Höllen-Sonett (redigierte Fassung)

James Blond

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[...]
Es gibt immer mehrere Betrachtungsweisen. Die eine ist die historische, und da hast Du natürlich recht, es ist auch offensichtlich.
Die andere ist die "gegenwärtige", ich betrachte beide Werke in ihrer gegenwärtigen Wirkung auf mich, nicht im historischen Zusammenhang.
Lieber Bernd,

natürlich kannst du die beiden Werke auch außerhalb ihres historischen Kontextes betrachten oder beurteilen. Dennoch "illustrieren" sie sich selbst dann nicht. Illustrieren bedeutet hauptsächlich, etwas zu veranschaulichen, etwas zu verdeutlichen. Das ist hier aber nicht gegeben, denn der Text rückt das Foto in einen anderen Bedeutungszusammenhang; er erläutert es nicht, sondern definiert es um, indem er seinen gekünstelten Charakter bloßstellt.

Eine Illustration wäre es, wenn der Text versuchen würde, die angestrebte Bildaussage in Worte zu fassen.

Nebenbei: Das Modell scheint mir alles andere als verwunschen zu blicken, eher um einen schmachtenden, sehnsüchtigen Blick bemüht, der allerdings nicht gelingt, es bleibt nur der bemühte Ausdruck. Im Familienmagazin der Gartenlaube wäre das Foto nie erschienen.

Grüße
JB
 
Ich freue mich übers rege Spekulieren. Ich wills mal so sagen: Da hab ich mir die Dame länger angeguckt, dann war da eine kleine Geschichte, und ob ich nun illustriert oder bloßgestellt habe, ich weiß es nicht mehr, bei der nächsten Dame pass ich besser auf. Ich danke für die Diskussion, ganz erhlich: Ich habe etwas dazugelernt.
Gruß JF
 

James Blond

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Nicht, dass mir die verdichteten Bilder missfielen, aber mal Hand aufs Herz, Little Joe:

Bei welcher deiner bisherigen Damen hattest du denn frei von Spott spekuliert?

Klar, solche Fotos reizen zu Satire, ihre beabsichtigte Wirkung fiel längst dem Staub eines Jahrhunderts anheim. Und das Befremden nährt die Lust am Spott. Ob es auch anders ginge? Das käme auf einen Versuch an ...

Gruß
JB
 
Ob es auch anders ginge (die Damen in ihr Schicksal eingewoben "ernst" nehmend") – ob das geht, habe ich bisher nicht ausprobiert. Ich bin von Hause aus kein Biograf von leichten Damen der Vergangenheit, und ohne einen Happen Ironie kann ich bei diesem Thema ohnehin nicht. Die Antwort also: Bei keiner der Damen, Big JB.
 

James Blond

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Nun ja,
deine Antwort überrascht nicht. Das Spotten scheint dir gut zu liegen, vermutlich hast du auch nicht ganz ohne Hintergedanken zur bildlichen Selbstdarstellung das Blechkondom gewählt ... ;)

Ich frage mich allerdings zuweilen, ob der permanente Einsatz von Ironie nicht auch dem Bemühen geschuldet ist, der eigenen Lächerlichkeit zu entgehen: Wer sich distanziert, ist dann nicht mehr angreifbar. Und da fällt mir wiederum Heine ein, der Bekenntnis und kritische Distanz in seinen Gedichten zu vereinen verstand - er überwand nicht nur die Romantik, er liebte sie auch und wo er spottete, da verspottete er auch sich selbst.

Gruß
JB
 
Wie meistens, JB,
ich kann dir nicht widersprechen. Und da kommst du auch noch mit Heine. Es gibt von ihm unzählige Portraits, allerdings keine einzige Fotografie (obwohl es sie hätte geben können, Nadar war schon gut im Geschäft). Auf keinem der gemalten Portraits – so urteilten seine Zeitgenossen – habe er sich ähnlich gesehen. Ein Mensch hinter Masken. Nicht greifbar. Prädestiniert für den Spott: sich selbst gegenüber und den andern gegenüber. Was er zu verbergen hatte, war eine verletzliche Seele, um die, aus seiner Sicht, kein Mensch sich zu scheren hatte. Geliebt habe er, hat er irgendwo geschrieben, nur Statuen. Ich setze hinzu: Und die dicke Mathilde. Die wollte ihm nicht in die Seele gucken, darum konnte sie ihm nicht gefährlich werden. Und damit bin ich bei der von dir ins Spiel gebrachten "kritischen Distanz" – die, da gebe ich dir recht, hat Heines Größe ausgemacht, und er wusste das. Seine Größe und sein Unglück. Mit dieser kritischen Distanz war er den Zeitgenossen fremd und überlegen. Seiner Natur nach – so sehe ich das – war er ein begnadeter Schauspieler. In seinem Leben und seinem Sterben. Als an seinem Sterbebett die Mouche auftauchte, hat er im letzten Augenblick seines Lebens noch einmal die Rolle des Jünglings spielen können. Seine Paraderolle – auch im Alter. Wäre er in Hollywood aufgewachsen, hätte er sich unentwegt scheiden lassen. Müssen. Du hast es auf den Punkt gebracht, JB: Bekenntnis und kritische Distanz haben seine Größe ausgemacht. Und beides im lebenslangen Wechsel hinter Masken. Immer hinter Masken. Vermutlich hat er sogar dem lieben Gott, an den er nicht glaubte, den er als Partner aber brauchte, etwas vorgespielt. Ich wüsste gern, wie der (an den ich auch nicht glaube) Heines Theater aufgenommen hat.
Gruß JF
 

James Blond

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In der Tat, lieber Joe,
ist Heine schwer zu fassen. Der Ungeliebte entzog sich in die Rolle des Spötters, Emigration und Siechtum als Etappen seiner Reise. Doch spürt man in fast jedem seiner Worte auch das brennende Herz, die Verletztheit des Abgelehnten. Ein Patriot ohne Vaterland.

Hier wird wohl auch der Grund liegen, warum sich die Deutschen mit der Gestaltung seiner Denkmäler zu schwer tun, eines hässlicher als das andere. Ein ganz besonders misslungenes Exemplar steht derzeit auf dem Hamburger Rathausmarkt, als Wiedergutmachung für das von den Nazis 1933 eingeschmolzene Lederer-Denkmal aus dem Stadtpark, das ich einmal an seinen ursprünglich geplanten Ort in Alsternähe zurück gedichtet habe:

Tauwetter

Noch schneebedeckt des Dichters Haupt,
zu Füßen eine Vase,
so steht er regungslos im Park,
ein Tropfen an der Nase.

Es friert ihn nicht, er blickt nach vorn
und sinnt auf klare Worte,
noch immer treibt es ihn im Zorn
vom angestammten Orte.

Die Blumen hat der Frost geholt,
nun taut ringsum das Märchen
vom Winter, dem das Land erfor,
im Nadelsaum der Lärchen.


Grüße
JB
 

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