In der Maschinerie

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blackout

Mitglied
Du bist ein Menschenkind, ein kleines nur,
fühlst dich als Wicht und wärest gerne groß.
Von Größe hast du nicht die kleinste Spur,
die fiel dir bei Geburt nicht in den Schoß.

Sieh dich doch um: Nur Feinde ringsumher!
Die musst du treten, mach die Lumpen klein!
Du gehst kaputt so ohne Gegenwehr!
So ist die ganze Welt, so muss sie sein.

So haben sie‘s dir beigebracht, mein Freund.
Du hast gelernt, hast diese Welt studiert
und fühlst dich jetzt von Feinden bloß umzäunt,
und jeder nennt dich schlicht nur couragiert.

Weshalb du trittst, wo man bloß treten muss.
Du schlägst die Bande auf dem eignen Feld,
gibst ihr am Ende noch den Bruderkuss,
tust dicke dich, fühlst dich als großer Held.

Und doch, du bückst dich, wo es angebracht.
Das Bücken zahlt sich einmal aus, wer weiß.
Das steckst du ein, wär schließlich ja gelacht -
das musst du ab und zu, das ist der Preis.

Die Professoren haben es mit dir nur gutgemeint,
glaubst du. Du fühlst dich gleich als ganzer Mann.
Weißt nicht, wer deine Freunde sind, wer Feind.
Ein Menschenbild, das so nicht stimmen kann.

Du kannst dich ändern, Freund, erinnre dich:
Da war doch was, was dir zu Herzen ging.
Die Welt - wie liebtest du sie inniglich,
du warst ein Offener, ein Ankömmling.

Wo ist sie hin, die Zeit, die du versäumt,
aus dir den Mann zu machen, der du bist?
O nein, du hast die Zeit ja nicht verträumt,
jetzt bist du groß - ein großer Egoist.

Doch manchmal brichst du aus dem Käfig aus.
Du grämst dich über dich, die ganze Welt.
Ein Fenster öffnet sich, du blickst hinaus:
Hier geht’s mal gar nicht um das liebe Geld.

Ja, Freund, es gibt noch eine andre Welt,
wo jeder Mensch des Menschen Kamerad,
dir hilft und dich umarmt, ganz unverstellt -
ein wahrer, echter Mensch. Kein Imitat.
 

Andri Vento

Mitglied
Hallo Blackout,
als vor 70 Jahren ein Volk ausgerottet wurde, das deutsche Militär 25 Millionen Menschen massakrierte, ist nebenbei noch etwas zerstört worden, natürlich unsere Sprache, weil als Sprache des Verbrechens demaskiert.
Viele deutsche Wörter sind dadurch Unwörter und mögen sie auch noch so eifrig in Gebrauch sein. Kamerad ist ein solches. Ich bin bestimmt niemandes Kamerad...das weise ich von mir und von den selben will ich auch gewiss nicht umarmt sein.

Nichts für ungut.
LG
Andri
 

blackout

Mitglied
Wie kommst du auf diesen Unsinn? Wieso denkst du dabei sofort an die Hitler-Wehrmacht? Das Wort ist unschuldig, entscheidend ist der Inhalt eines Begriffs. Da scheinst du was nicht verstanden zu haben in deinem Purismus. Aber sonst hast du nichts zu diesem Gedicht zu äußern?

blackout
 

Andri Vento

Mitglied
Hallo Blackout,
ja war ein wenig melodramatisch aufgeblasen, aber grundsätzlich bleibe ich dabei: der Kamerad ist kein unschuldiger Begriff und mindestens tief verstrickt im Militarismus. Worte sind so, das ist ja ihr Zauber und ihre Macht, dass sie Assoziationen, Bilder aufrufen und mehr bedeuten als es den Anschein hat.
Dabei reimt es sich doch nicht mal richtig auf Imitat ;)

Zum Gedicht, ja ich finde das fließt sehr schön, wie ein rasches Wörterbächlein und ließe sich bestimmt auch gut vortragen. Inhaltlich ist es nachvollziehbar und berechtigt, aber es ist für mich aus einer anderen Welt.
Diesen Lebenskampf Mensch gegen Mensch gibt es gewiss, aber er ist gar nicht mein Thema, und auch nicht die Antithese die ich mal Brüderlichkeit, oder genderkorrekt Geschwisterlichkeit nennen mag (und nicht Kameradschaft), dafür bin ich zu sehr Autist.
Vielleicht ist es auch Liebe und nicht Kameradschaft

Daher habe ich zum Gedicht vorhin nichts gesagt - und dich nur wegen des einen Wortes so scharf und sicherlich auch unfair angegriffen.

Liebe Grüße
Andri
 

Mondnein

Mitglied
Viel, viel zu lang, blackout,

und am Ende, in den letzten beiden Strophen, kippt es ins Alberne um. Denn nach den vorherigen acht Strophen kann es nicht wahr sein, daß auf einmal "jeder Mensch" des Menschen Stubengemeinschaftsbewohner wird. Diese "Jedermenschen" müßten vielmehr eine kleine Sekte bilden, die sich nach außen gegen die, die nicht in ihrer Kammer wohnen, abschließen und sich selbst für "Jedermensch" halten. "Andere Welt" ist der Ausdruck, der diese Sektierer verrät.

Der Professorenvers hat übrigens zwei Versfüße zuviel.

grusz, hansz
 

Tula

Mitglied
Moin

Ich denke bei Kameraden an Lieder wie Bella Ciao und den kleinen Trompeter. Also an jene Zeit, aber nicht an die Wehrmacht. Solange da nicht Genossen steht :)

Inhaltlich und sprachlich erinnert's mich irgendwie an Liedermacher wie Hannes Wader, was gewiss nicht negativ gemeint ist.

LG
Tula
 

blackout

Mitglied
Andri, du hättest recht, mir den Kameraden anzukreiden, wenn ich einen Text über die Hitler-Wehrmacht geschrieben hätte. Da würde ich allerdings nicht von Kameraden, sondern von Kameraderie oder Kamerad in Anführungszeichen schreiben. Was du gemacht hast: Ein Wort aus einem Kontext herausgerissen und es entgegen dem Kontext ins Negative gesetzt. Das ist unfair, genauso wie wenn man einen Satz aus einem Kontext herausreißt und damit "etwas (meist das Gegenteil) beweisen will". Nein, das Wort Kamerad existiert in vielen Sprachen der Welt, man kennt es zum Beispiel aus dem Italienischen, dem Spanischen. im Plural Camaradas sehr bekannt, und nirgends hat es einen negativen Bezug, im Gegenteil. In diesem Sinne und entsprechend dem Kontext ist der Kamerad gemeint und damit völlig okay.

Mondnein, du glaubst nicht an das Gute im Menschen? Du hättest recht, wenn unsere neoliberale Gegenwart die einzig mögliche Lebenssicht auf der Welt sein würde. Du kennst sicher keine andere als die einzige dir bekannte und findest es "albern" sogar, wenn eine andere Weltsicht als Möglichkeit erwähnt wird. Ich kenne eine andere Welt, und ich weiß, die gegenwärtige Welt muss sich ändern, damit sich die Menschen ändern. Und dazu muss man kein Stubengemeinschaftsbewohner sein, sondern einfach nur ein freier Mensch in einer freien, menschlichen Gesellschaft. Und was die von dir monierte Länge angeht: Ich habe das Gedicht nicht als Kurzgedicht angekündigt. Aber mit den Profs hast du recht, das wird sofort geändert. Danke für den Hinweis. Da würde Hannes Wader eben ein bisschen schneller singen müssen.

Tula, du siehst es richtig. Ich glaube, dass Andri schlechte Erfahrungen mit diesem Begriff gemacht hat und deshalb darüber gestolpert ist. Wie ich dazu stehe, habe ich ihm geschrieben. Ja, solche Texte hat Hannes Wader in seinen Lieder eingesetzt, auch Süverkrüp, der aber schärfer.

Vielen Dank fürs Reinsehen und Kommentieren an alle.

blackout
 

blackout

Mitglied
Du bist ein Menschenkind, ein kleines nur,
fühlst dich als Wicht und wärest gerne groß.
Von Größe hast du nicht die kleinste Spur,
die fiel dir bei Geburt nicht in den Schoß.

Sieh dich doch um: Nur Feinde ringsumher!
Die musst du treten, mach die Lumpen klein!
Du gehst kaputt so ohne Gegenwehr!
So ist die ganze Welt, so muss sie sein.

So haben sie‘s dir beigebracht, mein Freund.
Du hast gelernt, hast diese Welt studiert
und fühlst dich jetzt von Feinden bloß umzäunt,
und jeder nennt dich schlicht nur couragiert.

Weshalb du trittst, wo man bloß treten muss.
Du schlägst die Bande auf dem eignen Feld,
gibst ihr am Ende noch den Bruderkuss,
tust dicke dich, fühlst dich als großer Held.

Und doch, du bückst dich, wo es angebracht.
Das Bücken zahlt sich einmal aus, wer weiß.
Das steckst du ein, wär schließlich ja gelacht -
das musst du ab und zu, das ist der Preis.

Das Professoren haben's gutgemeint,
glaubst du. Du fühlst dich gleich als ganzer Mann.
Weißt nicht, wer deine Freunde sind, wer Feind.
Ein Menschenbild, das so nicht stimmen kann.

Du kannst dich ändern, Freund, erinnre dich:
Da war doch was, was dir zu Herzen ging.
Die Welt - wie liebtest du sie inniglich,
du warst ein Offener, ein Ankömmling.

Wo ist sie hin, die Zeit, die du versäumt,
aus dir den Mann zu machen, der du bist?
O nein, du hast die Zeit ja nicht verträumt,
jetzt bist du groß - ein großer Egoist.

Doch manchmal brichst du aus dem Käfig aus.
Du grämst dich über dich, die ganze Welt.
Ein Fenster öffnet sich, du blickst hinaus:
Hier geht’s mal gar nicht um das liebe Geld.

Ja, Freund, es gibt noch eine andre Welt,
wo jeder Mensch des Menschen Kamerad,
dir hilft und dich umarmt, ganz unverstellt -
ein wahrer, echter Mensch. Kein Imitat.
 

Mondnein

Mitglied
Mondnein, du glaubst nicht an das Gute im Menschen?
wenn unsere neoliberale Gegenwart die einzig mögliche Lebenssicht auf der Welt sein würde.
Liebes blackout,
ich glaube gar nichts und vor allem nicht "an" etwas, entsprechend Platons Liniengleichnis schätze ich Wissenschaft und Logik höher als Glauben und Meinen.

Das mit der "neoliberalen Gegenwart" hat schon Bruder Shidê im zweiten "Hanshan und Shidê"-Lied, in der Antwort auf Hanshans Versuch (1.Lied) weggewischt. Hanshan ist der Zenmeister mit dem leeren Blatt Papier, Shidê dessen Mönchsbruder, der mit dem Flederwischmopp die frommen Phrasen wegwischt.

Da kaum einer von uns noch mit einer entfremdeten Arbeit geknechtet ist, und da wir es uns leisten können, neben unseren sinnvollen und weitgehend schöpferischen Tätigkeiten noch mit der Sprache zu spielen (sofern keiner von uns mit Dichtung seine Familie ernährt), ist das mit dem "Neoliberalismus" ein masturbatives Gejammer auf hohem Niveau.
"Liberal" war mal ein positiver Kampfbegriff von Bürgern, die sich ihre Freiheit erkämpfen mußten. Davon, daß wir uns unsere Freiheiten nehmen können, leite ich keine negative Umwertung dieses Ideals ab. Ich wüßte nicht, daß irgendetwas über die "Freiheit" gehen könnte. Im Anselmschen Sinne ist sie mir "Gott": das, über dem nichts (anderes) gedacht werden kann.

grusz, hansz
 

blackout

Mitglied
Tja, Mondnein, zu diesem Kommentar kann ich dir leider gar nichts antworten, du schreibst für mein Verständnis sehr viel krautiges Zeug, aber wenn du dich dabei wohlfühlst, mach nur so weiter. Nun denn.

blackout
 

Mondnein

Mitglied
Verschwendung kostbarer Chancen, blackout,

ist es, wenn Du auf einen offenen Kommentar mit einer verdeckten flapsigen Anmerkung antwortest. Wenn Du ordentlich antwortest bzw. rückfragst oder richtigstellst usw., steht Dein Werk wieder ganz oben in der Liste. Das würde ich nicht so einfach vertun.

Du hättest schon längst richtigstellen können, daß Dein Lied gar nicht die von mir behauptete Acht-zu-Zwei-Gliederung hat, sondern daß die zehn Strophen brav halbiert sind, fünf zu fünf.

Ich nehme nun die zweite Hälfte etwas genauer in den Blick:

[blue]Das [/blue][red](?)[/red] Professoren haben's gutgemeint,
glaubst du. Du fühlst dich gleich als ganzer [red]Mann[/red].
Weißt nicht, wer deine Freunde sind, wer Feind.
Ein Menschenbild, das so nicht stimmen kann.
In der Tat, in diesem Menschenbild ist der Mensch zum Mann halbiert, und muß zugleich die Bürde der Phrase vom "ganzen Mann" tragen. Du tust den männlichen Adressaten Unrecht.

Du kannst dich ändern, Freund, erinnre dich:
Da war doch was, was dir zu Herzen ging.
Die Welt - wie liebtest du sie inniglich,
[blue]du warst ein Offener, ein Ankömmling[/blue].
Die Metrik des letzten Verses - [red]O[/red]ffen[red]e[/red]r, [red]A[/red]nkömml[red]i[/red]ng - naja, die Endbetonungen kann man als Nebenton sehen.
Inhaltlich unpassend zur ersten Hälfte des Liedes, aber es ist wohl eine Art Korrektur des ersten Grundgedankens, ein Umschwenken der Sicht vom Pessimistischen ins Pädagogische.

Wo ist sie hin, die Zeit, die du versäumt,
[red]aus dir den Mann zu machen, der du bist?[/red]
O nein, du hast die Zeit ja nicht verträumt,
jetzt bist du groß - ein großer Egoist.
Schon wieder der Mann, der "ganze". Das diskriminiert die männliche Hälfte der Menschheit durch eigenartige Rollenzuschreibungen.

Doch manchmal brichst du aus dem Käfig aus.
Du grämst dich über dich, die ganze Welt.
Ein Fenster öffnet sich, du blickst hinaus:
[red]Hier geht’s mal gar nicht um das liebe Geld.[/red]
Aber "we're only in it for the money!" Du nicht?
Ich würde an Deiner Stelle ganz schnell einen Selbstverlag aufmachen, eine gut fünf-bis-achtstellige Auflage drucken lassen und dann fleißig verkaufen, was das Zeug hält; ich denke, es hält ja, was es verspricht: den Adressaten vom Käfig des Neoliberalismus zu befreien, da findest Du viel Zustimmung bei dem Proletariat, das nichts zu verlieren hat als seine Ketten. Und Du wirst reich.
Es sei denn, die Proles lernen Dein Gedicht auswendig, dann brauchen sies nicht zu kaufen. Dann gehst Du leer aus.

Ja, Freund, es gibt noch eine andre Welt,
wo jeder Mensch des Menschen Kamerad,
dir hilft und dich umarmt, ganz unverstellt -
ein wahrer, echter [blue]Mensch[/blue]. Kein Imitat.
Was "Mensch" - muß es nicht "Mann" heißen?
Aber das Wahre, Echte und Gute, fast wie bei Platon (das Agathon, das Vollkommene, von dem die ewigen Ideen ausstrahlen). Oder Goethe: "Das alte Wahre, faß es an".
"Kein Imitat" gefällt mir gut. Es zitiert auf indirekte Weise mein Lied von den "Schutzflehenden", die Aigyptos-Klone, allesamt echte Kerle, aber 7 x 7 + 1 (= 50) Imitate. Dankeschön dafür.

grusz, hansz
 

James Blond

Mitglied
Kameraden?

Von den bereits angesprochenen braunen Konnotationen einmal ganz abgesehen, halte ich den Begriff der Kameradschaft als Vehikel für den Transport des wahren Menschlichen als alternativem Lebensentwurf für ausgesprochen problematisch.

Der Kamerad als Zimmergenosse ist lediglich Ausdruck einer zweckdienlichen Solidarität Gleichgestellter, deren Beisammensein nicht das Resultat eigener Zuneigung oder Überzeugung ist, sondern auf den Entscheidungen einer übergeordneten Autorität beruht. Ob nun Schule, Militär oder Sport: Es ist die von außen auferlegte Zielsetzung, die sich des Ethos' der Kameradschaft als zweckdienliche Sekundärtugend bedient, ein hilfreiches, pragmatisches Bündnis zugunsten zu erbringender Anpassungsleistungen.

Damit wird die Aussage des Gedichts hinfällig: Eine echte und überzeugende Alternative zu den in den ersten sechs Strophen aufgeführten Verbiegungen sozialer Anpassung ist die Kameradschaft damit nämlich nicht, sondern vielmehr ihre Folge: Geschaffen, um dem sozialen Druck besser standzuhalten, nicht aber, um ihn zu überwinden oder zu ersetzen. Schwindet der Druck, dann wird auch die Kameradschaft meist hinfällig.


Grüße
JB

P.S.
Der Offizierssohn und Kadettenanstaltszögling Friedrich Schiller rühmte in diesem Zusammenhang die Freundschaft, nicht die Kameradschaft.
 

Tula

Mitglied
Hallo James

Gerade wie du den Begriff erklärst, zeigt doch wie er im Gedicht verwendet werden sollte und auch wird. Es geht nicht nur um Freundschaft im engeren Sinne, sondern um ein übergreifendes "wir gehören alle zueinander" im Sinne einer gesellschaftlichen Kameradschaft. Oder eben Solidarität.
Wie auch immer, ich finde wir beißen uns hier fest, obwohl der Missbrauch dieses und anderer Begriffe durch politische Systeme ebenso eine Tatsache ist. Hier in Portugal würde jeder einen "camarada" als kommunistisches Partei-Mitglied verstehen.

LG
Tula
 

James Blond

Mitglied
Lieber Tula,

entweder hast du das Gedicht oder meinen Beitrag missverstanden, denn wie ich hier den Begriff der Kameradschaft erläutert habe, wird er gerade nicht im Gedicht verwendet.

Kameradschaft als probates Additiv, um die seelischen Reibungen innerhalb der sozialen Maschinerie zu schmieren - so hatte ich sie beschrieben. Im Gedicht wird sie jedoch zur Alternative einer besseren Welt erhöht:
Ja, Freund, es gibt noch eine andre Welt,
wo jeder Mensch des Menschen Kamerad,
dir hilft und dich umarmt, ganz unverstellt -
ein wahrer, echter Mensch. Kein Imitat.
Und das ist schon etwas anderes, wie es Mondnein bereits vermutete:
Diese "Jedermenschen" müßten vielmehr eine kleine Sekte bilden, die sich nach außen gegen die, die nicht in ihrer Kammer wohnen, abschließen und sich selbst für "Jedermensch" halten. "Andere Welt" ist der Ausdruck, der diese Sektierer verrät.
Die Welt als große Kammer, die jeden in ihre Kameradschaft einschließt, ist zwar eine schöne Metapher im Sinne von Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, wird allerdings im Gedicht, das in seiner Kritik auf Allgemeinplätzen und in seinem Angebot sehr vage bleibt, nicht verdeutlicht.

Grüße
JB
 

blackout

Mitglied
James Blond, lassen wir mal das ganze Gedöns um den Begriff des Kameraden erst einmal beiseite, ich komme noch darauf zurück.

Was mir auffällt, dass nicht einer der Kommentatoren auf den Inhalt des Gedichts anspricht. Wen zeige ich denn? Ich zeige uns! Ich zeige, welche Weltsicht die einzig gültige sein soll, eine unmenschliche, eine gierige, eine aggressive, kurz: den Menschen einer neoliberalen Gesellschaft.
Und nun frage ich mich als Autor natürlich, was ist mit den Menschen passiert, die sich hier an einem Begriff klammern, den sie einseitig interpretieren wollen, ja müssen, weil sie ihn nicht verstehen. Hat das seinen Grund darin, dass sie diese Welt noch nicht kennengelernt haben? Ich lach mich krank über die Stubengemeinschaft als Interpretation - und da frage ich mich und euch: Seid ihr zufrieden, mit dem, was euch zugestanden wird - eine Verkümmerung des Menschen zum Konsumenten, zum nützlichen Idioten?

Nun werden einige antworten: Aber ich doch nicht! Ich schreibe schließlich Gedichte, ich habe eine schöne Seele, ich bin das Licht in dieser Welt der Finsternis! Wenn sie sich da mal nicht irren. Diese Welt legt keinen Wert auf dieses Licht in der Finsternis, vielleicht sollte man besser auch von einer blakenden Funzel sprechen.

Der Begriff des Kameraden ist für mich Ausdruck der höchsten Verbundenheit von Menschen, die ein gemeinsames, hohes Ziel haben. Dass der Begriff des Stubenkameraden aufs Militär hier angewendet wird, zeigt mir doch, wie eng das Leben und die Weltsicht derer ist, die gar nicht begreifen, wie eng ihre Welt ist - eine Gemeinschaft beauftragter Mörder. Dagegen im Spanischen Bürgerkrieg waren es zum Beispiel die Camaradas, viele Lieder dieser Zeit drücken damit die höchste Freundschaft und Verbundenheit im Kampf gegen den Franco-Putsch aus. Es ist eben eine Interpretationsfrage, eine Frage dessen, wo man steht, und die Interpretation verrät alles über den Menschen, seine Haltung zur Welt und zu sich selbst.

Im Grunde muss ich dankbar sein für die Offenheit, mit der
sich niemand scheut, zu zeigen, wer er ist und damit auch, welchen Wert sein poetisches Schaffen, um es mal so zu nennen, hat. Tula weiß, was hinter dem Begriff des Kameraden steht, auch wenn er ihn nur auf eine Partei einschränkt. Hab vielen Dank, Tula.

blackout
 

blackout

Mitglied
Du bist ein Menschenkind, ein kleines nur,
fühlst dich als Wicht und wärest gerne groß.
Von Größe hast du nicht die kleinste Spur,
die fiel dir bei Geburt nicht in den Schoß.

Sieh dich doch um: Nur Feinde ringsumher!
Die musst du treten, mach die Lumpen klein!
Du gehst kaputt so ohne Gegenwehr!
So ist die ganze Welt, so muss sie sein.

So haben sie‘s dir beigebracht, mein Freund.
Du hast gelernt, hast diese Welt studiert
und fühlst dich jetzt von Feinden bloß umzäunt,
und jeder nennt dich schlicht nur couragiert.

Weshalb du trittst, wo man bloß treten muss.
Du schlägst die Bande auf dem eignen Feld,
gibst ihr am Ende noch den Bruderkuss,
tust dicke dich, fühlst dich als großer Held.

Und doch, du bückst dich, wo es angebracht.
Das Bücken zahlt sich einmal aus, wer weiß.
Das steckst du ein, wär schließlich ja gelacht -
das musst du ab und zu, das ist der Preis.

Die Professoren haben's gutgemeint,
glaubst du. Du fühlst dich gleich als ganzer Mann.
Weißt nicht, wer deine Freunde sind, wer Feind.
Ein Menschenbild, das so nicht stimmen kann.

Du kannst dich ändern, Freund, erinnre dich:
Da war doch was, was dir zu Herzen ging.
Die Welt - wie liebtest du sie inniglich,
du warst ein Offener, ein Ankömmling.

Wo ist sie hin, die Zeit, die du versäumt,
aus dir den Mann zu machen, der du bist?
O nein, du hast die Zeit ja nicht verträumt,
jetzt bist du groß - ein großer Egoist.

Doch manchmal brichst du aus dem Käfig aus.
Du grämst dich über dich, die ganze Welt.
Ein Fenster öffnet sich, du blickst hinaus:
Hier geht’s mal gar nicht um das liebe Geld.

Ja, Freund, es gibt noch eine andre Welt,
wo jeder Mensch des Menschen Kamerad,
dir hilft und dich umarmt, ganz unverstellt -
ein wahrer, echter Mensch. Kein Imitat.
 

James Blond

Mitglied
Lieber blackout,

leider scheinst du meine Vorbehalte gegenüber dem Begriff der Kameradschaft als Ort wahrer Menschlichkeit - auch ganz unabhängig seiner historischen oder militärischen Konnotation - nicht nachvollziehen zu können. Du magst ihn zwar als Ausdruck höchster menschlicher Verbundenheit gemeint haben, so verstanden und gebraucht wird er jedoch hauptsächlich von Kampfverbänden, deren "hohe Ziele" im Besiegen eines Gegners bestehen.

Ob dies tatsächlich der Ort "wahrer Menschlichkeit" sein kann? Wahrscheinlich ist er es bereits, was allerdings einer eher sarkastischen Sicht auf den Menschen entspricht. Mein Hinweis auf Schillers Idee von der Freundschaft sollte dazu einen Wink geben. Ebenso könnte man auch Platons Vorstellung von der Seelenverwandschaft oder Goethes Wahlverwandschaften anführen, um bessere Konzepte menschlicher Verbundenheit auszuloten.

Für mich ist das allerdings keine begriffliche Haarspalterei eines Nebenaspekts, sondern es betrifft die zentrale Aussage des Gedichts, das in seiner langatmigen Gesellschaftskritik zu allgemein, platt und mit vagen Andeutungen daher kommt, als dass es jemanden berühren könnte und dazu dann auch noch mit einer Lösung aufwartet, die von eben dieser Gesellschaft bereits erfolgreich als Schmiermittel und zur Camouflage eingesetzt wird. So wird dein Gedicht ungewollt zur affirmativen Rückversicherung der vorgeblich beanstandeten Verhältnisse.

Was auch immer unter poetischem Schaffen verstanden werden kann - ein Gedicht soll den Leser berühren, ihn mit- und einnehmen. Hier aber wirkt es geradezu lächerlich, wenn aus dem Sumpf der üblichen Gesellschaftskritik-Banalitäten am Ende ausgerechnet das Kameradschaftskarnickel aus dem Zylinder gezogen wird.

Voilà! - Immerhin: man lacht. ;)



Grüße
JB
 
Hallo blackout

Die Frage nach Kameradschaft, trifft den Kern deines Gedichtes.
Das wollte James dir auch zeigen.

Es ist die Ambivalenz des Textes, die den Inhalt so ungenießbar macht.

Du kannst nicht eine Gesellschaft kritisieren, in der es einzig um den Überlebenskampf zu gehen scheint, indem du mit absurden Kampfbegriffen arbeitest. Noch weniger ist deine "Menschlichkeit in diesem Gedicht" ernstzunehmen, wenn du voller (entschuldige) Hochmut, den Dreck durchschaut hast und aggressive Gegenwehr forderst, bei einem Thema, in das wir alle unverschuldet verstrickt sind, ohne es zu wollen.

Das kling eher nach: Ich habe die Wahrheit und ihr Idioten begreift rein gar nichts, Ich zeig euch mal wie das jetzt läuft.

Damit erreichst du niemanden. Wer soll den das ernstnehmen?
Der Betroffene? Dann solltest du ihn nicht unterschwellig beleidigen...

L.G
Patrick
 

blackout

Mitglied
Patrick Schuler, deine und die Reaktionen der anderen Kommentatoren zeigen mir doch, welche Angst vorhanden ist, wenn man dieser Gesellschaft an einem Beispiel den Spiegel vorhält. Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, vielleicht ist das die Aufgabe der Literatur. Heine dachte so, er musste schwer dafür bezahlen. Ich glaube daran, immer noch, bei allen Vorbehalten, denn Literatur ist nur ein zwar nicht zu unterschätzender, aber nur ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Mit diesem Gedicht halte ich uns allen den Spiegel vor, ich schließe mich nicht aus, ich kann mich schließlich aus der Gesellschaft nicht heraushalten. Bezeichnend ist, dass niemand auf den Inhalt meines Gedichtes eingeht, sondern mit flapsiger Bescheidwisserei ihn beiseite wischen will, sich aber festklammert an einem absichtlich missverstandenen Begriff. Wie missgestaltet sind wir denn eigentlich schon, dass wir es nicht mehr erkennen können? Hier wird versucht, mit einer Diskussion um einen einseitig definierten Begriff ein Nachdenken über uns selbst zu verhindern.

Was kann ein Gedicht? Es kann bestenfalls einen Anstoß zum Nachdenken geben. Zu einem daraus folgenden Handeln ist es noch ein sehr großer Schritt. Wenige Menschen lesen heute Gedichte. Aber wir, die wir schreiben, schreiben doch für sie, die noch Gedichte lesen! Ich glaube nicht, dass man dieses Thema vollumfassend in einem Gedicht behandeln kann, vielleicht wäre ein Essay angebrachter. Aber mich treibt dieses Thema um. Ich komme aus der DDR, ich habe einen anderen Umgang der Menschen miteinander erlebt, als ich ihn heute erlebe, wo der allein auf sich gestellte Mensch versuchen muss, irgendwie durchzukommen, in dieser Gesellschaft der Konkurrenz, des allesbeherrschenden Feindschemas. Ich bin entsetzt über den "normalen" Umgang der Menschen miteinander, wie ich ihn seit fast dreißig Jahren erlebe. Sicher, das Gedicht ist künstlerisch nichts Besonderes, ich will auch gar nicht Besonderes schreiben, sondern das, was im Grunde jeder Leser verstehen kann. Und dabei setze ich auf die lange Tradition des deutschen Gedichts mit der Pflicht des Autors zur Aufklärung.

Die Elfenbeintürmerei des Gedichts, die ich hier übrigens mehrmals bemerkt habe, hat natürlich auch eine gesellschaftliche Funktion, nämlich von den wirklichen Problemen abzulenken, und der Aufschrei ist groß, wie ich hier erlebe, wenn man den Finger ins Schlimme legt. Warum versucht niemand, den Inhalt meines Gedichts zu widerlegen? Die Antwort ist einfach: Niemand, wenn er nicht lügen will, ist dazu in der Lage. Und das ist das wirkliche Problem, um das es bei der ganzen Diskussion hier geht.

Ich denke, dass hiermit die Diskussion abgeschlossen sein sollte. Ich danke allen für ihre Beteiligung, sie war für mich sehr aufschlussreich und bewies geradezu, dass ich mit meinen wenigen Versen einen empfindlichen Nerv getroffen habe. Das nächste Mal machen wir wieder in Kunscht.

blackout
 

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