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Jahrgang 1899

5,00 Stern(e) 2 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Ein Lebenslauf

Ein Leben voller Stolpersteine,
geführt mit starker Disziplin und Liebe.
Oft ließ das Schicksal dich alleine,
als aufgeriebnes Rädchen im Getriebe.

Ein Arme-Leute-Kind zur Kaiserzeit,
und das Jahrhundert ist wie du sehr jung.
Der erste Weltkrieg scheint unglaublich weit -
da bleibt vom Vater nur Erinnerung.

Dein erster Freund – im Krieg vermisst auf See,
schon wieder hat das Schicksal zugeschlagen.
Auch diesmal tut dein Herz entsetzlich weh,
zum zweiten Mal musst du Verlust ertragen.

Du ignorierst der Welten Kapriolen,
genießt bald Ehe und auch Mutterglück.
Du widersetzt dich Willkür und Parolen -
dann bröckelt dieses Leben Stück für Stück.

[ 8][ 8]Schöne Tage - nicht weinen, dass die vergangen,
[ 8][ 8]sondern lächeln, dass sie gewesen.


Denn plötzlich geht es nur ums Überleben,
der Luftschutzkeller wird Normalität.
Von blanker Todesangst bist du umgeben,
dein Mann im Feld; ein Kind, das schon versteht.

Aus Trümmerbergen, Bombennächten
gibts keine andre Möglichkeit als Flucht.
Du haderst mit den bösen Mächten,
hast dir das enge Dorf nicht ausgesucht.

[ 8][ 8]Und immer wenn du denkst es geht nicht mehr,
[ 8][ 8]dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.


Ein langes Jahr musst du in Sorge warten,
dann kommt dein Mann vom schweren Weg zurück.
Nach Hungerwinter, vielen Suchdienstkarten
gelingt ein kurzes familiäres Glück.

Auf Arbeitssuche irgendwo im Westen
ereilt den Mann ein mörderischer Überfall.
Du fragst: Warum nur trifft es stets die Besten?
So endet deine Ehe mit Pistolenknall.

[ 8][ 8]Doch alle Schuld rächt sich auf Erden.

Die guten Zeiten hast du oft beschworen,
die alte Heimat blieb für immer fern,
doch niemals deinen Lebensmut verloren,
du sangst und lachtest trotz des Kummers gern.

[ 8][ 8]Dort wo man singt, da lass dich ruhig nieder,
[ 8][ 8]denn böse Menschen haben keine Lieder.


Noch viele Jahre hast du durchgestanden,
trotz Krankheit, Geld- und großer Seelennot,
bis deine Kräfte mit fast neunzig schwanden.
Was du mir gabst, trag ich im Herzen bis zum Tod.


(für Lotte)
 

blackout

Mitglied
Ciconia, du hast das Gedicht doch geschrieben. Wie findest du es - konkreter, näher am Menschen? Man geht mit beim Lesen, und man versteht die Zeit, in der deine Oma gelebt hatte. Das hast du richtig gut gemacht.

Nur ein paar kleine Anmerkungen:

Hältst du die kursiven Zwischentexte wirklich für nötig?

In der vorletzten Strophe fehlt das Verbindungsverb nach dem eingeschobenen Nebensatz:

Die guten Zeiten hast du oft beschworen,
die alte Heimat blieb für immer fern,
doch niemals deinen Lebensmut verloren,
du sangst und lachtest trotz des Kummers gern.

Im dritten Vers würde ich dir statt des "doch" ein "hast" vorschlagen.

Und dann überleg mal, ob du die 1. Strophe wirklich brauchst, denn das ist ein vorangestelltes Resümee. Ich glaube, es wäre besser, wenn du mit der 2. Strophe ins Gedicht gingest. Ich denke, in diesem Gedicht brauchst du kein Resümee, das Gedicht spricht für sich.

Ich freu mich für dich.

blackout
 

Ciconia

Mitglied
Das hast du richtig gut gemacht.
Danke für dieses Lob und Deine Gedanken zu diesem Gedicht, blackout. Ja, ich habe Deine Anregung aufgegriffen und mit viel Mühe dieses Gedicht geschrieben. Und ja, ich brauche die erste Strophe, diesen vorab gegebenen Hinweis auf die „Stolpersteine“, die das Leben für Menschen dieser Jahrgänge unweigerlich schwer gestalteten.

Auch an den kursiven Zwischentexten hänge ich: Sie sind die immer wieder von meiner Großmutter vorgebrachten Lebensweisheiten, die ich hier in den jeweiligen Kontext eingefügt habe. Diese – und sicher nach längerem Überlegen auch noch ein paar andere – habe ich immer noch im Ohr.
Die guten Zeiten hast du oft beschworen,
die alte Heimat blieb für immer fern,
doch niemals deinen Lebensmut verloren,
du sangst und lachtest trotz des Kummers gern
.
Hier wollte ich gerade ein zweites „hast“ vermeiden – ich meine, die dritte Zeile nimmt das „hast“ der ersten mit.

Ich freue mich, dass ich Dich mit diesem Gedicht überzeugen konnte.

Gruß Ciconia
 

blackout

Mitglied
Zur Widmung noch: Schreib sie gleich unter den Titel, ohne Klammern.

Und mit der "Wiederholung" - hier handelt es sich nicht um eine überflüssige Wiederholung, sondern um eine nötige.
Es kursieren im Internet allerhand Dummheiten herum, unter anderen die, dass man Wiederholungen vermeiden soll usw., all dieser Käse, den irgendwer aufgebracht hat. Das betrifft aber nicht jede Wiederholung, sonst gäbe es zum Beispiel die Anapher oder Epipher nicht als Stilfigur. Also ich jedenfalls stolpere jetzt an dieser Stelle.

Gebe ich zu bedenken.

blackout
 

Ciconia

Mitglied
Zur Widmung noch: Schreib sie gleich unter den Titel, ohne Klammern.
Gibt es dafür Regeln, blackout? Ich wollte die Widmung absichtlich nicht gleich in den Vordergrund rücken.
Und mit der "Wiederholung" - hier handelt es sich nicht um eine überflüssige Wiederholung, sondern um eine nötige.
Finde ich nicht. Trotz des Einschubs handelt es sich hier um einen vollständigen, verständlichen Satz. Für mich wäre es ein Graus, zweimal dasselbe Hilfsverb in einer Strophe zu bringen. Ich vermeide Wiederholungen soweit es geht. Das ist mein Stil, ohne dass ich dafür das Internet bemühen musste.

Danke für nochmalige Reinschauen.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ein Lebenslauf

Ein Leben voller Stolpersteine,
geführt mit starker Disziplin und Liebe.
Oft ließ das Schicksal dich alleine,
als aufgeriebnes Rädchen im Getriebe.

Ein Arme-Leute-Kind zur Kaiserzeit,
und das Jahrhundert ist wie du sehr jung.
Der erste Weltkrieg scheint unglaublich weit -
da bleibt vom Vater nur Erinnerung.

Dein erster Freund – im Krieg vermisst auf See,
schon wieder hat das Schicksal zugeschlagen.
Auch diesmal tut dein Herz entsetzlich weh,
zum zweiten Mal musst du Verlust ertragen.

Du ignorierst der Welten Kapriolen,
genießt bald Ehe und auch Mutterglück.
Du widersetzt dich Willkür und Parolen -
dann bröckelt dieses Leben Stück für Stück.

[ 8][ 8]Schöne Tage - nicht weinen, dass sie vergangen,
[ 8][ 8]sondern lächeln, dass sie gewesen.


Denn plötzlich geht es nur ums Überleben,
der Luftschutzkeller wird Normalität.
Von blanker Todesangst bist du umgeben,
dein Mann im Feld; ein Kind, das schon versteht.

Aus Trümmerbergen, Bombennächten
gibts keine andre Möglichkeit als Flucht.
Du haderst mit den bösen Mächten,
hast dir das enge Dorf nicht ausgesucht.

[ 8][ 8]Und immer wenn du denkst es geht nicht mehr,
[ 8][ 8]dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.


Ein langes Jahr musst du in Sorge warten,
dann kommt dein Mann vom schweren Weg zurück.
Nach Hungerwinter, vielen Suchdienstkarten
gelingt ein kurzes familiäres Glück.

Auf Arbeitssuche irgendwo im Westen
ereilt den Mann ein mörderischer Überfall.
Du fragst: Warum nur trifft es stets die Besten?
So endet deine Ehe mit Pistolenknall.

[ 8][ 8]Doch alle Schuld rächt sich auf Erden.

Die guten Zeiten hast du oft beschworen,
die alte Heimat blieb für immer fern,
doch niemals deinen Lebensmut verloren,
du sangst und lachtest trotz des Kummers gern.

[ 8][ 8]Dort wo man singt, da lass dich ruhig nieder,
[ 8][ 8]denn böse Menschen haben keine Lieder.


Noch viele Jahre hast du durchgestanden,
trotz Krankheit, Geld- und großer Seelennot,
bis deine Kräfte mit fast neunzig schwanden.
Was du mir gabst, trag ich im Herzen bis zum Tod.


(für Lotte)
 

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