In Memoriam Andrea Engen, gest. April 2011

Rezension zu:

Andrea Engen, Nur nicht fühlen jetzt, Scherz 2010, 60 Seiten, ISBN 978-3-651-00010-0

„FRAGE
…wenn du immer nur suchst,
was du nicht hast –
kannst du dann haben,
was du findest?“


Irgendwo hat sie diese Frage auf einen ihrer vielen kleinen Zettel notiert, auf denen sie Eindrücke, Gefühle und Gedichte aufgeschrieben und gesammelt hat, seit sie 19 Jahre alt war. Irgendwann, sie sagt, als ihr Fernseher kaputtging, hat sie all diese Zettel durchgesehen, sortiert, neue geschrieben. Irgendwie sind diese Texte durch die diskrete- indiskrete Vermittlung von Freundinnen und Kolleginnen in den Verlag gelangt, in dem sie seit Jahren als Pressechefin mit Büchern arbeitet (S. Fischer, Frankfurt)

Und nun liegen sie vor in einem Buch, das mich angezogen und verstört hat wie kaum ein Text in den letzten Jahren. Andrea Engen schreibt über Liebe, über Nähe und Distanz mit einer Offenheit und Ehrlichkeit, die man auch in der Literatur selten findet. Sie macht sich verletzlich in ihren Texten, so wie sie sich wahrscheinlich auch in den Beziehungen und Begegnungen, die sie beschreibt, verletzlich gemacht hat. Wer sich nicht verletzlich macht, wird nie in die Tiefe gelangen. Manche Männer konnten damit umgehen, viele nicht.

Sekundenaugenblicke

„.. für einen Moment war das Berührung,
Lachen, Liebe, Hingabe“

großen Glücks und Zeiten bitterer Entfremdung

„Ja, ich habe es bemerkt.
Die Lippen, die ich so gerne küsste,
die mich singen machten,
sie waren oft streng in letzter Zeit.

Ja, wir haben uns verlebt. Zerlebt. Überlebt.“

wechseln sich ab.

Da gibt es einen schlechten Mann – sie ist fasziniert von seiner Männlichkeit und dann erschüttert und im Innern verletzt von seinen Schlägen. Und einen jungen, zarten und weichen – 26 Jahre alt ist er und seine Schönheit tut ihr weh. Er stirbt, bevor sie ihm näher kommt.

Es sind Texte von enormer Intensität, Texte, die mich traurig machten. Traurig, weil eine große menschliche Tiefe nie dauerhaft erwidert wird, weil eine Frau voller Leidenschaft und Liebe nie dauerhaft die Erfahrung machen darf, dass ein Mann das aushält. Und weil sie kompromisslos immer wieder mit der Ausgangsfrage kämpft:

„…wenn du immer nur suchst,
was du nicht hast –
kannst du dann haben,
was du findest?“
 

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