Hunkelers neunter "Fall"- Ein Krimi vom Feinsten

Rezension zu:

Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.
Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.
Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:
„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.“

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.

Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem "Gspüri". Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.
 
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Dominik Klama

Gast
Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.
Genau. Ich kenne bis jetzt nur das Buch „Hunkeler und die goldene Hand“ (2008). In selbigem versucht Hunkeler nicht allein, seiner Hedwig Laune dafür zu machen, angeblich schon nächstens ein Leben als Hühnerschlachter hinter dieser grünen Grenze zu führen, sondern er unterhält, genau wie der Autor, noch ein weiteres Domizil außerhalb Basels, nämlich auf den Höhen des badischen Schwarzwaldes bei Todtnauberg. Seine Ermittlungen bestehen zu einem großen Teil darin, Ruhe suchend und alleine zwischen diesen drei Punkten, Elsass, Todtnauberg, Basel-Johannquartier, hin und her zu fahren und immer dann, wenn er gerade irgendwo einläuft, springt ihn, die Welt ist voller Zufall, ein Hinweis für den Fall an. Wären diese Hinweise aber nach Münchenstein, Ferette oder Kandern gehupft, sie wären vorbeigehupft am knorrigen Alten.

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt.
Die unter dem Motto „Das Boot ist voll“ (seltsam vertraut klingt’s mit einem Mal) stehende Schweizerische Auslese unter Rettungssuchenden vor Hitlers Zugriff ist in der Schweiz ein heißes Debattenthema der achtziger Jahre gewesen (gleichnamiges Buch von Häsler 1967, gleichnamiger Film von Imhof 1980). Dass die Banken sich damals mit Judengold bereichert hatten, das nie mehr abgeholt werden konnte, darum ging’s Mitte der Neunziger. Die sogenannte Fichenaffäre, als herauskam, dass die Schweizer Staatssicherheit die eigenen inneren Kritiker über Jahrzehnte in Karteien registrierte, lief Anfang der Neunziger. Hansjörg Schneider ist ein wachsamer Schriftsteller, wenn er solche Themen in Krimiform in einem Buch aus dem Jahr 2015 aufgreift. (?)

... gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.
Im siebten Hunkeler-Roman (... und die goldene Hand, 2008) wird ein schwerreicher Galerist, Eigner einer bedeutenden Kunstsammlung (jeder in Basel denkt hier an Ernst Beyeler, der war allerdings verheiratet) während des Entspannens in einem Solebecken erstochen. Als stadtbekannter Schwuler gilt der Mann - obwohl Mäzen -, der mit einem viel Jüngerem, dem eine Strichervergangenheit nachgesagt wird, zusammenlebt, als „halbseiden“. Sofort wird der junge Lebenspartner in Haft genommen von einem Kripochef, der Hunkeler bedeutet, das wären doch so typisch schwule Lotterbuben. Der junge Mann verzweifelt in Haft und bringt sich um. Derweil patrouilliert in der Stadt eine Elitetruppe aus jungen Homosexuellen, mit Kapuzen verhüllt, die aus getreuen Anhängern des Stadtschwulen Numero Uno besteht. Sie bewachen die Galerie des Ermordeten und beschatten den Kommissar. Hunkeler stößt auf einen Ring von Kunstdieben, jagt einem geheimnisvollen Tschechen hinterdrein. Am Ende sind es mehrere Fälle, es gibt die Kunstdiebe und es gab tatsächlich einen Eifersuchtsmord, aber mit einem anderen Täter. Ich würde sagen: Schneider schwankend zwischen den ausgelutschtesten, haltlosen Klischees über Homosexuelle und großzügig aus der Distanz eines Unwissenden gewährter Toleranz des altlinken Grundsatz-Humanisten. Genau so stelle ich mir Hintergründigkeit nämlich auch vor. Genau so geht es in Basel jeden Tag ja zu!

Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.
Genau. Bei „Hunkeler und die goldene Hand“ hatte ich den Eindruck, dass der Autor sich zwei Tage in der Umgebung des Solbads Rheinfelden (bei Basel) umgesehen hatte, wenig verwunderlich, thermale Heilung sei ihm gegönnt, und alles, was ihm dort an Absonderlichkeiten begegnete, einfach in sein Buch packte, so los beschreibend, eine Klammer für das alles werde sich schon noch konstruieren lassen. Da sind oben im Jura die amerikanischen Büffel entsprungen und diese verweisen auf die Indianerfans im Dinkelberg und die sind entweder unfreundliche Stadtführer in der Kleinstadt drunten oder pensionierte Lokalhistoriker, die Hunkeler zum Wein einladen und in der ganzen Gegend heimlich die Teile eines mittelalterlichen Altars zusammenklauen, damit dieser in einem rituellen Akt in der tödlichen Stromschnelle versenkt werde. Oder so. Wer immer je die Essays von Raymond Chandler über die Kunst des Kriminalromans gelesen hat, rauft sich die Haare. Hansjörg Schneider führt vor, dass weiterhin geht, was Chandler verdammt hat. Ein älterer Zeitungsleser klaubt zusammenhanglos Lokalhistörchen aus der Zeitung, fabuliert dazu im seinem Lehnstuhl eine abstruse Kriminalstory mit einer Wahrscheinlichkeit von Minus Fünf zusammen.

Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.
In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird.
Schneider ist mal Deutschlehrer gewesen und es ist ihm als für Schweizer Verhältnisse ausgesprochen Linkem in den frühen Siebzigern geglückt, einer der permanenten Hausautoren des Theaters Basel zu werden (entsprechende Ära natürlich lang schon Geschichte). Hierbei passte ins Bild, dass Schneider von seiner einfachen Herkunft und schlichten Schulbindung her für ein Intellektuellenleben nicht „vorgesehen“ war, vielmehr eine Art Handwerker, der unter die Poeten gefallen ist. Das war gut fürs Image in jener Zeit.
Liest man Hunkeler, wird man nicht vorbei können am Eindruck, dass Schneider ein recht übellauniger Mensch sein muss. (Auf sein Konto geht auch noch ein ungewöhnlich privat dekuvrierendes und nachtragendes Buch über das Leben mit seiner verstorbenen Frau.) Hunkeler ist pausenlos auf Achse. Es hält ihn nie, wo er gerade ist, obwohl er die Schönheit dieser Orte und Milieus bei ihrer jeweiligen Präsentation ständig herausstreicht. Typischer Ablauf: Er geht in die Besprechung mit dem Kripochef, verkracht sich nach einer halben Seite, wütend düst er nach Rheinfelden und bekommt Streit mit dem Personal vom Hotel, er geht spazieren, schließt sich dem Stadtrundgang an und kriegt Streit mit der Führerin. Und so weiter und so fort. Die Authenzität des kurz vor der Pensionierung stehenden Kriminalers besteht darin, dass er zu niemandem mehr höflich sein muss.

Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“.
Dem möchte ich vehement widersprechen. Es ist das Maigret-Muster, das der Verlag natürlich behauptet (bis in die Gestaltung der Bände, Stadtplan auf dem Vorsatz). Eine Nachfolge, in der Schneider von vornherein gestartet ist, sich in die Schweizer Tradition einklinkend: Friedrich Glauser machte aus Maigret seinen Studer, Dürrenmatt aus Studer den Bärlach und Schneider aus Bärlach seinen Hunkeler. Allerdings scheint mir die Empathie (und Milieurecherche) bei jeder Stufe ein bisschen weiter geschwunden. Was Schneider kann, ist die Szenerie entfalten, jenes touristisch so einladende und lohnenswerte „Dreiland“. Dann aber, wie gesagt, stellt er in dieses seine etwas versponnenen Interessensgebiete hinein (der Altar, die Büffel, die Maginot-Linie bei „goldene Hand“), tut einige Klischeecharaktere wie den arroganten Kriminalpolizeichef, die clevere Hotelmanagerin, den gewalttätigen Slawen hinzu, wir kennen sie aus siebentausend Fernsehkrimifolgen, pappt alles mit Schwindel erregenden Zufallsoffenbarungen zur Abfolge der Erkenntnismomente zusammen.

Er trifft sie auf der Straße, in Cafés, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Das ist, was Schneider (und Konsorten, es gibt und gab eine Reihe weiterer Basler Lokalautoren, die sich ähnlich gerierten bei ihrer Selbstinterpretation) immer gern behauptet hat: Er lebe in diesem nordwestlichen Wohnviertel Basels, eng bebaut, nirgendwo Luxus, immer die Nähe zur benachbarten chemischen Industrie und zur Bahn, dort sei man dem Puls des Volkes ganz nah, besonders in dieser und dieser und jener Kneipe, wo er ständig einen Wein nehme. Entwarnung an alle Nord-, Mittel-, Ostdeutschen und Wiener, die sich jetzt gerade so was von einem dubiosen „Bodensatz“ ausmalen: Basel ist eine sehr bürgerliche, geordnete, langweilige, kultivierte Stadt und dieses magische Viertel eine sehr normale, mit nichts auffällige Wohngegend aus großen, älteren Mehrfamilienhäusern. In Basel gibt es seit eh und je deutlich mehr angenehme Abendkneipen als in jeder deutschen Stadt vergleichbarer Größe. (Basel ist kleiner als Karlsruhe!) Ausgesprochene Absacker- oder Asozialen-- oder Künstlerlokale gibt und gab es nie. Vielmehr muss man sich das so vorstellen, dass eben wirklich noch in ein und demselben Lokal Motorrollerfahrer in ihren Zwanzigern, häkelnde Mütter, Ingenieure, Schriftsteller und Facharbeiter verkehren. (Also nicht für jedes Milieu die passende Lifestyleambientezone designt worden ist. Das ist aber nicht Basel, das ist Schweiz insgesamt, wo dieses „wir alle zusammen“ immer noch sehr viel bedeutet, jedoch: Kosovaren und Somalis dürfte man suchen in diesen wunderbar demokratischen Kneipen!) Um was dort zu tun? Sich am jeweiligen Tisch mit ihresgleichen zu unterhalten und was zu trinken oder zu spielen. Wenn Herr Schneider nun auch in so was sitzt (statt draußen in seinen weltabgeschiedenen Häusern), küsst ihn oft die soziale Realität vom Planeten.
 
D

Dominik Klama

Gast
Korrektur

Ich muss mich korrigieren. Meinen Hunkeler-Band (H. und die goldene Hand) habe ich schon vor Monaten, damals allerdings durchweg mit Missfallen, gelesen und für insgesamt nicht sehr bedeutend erachtet. Da fällt es mir jetzt schon teilweise etwas schwer, mich zu erinnern, wie das genau war. Nein, der Autor hat auch noch ein Haus in Todtnauberg, nicht der Protagonist. Schon die Tatsache, dass der Kommissar sowohl eine Basler Wohnung, wie wenige Kilometer davon weg noch ein Haus im Elsass besitzt, muss - offenbar angesichts der Einkünfte von Polizeibeamten - extra erklärt werden, eine größere Erbschaft oder dergleichen. Richtig ist, dass Hunkeler, einmal, um eine Befragung vorzunehmen, in den Schwarzwald fährt, nach Aftersteg, selbiges ist das Dorf im Tal unterhalb von Todtnauberg. Richtig ist auch, dass Hunkeler in dem Buch die ganze Zeit wild "herumhüpft" in der weiteren Region, unzählige, auch etliche hier noch nicht genannte, Orte tauchen auf. Oft geschehen diese Fahrten gar nicht aus Polizeigründen, sondern weil der kranke Mann sich erholen will. Aber praktisch jedes Mal, ist genau da, wo er nun gerade angekommen ist, ein für den Fall relevantes Indiz zu finden. Das kritisiere ich, diese enorme Abfolge von Zufallsfunden, die offenbar ein gütiges Geschick immer genau dorthin lenkt, wo der Kommissar sich gerade bewegt.

Und P.S.:
Wenn man einmal Rezensionen auch noch zu weiteren Krimis der Serie im Internet sucht, wird man finden, dass Schneider immer wieder wegen der Spannungslosigkeit und Geruhsamkeit dieser Fälle kritisiert worden ist. Dieses nun fiel mir gar nicht mal so negativ auf. Es gibt Krimis, die sind Actionreißer und es gibt Krimis in den tattrige alte Männer mit Geduld dicke Bretter durchbohren, beides hat eine Berechtigung. Was mich viel mehr stört (und im Text obiger Rezension nicht erkennbar wird), ist die Realitätsabgehobenheit des von mir gelesenen Buches (ich gehe davon aus, dass sie sich ähneln werden). Es kommt einen vor, als habe tatsächlich jemand die "Kuriositäten aus der Nachbarschaft" in der Heimatzeitung und die üblichen Figuren und Wendungen aus Hunderten von Fernsehfilmen ganz gemütlich daheim am PC zusammengerührt und diesem vollkommen Außer-Realweltlichen dann noch seine Ja-bei-uns-in-Basel-Fassage vorgestellt. Was im Jura wird mit Büffelhaltung experimentiert. Da muss sich was draus machen lassen. Könnte es nicht eine militante Indianerlebensstilnachspielgruppe im Dinkelberg geben? Rheinfelden, der Kurort. Aber Rheinfelden steht in der Geschichte für den Interrimskönig Rudolf von Rheinfelden. Wie wäre es, was mit dessen Leiche zu machen, Mumiendiebstahl oder so? Was, die Leiche ist in Merseburg? Dann halt mit einem Arm von einer Figur, die ihn darstellt! Was, es gab mal einen berühmten Altar in Rheinfelden? Von dem ein Teil in Basel im Museum verwahrt wird? Wäre das nicht was, für eine Kunsträuberbande und ihre Einbrüche? Und es gibt einen gefährlichen Studel im Rhein bei Rheinfelden? Könnte darin nicht jemand ertrinken oder etwas unwiederbringlich versinken?

Das hat mit der wirklichen Gegenwart und den wirklichen Menschen in dieser Region und irgendwelchen tatsächlichen Motven von irgendwem zu irgendwas rein gar nichts zu tun. Das ist Lehnstuhlgeplauder. Und leider nicht überzeugend gemachtes.
 

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