Jede unserer Einzelentscheidungen hat eine Folge, die andere ausschließt

Rezension zu:

Franz Hohler, Gleis 4, Luchterhand 2013, ISBN 978-3-630-87420-3

Isabelle lebt in Zürich und arbeitet dort als Abteilungsleiterin eines Altersheims. Lange schon hat sie sich auf den ersehnten Urlaub auf der Insel Stromboli gefreut, zu dem ihre Freundin schon abgereist ist. Auf dem Weg zum Flughafen steht sie im Bahnhof und wartet auf den Zug. In diesem Moment ahnt sie nicht, dass schon wenige Augenblicke später etwas geschehen wird, was ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten lassen wird. Ein höflicher gut gekleideter, graumelierter älterer Herr spricht sie an und fragt: „Darf ich Ihnen den Koffer tragen?“

Beeindruckt von seiner Stimme und seiner Person stimmt sie zu. Der Mann trägt ihr den Koffer die Treppen hoch und bricht dort, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, plötzlich tot zusammen. Isabelles Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos und der herbeigerufenen Polizei kann sie nur berichten, was geschehen ist.

Der Flieger nach Stromboli ist weg und Isabelle muss notgedrungen wieder in ihre Wohnung fahren. Dort stellt sie zum einen fest, dass sie aus Versehen eine Mappe des Verstorbenen mit sich genommen hat. Und zum anderen, dass sie genauso schnell ihr Interesse an Stromboli verliert, wie ihre Neugier an dem Mann wächst, dem sie sich auf eine ihr noch nicht erklärliche Weise verpflichtet fühlt. Als sie die Mappe öffnet, darin ein Handy des Verstorbenen findet, überlegt sie kurz, es zur Polizei zu bringen. Doch als es wenig später klingelt, entscheidet sie sich, den schwachen Akku aufzuladen, „denn bis sie auf dem Polizeiposten wäre, wären die Funktionen der Geräts vielleicht schon erloschen und der Kontakt zu dem Umfeld des Mannes verloren.“

Und dann beginnt eine spannende Spurensuche, die das Buch durchaus zu einem Kriminalroman macht, mit immer neuen Hinweisen und Entdeckungen, die nicht nur Isabelle, sondern auch den Leser des Buches in Atem halten. Doch Franz Hohler hat in seinem neuen Roman seine sozialkritischen Traditionen, die wir aus seinen anderen Büchern kennen, nicht vergessen. Nicht nur zwischen den Zeilen hält er seiner Schweizer Gesellschaft in ihrer speziellen Züricher Variante den Spiegel vor mit ihrem Fremdenhass und ihrer Borniertheit. Geschickt hat er die aktuelle Debatte um das Schicksal der Verdingkinder eingewoben.
„Verdingung bezeichnet in der neueren Schweizer Geschichte die Fremdplatzierung von Kindern zur Lebenshaltung und Erziehung. Oft wurden die (faktisch schon durch die Behörden entrechteten) Kinder an Bauern vermittelt, von denen sie als günstige Arbeitskraft meist ausgenutzt, misshandelt und missbraucht wurden. Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige fanden dabei den Tod.“ (wikipedia)

Isabelle kommt dem Schicksal des Mannes, der ihr den Koffer tragen wollte, auf die Spur, und ruht nicht eher, bis sie herausfindet, wo er herkam und wohin er wollte. Dass ihr dabei nicht nur der Tote nachträglich zum Freund wird, ist ein versöhnlicher Umstand. Neben seiner Sozialkritik ist der Roman aber auch ein literarisches Zeugnis über das Lebensphänomen, dass jede unserer Einzelentscheidungen eine Folge hat, die andere ausschließt. Am Anfang heißt es noch:
„Hätte sie geahnt, was dieser Satz für Folgen hatte, sie hätte abgelehnt, höflich, aber entschieden.“ Der beeindruckte Leser hat aber am Ende des Buches das Gefühl, als würde Isabelle diese Einschätzung so nicht mehr wiederholen.
 

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