Joseph Roth: Briefe aus Deutschland - Rezension

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Joseph Roth war nicht nur erfolgreicher Erzähler – während der Weimarer Republik war er auch einer der gefragtesten und bestbezahlten Feuilletonisten deutschsprachiger Zeitungen. Er veröffentlichte vor allem in der angesehenen „Frankfurter Zeitung“ und bereiste auf eigenen Wunsch und in deren Auftrag im Oktober 1927 das damalige Saargebiet. Roth war etwa zwei oder drei Wochen dort, vor allem in Saarbrücken und Neunkirchen. Er fuhr in eine Kohlengrube ein, besichtigte ein Eisenwerk, sah sich in einem Warenhaus und bei einem politischen Vortrag um und hatte diverse Gesprächspartner, vor allem aus Politik und Publizistik. Die siebenteilige Artikelserie „Briefe aus Deutschland“ erschien von November 1927 bis Januar 1928 in der „Frankfurter Zeitung“. Es folgte dort abschließend noch eine Reaktion Roths auf das negative Echo, das seine Texte in der „Saarbrücker Zeitung“ gefunden hatten. Diese literarisch-journalistische Kontroverse hatte sich auch schon in Nr. 5 des Zyklus („Menschen im Saargebiet“) niedergeschlagen. Die ganze Sammlung wurde als Buch 1997 im Gollenstein Verlag veröffentlicht (3. ergänzte Auflage 2008).

Roths Methode besteht aus zweierlei: scharfem Hinsehen und subjektivem Verarbeiten. Dem glänzenden Stilisten sind dabei ausgezeichnete Texte oder Textabschnitte gelungen, deren Lektüre auch nach fast neunzig Jahren noch so bereichernd wie genussvoll ist. Als Ganzes rühmen kann man „Unter Tag“ (Nr. 3). Roth unternimmt hier in Begleitung eines Steigers eine Grubenbesichtigung. Exakt werden Ausrüstung, Einfahrt und die unterirdische Arbeitswelt geschildert. Alles wirkt auf eine beklemmende Weise komisch, indem sich Roths Befindlichkeit im Bergwerk dabei selbstironisch widerspiegelt. Wir würden es ebenso erlebt haben … In „Das Werk“ (Nr. 7) fehlt diese humoristische Note. Der Besucher des Eisenwerks nimmt, was er sieht, mit ständig steigendem Befremden zur Kenntnis und wendet sich hoffnungslos ab. Er will anderntags in die Kirche gehen … Insgesamt akzeptabel erscheint gleichfalls der Saarbrücken-Text (Nr. 2), so düster-subjektivistisch er auch ist. Wenn Roth an diesem Regenabend die anonymen vereinsamten Frauen in einem Kaffeehaus beobachtet und sich die absehbar unglücklichen Paarungen mit Männern vorstellt, überkommt ihn ein Weinen: „Denn die Liebe könnte noch trauriger ausfallen als das Leben.“ Der heutige Leser und Roth-Kenner denkt dabei an Roths eigene Biographie.

Aufmerksam liest der Rezensent „Nach Neunkirchen“ (Nr.4) und „Das Warenhaus und das Denkmal“ (Nr. 6), ihm von Kindesbeinen an vertraute Örtlichkeiten. Tatsächlich: Da steht blitzschnell Aufgefasstes und stilistisch hervorragend Herausgearbeitetes – klassisch Zitierfähiges. Besonders überzeugend, wie Roth als eine Art Hausdetektiv im Warenhaus Kunden beobachtet und ihr serviles Verhalten in Beziehung setzt zum streng patriarchalischen Regiment des Herrn auf dem Denkmal. Und doch: Gerade diese beiden Texte offenbaren die Schwäche von Roths Verfahren. Da sind sachliche Fehler, die dem mit dem Ort Unvertrauten nicht auffallen, doch eben sie sind konstitutiv für die beabsichtigte Wirkung des Textabschnitts. Roth ist mit der Sozialistin Balabanoff nach Neunkirchen gefahren, die dort einen Vortrag hält. Auf dem Weg zum Versammlungslokal sammelt er Eindrücke von der Hauptachse der Stadt und schreibt, Gott suchend, ihm nachsinnend: „Zum Glück steht da eines seiner Häuser, eine Kirche. Man könnte sie übersehen. Die ärmlichen Schaufenster sind auffälliger.“ Tatsächlich gibt es dort zwei Hauptkirchen, eine evangelisch, eine katholisch, und beide wirken ausgesprochen monumental. Gerade Stumm, der Eisenhütten-Patriarch, legte größten Wert auf die Religiosität seiner Beschäftigten, und so sieht die protestantische neogotische Kirche, dem Werk benachbart, auch aus. Das katholische Gotteshaus in der Nähe ahmt die großen romanischen Dome am Rhein nach. Roth irrt weiterhin, wenn er behauptet: „ … die Gegend gehört zu den frommen, katholischen…“ und sich damit eine Reaktion der Zuhörer auf Balabanoff erklärt. Die Stadt war auch zu Roths Zeit überwiegend evangelisch, zum Teil atheistisch und die Bevölkerung der Nachbarorte nur zur Hälfte katholisch. In diese Reihe von Schnell- und Fehlschüssen gehört auch, dass eine Kundin im Warenhaus das angeblich eigene Kind verleugnet haben soll, um Argumenten des Verkäufers etwas entgegensetzen zu können. Roth kennt die wahren Verhältnisse insoweit gar nicht, er erfindet hier offenbar etwas, das zu fiktivem Erzählen passt, nur nicht zu einem Reisefeuilleton, das auch dem realen Ort gerecht werden soll. Hier wird das Windige an Roths Verfahren deutlich. Was mag jene Warenhauskundin empfunden haben, sollte sie sich zu Unrecht als Lügnerin dargestellt gefunden haben? Wer in einem journalistischen Text reale Orte und Personen schildert, muss in den nachprüfbaren äußeren Details wahrhaftig bleiben, sonst ist sein Text diskreditiert.

Gewiss hat den Redakteuren der „Saarbrücker Zeitung“ damals die kritische Tendenz nicht gepasst und gern haben sie die Schnitzer, die unbegründeten Annahmen usw. präsentiert, um Roths Texte insgesamt ablehnen zu können. Hierher gehört das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf einer Saarbrücke, das laut Roth auf der Brückenmitte den Verkehr behindert, während es tatsächlich wie barocke Heiligenfiguren an der seitlichen Brüstung in einer Nische aufgestellt ist und weiter gar nicht stört. Ralph Schock, der Herausgeber der jetzigen Buchausgabe, verteidigt den Autor so: „Er zielte auf die innere Stimmigkeit einer Beschreibung einer Region und ihrer Menschen. Auch dürfte ihm die Art und Weise seiner Wahrnehmung wichtiger gewesen sein als die sachliche Richtigkeit.“ Er verweist auf „Roths literarische Intention“ und die „unterschiedlichen Auffassungen von Journalismus“. Das überzeugt nicht. An den zu kritisierenden Stellen vermisst der besser Informierte gerade die innere Stimmigkeit, sie darf sich in einem journalistischen Text nicht über Tatsachen hinwegsetzen, bloß um den Eindruck des Lesers zu manipulieren. Das eben wäre Tendenzjournalismus, wie er auch heute nicht selten ist und der übrigens ohne jeden literarischen Anspruch auskommt. Schock zu Roths Denkmalfinte: „Kein Autor von Rang … hätte sich diese Pointe entgehen lassen.“ Wirklich? Von Tucholsky oder Polgar kann ich mir das jetzt nicht vorstellen.

Joseph Roth heute noch lesen? Gern. Aber ihn bitte nicht unkritisch verteidigen, neben seinen Stärken nicht seine Schwächen übersehen oder, schlimmer noch, sie zu Vorzügen uminterpretieren. Auch die Meister sind nur Menschen und Roth, ein mythomanischer Überflieger, hatte, neben sehr viel Talent, in schwerer Zeit ein besonders schweres Leben. Seinen Narben entsprechen die Entstellungen in seinem Werk.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Interessante Rezi.
Der zweite Absatz war mir zu vage, aber dafür entschädigt das Folgende, in dem sehr konkret auf die Probleme mit den Briefen 4 und 6 eingegangen wird.
Ein Plädoyer für kritisches Lesen.
 
Danke, lapismont, für die Anerkennung. Dein Unbehagen am zweiten Absatz kann ich verstehen. Vielleicht liegt tatsächlich ein Mangel des Textes darin, dass er fast alle Artikel Roths wenigstens kurz vorzustellen versucht. Noch länger sollte mein Gesamtbeitrag aber nicht sein, um den Leser nicht zu ermüden. Bei Kürzung der ersten beiden Absätze, die ich jetzt auch erwogen habe, scheint mir das Gesamtbild der Sammlung jedoch verfälscht zu werden.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

blackout

Mitglied
Joseph Roth: Briefe aus Deutschland

Arno Abendschön, du erlaubst dir Kritik an einem literarischen Text, den du meiner Ansicht nach gar nicht beurteilen kannst. Und wenn Roth das Kaiser-Wilhelm-Denkmal kritisch auf der Brücke stehen sieht, auch wenn es in einer abseitigen Nische steht, dann musst du ihm die Meinung lassen und nicht besserwisserisch auf örtliche Richtigkeit pochen. Roth ging es doch nicht um den Abstellort des verschleimten Kaisers - vergiss nicht, Deutschland war zu diesem Zeitpunkt eine Republik nach einer missglückten Revolution, wo wenigstens die Monarchie gestürzt wurde -, sondern darum, dass da immer noch ein Kaiser auf der Brücke steht, wenn es auch nicht allerletzte war. Nicht begriffen? Natürlich konnte er das nicht ungeschminkt sagen, also griff er zu einem Umweg: Es sagen, worum es ihm geht, und es doch nicht so genau sagen. Vergiss nicht, Roth war nicht nur Journalist, er war ein DICHTER. Dass dieser Passus nicht gut ankam, hat damit zu tun, dass der Chefredakteur sehr genau begriff - im Gegensatz zu dir -, dass es sich um eine POLITISCHE Kritik handelte und nicht um einen journalistischen Lapsus. Natürlich, auch damals schon bangten die Zeitungen um ihr Überleben, und selbst die angesehenste Zeitung konnte sich zu diesem Zeitpunkt schon keinen politischen "Ausrutscher" mehr leisten. Roth hoffte, dass der Leser, der einen halbwegs politisch denkenden Kopf hatte, schon begreifen würde, worum es ihm ging. Deine Argumentation entbehrt nicht einer geballten Spießigkeit, wobei ich sogar glaube, dass du sie von irgendwoher übernommen hast - unkritisch, wie so ziemlich alles, was dir in deinem begrenzten Denken entgegenkommt.

Und von dieser Qualität ist dein ganzer Beitrag. Ob die Gegend nun halb oder ganz katholisch oder evangelisch war, das spielte für Roth überhaupt keine Rolle. Nicht begriffen?
Er sah das verheerende Einwirken der Kirchen auf die Köpfe der Arbeiter, ihre Ergebenheit in die Rolle des Malochers - und sie waren doch einmal Revolutionäre oder wenigstens halbwegs revolutionär.

Roth, und das hast du auch nicht begriffen, war ein politisch denkender Mensch. Er ist als bürgerlicher Schriftsteller aber niemals zur Erkenntnis gelangt, welche Methode die richtige ist, um die Verhältnisse der Weimarer Zeit, wie sie waren, ändern zu können. Das hat viel mit der Zeit und dem Ort, an dem er tätig war, zu tun. Er hatte immer eine Schere im Kopf haben müssen. Sonst wäre er nicht gedruckt worden, aber schließlich lebte er davon. Er musste also Kompromisse machen, wollte er nicht verhungern. Aber er war ein aufrechter Kerl, der nicht bereit war, sich ganz unter die Verhältnisse zu ducken.

Und nun frage ich dich, zurückkommend auf mein Gedicht zu Joseph Roth: Bist du der Ansicht, dass die "Frankfurter Zeitung" Roths Schilderung der Sowjetunion völlig unredigiert gedruckt haben wird? Denn Roth, der kein Sozialist war, sondern sich in den Grenzen der Bürgerlichkeit bewegte, wird in der Sowjetunion so einiges bemerkt haben, was ihm durchaus sympathisch war, und das hat er ganz bestimmt auch geschrieben, was aber nicht heißt, dass er zum Beispiel das Kollektivleben in der Sowjetunion als ein Leben für sich hätte akzeptieren können. Aber dieses Wenige, was ihm sympathisch war, hätte ihm als "Kommunistenschwein" (so war die Sprachregelung) ausgelegt werden können. Die "Frankfurter Zeitung" war aber sicher an ihm als journalistischem Zugpferd interessiert und wird ausgebügelt haben, was nur ging in Roths Reiseschilderung. Und das hast du auch nicht begriffen, Herr Abendschön, wenn ich vom Antikommunismus zu Roths Lebenszeit und auch bereits vom Antisemitismus geschrieben habe.

Jeder, der schreibt, muss in seiner Zeit gesehen werden. Und Roths Lebenszeit war angefüllt mit Klassenkämpfen bis zum Getno. Da blieb es nicht aus, dass auch aus dem Bürgertum kommende Menschen (wobei das für Roth so unbedingt nicht zutreffend ist) sich mit ihrer Zeit beschäftigten. Diesen Gedanken sparst du in deinem Beitrag völlig aus. Du hast hier ein spießiges, überfliegerisches Erzeugnis zum Gotterbarmen hingelegt. Es wäre deine Pflicht gewesen, wenn schon eine Rezension, dann eine, die wenigstens auf dem Boden der Wirklichkeit steht.

Auf weitere Einzelheiten gehe ich nicht ein, da wäre noch einiges zu bemerken, ich lass es. Ich habe dir lediglich am Beispiel klarmachen wollen, wo deine Grenzen sind, und die sind sehr eng.

Ich bin der Ansicht, wenn Schreiben überhaupt einen Sinn hat, dann den, dieses Jammertal von Erdendasein (jetzt werde ich lyrisch) wenigstens lebensmöglich für alle Menschen auf der Erde machen zu können. Und ein klein wenig kann der Dichter und MUSS der Dichter dazu beitragen. Er darf nicht devot dem Mainstream hinterzockeln, sondern sollte sich auf den Vorteil des Menschen besinnen: sein Gehirn. Und das tust du leider nicht ausreichend, sondern bemühst dich, die Gehirne deiner Mitmenschen zu verkleistern, und das ist mein Vorwurf an dich und viele unserer Zeitgenossen.

Revilo und Lapismont, völlig unbeleckt vom Wissen um Joseph Roth, was entnehmen sie deinem Beitrag? Ich kann es dir sagen: Roth war ein unredlicher Journalist, beherrschte sein Handwerk nicht, es lohnt nicht, hat zwar auch Romane und Erzählungen geschrieben, es lohnt sich nicht, sich mit einem Joseph Roth zu belasten. Und dieses Ergebnis, das muss ich dir nicht unterstellen, das dröhnt aus jeder Zeile, das war deine Absicht. Beweise mir, dass ich mich irre.

blackout
 
blackout, ich lass dir dein Verständnis von Joseph Roth und ebenso deine Meinung meinen Artikel betreffend, so übelwollend sie auch daherkommt. Es erscheint mir sinnlos, mit dir zu diskutieren.

Wichtig ist mir indessen, dass andere (Autoren, Leser) deine Aussagen mit meinem Text vergleichen und sich dazu ein eigenes Bild machen. Frage danach: Welche Tendenz hat mein Artikel und welche blackouts Kommentar?

Zu diesem Zweck noch ein einfaches Hilfsmittel: Man rufe bei Google sich Bilder zu folgenden Stichworten auf: "neunkirchen saar christuskirche" und "neunkirchen saar marienkirche". Man bekommt reiches Bildmaterial und kann dann selbst mit Roths Charakterisierung "Man könnte sie übersehen. Die ärmlichen Schaufenster sind auffälliger." vergleichen. Aus Roths Text geht hervor, dass seine Aussage sich nur auf eine dieser beiden monumentalen Kirchen beziehen kann.

Nur am Rande: Derselbe Text von Roth beginnt mit einer langen Lobrede auf die Sozialistin Balabanoff. Das war also in der "Frankfurter Zeitung" damals ohne weiteres möglich.

Gruß an alle, die mitlesen
Arno Abendschön
 

simbad

Mitglied
Ich empfinde den Text als motivierend. Es ist lediglich meiner aktuellen Auslastung geschuldet, dass ich die Briefe auch in näherer Zukunft nicht lesen werde. Dennoch verbinde ich nun, hoffentlich auch in der Zukunft, ein „musst du noch lesen“ mit dem Namen Joseph Roth.

Ich denke es ist auch genau die Aufgabe einer Rezension, einen potentiellen Leser sowohl auf die herausragenden Stellen wie auf eventuelle Mängel hinzuweisen. Eine finale Beurteilung der Briefe von Joseph Roth sollte aber immer dem Leser selbst überlassen bleiben.

Ich finde das ist hier passiert.

Danke.
 
Danke, simbad. So wie du es formulierst, genau das war auch meine Intention. Selbstverständlich ist das Buch sehr gut zur Lektüre geeignet, wenn man sich für den Autor oder das damalige Saargebiet oder Journalismus in der Weimarer Republik interessiert. Es hat insgesamt hohe Qualität und daneben auch einige durchaus ins Gewicht fallende Fehler.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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