Jahrestag auf Helgoland

Ciconia

Mitglied
Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss. Das gleiche Wetter wie heute vor einem Jahr, das ist gut so ...

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Sie hat die Spaziergänge auf den Deichen so geliebt ...

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ...
Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und kämpft zum ersten Mal an diesem Tag mit den Tränen. Die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer ...

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai, gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf die Fähre. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1, das hier als Museumsschiff liegt. Die Museumsfahrt vor drei Jahren ...

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen ... Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt ihn zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch mit Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna – ihr Lieblingsplatz ... Sie wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Meer. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel ihr der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, ein letztes Mal gemeinsam nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Vom Meer schallt eine Lautsprecherstimme und fröhliches Lachen von einem vorbeituckernden Ausflugsboot über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. So unbeschwert waren wir auch einmal ...

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er zurück zum Geschäft. Er entscheidet sich rasch und verlässt zufrieden mit einem Fernglas den Laden.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger zurück. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er wird abends ein Gläschen auf Luisa trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Ob ich jemals wieder herkomme? Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder am Ufer. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Auf seinem Platz im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den letzten Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres letzten Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzen Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“

Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann mit tränenfeuchten Augen lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen – aber der Weg wird ihm jetzt ein wenig leichter fallen.
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Ciconia,

Deine Geschichte hat mir gut gefallen - aber warum hast Du die beiden Erzählebenen optisch getrennt? Ich würde annehmen, dass der Leser den 'Erzähler' und die Gedanken des Mannes auseinanderhalten kann.
Die beiden Typen haben etwas Entfremdendes.

Aber die Geschichte hat schöne Bilder und ist ruhig und einfühlsam erzählt.

Liebe Grüße
Petra
 

Grauschimmel

Mitglied
Liebste Ciconia, ja Deine Geschichte hat mir auch gefallen. Von Erzählebenen verstehe ich nichts, was entfremdendes hatte das Kursive, die Gedanken?, für mich nicht. Ich habe nur überlegt, ob es nicht besser wäre, dort wo deutlich wird, dass der Prot „spricht“ und nicht der Ich-Erzähler, es auch so gestaltet wird. Z.B. statt „ihrer“ – „Deine“ usw., so wie er in seinem Tagebuch mit ihr „spricht“.
Zum Schluss würde ich die „Tränen in den Augen“ nochmal überdenken, er hat sich doch schon aufgemacht über Trauer hinaus leben zu wollen. Lass ihn doch in die Abendsonne blinzeln, oder so.
Gern gelesen, Gruß Grauschimmel!
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Petra,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar – wie immer kurz, präzise, fair. Es freut mich sehr, dass Dir auch diese Geschichte gefallen hat.

Bei den „Erzählebenen“ ging es mir eigentlich gar nicht so sehr um die Gedanken des Mannes, sondern um das Hervorheben der einzelnen Stationen, die er an diesem Tag anläuft. Ich wollte den Text damit auch optisch ein wenig auflockern. Aber du hast Recht, es sind auch Gedanken dabei. Vielleicht werde ich daran noch etwas ändern.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Grauschimmel,

schön, dass Dir die Geschichte gefällt und Du Dir Zeit zum Kommentieren genommen hast. Vielen Dank!

Für mich wäre es zu unruhig im Textfluss, wenn der Prot den ganzen Tag über mit Luisa spräche. Ein wenig Auflockerung: ja (siehe oben), aber keine dauernde Ansprache.

Was den Schluss angeht, kann ich Deinen Einwand durchaus nachvollziehen. Ich habe den letzten Absatz mehrmals umgeschrieben, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Aber dann dachte ich: Der Mann hat einen schweren und anstrengenden Tag hinter sich, er hat etwas geschafft, wovor er sich monatelang fürchtete. Im Laufe dieses Tages ist offensichtlich ein Knoten geplatzt, er steht nun allein und ein wenig erleichtert in der Dunkelheit am Ufer und lässt den Tag noch einmal Revue passieren. Den ganzen Tag über hat er sich zusammengerissen. Er heult auch jetzt keine Krokodilstränen - aber wollen wir ihm nicht "tränenfeuchte Augen" zugestehen?

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss. Heute vor einem Jahr war das Wetter ähnlich schön.

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Sie hat die Spaziergänge auf den Deichen so geliebt.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ...
Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai, gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf die Fähre. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt mit diesem Schiff zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte seiner Frau gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt ihn zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch mit Bratkartoffeln, das Lieblingsgericht seiner Frau, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Meer. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel ihr der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, ein letztes Mal gemeinsam nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Vom Meer schallt eine Lautsprecherstimme und fröhliches Lachen von einem vorbeituckernden Ausflugsboot über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wieder unbeschwert einen Tag genießen, wie sehr er sich das wünscht!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er zurück zum Geschäft. Er entscheidet sich rasch und verlässt zufrieden mit einem Fernglas den Laden.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger zurück. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er wird abends ein Gläschen auf seine Frau trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder am Ufer. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Auf seinem Platz im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den letzten Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres letzten Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“

Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann mit tränenfeuchten Augen lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen – aber der Weg wird ihm jetzt ein wenig leichter fallen.
 

Ciconia

Mitglied
Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an einem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss.

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die Spaziergänge auf den Deichen sehr gemocht.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er um und verlässt bald darauf das Geschäft mit einem Fernglas.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein Gläschen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen liebevoll lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“

Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann mit feuchten Augen lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen – aber vielleicht fällt es ihm künftig ein wenig leichter.
 

Ciconia

Mitglied
Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss.

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die Spaziergänge auf den Deichen sehr gemocht.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er um und verlässt bald darauf das Geschäft mit einem Fernglas.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein Gläschen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen liebevoll lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“

Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen, aber der Weg wird ihm dieses Mal leichter fallen.
 

Ciconia

Mitglied
12. Oktober - Ausflug mit Luisa nach Helgoland

Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss.

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die Spaziergänge auf den Deichen sehr gemocht.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er um und verlässt bald darauf das Geschäft mit einem Fernglas.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein Gläschen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen liebevoll lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“

Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen, aber der Weg wird ihm dieses Mal leichter fallen.
 

Ciconia

Mitglied
12. Oktober - Ausflug mit Luisa nach Helgoland

Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss.

Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.

An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die Spaziergänge auf den Deichen sehr gemocht.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.

Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.

Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.

Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er um und verlässt bald darauf das Geschäft mit einem Fernglas.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein Gläschen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.

Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen liebevoll lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“


Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen, aber der Weg wird ihm dieses Mal leichter fallen.
 

Ciconia

Mitglied
12. Oktober - Ausflug mit Luisa nach Helgoland

Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-Fähre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behäbig elbabwärts fließt, glitzert die frühe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren über den Fluss.
Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige Fahrgäste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den Landungsbrücken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das träge Elbwasser auf und deuten an, was sie später auf hoher See leisten werden.
An Backbord ducken sich Fachwerkhäuser hinter den Deich, rot-weiße Leuchttürme ragen stolz darüber hinaus. Das Alte Land ... Im Frühling zur Kirschblüte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die Spaziergänge auf den Deichen sehr gemocht.

Brunsbüttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kämpft er mit den Tränen.
Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorübergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drängen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmütig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurück.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdünnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hätte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.
Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hängt seinen Träumen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrüßen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die Fähre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lädt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der Küste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der Hauptgeschäftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlägt zielstrebig den üblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert händchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfüllen konnte.
Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme über die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg führt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurück zur Geschäftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hätten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehält. Entschlossen kehrt er um und verlässt bald darauf das Geschäft mit einem Fernglas.

Der kleine Cafégarten ... Ihm bleibt nur ein Viertelstündchen für einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. Tagesgäste nützen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften Tüten zur Fähre. Der Mann belässt es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein Gläschen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.
Die schönste Stunde des Tages ... In der Elbmündung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in kräftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzähligen Windräder in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der ständigen Schmerzen liebevoll lächelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

Allmählich bricht die Dämmerung herein, die Kühle lässt ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen häufig gesagt, ich müsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir übrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine größere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“


Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfältig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer Fährhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen Fahrgäste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann lange Zeit über den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen, aber der Weg wird ihm dieses Mal leichter fallen.
 

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