Ich habe lange nicht mehr ein so geradezu vollkommenes Buch gelesen

Rezension zu:

Jan Seghers, Die Sterntaler-Verschwörung, Kindler 2014, ISBN 978-3-463-40315-1

„Alle Ereignisse sind frei erfunden. Selbst der Vollmond scheint, wann er will“, sagt Jan Seghers alias Matthias Altenburg zu Beginn seines neuen, des fünften Buches um seinen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler.

Die Spur der Handlung in „Die Sterntaler-Verschwörung“ führt direkt in die Hessische Staatskanzlei. Wir befinden uns im Jahre 2008. Die hessische CDU unter Roland Koch, der im Roman den Namen Rolf-Peter Becker trägt, hat die Landtagswahl krachend verloren und die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, die im Buch Sabine Xanthopoulos heißt, ist gerade dabei ihr Wahlversprechen zu brechen und sich mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidenten wählen zu lassen.

Während der MP Becker, gerade von einem privaten Urlaub beim Dalai Lama zurückgekehrt, dem eher hilflos gegenübersteht, wird in der Staatskanzlei unter der Führung des Regierungssprechers Udo Klotz (der echte hieß Dirk Metz) an einem Schlachtplan gearbeitet, der dies verhindern soll.

Auch für den LKA-Beamten Axel Rotteck, der in diesem Plan eine tragende Rolle spielt, gibt es für Seghers ein Vorbild. Er ist einem solchen Typ Bullen einmal bei einer Zugfahrt begegnet.
Die weibliche Leiche, die in einem kleinen Frankfurter Hotel gefunden wird, ist eine Art Mischung zwischen der Fotografin Herlinde Koelbl und der Reporterin Marie-Luise Scherer. Sie heißt Herlinde Scherer und sie muss sterben, weil sie der Sterntaler-Verschwörung auf der Spur ist. Jenem Plan, der damit enden soll, dass vier SPD-Abgeordnete ihrer Chefin die Stimme verweigern. Die Journalistin Anna, mit der Robert Marthaler schon in seinem letzten Fall „Die Akte Rosenherz“ zusammengearbeitet hat, unterstützt ihn bei der Lösung auf ähnlich unkonventionelle Weise wie sein Kollege und Freund Carlos Sabato.

Vier oder fünf verschiedene Fäden legt Jan Seghers in seinem neuen Roman als Spuren aus, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. In einem auch sprachlichen Feuerwerk von immer wieder neuen Überraschungen und Hinweisen, dem sich der Leser nicht entziehen kann, und deshalb das Buch bis zu seinem Ende nur für die allerdringendsten anderen menschlichen Bedürfnisse unterbricht, drängt die Handlung vorwärts. Es wäre falsch, dieses fantastische Buch, das man auch goutieren kann, wenn man nicht ein feiner Kenner der hessischen Politik ist, als einen Polit-Thriller zu bezeichnen. Für Seghers ist es ein Gesellschaftsroman im Gewand eines Krimis. Voller Anspielungen, aber mit einer, wie gesagt, vollständig erfundenen Handlung.

Auch die private und persönliche Situation Robert Marthalers, der nach dem Unfalltod seiner Frau so etwas wie ein einsamer Wolf geworden ist, obwohl er schon im zweiten Band Tereza kennenlernt, wird weiter gesponnen.

Drei Jahre ist Jan Seghers mit der Geschichte schwanger gegangen, hat alle darin vorkommenden Schauplätze und Orte bis ins letzte Detail recherchiert, bevor er sie mit Unterstützung des hessischen Literaturrats in einem halben Jahr in Bordeaux niederschrieb.

Fazit: Ich habe lange nicht mehr ein so geradezu vollkommenes Buch gelesen. Auch für Nichthessen der Tipp der Vorweihnachtszeit: unbedingt lesen. Wer die ersten vier Bänden der Marthaöler-Reihe noch nicht kennt: nachholen!
 

Oben Unten