Herr Olschewski tut Gutes

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Hyazinthe

Mitglied
Herr Olschewski tut Gutes

Herr Olschewski war ein zufriedener Mann. Für seine siebenundsechzig Jahre erfreute er sich einer soliden Gesundheit, wozu seine Leidenschaft für ausgedehnte Wanderungen durch die schönen Landschaften Deutschlands ihren Teil beitrug, ebenso wie seine gesunde Lebensweise mit wenig Alkohol und mäßigem Essen. Zigaretten oder sonstige Drogen hatte Herr Olschewski in seinem ganzen Leben nicht angerührt. Zu seinem erfreulichen Zustand trug zudem sein ausgeglichenes, geradezu optimistisches Wesen bei, das es ihm unmöglich machte, sich lange über was auch immer zu ärgern oder zu grämen.

Seit seiner Pensionierung verfügte Herr Olschewski zudem über viel freie Zeit, die er mit Reisen in alle Welt verbrachte. Als ehemaliger Geografie - und Geschichtslehrer interessierten ihn dabei besonders die außergewöhnlichen Gegenden des Erdballs, etwa der grand canyon oder die Taiga oder die Sahara. Aber wohin er auch reiste: Überall gab es neben ihm noch viele weitere Touristen, so dass er sich auf seinen einsamen Wanderungen in der Heimat von den vielen Menschen erholen musste.

Nicht, dass Herr Olschewski etwas gegen Menschen hatte; im Gegenteil: Er konnte ein durchaus amüsanter und eloquenter Gesellschafter sein. Er war gern Lehrer gewesen, hatte die Kinder und Jugendlichen gemocht und nach besten Wissen gefördert und erzogen, auch wenn er sich in den letzten Jahren durchaus im Klaren darüber war, dass er in den Augen seiner Schüler einer hoffnungslos altmodischen Generation angehörte, die man nicht mehr ganz ernst nehmen konnte. Zugegebenermaßen hatte Herr Olschewski sich mit der neuen Technologie, die überall in den Schulalltag eingezogen war, nicht so recht anfreunden können. Deshalb war es ihm ganz recht gewesen, als er den Schuldienst reduzieren musste, um seine alte Mutter, die zwar geistig immer noch fit war, aber körperlich stark abbaute, zu pflegen. Dieser Kindespflicht war Herr Olschewski liebevoll und gewissenhaft nachgekommen, bis seine Mutter schließlich, zweiundneunzigjährig, vor drei Jahren gestorben war.
Nun lebte Herr Olschewski allein in dem bescheidenen, aber seiner Ansicht durchaus komfortablen Häuschen, das er zeitlebens bewohnt und nun von seiner Mutter geerbt hatte. Nicht, dass es im Leben Herrn Olschewskis nicht auch die eine oder andere Liebesbeziehung gegeben hätte, aber es war nie zu einer Heirat gekommen. Die Gründe dafür lagen zum Teil an seiner engen Beziehung zu seiner Mutter - sein Vater war früh verstorben, Geschwister hatte er nicht - aber der tiefere Grund lag in der Tatsache, dass sein Gefühl für die jeweilige Frau nicht ausgereicht hatte für eine lebenslange Bindung. So war er schließlich allein geblieben und durchaus zufrieden damit.
Er liebte es, den Blumengarten zu pflegen, etwas Gemüse und einige Gewürzkräuter anzubauen und seine selbst gekochten Mahlzeiten mit den Erträgen aus dem Garten zu bereichern. Finanzielle Sorgen hatte Herr Olschewski nicht, im Gegenteil, das Häuschen war längst abbezahlt, ebenso der drei Jahre alte Toyota, der in der Garage stand, und seine Pension als Oberstudienrat i. R. war üppig. So üppig, dass Herr Olschewski jeden Monat Geld übrig behielt, das sich mit der Zeit auf seinem Girokonto anhäufte.
Deshalb beschloss Herr Olschewski, mit seinem Geld etwas Gutes zu tun. Da er keine Verwandten besaß, die er beschenken konnte, spendete er ansehnliche Beträge an Hilfsorganisationen aller Art: Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, Deutsches Rotes Kreuz, an den Tierschutzverein und viele andere gemeinnützige Vereinigungen. Er übernahm die Patenschaft für drei Kinder in der dritten Welt, indem er monatliche Beträge an die entsprechende Organisation überwies, und freute sich über die Briefe dieser Kinder, die ihn aus Nepal, Nigeria und Brasilien erreichten. Wenn an der Haustür gesammelt wurde, etwa für die freiwillige Feuerwehr oder von den Sternsingern für diverse gute Zwecke, zeigte sich Herr Olschewski immer überaus großzügig.

Doch dann geschah es, das Fortuna unverhofft ihr Füllhorn über Herrn Olschewski ausgoss und er in Verlegenheit geriet.

Er gewann im Lotto! Jahrzehntelang hatte er jede Woche einen Lottoschein ausgefüllt, immer mit den gleichen Zahlen: den Geburtsdaten seiner Mutter und seinen eigenen, ohne sich große Hoffnungen auf einen Gewinn zu machen. Manchmal hatte er drei oder sogar vier Richtige gehabt und kleinere Geldbeträge gewonnen. Diesmal aber hatte er sechs Richtige mit Zusatzzahl!
2 300 430, 32 € hatte er gewonnen! In Worten Zweimillionendreihunderttausendvierhundertdreißig Euro und zweiunfdreißig Cent. Er konnte es nicht fassen!

Ein Finanzberater seiner Bank kam und erläuterte ihm einen ganzen Nachmittag lang, welche Möglichkeiten es gab, das Geld sicher und gewinnbringend anzulegen. Es lief darauf hinaus, dass Herr Olschewski nun jeden Monat zusätzlich zu seiner Pension noch mehrere hundert Euro Gewinn aus den Anlagegeschäften erzielte, ohne das Kapital angreifen zu müssen. Er war reich!

Herr Olschewski erwog, in ein größeres Haus zu ziehen, eine Villa etwa, mit Swimmingpool und großem Park drumherum. Aber schnell nahm er Abstand von dieser Idee, denn er fühlte sich wohl und heimisch in seinem kleinen Häuschen. Warum sollte er das ändern? Auch überlegte er, sich ein größeres Auto zu kaufen. Immerhin, der Toyota war schon ein paar Jahre alt, aber er war gerade erst durch den TÜV gekommen, und Herr Olschewski mochte sein Auto. Es war bequem und handlich und er hatte sich daran gewöhnt. Sollte er vielleicht eine große, monatelange Weltreise unternehmen? Herr Olschewski wusste aus Erfahrung, dass er nach vierzehn Tagen anfing, sich auf zu Hause zu freuen.

Nein, er hatte keine Verwendung für das Geld. Aber andere Menschen schon, dachte Herr Olschewski. Er fing an, die lokale Tageszeitung daraufhin zu durchforsten, wo in seiner Stadt Geld gebraucht wurde. Etwa für den neuen Kindergarten oder die dringend benötigte Kinderkrippe. Für die Jugendbibliothek, den Spielplatz in dem neuen Wohngebiet, für die Pflege des alten Soldatenfriedhofs oder die Sanierung der Bänke im Stadtpark. Er kaufte sich wattierte DinA-5-Umschläge und füllte sie mit großen Geldscheinen. Er tippte auf seinem Computer eine Mitteilung, wofür die Spende verwendet werden sollte, unterzeichnete mit „Ein Freund“ und verschickte sie ohne Absender an die entsprechenden Verantwortlichen. In der örtlichen Presse las er anschließend aufgeregte Artikel über den anonymen Wohltäter, der die Stadt mit seinen Spenden beglückte, und schmunzelte darüber. Auf diese Weise wurde er im Laufe der Monate einige zehntausend Euro los, was aber seinen Reichtum kaum schmälerte.

Eine neue Möglichkeit fiel ihm ein. Bei seinem letzten Einkaufsbummel in der nahe gelegenen Großstadt hatte er Menschen gesehen, die am Straßenrand saßen und bettelten. Unglückliche Individuen, die am Leben gescheitert waren, ohne Arbeit und obdachlos, oft alkoholkrank oder drogenabhängig. Diesen Menschen wollte er nun helfen. Er bestückte diesmal zehn schlichte weiße Briefumschläge mit je zehntausend Euro und klebte sie zu. Am darauffolgenden Samstag fuhr er in die Stadt und bummelte durch die Fußgängerzone. Bald fand er geeignete Kandidaten für seine Spenden: ein Straßenmusikant, der auf seiner Gitarre mehr schlecht als recht Evergreens klimperte, zwei tätowierte, mit etlichen Piercings versehene Jugendliche, die die Welt um sich herum kaum wahrzunehmen schienen in ihrem offensichtlichen Drogenrausch, ein Straßenmaler, der ein dem Original nur wenig ähnelndes, überdimensionales Bild der Mona Lisa auf das Pflaster malte, ein bärtiger Alter mit Hut, dessen struppiger Hund mit misstrauischen Augen die Hand, die den weißen Umschlag in den Pappbecher drückte, beäugte.
Es dauerte nicht lange, da war Herr Olschewski seine Briefumschläge los. Den letzten drückte er einer Frau mit olivfarbener Haut und langem schwarzen Haar, das mit zahlreichen grauen Fäden durchsetzt war, in die offen dar gehaltene Hand. In ein großes Tuch gehüllt, kauerte die Bettlerin neben einem Stoffbündel auf einer Decke, die Augen niedergeschlagen. Eine Ausländerin offenbar. Als sie den Briefumschlag bemerkte, schaute sie kurz auf, und Herr Olschewski fing einen Blick aus ihren schwarzen, unendlich traurigen Augen auf. Schnell ging er weiter.

Als er nach Hause fuhr, überlegte er, was diese Menschen jetzt mit dem Geld wohl anfangen würden. Er machte sich keine Illusionen darüber. Sicher würde ein Teil des Geldes in Alkohol oder Drogen umgesetzt werden, aber vielleicht würde es dem einen oder anderen helfen, aus seiner prekären Situation herauszufinden. Das jedenfalls hoffte Herr Olschewski. Besonders der Frau mit den traurigen Augen wünschte er, dass die Zehntausend sie in den Stand setzen würden, sich aus ihrer Notlage zu befreien. So konnte sie sich etwa mit dem Geld in ein Hotel einmieten für einige Zeit, von dort aus in Ruhe eine Wohnung suchen und sich beim Arbeitsamt um eine Stelle bemühen, stellte Herr Olschewski sich vor. Wenn sie illegal hier war, würde sie vielleicht eine Fahrkarte nach Hause kaufen und mit dem übrigen Geld dort eine Existenz aufbauen. So hoffte er.

Herr Olschewski beschloss, die Spendenaktion zu wiederholen.
Vierzehn Tage später machte er sich also wieder auf den Weg in die Stadt, mit weiteren gleichermaßen bestückten zehn Kuverts in der Tasche. Diesmal begann er mit der Verteilung am Bahnhof, wo es keinen Mangel an Kandidaten für seine Spenden gab. Als er schließlich mit nur noch einem Umschlag durch die Fußgängerzone ging, sah er zu seinem Erstaunen an dem gleichen Platz wie beim letzten Mal die Frau mit den traurigen Augen sitzen. Damit hatte er nicht gerechnet. Wieso musste sie immer noch hier sitzen und betteln? Was hatte sie mit dem Geld angefangen? Neugierig näherte er sich der Frau und blieb vor ihr stehen. Sie schaute nicht zu ihm hoch, sondern hielt nur ihre leere Hand ausgestreckt. Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm das Kuvert aus der Tasche und zeigte es ihr.
„Guten Tag“, grüßte er höflich. „Entschuldigen Sie, aber ich bin derjenige, der Ihnen vor zwei Wochen solch einen Umschlag gegeben hat. Erinnern Sie sich?“
Die Frau zog ihre Hand erschrocken zurück und sah ihn scheu an. In ihren schwarzen Augen stand Unverständnis. Ängstlich blickte sie um sich und machte Anstalten aufzustehen.
„Keine Angst“, versuchte Herr Olschewski sie zu beruhigen, „ich tue Ihnen nichts.“ Er lächelte sie freundlich an und ging neben ihr in die Hocke, ohne sich um die erstaunten Blicke der vorbei eilenden Passanten zu kümmern. Misstrauisch rückte sie von ihm ab.
„Ich nichts getan, bitte! Nicht verhaften!“, stammelte sie. Offensichtlich verstand sie kaum Deutsch und glaubte, er wäre von der Polizei.
„Nein, nein, ich bin nicht die Polizei. Keine Angst! Ich habe Ihnen solch einen Umschlag gegeben, schauen Sie!“ Er zeigte ihr den Briefumschlag mit dem Geld. Ein Zeichen des Erkennens zeigte sich in ihren Augen.
Sie schien ihn zu verstehen. Auf ihrem dunklen Gesicht erschien ein zaghaftes Lächeln. Sie wies mit einer schüchternen Geste auf ihn. „Du ... mir geben Geld?“
„Ja“, bestätigte Herr Olschewski nickend. Unversehens griff sie nach seiner Hand und küsste sie. „Dank“, stammelte sie ein ums andere Mal, „Dank für vieles Geld. Du mir helfen. Du guter Mann!“
„Aber warum sind Sie immer noch hier und betteln?“, fragte er, wobei er versuchte, mit entsprechenden Gesten die Bedeutung seiner Worte zu veranschaulichen. „Warum nicht zu Hause? Heimat?“
Offenbar hatte sie nur das Wort „Heimat“ verstanden.
„Heimat Rumänien. Bukarest“, sagte sie. Dann zog sie aus einer Tasche ihrer Jacke ein zerknittertes Foto hervor und hielt es Herrn Olschewski hin. „Familie, Söhne, Töchter. Keine Arbeit, kein Haus. Viel Not. Hunger.“
Herr Olschewski betrachtete das Foto. Es zeigte zwei junge Paare mit einer Reihe von Kindern jeden Alters. Offenbar Roma. Im Hintergrund eine Ansammlung elender Hütten vor einer riesigen Müllhalde.
„Du mir geben Geld, ich schicken Heimat. Familie jetzt Wohnung, vielleicht bald Arbeit. Dann ich fahren Bukarest.“ Wieder griff sie nach seiner Hand, um sie zu küssen, was Herr Olschewski verhinderte, indem er sich erhob. Er hatte verstanden, dass sie illegal nach Deutschland gekommen war, um für ihre Familie Geld zu erbetteln. Wahrscheinlich schlief sie auf der Straße oder in einem Obdachlosenheim, gönnte sich selbst nichts, damit sie jeden erbettelten Euro nach Hause schicken konnte, wo er ein Vielfaches dessen wert war, was er hier bedeutete. Herr Olschewski nahm den letzten seiner zehn Geldumschläge und drückte ihn der Frau in die Hand. „Du nehmen Geld und gehen Bahnhof“, sagte er, während er in die entsprechende Richtung deutete. Unwillkürlich hatte er seine Sprache ihrem gebrochenen Deutsch angepasst. „Du fahren nach Hause, Bukarest. Zur Familie.“ Er deutete auf die Fotografie, die die Frau immer noch in der Hand hielt. „Du kaufen Haus, alle finden Arbeit, alles ist gut.“ Die Frau nickte eifrig und lächelte dankbar, ein Lächeln, das das Herz des Herrn Olschewski erwärmte. Er half der Frau beim Aufstehen, sah zu, wie sie ihre Decke zusammenrollte und in ihrem Bündel verstaute, ihm noch einmal zunickte und sich auf den Weg Richtung Bahnhof machte.
Zufrieden sah er ihr eine Weile nach, dann machte er sich auf den Heimweg. Er drehte sich nicht noch einmal um, sonst hätte er gesehen, wie in einiger Entfernung zwei Männer auf die Frau zugingen, schwarzhaarig, mit olivfarbener Haut, ihr den Umschlag mit dem Geld abnahmen und verschwanden. Die Frau breitete an einer geschützten Ecke neben einem Hauseingang wieder ihre Decke aus, ließ sich darauf nieder und streckte die Hand zum Betteln aus.

Natürlich blieb Herr Olschewski auf seinen großherzigen Spendentouren nicht unbemerkt. Wie ein Lauffeuer hatte sich im Milieu die Kunde herumgesprochen, dass ein offenbar verrückter Alter in der Gegend herumlief und Geld verteilte. Und nicht nur ein paar lausige Euro, sondern richtig große Summen! Tausende! So kam es, dass Herr Olschewski, als er nach zwei Wochen wiederum mit zehn prall gefüllte Umschlägen in seinen Manteltaschen durch die Straßen ging und gerade einer jungen Geigerin, die herzzerreißend auf ihrer Violine spielte, einen Umschlag in ihren geöffneten Geigenkasten gelegt hatte, plötzlich von zwei Männern links und rechts gepackt und in eine ruhige Seitenstraße gezerrt wurde. Dort nahmen die Verbrecher ihm ohne viel Federlesens alle seine Umschläge ab; sogar das Geld aus seiner Brieftasche nahmen sie mit. Der Größere von ihnen versetzte Herrn Olschewski zum Abschluss einen heftigen Schlag in die Magengrube, so dass er zusammenklappte wie ein Taschenmesser und sich auf das Straßenpflaster übergab.
Der Beamte auf dem Polizeirevier, bei dem er Anzeige wegen räuberischen Überfalls erstattete, konnte kaum glauben, dass er tatsächlich mit hunderttausend Euro in bar in der Gegend herum gelaufen war. „Das ist geradezu sträflicher Leichtsinn“, rügte er Herrn Olschewski, „Sie können von Glück sagen, dass Ihnen nichts Schlimmeres passiert ist. Es sind schon Menschen für weit weniger umgebracht worden.“ Da die beiden Männer eine schwarze Motoradkluft getragen hatten und durch die Helme die Gesichter nicht zu sehen gewesen waren, machte sich Herr Olschewski keine allzu großen Hoffnungen, dass die Räuber gefasst würden und er sein Geld zurück erhalten würde.

Frustriert und unzufrieden fuhr Herr Olschewski nach Hause und bereitete sich zum Trost ein Drei-Gänge-Menü mit frischem Gemüse aus seinem Garten zu. Noch immer hatte sich sein Vermögen kaum verringert. Es muss doch möglich sein, mit dem Geld etwas Gutes und für seine Mitmenschen Hilfreiches anzufangen, dachte er. Sollte er es doch einer der großen Organisationen spenden wie „Brot für die Welt“ oder „Miserior?“ Unmerklich schüttelte Herr Olschewski den Kopf. Nein, irgendwie behagte es ihm nicht, dass sein Vermögen in einen großen, anonymen Topf einging und er nicht wusste, was genau damit geschah und welchen Menschen es zugute kam.

Seine Patenkinder fielen ihm ein. Wie schön es war, ihr Leben zu verfolgen, sie größer werden zusehen unter der Obhut der Hilfsorganisation vor Ort. Besonders, da er keine eigenen Kinder besaß. Plötzlich hatte er eine Idee. Wenn er nun nicht nur drei, sondern, sagen wir, hundert Kinder unterstützen würde? Mit monatlich, sagen wir, hundert Euro? Das wären zehntausend Euro im Monat. Wenn er von seinem Kapital jährlich 120 000.- € verbrauchen würde, könnte er zwanzig Jahre lang Gutes tun! Dann würde er 87 Jahre alt sein, so Gott wollte, und könnte sich getrost zur Ruhe setzen.
Herr Olschewski war Feuer und Flamme für seine Idee. Er blätterte die Broschüre der Hilfsorganisation durch und überlegte, in welchen Ländern der Welt er Patenkinder haben wollte. Er würde sich vor allem für Mädchen stark machen, denn Mädchen waren oft besonders benachteiligt. Schon jetzt fing er an, sich auf die vielen Briefe zu freuen, die er aus aller Welt erhalten würde.Er fand die Nummer der Hilfsorganisation und unterbreitete der überraschten Mitarbeiterin sein Vorhaben. Sie versprach ihm die nötigen Unterlagen zuzuschicken und bedankte sich überschwänglich für seine Großzügigkeit.

Herr Olschewski lehnte sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und lächelte vor sich hin. Er war wieder ein zufriedener Mann.
 
A

aligaga

Gast
Wer Spoerls „Feuerzangenbowle“ als Film gesehen hat oder gar das Büchlein gelesen haben sollte, kennt den Typ Lehrer, der uns von @Hyazinthe hier vorgestellt wird: Weltfremde, in Lebensunwirklichkeiten herumtapernde, zutiefst humorlose Typen, die ohne „Wirtschafterin“ an der Seite früh vergreisen und vom analogen Leben nur wenig Ahnung haben. Nicht zuletzt deshalb eignen sie sich so trefflich als Zielscheibe für allerlei Späße des Jungvolkes. Spoerl, der das Bücherl in seiner Zeit gut verkaufte, hatte im Vorwort vorausgestellt, die Geschichte sei ein „Loblied auf die Schule“, was diese aber freilich nicht merken würde.

„Herr Olschewski“ ist ein solcher Hagestolz, und wie lebensfremd er ist, wird deutlich, als er der Versicherung eines „Finanzberaters“ glauben schenkt, mit knapp zweieinhalb Millionen Mäusen ließe sich finanztechnisch nicht mehr anstellen als eine Monatsrendite von „ein paar hundert Euro“. Du liebes Lieschen!

Wie gefährlich es ist, seiner Eitelkeit zu frönen und offen den wohltätigen Geldbriefträger zu geben, muss er erst lernen – natürlich fällt man da sofort unter die Ri-Ra-Roiber. Kriegt man das nicht schon im Kindergarten und in der Volksschule beigebogen?

Anyway – statt die Kohle vernünftig anzulegen und sie – z. B. über eine Stiftung – nutzbar zu machen, fällt der Tropf am Ende auf die weitverbreitete „Patenonkel“-Nummer herein, wo geschickte Geschäftemacher den Omis und Opis mit fingierten Fotos und „Dankesbriefen“ die Rente oder ihr Vermögen aus der Tasche ziehen.

@Ali bestreitet nicht, dass es Typen wie den uns vorgestellten gibt und dass auch gerade erst pensionierte Oberstudienräte nicht imstande sein könnten, Lottogewinne zielgerichtet zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen.

Aber wo wäre der Witz in dieser „Geschichte“? Es findet sich weder ein satirischer noch ein wirklich moralischer Ansatz in dem Text. Es ist eine dürre Schilderung, wie man sein Geld besser nicht vertut. Am Ende fragt man sich, ob nur der Protagonist an das glaubt, was er da macht, oder ob ihm die Autorin dabei ebenso ernsthaft behilflich ist, wie sie das ganze, bräsige Stückerl abgefasst hat.

TTip, @Hyazinthe: Eine Pointe erfinden und etwas gegen die völlige Humorfreiheit des Oberlehrers unternehmen. Oder ein Verbrechen geschehen lassen, egal auf welcher Seite – wenn schon nicht lustig, dann tragisch! Entweder den Leerer oder eins seiner „Patenkinder“ an finanzieller Blutvergiftung sterben lassen.

Dann wird’s vielleicht noch!

Heiterer Gruß

aligaga
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo aligaga!

Ich finde, die Geschichte braucht keine Pointe in Form irgendeines spektakulären Ereignisses. Das Verhalten des Herrn Olschewskis und die Reaktionen, die er damit hervorruft, sprechen für sich.
In einem hast du Recht: Ich sympathisiere mit meinem Protagonisten. Ein rechtschaffener, bescheidener Mensch, der versucht, seinen Mitmenschen Gutes zu tun. Nicht aus Eitelkeit (denn er erwartet kein Lob, da er anonym bleibt), sondern einfach aus schlichter Mitmenschlichkeit. Und der erwartungsgemäß für seine Gutherzigkeit, die (zugegenermaßen etwas naiv anmutet) von seiner Umwelt nur Sptt und Häme erntet (wie auch von dir). Was sagt uns das über unsere Gesellschaft?

Kann man drüber nachdenken, oder?

Gruß, Hyazinthe

PS Die Paten-Hilfsorganisationen (z. B. PLAN) genießen übrigens einen sehr guten Ruf, so dass man hoffen kann, dass die Millionen des Herrn Olschewski doch einen guten Zweck erfüllen
 
A

aligaga

Gast
Was der Autor selbst an seinen Geschichten findet, @Hyazinthe, ist für den Leser unerheblich. Wíchtig ist, was der Rezipient von einem Text hält.

Hier findet er, wie bereits angemerkt, außer gähnender Langeweile und bräsiger Weltfremdheit nichts, was ihn zum Lesen dieses langen Stückes verlockte. Er überfliegt es bestenfalls, sieht am Ende auf die Uhr und gähnt. Ich wiederhole: es fehlt jede Spannung und, vor allem, eine Pointe.

Ausländische Kinderpatenschaften sind eine höchst umstrittene Spendenform; in der Schweiz ist sie z. B. gar nicht zugelassen.

Gruß

aligaga
 

Wipfel

Mitglied
hi Hyazithe.

[strike]Herr Olschewski war ein zufriedener Mann. Für seine siebenundsechzig Jahre erfreute er sich einer soliden Gesundheit, wozu seine Leidenschaft für ausgedehnte Wanderungen durch die schönen Landschaften Deutschlands ihren Teil beitrug, ebenso wie seine gesunde Lebensweise mit wenig Alkohol und mäßigem Essen. Zigaretten oder sonstige Drogen hatte Herr Olschewski in seinem ganzen Leben nicht angerührt. Zu seinem erfreulichen Zustand trug zudem sein ausgeglichenes, geradezu optimistisches Wesen bei, das es ihm unmöglich machte, sich lange über was auch immer zu ärgern oder zu grämen.

Seit seiner Pensionierung verfügte Herr Olschewski zudem über viel freie Zeit, die er mit Reisen in alle Welt verbrachte. Als ehemaliger Geografie - und Geschichtslehrer interessierten ihn dabei besonders die außergewöhnlichen Gegenden des Erdballs, etwa der grand canyon oder die Taiga oder die Sahara. Aber wohin er auch reiste: Überall gab es neben ihm noch viele weitere Touristen, so dass er sich auf seinen einsamen Wanderungen in der Heimat von den vielen Menschen erholen musste.[/strike]

Nicht, dass Herr Olschewski etwas gegen Menschen hatte; im Gegenteil:
Ich weiß gar nicht, wo ich mit Streichen Anfangen würde. Langweilig. Warum? Weil dieser Olschewski langweilig ist. Dreh doch den Spieß um und lass ihn von seinem vielen Geld Killer anheuern, die diese Elemente aus dem Stadtbild entfernen... Das wäre nicht nett, aber interessant.

Herr Olschewski hatte etwas gegen Menschen:
Hier wäre ich geneigt interessiert weiter zu lesen...

Grüße von wipfel
 
A

aligaga

Gast
Wie verhasst der "brave Bürger" der Gesellschaft wirklich ist und wie sehr man ihm gönnt, zu stolpern und in die Wagenschmiere zu fallen, erfahren wir nicht nur bei Moliere, bei Goethen, Heinrich Mann oder im Kasperletheater, sondern vornehmlich beim neuerdings nicht unumstrittenen Wilhelm Busch, dem der biedere Spießer immer schon Zielscheibe war.

Ein schönes Beispiel hierzu ist der "brave Malermeister Quast", ein Gutmensch reinsten Wassers, der seinen Lehrling sekkiert und mit den Worten "Sei mir willkommen, süßer Schlaf, ich bin zufrieden, weil ich brav" ein letztes Mal selbstgerecht unter's prall gestopfte Plumeau kriecht - dann übernimmt Kuno Klecksel das Kommando, und aus ist's mit der Langeweile*.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, Hyazinthe! @Ali möchte sie dir wärmstens empfehlen. Überhaupt - WB ist ein Steinbruch für jeden Gesellschaftskritiker!

Gruß

aligaga


*Wilhelm Busch, Maler Klecksel (1884), Drittes Kapitel
 

FrankK

Mitglied
Manche Text, liebe Hyazinthe, sind einem in der Tat eine Herzensangelegenheit. Es ist schade, dass man die meisten Leser damit nicht erreicht.
Der Leser möchte unterhalten werden.
Oder von seiner eigenen Tristesse abgelenkt.

Ich muss Wipfel recht geben, so vieles aus dem ersten Drittel sollte gestrichen werden, so einiges im zweiten Drittel könnte gekürzt werden.

Ich würde die Geschichte beim Lottogewinn starten. Ein paar wichtige Grundelemente in einer Rückblende erzählen. Herrn Olschewski etwas persönlicher werden lassen - nicht immer mit diesem relativ sperrigen Namen hantieren. Ein kurzer Name - Benno vielleicht - erzeugt eher Sympathien.

Nur fehlt noch irgendetwas - der Höhepunkt, das Highlight.
Er hat gute Beziehungen zu seinen Patenkindern?
Eine überraschende Einladung käme vielleicht dazu. Eine Einladung, die ihn direkt dorthin führt, wo er "gutes bewirken" konnte.
Statt nur zu spenden, könnte er auch anfangen, aktiv bei diesen Organisationen mitzuarbeiten.

Nur ... auch dies bietet leider nicht all zu viel Stoff für eine wirklich spannende bzw. unterhaltsame Geschichte.
Es sei denn - er würde aktiv gegen die windigen Geschäftemacher in diesem Gewerbe vorgehen. Dann könnte daraus fast ein Krimi werden.
Aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

Oder ganz was anderes ...
Dieses Stück umschreiben in die Ich-Form und im Tagebuch platzieren. Das würde ich Dir aber nicht zumuten wollen.
Obgleich es auch im Tagebuch eine Leserschaft gibt.


Bedauerliches Fazit:
In dieser Form und an dieser Stelle funktioniert das Stück leider nicht.


Aufmunternd und herzlich grüßend
Frank
 

Hyazinthe

Mitglied
Danke, wipfel, dass du nicht gleich den ganzen Text gestrichen hast! :)
Danke, aligaga, für die freundliche Belehrung! :)

Hallo Frank!

Erstaunlich, um Wievieles leichter es einem fällt, Kritik anzunehmen, wenn sie in einem freundlichen, wohlmeinenden Ton daherkommt!
Ich werde also den Text als Übung ansehen und versuchen ihn zu verbessern, oder als Gerüst für eine weitergehende Erzählung verwenden, oder aber, ich lasse ihn einfach so stehen, wie er ist.
Dir jedenfalls vielen Dank für die aufbauende, sachliche Kommentierung, lieber Frank!

Gruß, Hyazinthe
 

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