ich pinkel in den garten

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rohling

Mitglied
Ach blackout, wieso denn gleich persönlich werden? Sprechen wir doch lieber darüber, wieso sich hier unsere Meinungen unterscheiden!
Man kann natürlich argumentieren, dass "ich pinkel in den garten" "nicht viel" ist, aber 1) muss es denn "viel" sein, um zu gefallen? Und 2) kannst du dir denn nicht vorstellen, dass andere etwas anderes (oder vielleicht sogar "mehr" ;) ) im selben Werk sehen können, wie du?


und außerdem: nimm mir nicht mein Recht auf Dummheit
 
G

Gelöschtes Mitglied 16102

Gast
Mir persönlich sind Texte lieber, die ohne "Arsch" oder "pinkeln" oder "pisse" auskommen.
So ist das.
 

Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
ein pfau. und ich pinkel nachts in den
garten wiese sterne sommer brach
elysisch. ich will sagen ich pinkel in
den garten
das ist ein pfau und rieselt
sterne sommer brach elysisch. das ist
nicht schön zu pinkeln überall nieseln
niesen sonne brach elysisch. wenn ich
in den garten pinkel pinke pisse
sommer brach elysisch.
Das Urinieren ist offensichtlich und unbestreitbar eine scheußliche und oft auch lästige Angelegenheit. Gleichzeitig verbindet es uns aber mit Rhythmus und Zeit, mit dem Körper und der Natur, mal abgesehen davon, dass es auch ein Symbol der Bereinigung und Freiheit ist. In diesem Gedicht geht es in mehreren Ebenen um einen Akt der Befreiung aus der Menschlichkeit durch die Natur. Ob es dem lyrischen Ich jedoch gelingt, sich zu befreien oder nicht ist vorerst fraglich.

Zunächst beginnt der Text mit einem einfach dahin-platzierten "pfau". Dieser Pfau nimmt den Anfang und einen ganzen Satz in Anspruch, scheint somit von großer Bedeutung für den Autor gewesen zu sein. Ein Pfau ist ein mit enormen und prachtvollen Flügeln geschmückter Vogel, farbenfroh und geradezu paradiesisch in seinem optischen Erscheinen. Dazu im Kontrast steht das lyrische Ich, das geradezu in einer der lächerlichsten und erbärmlichsten der menschlichen Positionen ertappt und kundgetan wird: im "pinkeln". Trotz der anzunehmenden Dunkelheit, die ihn durch die Nacht umgibt, bleibt das lyrische Ich nicht versteckt, denn das Gedicht erzählt von ihm. Die Peinlichkeit des menschlichen Urinierens wird mit der Schönheit eines Pfaus gegenübergestellt. Und es geht weiter mit dem Ort an dem sich das lyrische Ich verhält, nämlich im "garten". Ob es sein eigener Garten oder der Garten einer anderen Person sein könnte, ist nicht klar, in beiden Fällen ist es jedoch ein doch recht unnormales und unzivilisiertes Verhalten, in einen Garten zu urinieren, anstatt eine Toilette zu benutzen. Dadurch gesellt sich das lyrische Ich bildlich zu den Tieren, zum Pfau und fühlt sich, wie es in der folgenden Passage erkennbar wird, naturverbunden und frei. Das assoziativ blanke Dahinstellen von den einzelnen Wörtern "wiese sterne sommer brach elysisch" verdeutlicht einen quasi dionysischen Rausch der in einem Elysium mündet. Das Wortfeld Natur-Garten-Paradies zeigt sich als richtungsweisend für das Verständnis dieses Textes.

Spannend wird es im nächsten Satz. Das lyrische Ich pinkelt nicht nur in den Garten, sondern will dies auch aussprechen. Vielleicht wird hier Sprache an sich hinterfragt. Schafft Sprache Realität oder andersherum? Befreit Sprache oder fesselt sie? Zur selben Zeit könnte hier aber auch ein "ich" aus einer höheren Ebene sagen wollen "ich pinkel in den garten". Dadurch wäre eine Sprachskepsis dargestellt, denn wenn eine Meta-Ebene des lyrischen Ichs, zum Beispiel eine Ebene, die nahe am Autor liegt, sagen würde "ich will sagen [...]", dann könnte dieses Ich dies auch einfach nur sagen, ohne davor anzukündigen, dass es etwas sagen will. Bleiben wir noch kurz an dieser Stelle. Es wurde nämlich im ersten Satz gesagt, dass das lyrische Ich "in den garten" uriniert und im nächsten Satz will dieses lyrische Ich oder vielleicht ein höheres lyrisches Ich sagen: "ich pinkel in den garten". Somit wiederholt sich also das Motiv aus dem ersten Satz im zweiten Satz in einer abgeschwächten aber direkteren Version, nämlich der mündlichen Rede, daher auch kursiv gesetzt. Dieser Satz, der auch der Titel des Gedichtes ist, scheint der Schlüssel zu sein zum noch näheren Verständnis dieser neun Verse.

Der dritte Satz geht aber noch weiter: "das ist ein pfau und rieselt sterne sommer brach elysisch." Auf klanglicher Ebene ist klar: hier wird der vorherige Satz wiederholt und nur leicht abgewandelt. Das Wort "wiese" wird durch "rieselt" ausgetauscht, der Rest bleibt gleich. Dabei wird die syntaktische Verknüpfung der beiden Satzteile "das ist ein pfau" durch ein "und" hergestellt, was grundsätzlich auf eine semantische und logische Verknüpfung schließen lässt, doch hier spielt die Assoziation eine wesentlichere Rolle. Das ist also die zweite Ebene der Befreiung, die Befreiung des Autors durch die Anwendung der literarischen Praxis des stream of consciousness. Es ist nämlich das im Surrealismus gegründete Automatische Schreiben, welches den Autor (vermeintlich) loslöst vom kritischen Ich, indem praktisch stream of consciousness oder vielleicht eher "stream of UNconsciousness" praktiziert wird. Für die Leser*innenschaft kann solche Aneinanderreihung von semantisch scheinbar unverbundenen Wörtern als reine WIllkür wirken und also zur Ablehnung führen, gleichzeitig zeugt es unleugbar von Sprachspiel, Sprachwitz und Sprachleichtigkeit. Auch dieser Satz endet mit "elysisch", also inhaltlich dem Paradies.

Im vierten Satz folgt eine Reflexion über sich selbst. Denn das lyrische Ich sieht, dass es nicht schön sei "zu pinkeln überall". Daran schließt sich erneut eine Wiederholung der zuvorigen Satzenden an, nur diesmal noch stärker abgewandelt. Das gleiche Spiel wie zuvor, nur leicht verdrehte Konnotationen: Aus "wiese" oder "rieselt" wird "nieseln" und "niesen", das Wort "sterne" fällt weg, aus "sommer" wird "sonne", nur "brach" und "elysisch" bleiben. Es zeigt sich aber trotz allem noch eine recht geringe Veränderung in den Assoziationen, es scheint sich jeder Satz in die selbe Richtung zu entwickeln, in einer Spirale zum Elysium, zum Paradies.

Zuletzt noch der Abschluss, das Finale, welches beweist, dass das lyrische Ich sich, trotz des physikalischen und psychologischen Versuchs der Rettung oder Befreiung aus dem Zwang der Menschlichkeit, auf der Stelle bewegt. Der Satz beginnt mit dem wieder selben Inhalt, nämlich, dass das lyrische Ich "in den garten" pinkelt. Das kindliche Wort "pinkeln" wird in fast Wut durch das brutale Wort "pisse" gesteigert, noch dazu "pinke pisse". Ein letztes Strampeln, ein letzter Versuch, sich dem schönen Pfau gegenüberstellen zu können. Aber nein. Das lyrische Ich mündet wieder im anfänglichen "sommer brach elysisch" und dem abschließenden und zerstörenden ".".

Wenn ich also diese Analyse zusammenfasse, dann stoße ich oberflächlich auf Kontraste, Wiederholungen, Klang und Experiment, inhaltlich aber auf einen gescheiterten Versuch des lyrischen Ichs, sich zu befreien, beziehungsweise ein Elysium zu erreichen, indem er in den Garten uriniert und sich mit der Sprache beschäftigt und über das Urinieren reflektiert, denn das lyrische Ich verbleibt an Ort und Stelle. Ein stillstehendes Gedicht, zumindest für die dargestellte Zeit. Das lyrische Ich ist im Kampf, um das Tierische in der eigenen Menschlichkeit, gescheitert.
 

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