Inselwelten

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Ciconia

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Jeder Mensch sollte seine eigene kleine Insel haben, völlig unabhängig von deren Größe, Lage oder Ausgestaltung, einen Rückzugsort, wo er träumen und sich regenerieren kann. Für mich gibt es zwei: einer am Meer und einer in den Bergen. Mir sind sie gleich lieb. Nicht jedes Jahr kann ich beide besuchen, dann ist die Sehnsucht nach der jeweils anderen groß. Manchmal bin ich leider ganz verhindert. In solchen Jahren zerbreche ich fast vor Fernweh.

Heuer hatte ich großes Glück. Die Meeresinsel gab mir im Frühjahr langfristig neue Energie, und so steuerte ich im Herbst auch das zweite Ziel an.

Doch bei der Planung unterlief mir ein Fehler. Statt eine sehr lange, ermüdende Bahnfahrt auf mich zu nehmen, flog ich diesmal – und kam nicht richtig an. Ich fühlte mich wie in das Tal hineingeworfen, eben wie vom Himmel gefallen. Was ich unterschätzt hatte: Um eine Insel zu erreichen, bedarf es einer allmählichen Annäherung. Plötzlich erinnerte ich mich, welch Hochgefühl ich früher empfand, wenn ich im Morgengrauen auf der Nachtfähre von Holyhead nach Dún Laoghaire die schemenhaften Umrisse Irlands ausmachen konnte. So ähnlich erlebe ich das Eintauchen in die Bergwelt: Wenn sich die ersten Gipfel abzeichnen, bleiben mir noch ein bis zwei genüssliche Stunden für eine langsame Eingewöhnung.

Diesmal fremdelte ich tagelang, bis meine Insel und ich wieder zueinander fanden. Erleichtert stellte ich fest, dass sie sich in der Zwischenzeit kaum verändert hatte und noch immer denselben Reiz auf mich ausübte. Dass ich inzwischen eine Andere geworden war, demzufolge nicht mehr wie einst alle Ecken und Winkel dieses Paradieses erkunden konnte, sah ich nur als winzigen in Kauf zu nehmenden Abstrich.

Kurz nach meiner Rückkehr war es übrigens schon wieder da, dieses Sehnen.
 

Ciconia

Mitglied
Jeder Mensch sollte seine eigene kleine Insel haben, völlig unabhängig von deren Größe, Lage oder Ausgestaltung, einen Rückzugsort, wo er träumen und sich regenerieren kann. Für mich gibt es zwei: eine am Meer und eine in den Bergen. Mir sind sie gleich lieb. Nicht jedes Jahr kann ich beide besuchen, dann ist die Sehnsucht nach der jeweils anderen groß. Manchmal bin ich leider ganz verhindert. In solchen Jahren zerbreche ich fast vor Fernweh.

Heuer hatte ich großes Glück. Die Meeresinsel gab mir im Frühjahr langfristig neue Energie, und so steuerte ich im Herbst auch das zweite Ziel an.

Doch bei der Planung unterlief mir ein Fehler. Statt eine sehr lange, ermüdende Bahnfahrt auf mich zu nehmen, flog ich diesmal – und kam nicht richtig an. Ich fühlte mich wie in das Tal hineingeworfen, eben wie vom Himmel gefallen. Was ich unterschätzt hatte: Um eine Insel zu erreichen, bedarf es einer allmählichen Annäherung. Plötzlich erinnerte ich mich, welch Hochgefühl ich früher empfand, wenn ich im Morgengrauen auf der Nachtfähre von Holyhead nach Dún Laoghaire die schemenhaften Umrisse Irlands ausmachen konnte. So ähnlich erlebe ich das Eintauchen in die Bergwelt: Wenn sich die ersten Gipfel abzeichnen, bleiben mir noch ein bis zwei genüssliche Stunden für eine langsame Eingewöhnung.

Diesmal fremdelte ich tagelang, bis meine Insel und ich wieder zueinander fanden. Erleichtert stellte ich fest, dass sie sich seit meinem letzten Besuch kaum verändert hatte und noch immer denselben Reiz auf mich ausübte. Dass ich inzwischen eine Andere geworden war, demzufolge nicht mehr wie einst alle Ecken und Winkel dieses Paradieses erkunden konnte, sah ich nur als winzigen in Kauf zu nehmenden Abstrich.

Kurz nach meiner Rückkehr war es übrigens schon wieder da, dieses Sehnen.
 

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