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Isbahan

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Schon wieder einer dieser glutheißen Sommertage, die unzumutbar schön sind. Mein Leben könnte wunderbar sein – wenn nicht Sommer wäre.
Meine Bikinis müssen den Winter über im Schrank eingelaufen sein. Bevor ich mich im Freibad sehen lassen kann, muss ich erst einschlägige Ware für vollreife Badenixen shoppen. Also verbringe ich gefühlte Stunden im stickigen Formaldehyd-Mief eines Kaufhauses und wische in der Bademoden-Abteilung unengagiert Bügel für Bügel an den Stangen zur Seite, an denen der heißeste Shit der Saison hängt: Trendige Bikinis, hippe Zweiteiler, modische Baderöcke, hautenge Badeshirts, alles … bis Größe 36. Wer keine superschlanke Gazelle im Teenageralter mehr ist, dem bleiben nur noch Burkinis und Einmannzelte in XXL, in dezentem Hornhautbeige oder keckem Krampfaderbleu.

Erhitzt und schwer atmend quetsche ich mich in eine der Umkleiden in Sarggröße, wo mir eine überengagierte Verkäuferin einen Baumwoll - Lappen durch den Vorhang reicht, den sie als „dunkelblauen Badeblazer“ bezeichnet: „Der passt mega zu dem hellblauen Vintage – Badekleid aus den Fifties mit den weißen Polkadots! Schlüpfen Sie ruhig mal rein!“, gurrt sie vor meiner Kabine. Als ich verschämt den Vorhang lüpfe, windet sie mir final noch ein schmales Kopftuch um die verschwitzte Frisur, das sie Trümmerfrauen-Look kess am Oberkopf zusammenknotet. Jetzt sehe ich aus wie eine Mischung aus Witwe Bolte und Burlesk-Tänzerin.
Ich seufze schwer und kann mich einfach nicht daran gewöhnen: Dass die Zeiten vorbei sind, als ich noch nackt und mit wehendem Haupt- und Schamhaarschmuck durch die Dünen ans Meer gehüpft bin …
Schließlich kaufe ich einen schlichten, damenhaften Einteiler – zum Preis eines Campingzeltes für vier Personen. Und alles nur, damit ich nicht wie ein Grottenolm in der abgedunkelten Wohnung hocken muss. Meine Freibad – Saison ist somit eröffnet!



Schon der Weg durch die mittägliche Sonnenglast bringt mich an meine Leistungsgrenze. Obwohl meine prall gefüllte Badetasche nur das Nötigste enthält: Drei Bade-Garnituren zum Wechseln, ein Paleo, Badeschuhe, zwei Handtücher, ein Strandtuch, Sonnenbrille, Lesebrille, Sonnencreme, After Sun Balsam, Kulturtasche mit Reiseföhn, Duschgel, Shampoo, Spülung, Haarbürste, zwei Packungen Taschentücher, ein Taschenbuch, eine Thermoskanne Kaffee, eine Literflasche Apfelschorle, eine Tupperdose mit geschmierten Stullen, ein Apfel, eine Packung Schoko - Kekse … mehr brauche ich nicht, um im Freibad glücklich zu sein.
Bereits auf der Hälfte des Weges gebe ich das traurige Bild eines verschwitzten, schnaufenden Geschöpfes ab, das sich in ausgelatschten Schandalen - die einzigen Schuhe, in denen ich mit angeschwollenen, feuchten Füßen keine Blasen bekomme – und Stoffhosen über den flimmernden Asphalt schleppt. Ich bin vermutlich das einzige weibliche Wesen auf Mittelerde, das bei Vierzig Grad Hitze keine luftigen Sommerkleidchen oder Röckchen tragen kann. Weil sich die Innenseiten meiner Oberschenkel beim Gehen gerne Hallo sagen. Was bei Hitze jene Reibung erzeugt, die der Volksmund gerne mit „sich den Wolf laufen“ umschreibt.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich kein Sommertyp bin?

Sobald ich dem Erstickungstod in der Umkleidekabine des Freibades entronnen bin, hocke ich, wie jedes Jahr zu Saisonbeginn, erst mal mit total verblüfftem Schamgefühl auf der grünen Wiese und weiß nicht, wo ich hingucken soll. Fremde Arschbacken drängen sich mir in Riech- und Greifweite zur Ansicht auf. Den meisten Menschen steht Nacktheit nicht gut zu Gesicht. Ganze Romane könnte ich schreiben über männliches Elend in Badehosen … Mit steigenden Temperaturen nehmen die Probleme, die ich schon an kühleren Tagen mit manchem Silberrücken habe, überproportional zu. Frustriert konstatiere ich, dass mit Männern meines Alters selbst harmloseste Schwimmbadflirts nicht mal mehr denkbar sind. Wenn ich betagten Herren in ihren let-him-swing-Schlotterbuxen dabei zusehe, wie sie mimosenhaft ihre weißbehaarten Altmännerbeine ins Wasser tunken, schießt bei mir der Pflege-Instinkt durch.
Der Anblick manch jüngeren Semesters ist auch nicht unbedingt erfreulicher.
Während ich vor dem Kiosk sitze und mein Eis schlecke, umhüllt vom Lärm kreischender Kinder auf der Wasserrutsche, umgibt mich das Odeur, das Sonnenmilch auf schwitzenden Körpern hinterlässt und der Chlorgeruch des Wassers, dazu ein Hauch ranzigen Frittenbratfettes, das die Bude hinter mir verströmt. Mir direkt gegenüber fläzt ein Muckibuden - Pumper mit Migrationshintergrund in Orang-Utan-Pose und weit geöffneten Schenkeln, als ihm von hinten ein Kumpel auf die Schulter klopft:
„Ey, was geht ab, Bruda: Eia schaukeln im Schwimmbad, wa?“
„Jap Alta. Hab` noch krassen Kata, wegen gestan.“
„Jo, Man. Hast du die Bitch gefickt? Hast du, Alta?“
„Hör`auf, Bro. Das Miststück hat mich da in was reingezogen …“
„Muschi. Hö, hö. “
„What?“
„Heißt Muschi, in was die dich reingezogen hat, Alta! Wuharrr, harrr ...“

Ich suche hastig das Weite - und Abkühlung. Meinen erhitzten Körper lasse ich langsam im Schwimmerbecken zu Wasser und muss sogleich einige Ausweichmanöver starten, um mittelalten, schwimmenden Treibminen mit Badekappen auszuweichen, die nebeneinander im Wasser dümpeln, um neuesten Kleinstadttratsch auszutauschen.
Direkt neben mir springt ein älterer, glatzköpfiger Beau mit einer Angeberarschbombe vom Seitenrand. Vor mir schießt das Wasser auf wie eine Unterwassergranate, kurz darauf taucht der Typ direkt vor mir auf und prustet mir seinen Rotz ins Gesicht. Ich wünsche ihn an einen fernen Planeten, während ich Chlorwasser huste.
Auf der nächsten Bahn kommt mir dieser glatzköpfige Athlet, rücklings auf dem Wasser kraulend, den mächtigen Wanst gen Himmel gereckt, wieder entgegen. Kurz bevor mir sein Arm ins Gesicht knallt, dreht er sich um. Ich erstarre. Obwohl dieser Mann nur noch die homöopathische Mischung dessen darstellt, was ich vor Äonen für den hottesten Typen ever gehalten habe, erinnert mich sein angeberischer, raumgreifender Schwimmstil und dieser selbstgefällige Blick an jemanden: Bodo Münstermann.

Es war Anfang der Siebziger. Den „all you can fuck“ Siebzigern, als ich im Schwimmbad meinen ersten „richtigen“ Bikini zur Schau getragen habe: Einen rosa Traum mit Push-up Körbchen, aus denen hoch aufgerichtet meine gerade erblühten Brüste keck in die Welt lugten.
Das war auch Bodo, dem Sohn des Bademeisters, der Nachmittags das Kioskgeschäft betrieb, nicht entgangen. Wir Schulmädchen schmachteten ihn an und hielten ihn für den Coolsten, stand er doch an der Quelle sämtlicher Leckereien, für die unser schmales Taschengeld nie reichte. Während Bodo flink Coca-Cola- Flaschen öffnete, gemischte Süßigkeitentüten mit Nappos, Salinos, Gummischlangen und Lakritzschnecken befüllte und Eis aus der Gefriertruhe fischte, glitt unser begehrlicher Blick über seinen halb nackten, eingeölten Jungmänner-Körper und blieb zuweilen an seiner knappen Badehose mit dem DLRG – Abzeichen hängen. Durch regelmäßiges Schwimmtraining war er durchtrainiert und seine Muskeln gut definiert - kurzum, Bodo stellte den Marc Spitz im Freibad-Olymp meiner Teenagerzeit dar.
Doch ihn schienen all die schönen Bikini-Mädchen, die fast nackt vor ihm schauliefen, nicht sonderlich zu interessieren. Mit dem blasierten Blick eines Jungen, dessen Vater unumstrittener Platzhirsch auf dem Gelände war, zeigte jede Geste von ihm gelangweilte Arroganz: Mein Revier – hier kann ich jede haben!
Als ich in meinem brandneuen rosa Bikini in der Schlange vor dem Kiosk stand, taxierte Bodos prüfender Blick mein Dekolleté, während ich verlegen meine Bestellung aufgab. Wie nebenbei fragte er mich:
„Wie heißt du?“
„Ich? Äh … Gesine.“
Seine Mundwinkel inszenierten so etwas wie ein Lächeln, doch seine Augen blieben ausdruckslos, als er mir das Wechselgeld reichte und dabei fünf Sekunden meine Hand festhielt.
„Schon was vor, heute Abend?“
Ich war fünfzehn. In meinem Alter saß man abends am elterlichen Abendbrottisch. Oder vor dem Fernseher. Ich schüttelte stumm den Kopf und fühlte mich hin- und hergerissen zwischen Jauchzen und furchtsamen Zurückweichen. Bodo war in der Schule nicht die hellste Leuchte am Kronleuchter gewesen und ein Bad Boy, das wusste ich. Doch genau das machte die Faszination aus: Nie zuvor hatte mich ein älterer Junge so angesehen: Lauernd, wie ein Tiger aus der Deckung eine junge Gazelle beim Äsen beobachtet ...
„Komm um neunzehn Uhr hier auf die Terrasse, dann habe ich Feierabend!“
„Alles klar, Bodo.“
In kompletter Verwirrung taumelte ich zurück zur Liegewiese, wo meine Freundinnen lagen, um die sensationelle Nachricht mit ihnen zu teilen: Ich hatte mein erstes, richtiges Date – mit Bodo, dem hotesten Typen ever!
Zuhause habe ich gefühlte Stunden in meinem Zimmer vor dem Spiegel verbracht und sämtliche Sommerkleider durchprobiert, mich sorgfältig geschminkt und dreist meine Mutter belogen, dass mich eine Schulfreundin spontan in die Eisdiele eingeladen hätte.
Als ich dann viel zu früh am Freibad war, musste ich noch drei heimliche Runden mit dem Fahrrad drehen, bevor ich, pünktlich um neunzehn Uhr, auf der Außenterrasse des Schwimmbads Platz nehmen konnte. Bodo war nirgends zu sehen. Aufgeregt bestellte ich eine Cola – doch im Kiosk saß nur Bodos Mutter, die müde von ihrer Zeitschrift aufsah. Verunsichert wartete ich und trank meine Cola so langsam es ging. Und sah eine geschlagene Stunde zu, wie sich Schwimmbecken und Liegewiesen allmählich leerten und Bodos Vater die Außenduschen und Steinfliesen am Beckenrand abkärcherte.
Als schließlich das Schwimmbad geschlossen wurde, realisierte ich erst, dass Bodo mich verarscht hatte. Vom lehrreichen Effekt dieser Blamage war keine Spur. Gedemütigt schlich ich mich von der Terrasse und nestelte tränenblind mein Fahrradschloss auf, bevor ich flüchte …


Lautlos gleite ich nun durchs Wasser, diesem Glatzkopf hinterher. Ich muss es wissen, ob das tatsächlich Bodo ist, dieser Schmock! Ich lasse ihn noch zwei, dreimal an mir vorüber kraulen, um ganz sicher zu sein. Meine verdeckten Ermittlungen ergeben: Dieser Herr im besten Mannesalter, der da so selbstgefällig durchs Schwimmerbecken krault, hat bei mir noch eine Rechnung offen ...
Beherzt mache ich meine Schwimmbrille startklar und tauche ab. Wie ein Krokodil, das auf der Lauer liegt …


„Es ist nicht, wonach es aussieht“, versuche ich mich später vor der Menschentraube zu rechtfertigen, die sich am Beckenrand zusammendrängt, um zu sehen, wie sich der Bademeister über einen glatzköpfigen Beau beugt, dem er das Chlorwasser aus der Lunge pumpt, bis es ihm schaumig aus seinem Mund hervorquillt und er nach Luft japst.


„Ich kenne diesen Mann nicht – und dass ich ihm beim Schwimmen ins Gemächt getreten habe, war ein Versehen, ährlich …!“
 
Zuletzt bearbeitet:
Was auch hier auffällt, ist eine gewisse Überfülle von zum großen Teil sehr effektvollen Einfällen und Sprachspielereien. Ich kann nicht alles anführen, was mich beim Lesen amüsiert hat - was denn am meisten? Vielleicht das abtauchende Krokodil? Oder die gepflegte Konversation der Muckibuden-Jungmänner? In dieser Überfülle und dem Talent hierfür liegt natürlich auch eine Gefahr, besser gesagt zwei: fehlende Distanz beim Schreiben und Ermüdung beim Leser. Aber gemach, hier ist davon nichts zu bemerken, die Methode funktioniert reibungslos bis zum Schluss. Dagegen hat mich der Corona-Text nur zu drei Vierteln überzeugt. Falls mein Gefühl für Qualität mich nicht überhaupt insofern täuscht: Woran kann es dann liegen, dass das Ergebnis des gleichen Verfahrens mal vollkommen, mal etwas weniger stark überzeugt? Ich vermute, dass unterschiedliche Themen unterschiedlich gut geeignet sind für dieses stilistische Vorgehen. Ein Badetag ist eben etwas ganz anderes als das Leben mit Corona.

Freundlichen Gruß an Isbahan
Arno Abendschön
 

Isbahan

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Lieber @Arno Abendschön, wenn ich Dich richtig verstehe, war Dir der Corona-Text "too much" - was dran liegen mag, dass es ursprünglich zwei Texte waren, die ich zu einem zusammengefasst habe. Und ich muss gestehen, dass auch ich Zweifel habe, ob meine Absicht, einem so ernsten Thema mit Ironie und Sarkasmus die Stirn zu bieten, wirklich gelungen ist.
Na, ich freue mich, dass Dir mein "Badetag" ein Schmunzeln entlockt hat.
Liebe Grüße und herzlichen Dank für Deinen Kommentar!
 
Hallo Isbahan,

eine liebenswerte Geschichte. Es ist ein bisschen gemein, wie das Schicksal manchmal zuschlägt - und auch zurück ...;)
Ein paar ganz kleine Kleinigkeiten habe ich gefunden (bin halt Perfektionist).

Dass die Zeiten vorbei sind, als ich noch nackt ...
... mittelalten Komma schwimmenden Treibminen ...
... Siebzigern ... Komma als ich im Schwimmbad ...

Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

Isbahan

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Danke @Rainer Zufall, für Deinen Kommentar und Dein perfektionistisches Gespür: Genau dafür bin ich hier.
Ja, das Schicksal ist manchmal eine Bitch - und falls nicht: Kann frau ja etwas nachhelfen ;)
 

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