ich bezog mich, als ich das Exil in den USA erwähnte, nur auf "Empfang bei der Welt".

Deine Erwiderung ist im Wesentlichen historisch-politisch begründet und verrät als Richtschnur offenbar einen Klassenstandpunkt bekannter Provenienz. Meine Kritik orientierte sich dagegen an literarischer Qualität. Du verfälschst meine Aussagen hierzu gröblich. Ich habe gar keinen Vergleich mit Th. Mann gezogen, den Namen des Bruders nicht einmal erwähnt. Ferner unterstellst du mir, ältere Kritik "nachzuplappern". Auch hier verdrehst du, was ich geschrieben habe, ins Gegenteil. Ich wiederhole: Als sehr junger Mensch fand ich alles von H. Mann überzeugend, mitreißend. Beim erneuten Lesen Jahrzehnte später war ich, und zwar ohne fremde Hilfe, imstande zu differenzieren. Du aber unterschlägst, wie ich in meinem Kommentar unterschied zwischen dem, was in meinen Augen unzweifelhaft Bestand hat, und dem Mediokren oder Misslungenen. Deine Art und Weise hier, eine differenzierte Kritik pauschal zurückzuweisen, indem man sie allein in einen falschen und anrüchig sein sollenden Zusammenhang bringt, hat selbst eine ganz unselige Tradition.

Die Belehrungen, die du jetzt Revilo zuteil werden lässt, sind von gleicher Güte. Mir fällt dazu ein, was der alte Golo Mann mal erzählte: Wenn er seinen Vater und Onkel Heinrich sich privat über Politik und Zeitgeschichte austauschen hörte, so verblüfte ihn ihre stupende Unwissenheit.

Im Übrigen muss man nicht selbst Lyrik produzieren, um das im schlechten Sinne Epigonale deines Werks wahrzunehmen.


Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Arno Abendschön, es ist doch nicht zu übersehen, dass du das, was du mir vorwirfst, gleichermaßen tust: Du nimmst einen Standpunkt ein. Aber du schiebst einen literarischen Standpunkt vor. Das wird immer getan, wenn der politische Standpunkt nicht passt. Insofern bin ich sicher, Unrat gerochen und dir die richtige Antwort gegeben zu haben.

Dieselbe Reaktion, und immer von Leuten, von denen ich wusste, dass sie zumindest das konservative Denken verinnerlicht haben, ist mir schon oft begegnet, ob ich über Brecht schrieb oder Willi Sitte oder Hermann Kant oder Johannes R. Becher. In jedem Fall habe ich festgestellt, dass die Kommentatoren haargenau wie du argumentiert haben: abwertend, das Werk herunterspielend, weil die progressiv-politische Richtung des Protagonisten nicht passte, sich abhob von der in der BRD herrschenden öffentlichen Meinung. Dass du der Ansicht bist, dass Heinrich Mann nicht dein Fall ist aus diesem oder jenem Grunde, ist dir doch zugestanden. Du würdest dieses Gedicht selbstverständlich nicht geschrieben haben, das leuchtet mir ein.

Eines ist natürlich wahr, wenn ich Heinrich Mann lese, habe ich nicht das Gefühl, den Autor über eine 25 Langzeilen lange Satzkonstruktion vor Vergnügen schmatzen zu hören. Jedes Wort sitzt, passt wie die Faust aufs Auge. Es kommt aus Kopf und Herzen, genaues politisches Denken, Einsicht in die Zeit, in die bedauernswerte Psyche des deutschen Untertans.

Was aber Revilo mir antwortet, würde ich gern von ihm selber lesen.

blackout
 

revilo

Mitglied
Hallo, Ihr beiden.....ich habe sowohl Prof. Unrat als auch Der Untertan gelesen und finde beide Bücher grandios......ich fühle mich auch nicht belehrt......die Sichtweise auf einen Dichter ist allerdings immer subjektiv und niemand sollte die alleinige Deutungshoheit beanspruchen.....LG revilo
 
blackout, ich bin wohl von falscher Voraussetzung ausgegangen. Dachte, wenn einer in der Leselupe das Stichwort Heinrich Mann liefert, wäre mit ihm ein Gespräch über Stärken und Schwächen von dessen Werk möglich. Mit dir ist das offenbar nicht der Fall. Es geht dir gar nicht um das literarische Werk, sondern um die Vereinnahmung eines toten Autors zum Zweck der Rechtfertigung einer bestimmten jüngeren Vergangenheit.

Bei der konsequenten Verfolgung dieser politischen, nicht literarischen Absicht zögerst du auch nicht, meinen Standpunkt und meine Äußerungen zu verzerren und zu entstellen und dich in unzutreffenden Vermutungen, meinen Hintergrund betreffend, zu ergehen. Das sind genau die Methoden, die schon in der Kulturpolitik der DDR in der stalinistischen Phase angewendet worden sind. Stichwort: Formalismusdebatte.

Im Detail: Ich hatte mich wie Revilo ausdrücklich sehr positiv zu den beiden bekanntesten Romanen Manns geäußert. Du aber unterstellst trotzdem, Heinrich Mann sei nicht mein Fall. Im Gegenteil: Ich habe ihn immer wieder und zum Teil gern gelesen, habe manche Zitate von ihm wörtlich im Kopf. Ich sehe aber auch, dass er wie viele andere Autoren im Lauf seines Schaffens stark nachgelassen hat. Ich schiebe keinen literarischen Standpunkt vor, wie du insinuierst, ich habe einen mir selbst erarbeiteten und darf ihn in einem Literaturforum wohl auch darlegen - und zwar ohne dass mir sachfremde Motive untergeschoben werden.

Wenn du hinter meiner fachlichen Meinung politischen "Unrat" witterst, so trügt dich dein Riechorgan. Ich versichere dir, von mir hättest du nie eine abwertende Bemerkung über die Werke von Brecht, Sitte oder Becher vernommen (von Kant kenne ich nichts). Dass du mich insofern da einordnest, wo ich gar nicht hingehöre, zeigt, wie leichtfertig und bedenkenlos du vorgehst.

Um aber zu deinem Gedicht zurückzukehren: Es ist formal altbacken konservativ. Du arbeitest mit theatralischen Effekten, wie sie gerade im Kaiserreich sehr beliebt waren. Diese schrille hohe Rhetorik, diese überzogenen unwahrhaftigen Bilder, das ist ganz Wilhelm II., der fatale Theaterkaiser, und ganz Diederich Heßling, sein "Untertan".

Gruß
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Arno Abendschön, nun lass mal den erhobenen Zeigefinger. Ich bin alt genug, mich in der Literatur orientieren zu können. Wenn du der Ansicht bist, dass Heinrich Manns Werke gut sind, dann schreib es doch. Hast du aber nicht. Was stimmt denn nun? Sieh mal in deinen ersten Kommentar, wie abwertend du an HM rangegangen bist. Das ist doch klar, dass ich nach diesem Gedicht dagegen schreibe.

Und noch etwas zu meinem "Stil": So einen Unsinn, von wegen Zeit Wilhelms des Zweiten habe ich ja noch nie gelesen. Bring um Himmels willen nicht noch die Zeiten durcheinander. Zum Rest denk ich mir mein Teil lieber. Überleg, ehe du in die Tastatur greifst. Mit Lyrik hast du anscheinend nicht viel Erfahrung? Jedenfalls habe ich von dir noch nicht ein einziges Gedicht gelesen, und es würde mich mal interessieren, welchen "Stil" du für angebracht hältst. Also bis dann, und dann reden wir weiter.

blackout
 
Noch ein Versuch, Blackout. Lies doch einfach nach, was ich anfangs schrieb. Ich erkannte ausdrücklich an, dass H.M. zwei sehr bedeutende, auch ästhetisch gelungene Romane geschrieben (hat): "Professor Unrat" und "Der Untertan". Dafür verdient er, dass man sich seiner erinnert. Das sind ja auch die zwei Bücher, die im allgemeinen Gedächtnis geblieben sind. Dein stark idealisierendes Dichterbild blendet aber aus, dass er zugleich sehr viel weniger Gelungenes produziert hat. Dagegen habe ich mich gewandt. (Nebenbei: Bei Brecht sieht das ganz anders aus, da ist von Anfang bis Ende fast alles überzeugend.)

Zum Stil. Die wilhelminische Ästhetik ist nicht auf die Literatur beschränkt. Ich bezog mich auf die damals übliche offizielle und noch lange über das Ende der Monarchie nachgeahmte hohl pathetische, kraftmeierische Rhetorik. In dieser Tradition scheinst du mir zu stehen, auch wenn es dir wohl nicht bewusst ist. Sie war ja staatstragend selbst nach dem Zweiten Weltkrieg noch viel in Gebrauch, sowohl unter Adenauer wie Ulbricht. (Nebenbei: Bei deinem Gedicht zu Barlach hat das besser funktioniert. Ist eben ein Unterschied zwischen einer Plastik zum Anschauen und einer Urne unter einer Steinplatte.)

Fehlt dir jedes Gefühl dafür, wie unfreiwillig komisch dieser hohe Stil hier ist: Totenasche aus behütenden Feuern? Ich denke, der Leichnam wurde in einem gewöhnlichen kalifornischen Krematorium verbrannt. Wind trug die Totenasche? Sie kam wohl mit einem Flugzeug nach Europa. Und dann der Höhepunkt: Besucher wird aufgefordert, den Grabstein anzufassen. Sehr pietätvoll. Dann wird er es klopfen spüren? Erinnert fatal an Tischerücken und dergleichen spiritistischen Unfug. Lavagestein aus dem Herz unserer Erde? Einfach herzig. Aber ich hätte einen noch edleren Stein gewählt. Jaspis oder Smaragd. ("Putzt ungemein", sagt Grünlich in "Buddenbrooks" in so einem Fall.)

Ob es dir passt oder nicht: Als Mitglied bin ich hier auch für Kommentare in der Sparte Lyrik zugelassen. Was ich selbst insofern halb im Scherz an Texten schon verbrochen habe, kannst du, wenn's dich interessiert, dir selbst heraussuchen. Ich darf hier ja nicht für eigene Texte werben.

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön
 
Nachtrag, blackout, bin dir eine Anwort schuldig geblieben. Wie hätte ich es grundsätzlich anders gemacht? Ich hätte die persönliche Tragik ins Zentrum gerückt, den Kontrast zwischen zeitweiligem Erfolg und späterer Misere / Vereinsamung, seine politische Vereinnahmung, nicht unverschuldet. Empathie am Grab statt Anbetung: gestalten kann ich das nicht. Du hast hier aus dem armen Heinrich Mann einen Ernst Thälmann der Literatur gemacht, nicht nach dem wahren Thälmann, sondern analog dem triumphierenden Klotz an der Greifswalder Straße. Es ist das gleiche falsche Pathos, das mich ärgert.

Gruß
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Arno Abendschön, ich dank dir für die Aufklärung. Ich verspreche hiermit, nie mehr Pathos zu schreiben, weil es dir nicht gefällt. Und was den "Klotz" in der Greifswalder Straße angeht: Thälmann würde etwas erstaunt deine Zeilen lesen, Heinrich Mann hatte ja nun wahrlich nichts mit ihm zu tun. Vielleicht ist es dir entfallen: Heinrich Mann war ein bürgerlicher Schriftsteller, der mit Thälmann nur sehr, sehr entfernt einer Ansicht war. Nun ist es völlig klar: Es geht dir überhaupt nicht um den Dichter Heinrich Mann oder um mein "Pathos". Was du so bezeichnest, ist die Sprache der Lyrik, die sich eben von deiner bescheidenen Prosa unterscheidet. Das muss man natürlich wissen. Aber darum geht es dir doch gar nicht: Es geht dir um die politische Richtung, dass nämlich Heinrich Mann sich weigerte, mit den Nazis zusammenzuarbeiten, und lieber emigrierte. Und damit ist für mich die Diskussion erledigt, Herr Abendschön.

blackout
 

Mondnein

Mitglied
Ein Bekenntnis zum Antifaschismus kann der Westen nicht verzeihen
Da, das wirds wohl sein, das Bekenntnis zum Antifaschismus, und "der Westen", der in einzigartiger Personifizierung so ein konfessionelles Credo nicht verzeihen kann.

Der Westen.

Der Antifaschismus.

Das Bekenntnis zum Antifaschismus.

Da klappert der Oma das Gebiß im Wasserglas. Brrrr
 
blackout, du versuchst schon wieder, mir politische Motive für meine Textkritik zu unterstellen. Dagegen verwahre ich mich. Auf dein Gedicht wurde ich auf der Startseite der LL aufmerksam, da es den Namen Heinrich Mann enthält und ich mich sehr lange und intensiv mit ihm beschäftigt hatte. Und was fand ich bei dir? Ein von falschem Pathos triefendes Werk, das mich einerseits zum Lachen reizte, andererseits aber auch ärgerte, da es eine kritiklose Gloriole um einen gewiss bedeutenden, aber auch in die Widersprüche seines Zeitalters tief verwickelten Autor wand.

H.Mann war in seiner Frühphase als Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert" chauvinistisch und antisemitisch. Kostprobe? Mann 1895: „Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen Geleitete wird daher Antisemit sein …“ Und wie war später seine Einstellung zu Stalin? Er hat ihn, wenn auch mit Bauchschmerzen, akzeptiert. Sein Biograph Klaus Schröter formuliert Manns Position in der Emigration so: "Er hatte sich bemerkenswerterwesie mit Politik und Taktik Stalins befreundet, mit der der Stalinisten befreundete er sich nicht."

Auch ich habe Lust, die Debatte hier jetzt zu beenden. In ihrem Verlauf ging es mir tatsächlich weniger um H. Mann als um deinen Umgang mit ihm, also um Textkritik.

Gruß
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass du das Gedicht gar nicht verstanden hast. Was schreibe ich denn? Ich schreibe von seinem Tod, nicht aber von seinem Werk. Letzteres wäre ein völlig anderes Gedicht. Man muss nicht alles, was man weiß, in ein Gedicht hineinpacken, wenn man vor dem Grab eines Dichters steht. Ich beschreibe die Situation: Ich stehe vor der Grabstele Heinrich Manns und konzentriere mich ganz darauf, warum sie ausgerechnet hier steht, nicht aber in Lübeck, und zwar aus Lavagestein aus dem Herzen der Erde. Und das ist Stil aus der Zeit Wilhelms II.?Das aber nennt man in der Lyrik eine Metapher. Muss ich dir erklären, welche Funktion eine Metapher hat?

Ich will dir nichts unterstellen. Ich kenne allerdings die Vorbehalte im Westen gegen den Dichter, eben weil er keinen Hehl aus seinem Antifaschismus gemacht hatte. Das kommt nicht gut im Westen an, und nicht umsonst ist Thomas der Dichter und Heinrich nur der Bruder. Und dann erinnere ich mich an den Breloer-Film zu den Manns, Heinrich Mann ebenfalls nur eine den Manns etwas peinliche Randfigur mit seiner Nelly und den ewigen Anpumpereien beim großen Dichter Thomas, eine Randfigur, die man leider nicht aussparen kann. Eine verdammt spießige Sicht. Und so spießig ist der ganze Film. Und so spießig wird der Dichter Heinrich Mann auch in der bundesdeutschen Literatur behandelt.

Und darum geht es mir letzten Endes bei der ganzen Diskussion mit dir. Und jetzt ist nun aber wirklich Schluss der Diskussion.

blackout
 

blackout

Mitglied
Noch ein Nachsatz, Arno Abendschön. Selbstverständlich, Heinrich Mann musste nach Stalingrad unbedingt auf Stalin eingehen, der schließlich der Oberbefehlshaber der Roten Armee war, der dem faschistischen Deutschland seine Grenzen gezeigt hatte, nicht nur militärisch. Übrigens Roosevelt und Churchill waren derselben Ansicht wie Heinrich Mann. Die ganze Welt hat aufgeatmet! Richtig, so ahistorisch, wie du rangehst, und nicht nur du, sondern der gesamte politische und literarische Mainstream, das ist die Situation im heutigen Deutschland, und du machst dich zu ihrem Apologeten.

blackout
 
blackout, wie zu erwarten, ersetzt du weiterhin Kenntnisse durch Vorurteile. H. Manns wechselnde, opportunistische Einstellung gegenüber Stalin begann ja nicht mit Stalingrad. Er hatte gewiss detaillierte Kenntnisse über die inneren Verhältnisse in der Sowjetunion, so gut vernetzt, wie er war. Im Unterschied zu Intellektuellen wie Gide oder Dos Passos z.B., die nach anfänglicher begeisterter Zustimmung auf Distanz gingen, sah er im Exil in Stalin zunächst primär den Bundesgenossen - verständlich und von uns heute nicht wirklich zu kritisieren. Erst mit dem Hitler-Stalin-Pakt änderte sich dann Manns Einschätzung. In seinem inzwischen veröffentlichten damaligen Tagebuch war Stalin für ihn nun der "Schakal im Kreml", verglich er ihn mit dem "älteren Terroristen Tschingiskan" und sprach von "Sowjet-Imperialisten". 1943 rühmte er ihn dann wieder öffentlich uneingeschränkt in "Ein Zeitalter wird besichtigt". Das war dein großer "Zergliederer". Als Erklärung bietet sich u.a. auch die Tatsache an, dass Mann in der Sowjetunion gerade in seiner letzten Lebensphase hohe Auflagen hatte. Er hat sich dessen selbst öffentlich gerühmt und seine eigene positive Einstellung damit in Verbindung gebracht.

Nicht Heinrich Mann kritisiere ich - er ist ein toter Autor mit Stärken und Schwächen -, sondern deinen verfälschenden Umgang mit seiner Vita. Du hast hier einen miserablen Text abgeliefert und wärmst auf Kritik daran nun einen abgelebten ideologischen Gegensatz wieder auf. Wir leben nicht mehr in der Zeit, als die DDR ein pompös auftrumpfendes Thälmann-Denkmal errichtete - es sollte unbedingt erhalten bleiben als Mahnmal an den Geist der untergehenden DDR - und sich gleichzeitig ausgerechnet von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit vermitteln ließ, damit die hohle Fassade des Staates noch einige Jährchen stehen bleiben durfte.

"Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" (Schiller) - und gegen sie ist bedauerlicherweise keine Berufungsinstanz da.

Schöne Grüße aus einem östlichen Bezirk der vormaligen Hauptstadt der DDR
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Ich habe das Buch "Ein Zeitalter wird besichtigt", erschienen bei Aufbau im Jahre 1947, 31.-40. Auflage. Dort finde ich kein einziges negatives Wort zu Stalin oder zur Sowjetunion. Im Gegenteil, er hatte sich zu Churchill geirrt, dem er vermutlich zu sehr vertraut hatte. Es war die Zeit des Sieges über den deutschen Faschismus durch die Antihitlerkoalition, da ist dieser Irrtum zumindest verständlich. Nenn mir bitte die Quelle, der du die von dir zitierten Äußerungen Heinrich Manns entnommen hast. Ich frage dich, was du mit deiner Diskussion erreichen willst. Hier ist weder der Ort für derlei Diskussionen, noch verstehst du irgendwas von Lyrik.
Was soll's also? Aber die Quelle will ich haben!

blackout
 
blackout, bitte lies doch wenigstens meine Kommentare sorgfältig, bevor du antwortest. Das ist es ja eben, dass Mann in "Ein Zeitalter wird besichtigt" jegliche Kritik an Stalin vermieden und ihn dort sogar positiv gewürdigt hat, nachdem er ihn zuvor in seinem privaten Tagebuch äußerst negativ charakterisiert hatte. Jenes Tagebuch wurde zum Teil von ihm in das Zeitalter-Buch übernommen, und zwar ohne die Stalin kritisierenden Passagen. Das Tagebuch selbst als Ganzes wurde erstmals 2004 im S. Fischer Verlag veröffentlicht, Titel: "Zur Zeit von Winston Churchill". Daraus sind die Zitate, nach deren Quelle du mich fragst.

Unser kleiner Streit hat sehr wohl etwas mit deinem Gedicht zu tun. Du hast einen lyrisch-hymnischen Nachruf auf einen verfasst, der den Moskauer Schauprozess von 1937 verteidigte, und gegen diese Zumutung wehre ich mich. Fehlt nur noch, dass du Ähnliches auch zu Feuchtwanger produzierst. Das ist ein noch krasserer Fall.

Vorschlag: Hören wir jetzt einfach mit der Diskussion auf. Du hast eben dein vor Jahrzehnten festgezimmertes oder in Beton gegossenes Bild von der Stellung Heinrich Manns in Literatur und Politik und wehrst alles an neueren Erkenntnissen ab, was dem nicht entspricht. Wie unsinnig dein West-Ost-Schema im Übrigen ist, könntest du schon daraus entnehmen, dass die heutige Literaturwissenschaft international noch viel mehr als zu Heinrich Mann gerade auch zu Thomas Mann kritisch forscht, z.B. zu der Frage, wie viel antisemitische Klischees in dessen Werk aufzufinden sind und wie ihr Einsatz dort zu beurteilen ist.

Gruß
Arno Abendschön
 

Oben Unten