Interview mit dem Tod

Rezension zu:


Jürgen Domian, Interview mit dem Tod, Gütersloher Verlagshaus 2012, ISBN 978-3-579-06574-8

Er hat Tausende von Interviews geführt, Gespräche über Gott und die Welt, der Telefon-Talker Jürgen Domian, der seit 1995 die bimediale Telefon-Talkshow „Domian“ moderiert. In diesen Gesprächen begegnete er immer wieder Menschen, die ihn mit dem Thema Tod, Sterben und Sterbehilfe konfrontierten.

Doch erst als er seinen sterbenden Vater auf einer Palliativstation begleitet hatte, fasste er den Mut, ein Gespräch mit dem Tod selbst zu führen.

Die Gesprächsabschnitte seines „Interviews mit dem Tod“ sind vom Schriftbild her abgesetzt von den diese Gesprächsteile immer wieder unterbrechenden autobiographischen Überlegungen Jürgen Domians. Sie sind fokussiert auf das Thema Tod und seine Haltung dazu in den verschiedenen Phasen seines Lebens.

Nach einer sehr christlichen Phase in seiner Jugend wurde Domian Atheist. „Alles Religiöse erschien mir absurd, lächerlich und vollkommen durchschaubar.“ Er konnte nicht mehr glauben. Das Thema Gott war für ihn erledigt. „Und ich merkte gar nicht, dass ich von einem Glauben in den nächsten gerutscht war. Hatte ich zuvor fest an Gott geglaubt, so glaubte ich jetzt fest daran, dass es ihn nicht gebe.“

Doch bei der Bewältigung seiner Auseinandersetzung mit dem Tod konnte ihm dieser neue atheistische Glaube überhaupt nicht weiterhelfen:
„Den Tod aber konnte ich nicht leugnen. Der war überall und nicht zu übersehen. Und die landläufige atheistische Überzeugung, dass mit dem Tod definitiv alles zu Ende sei, entsprach nicht meiner Intuition. Irgendetwas in mir sträubte sich gegen diese Vorstellung. Was genau, konnte ich nicht sagen. Vielleicht steckte mein Narzissmus dahinter, der die Vorstellung ewigen Nichtsseins nach dem leiblichen Ende nicht duldete. Und so stand mir der Tod geheimnisvoller und bedrohlicher gegenüber denn je.“

Auch seine jahrelange Beschäftigung mit den Philosophen von der Antike bis hin zur Moderne konnte ihn nicht wesentlich weiterbringen.
Erst die Begegnung mit den Mystikern der großen Religionen, so entnehme ich dem Verlauf seines Interviews mit dem Tod, haben ihm eine andere Richtung gezeigt.

So sagt ihm der Tod auf seine Frage nach Gott, Gott sei Nichts. Es sei überall, und auch in ihm. Auf Domians Hinweis, das mache ihm aber Angst, sagt der Tod:
„Nein. Der Gedanke soll dich trösten. Das Nichts in dir ist das Wertvollste und Reinste, was du hast. Es ist dein Urgrund.“
Und damit sei er mit allem verbunden. Als Domian das verständlicherweise nicht versteht, sagt der Tod:
„Gott ist mit dem menschlichen Verstand nicht zu begreifen. Würdest du ihn begreifen, wäre es nicht Gott.“ Und er verweist darauf, dass die Religionen Gott sehr wohl auf diese Weise erklären: „Du musst nur genau hinschauen. Die großen Mystiker aller Religionen haben das Nichts, die Leere, die absolute Wirklichkeit erfahren, wissen darum und berichten davon. Ebenso manche Propheten.“

Zwischen diesen Gesprächsteilen, auf die man sich ganz einlassen muss, will man sie verstehen, setzt sich Domian mit dem Sterben seines Vaters auseinander und mit dem Thema Sterbehilfe und Palliativmedizin. In dem Bemühen um eine ethisch begründete Haltung beschreibt er die Argumente und zollt der Palliativmedizin großen Respekt. Hier hat er einen Umgang mit dem Sterben gefunden, der ihm den Tod etwas menschlicher werden lässt.

„Interview mit dem Tod“ ist ein Buch über den eigenen Vater und dessen Leben und Sterben, es ist ein ehrliche autobiographische „Sinn-Bilanz“ und eine philosophisch und theologisch wertvolle Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit des Menschen und, der Theodizee und dem Sinn des Lebens.

Manches von dem, was der Tod in diesem Buch ausspricht, ist schwer zu ertragen und fordert den Widerspruch des Lesers genauso heraus, wie ihm auch Domian immer wieder widerspricht. Wenn es dazu beiträgt, im Leser eine innere Auseinandersetzung mit diesem von den meisten Menschen verdrängten Thema auszulösen, dann ist die Absicht des Autors gelungen.

Ein Buch, mit dem man ringt, dass einen nicht unberührt und unverändert zurücklässt.
 

 
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