Interkulturelles Verstehen

Interkulturelles Verstehen

Eine politische Projektion

Das Werk eines deutsch-chinesischen Autorenpaares* konzentriert sich auf Lernprozesse, die Han-Chinesen im Verlauf einer vieltausendjährigen Geschichte verinnerlicht haben und die in der Volksrepublik und der chinesischen Gemeinde weltweit fortleben. So die Hypothese der Autoren, die aus journalistischer Praxis und wissenschaftlichem Engagement eine bemerkenswerte Lektüre geschaffen haben. Wenn der Eindruck des Rezensenten nicht täuscht, haben bei jahrzehntelangen Recherchen weder objektivistische, noch propagandistische Verlockungen die Autoren von ihrem Plan abgelenkt, einen Beitrag zum besseren interkulturellen Verständnis zu leisten. Doch obwohl der Text (450 Seiten) von der politischen Einschätzung sich leiten lässt, dass das ‚neue China‘ in unserer zerbrechlichen, multipolaren Welt eine stabilisierende, pazifizierende Rolle spielt, werden diejenigen nicht verstummen, die das bevölkerungsreichste Land der Erde mit gestauter Skepsis beobachten oder als Horrorbild zeichnen. Ob in diesem zerklüfteten Gelände das „Psychogramm einer Weltmacht“ im Bestreben aktuelles Standardwerk zu werden, genügend Beachtung findet, hängt auch von der internationalen Verbreitung und letztlich dem Gewicht seiner Vorzüge und Mängel ab.

„Kulturell erworbene Einstellungen sind zäh. Aber wenn eine neue Wahrnehmung der Realität entsteht, lange anhält und sich weit verbreitet, verändern sich auch alte Einstellungen allmählich. Für eine solche Wahrnehmung hat etwa die Ein-Kind-Politik in den vergangenen dreißig Jahren gesorgt. Einzelkinder, gerade auch Mädchen, erfahren von Seiten der Eltern (und Großeltern) mehr Aufmerksamkeit, Wärme und Unterstützung als Kinder früher. Ihre Erziehung ist weniger autoritär, sie erhalten mehr Freiraum und mehr Möglichkeiten in der Ausbildung inklusive Schule und/oder Studium im Ausland. Nie zuvor in der Geschichte des Landes sind mehr junge Chinesen im westlichen Ausland zur Schule oder Universität gegangen. Seit 2004 hat sich ihre Zahl auf fast eine Million nahezu verzehnfacht“. ( S.139/140)

Diese Feststellungen implizieren einen seltsamen Prozess, in dem politische und sozialpsychologisch analysierbare Phänomene sich ineinander verweben. Um da heranzukommen, begreifen die Autoren die Volksrepublik als Gründung einer neuen Dynastie in der langen Reihe zyklisch sich verbrauchender Herrschaftsapparate Chinas. Nach nun fast hundertjähriger Tradition des Selbstbehauptungskampfes der KP, in dessen Verlauf revolutionäre und reformerische Kräfte immer wieder sich aneinander reiben, aber die Einheit bewahren, bildet die Parteiorganisation (ca. 90 Mio. Mitglieder heute) den diffusen Kern einer neuen ‚Dynastie‘, über deren Haltbarkeit aus vernünftigen Gründen immer wieder spekuliert wird.

Wenn also die auf die Revolutionäre und Reformer nachfolgenden Generationen im gegebenen Rahmen einer staatskapitalistisch regulierten Gesellschaft, welche offiziell als ‚Sozialismus chinesischer Art‘ firmiert, „Ich-bezogener und Ich-stärker“ agieren, lassen sich die Illustrationen der geschichtlichen Trends nachvollziehen: „Neuerdings weigern sich beispielsweise Kinder aus Unternehmerfamilien immer öfter, den elterlichen Betrieb zu übernehmen und folgen lieber ihren persönlichen Vorlieben.“(140) Die Autoren sehen klar, dass die Konservierung der Monopolstellung der KP von der Fähigkeit abhängen wird, ihr Versprechen der Wohlstandsmehrung und der vernünftigen Eindämmung und Aufarbeitung von Tendenzen der Korruption glaubhaft einzuhalten.

Kein moderner Sozialstaat fällt mal so locker vom ‚Himmel‘. Da in China die KP den „rapiden und tiefgreifenden Wandel“ von einer „Agrar- zu einer hochgradig arbeitsteiligen und komplexen Industriegesellschaft als Teil einer globalisierten Weltwirtschaft sowie einer damit verbundenen Verstädterung.“(140) eingeleitet hat, versucht sie der „teilweise schon extremen Individualisierung der Gesellschaft“ gegenzusteuern, die negativen Wirkungen z.B. der Alterung der Bevölkerung durch entsprechende Gesetze auszugleichen, die Unternehmen und erwachsene Kinder der Familie in die Pflicht nehmen sollen. Da in der ‚westlichen Kultur‘ die Problematik ähnlich sich darstellt, sprechen die Autoren davon, China habe sich „kulturell ein Stück weit auf den Westen zubewegt“. Das sieht wie eine Annäherung aus, sei aber in Wirklichkeit eine Vertiefung der Kluft zwischen der ‚westlichen Kultur‘ mit dem Bedeutungsverlust der Familie, kultureller, moralischer Normierungen und dem chinesischen ‚Familismus‘, ‚Meta-Konfuzianismus‘, Sino-Marxismus‘, wo es primär um das Thema des Strebens nach Geltung im Konzert der globalen Machtkonstellationen gehe.

„Während die brachiale Kulturrevolution Mao Zedongs in China gescheitert ist, war die schleichende Kulturrevolution der sogenannten 68er im Westen erfolgreich und hat zu einer weitreichenden Umwertung traditioneller Werte geführt. Die Anhänger dieser Bewegung haben ihren >Marsch durch die Institutionen< vollzogen, und ihr Gedankengut bestimmt heute weitgehend die öffentliche Meinung und Gesetzgebung. … Während China vor allem damit beschäftigt ist, wieder Weltmacht Nummer Eins zu werden, diskutiert der Westen über die Einrichtung von Transgender-Toiletten. Die Kluft zwischen beiden Kulturen ist in den vergangenen Jahrzehnten so nicht kleiner, sondern größer geworden.“ (141/142) Da es dem Buch erklärtermaßen um vernünftige Überwindung kulturell bedingter Missverständnisse geht, erscheint diese These eher hausbacken und flach.

Gleichzeitig jedoch ist plausibel, was die Autoren über Institutionalisierung arbeitsteilig und kooperativ arbeitender Wissenschaften, das heißt ‚westlicher Wissenschaften‘, gefunden haben. Das Thema der Psychologie und namentlich der ‚Völkerpsychologie‘ taucht schon im Buchtitel auf. Mit Gründung der Republik 1912 (!) und der 1921 gegründeten Chinesischen Psychologischen Gesellschaft, wie auch der KPCh, habe eine ‚kurze Blüte‘ stattgefunden und die Auffassung wurde geäußert, dass Psychologie „die nützlichste aller Wissenschaften“ sei. „Der Bürgerkrieg setzte dem Aufschwung jedoch schon bald wieder ein Ende.“(43) Überdies ist von Mao Zedong die Äußerung bekannt, dass Psychologie als Wissenschaft >zu 90 Prozent nutzlos< sei.

Mit der ‚Machtübernahme der Kommunisten‘ 1949 existierte keine Alternative zur Anlehnung an die Sowjetunion. Dass dies Problem in Wirklichkeit sich als etwas komplexer darstellt, darauf muss hier nicht eingegangen werden. Für die Autoren sieht es jedenfalls schematisch so aus: „Und getreu dem materialistischen Grundsatz >Das Sein bestimmt das Bewusstsein< wurden psychische Phänomene fortan als klassenbedingt und bloße Reflexion des Gehirns auf äußere Realitäten und Aktivitäten betrachtet. Die chinesischen Lehrbücher waren jetzt Übersetzungen aus dem Russischen, nicht mehr aus dem Amerikanischen.“ (43)
Was hier zu erkennen ist, dass die prekäre Situation der Psychologie im Lande selbst mit Elementen der Fremdbestimmtheit und der Aktivitäten aus eigenem Antrieb im Lernprozess der Chinesen als Kulturnation sich mischt. Daher formulieren die Autoren den gemeinsamen psychischen Charakterzug der Chinesen so: „Als China 1964 in der Wüste von Xinjian seine erste Atombombe zündete, freuten sich darüber Chinesen in aller Welt – auch wenn sie das Regime in Peking ablehnten. Genauso war es beim Einzug des Landes als festes Mitglied in den UN-Sicherheitsrat, beim ersten Weltraumflug eines Chinesen, bei der Wiedervereinigung mit Hongkong und Macau oder den olympischen Spielen 2008 in Peking.
Viele Chinesen in Übersee wissen um die Defizite ihres Mutterlands und können zwischen dem Land und seiner Regierung sehr wohl unterscheiden. Deshalb haben sie bei der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas in den vergangenen Jahrzehnten gerne geholfen. Und zugleich, auch das lässt sich als typisch bezeichnen, sahen sie vielfach auch die Chance, dabei selbst etwas zu verdienen. Das Startkapital für den fulminanten Aufstieg des Landes, der in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen sucht, kam hauptsächlich aus ihrem weltumspannenden Netz.“ (46/47)

Das mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnete Werk ist in dem Sinne informativ und aufschlussreich, da es eine Vielzahl unübersichtlicher Details und diskussionswürdiger Themen in gut strukturierter Form darbietet. Der Leser ist so konfrontiert mit einer plausiblen Begründung, weshalb umgangssprachlich mit unterschiedlicher Motivation seit Jahrzehnten von der ‚chinesischen Herausforderung‘ gesprochen wird. Jedenfalls umfasst das ‚Psychogramm‘ Politik, Wirtschaft und das gesamte Netzwerk der spezifisch chinesischen Kultur, ihrer charakteristischen Denkfiguren.

Eine qualitativ andere Dimension des politischen Lebens eröffnet uns das Buch, wo es beschreibt, warum die Republik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheitert, welche Schachzüge die dramatischen Vernichtungserfahrungen der Chinesen in den Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts hervorrufen. Gerade in dieser Beziehung ist gesicherte Erkenntnis, dass die ‚westlichen‘ Kolonialmächte, an der Spitze das Vereinigte Königreich, um überdurchschnittliche Handelsgewinne zu realisieren, den Opiumkrieg aus der indischen Produktionsstätte zur Vergiftung der Bevölkerung und zur Zerstörung der chinesischen Moralinstanzen und der kaiserlichen Dynastie ins ‚Reich des Himmlischen Friedens‘ hineintragen. Obzwar von ungezügelter und ungesetzlicher Zerstörungswut angetrieben, waren die kolonialen Bestrebungen letztlich nur halb erfolgreich.

Auf diesem historischen Hintergrund ist es schließlich kein Zufall, dass die chinesischen Kommunisten die Macht sich aneignen können, die ihre sogenannten bürgerlichen Konkurrenten, die äußerst korrupte Kuomintang, in den verschiedenen Phasen des langen Bürgerkriegs und in wechselnden Bündnissen mit Japan und den USA aus ihren Händen verlieren und geschlagen sich auf die Insel Taiwan flüchten. Der Slogan Mao Zedongs, die ‚politische Macht kommt aus den Gewehrläufen‘ spiegelt zwar korrekt die Erfahrungen des Bürgerkriegs und die Legitimierung wie Ratifizierung der Herrschaft der Kommunisten. Aber die Tatsache, dass die Partei kein widerspruchsfreier monolithischer Block ist, berechtigt eben nicht, hier von einer allgemein gültigen Wahrheit zu sprechen. Dass die strategischen Versuche Maos, die ideologische Auseinandersetzung in der Partei auch in der Wirtschafts- und Kulturpolitik zu einer permanenten revolutionären Linie zu transformieren, hat zweifellos zu schwerwiegenden Opfern im Volk der Chinesen geführt. Wie aber die Partei dadurch selbst an den Rand der Verzweiflung gebracht und nach Mao (1976) die offenen Probleme tatsächlich beurteilt und löst, darüber erfahren wir in diesem Buch ziemlich wenig.

Wenn nun heute von einem substanziellen oder auch durchaus zwiespältigen wirtschaftlichen Aufschwung der Volksrepublik, von ihren Seidenstraßen- oder sonstigen Entwicklungsprojekten beispielsweise in Afrika, von der Demokratie- und Menschenrechtsproblematik die Rede ist, dann ist nicht selten auch gemeint, dass die ‚chinesische Herausforderung‘ Faktor und Teil der wachsenden, weltweiten Kriegsgefahren ist. Zugleich wird öffentlich das Bild vom diktatorisch agierenden Überwachungsstaat propagandistisch aufgeladen, in diesem Buch wohltuend zurückhaltend, während in den ‚westlichen Demokratien‘ entsprechende politische Ambitionen nur auf einen relativ schwachen Resonanzboden der politischen Diskussion treffen.

Nachvollziehbar ist, dass die Autoren angesichts kritischer Nachrichten nur eine allgemeine Hoffnung auf gütliche Lösungen in der Überwindung zerklüfteter kultureller Landschaften hegen. Das könnte sich mit unangenehmer Vehemenz als illusionäre Verharmlosung der Realitäten auf allen Seiten herausstellen. Sodass eben der chinesische Realist im Spiel der multipolaren Welt milde und verständnisinnig lächelt. Denn er weiß, dass das vergiftete Tabu über dem Tiananmen von 1989 aus den gleichen Gründen, aus denen der Nobelpreisträger Liu Xiaobo kritisierte, wahrscheinlich so schädlich ist wie Pandemien. Aber dass Lius Witwe heute in Berlin lebt, ist hoffentlich ein gutes Zeichen.

*Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron Die Chinesen Psychogramm einer Weltmacht, Berlin Dez 2019
 

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