Julias Liebe

4,00 Stern(e) 5 Bewertungen

Hyazinthe

Mitglied
Julias Liebe

Ich bin viel zu früh hier, denkt Julia und setzt sich auf die lange hölzerne Bank, die an der Wand der Flurs steht.
Nervös schaut sie sich um. Es ist noch niemand sonst hier. Sie atmet tief durch und versucht, sich zu sammeln.

Lächerlich! Es war geradezu lächerlich, wie ihr Herz geklopft hatte, als das Telefon klingelte. Als wäre sie ein sechzehnjähriger Teenager, der sich zum ersten Mal verknallt hatte und nicht eine erwachsene Frau, die mitten im Leben stand.
„Hallo! Ich bin's. Thomas Bremer. Wie geht es Ihnen?“
„Gut, es geht mir gut.“ Hoffentlich merkt er nicht, wie aufgeregt ich bin, dachte sie. Mein Gott, dieses Herzklopfen ist ja nicht normal! Reiß dich zusammen, Julia!
„Und Ihnen?“
„Alles bestens! Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, dass Sie mir ein Abendessen versprochen haben, Frau Westphal? Wie wäre es mit morgen Abend? Ich habe gerade in der Stadt zu tun und würde mich schrecklich freuen, wenn Sie Zeit für mich hätten.“
Seine Stimme! Allein seine Stimme war zum Dahinschmelzen!
„Morgen Abend? Das passt mir ausgezeichnet.“ Als wenn sie jemals etwas vorhatte an ihren freien Tagen!
„Also morgen. Acht Uhr? Ich freue mich!“
„Ich mich auch. Bis dann!“
„Bis dann!“ Er legte auf.
Julia konnte nicht verhindern, dass ihre Hände zitterten, als sie den Telefonhörer auflegte. Was war nur los mit ihr? Wieso ließ sie es zu, dass diese Gefühle ihr komplettes Bewusstsein vereinnahmten, sobald sie eine freie Minute hatte? Sogar während ihrer Arbeit, wenn sie sich auf ihre Patienten konzentrierte, konnte sie sich nur schwer von den Gedanken an diesen Mann lösen. Dabei hatte sie ihn erst zweimal gesehen. Und es war nicht gerade ein erfreulicher Anlass gewesen, der ihr die Begegnung mit Thomas Bremer beschert hatte. Ein Unfall nämlich. Ein dämlicher kleiner Autounfall.
Sie war am frühen Morgen von einer Vierundzwanzig-Stunden-Schicht im Krankenhaus gekommen, todmüde und erschöpft, und hatte in der Dreißigerzone das Rechts-vor-Links-Gebot missachtet. Sein schöner Porsche hatte bei dem Zusammenstoß am linken hinteren Kotflügel eine hässliche kleine Beule davongetragen, ihr Toyota am rechten vorderen. Stumm begutachtete er den Schaden, während sie sich wortreich und den Tränen nahe für ihre Unaufmerksamkeit entschuldigte. Schließlich lächelte er sie an und meinte, sie solle sich beruhigen, es sei alles halb so schlimm, niemand sei schließlich zu Schaden gekommen und ein Auto sei nur ein Gegenstand, den man reparieren könne. Dabei legte er seine große, warme Hand beruhigend auf ihre Schulter; noch heute meinte sie, den tröstlichen Druck zu spüren. Sie hatte in lächelnde graue Augen geblickt, Augen, die sie freundlich und verständnisvoll anschauten, mit einer ruhigen Gelassenheit, die sie angesichts des beschädigten Autos überraschte. Er bat sie um ihren Namen und die Adresse, sagte, er würde den Schaden von einem Gutachter schätzen lassen, drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand und versprach, sich wieder bei ihr zu melden. Mit immer noch weichen Knien war sie nach Hause gefahren, froh, die unerfreuliche Angelegenheit auf diese Weise unspektakulär und ohne Polizei regeln zu können. Ihre Haftpflichtversicherung würde für den Schaden an dem Porsche aufkommen, und die Beule an ihrem eigenen Auto war nicht so wichtig. Der Toyota war sieben Jahre alt und hatte schon mehrere kleine Macken.
Sie musste schmunzeln bei der Erinnerung daran, wie er ein paar Tage nach dem Unfall vor ihrer Wohnungstür gestanden hatte, mit einem Topf Alpenveilchen in der Hand. Alpenveilchen! „Ich mag keine Schnittblumen“, sagte er, „ich kauf' nie welche. Weil sie zum Sterben verurteilt sind.“ Julia betrachtete gedankenverloren die violetten Blüten der Pflanze, die sie an einen halbschattigen Platz in ihrem Wohnzimmer in der Nähe ihrer Leseecke aufgestellt hatte.
„Sie verträgt keine direkte Sonne“, hatte Thomas Bremer gesagt, „und immer nur von unten gießen.“
War dies der Augenblick gewesen, als sie sich in ihn verliebt hatte? Berührte sie die fürsorgliche Art, mit der er ihr die Pflege der Blume ans Herz legte, so sehr, weil es irgendwie unmännlich war, sich Sorgen um eine Topfpflanze zu machen? Jedenfalls hatte er ihr Interesse geweckt. Sie lud ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Während sie den Kaffeetisch deckte, lief er mit einer Ungeniertheit, die ihr gefiel, in ihrer Wohnung umher und betrachtete die Kunstdrucke an den Wänden und die Bücher in den Regalen.
„Aha, ein Picasso-Fan“, meinte er anerkennend, „und eine Krimi-Liebhaberin. Genau wie ich. Wir scheinen viel gemeinsam zu haben, Frau Westphal.“
Julia hatte das Gefühl, dass ihre Wohnung durch seine körperliche Präsens geschrumpft war. Wie lange war es her, dass ein Mann bei ihr gewesen war? Seit sie damals mit Joachim Schluss gemacht hatte, war nur ihre Freundin Ute hin und wieder bei ihr gewesen. Sonst niemand. Und die Sache mit Joachim, der sich auch nach fünf Jahren immer noch nicht dazu hatte entschließen können, seine Familie zu verlassen, lag schon drei Jahre zurück. Schnell verscheuchte sie den Gedanken an ihn und die durchweinten Nächte und konzentrierte sich auf ihren Besucher.
Nachdem sie den frisch aufgebrühten Kaffee eingeschenkt hatte, musterte sie den Mann unauffällig, der ihr auf dem Sofa gegenüber saß und versuchte, seine langen Beine unter dem Couchtisch zu verstauen. Wie alt mochte er sein? Knapp fünfzig vielleicht? Volles graues Haar, gut geschnittenes Gesicht. Selbstsicher. Eine sonore, wohlklingende Stimme. Ja, sie musste zugeben, er war sehr attraktiv. Verstohlen sah Julia auf seine rechte Hand. Kein Ehering. Auf der Visitenkarte hatte neben dem Namen und der Handy-Nummer nur „Journalist“ gestanden und der Name einer großen Hamburger Wochenzeitung.
Sie tranken Kaffee, er vertilgte unbekümmert alle ihre Plätzchen, was sie sympathisch fand, und sie plauderten angeregt miteinander. Über ihren Beruf als Ärztin, über seine journalistische Tätigkeit, die ihn in die Kleinstadt geführt hatte, weil er für einen Bericht über Umweltverschmutzung recherchierte, über ihre gemeinsame Vorliebe für Jazzmusik und moderne Kunst. Schließlich kam er auf den Schaden am Auto zu sprechen. Er bot ihr an, die Autoangelegenheit dadurch zu regeln, dass sie die Reparaturkosten, die kaum den Selbstbehalt ihrer Versicherung überschritten, direkt bar bezahlte. So würde sie ihren Rabatt bei der Versicherung behalten. Als er sich verabschiedete, fragte er, ob er sich in den nächsten Tagen bei ihr melden dürfe, um sie zu einem gemeinsamen Abendessen einzuladen. Mit geröteten Wangen hatte sie zugestimmt. Geradezu albern, wie sehr sie sich darüber gefreut hatte.

Julia zuckt heftig zusammen, als die Lautsprecherstimme ihren Namen aufruft und sie auffordert, in den Gerichtssaal Nr. 4 einzutreten. Sie hat nicht lange warten müssen; offenbar ist sie die erste Zeugin, die aussagen soll. Auf der Bank, die an der Wand des mit hässlichem grauen Linoleum ausgelegten Flurs steht, sitzen nun mehrere Menschen, die warten, vorwiegend Frauen. Niemand sagt etwas. Verstohlen mustert man sich gegenseitig, neugierig, abschätzig. Julia fragt sich, ob diese Frauen auch ... ? Sie denkt den Gedanken nicht zu Ende. Mit steifen Beinen steht sie auf, geht die paar Schritte zum Eingang des Gerichtssaals und öffnet die schwere Tür, durch die kein Laut nach draußen dringt.
Die Zuschauerplätze in dem kleinen Saal sind dicht besetzt. Es ist eine öffentliche Verhandlung. Anscheinend befriedigt der Fall ein voyeuristisches Interesse bei den Leuten, warum sonst sollten sie hierherkommen, denkt Julia. Alle Köpfe drehen sich zu ihr herum. Ja, starrt mich nur an, ich bin eine von ihnen! Sie hebt den Kopf und versucht, tief durchzuatmen. Dort links sitzt er, neben seinem Anwalt. Nicht hinschauen! Rechts, das ist der Staatsanwalt. Auf dem Pult vorne die Vorsitzende Richterin mit ihren beiden Beisitzern. Ich darf nicht zu ihm hinsehen! Auf keinen Fall!
„Treten Sie näher und nehmen Sie an dem Tisch hier vorne Platz, bitte.“ Die Richterin weist auf einen kleinen Tisch vor dem Richterpult, an dem ein Stuhl steht. Während Julia mechanisch einen Fuß vor den anderen setzt und sich den Stuhl zurecht rückt, fixiert sie ihren Blick auf die Richterin. Automatisch registriert sie: graue Haare, ein kluges Gesicht, nicht ohne Güte, aufmerksame Augen hinter einer randlosen Brille. Sie fühlt, dass ihr Herzklopfen unter diesem wohlwollenden Blick nachlässt und sie innerlich merkwürdig ruhig wird.
„Sie werden hier als Zeugin vernommen, und als Zeugin müssen sie die Wahrheit sagen. Sie dürfen nichts hinzufügen und nichts weglassen. Haben sie das verstanden?“
„Ja.“ Julia bemerkt, dass ihre Stimme belegt klingt. Sie räuspert sich und wiederholt lauter: „Ja“. Sie streckt den Rücken und konzentriert sich auf die Richterin.
„Zunächst zu Ihren Personalien. Nennen sie uns bitte Ihren vollen Namen, Alter, Personenstand, Beruf und Adresse.“
„Mein Name ist Dr. Julia Henriette Westphal. Ich bin ledig. Ich arbeite als Fachärztin für Gerontologie im Herz-Jesu-Hospital. Ich bin 43 Jahre alt. Meine Adresse ist ...
Während sie die Daten nennt, hat sich ein Wort in ihrem Kopf festgesetzt: Wahrheit. Sie soll die Wahrheit sagen. Was ist die Wahrheit?
„Sie hatten ein Verhältnis mit dem Mann, der sich Ihnen als Thomas Bremer vorgestellt hat, Frau Westphal? Obwohl sie ihn erst kurz kannten?“ Julia glaubt, einen versteckten Vorwurf in der Stimme der Richterin zu hören, aber als sie ihr in die Augen blickt, sieht sie nur Verständnis und, was schlimmer ist als ein Vorwurf, Mitleid. Julia spürt, wie sie errötet. Sie blickt auf ihre Hände, die völlig ineinander verkrampft in ihrem Schoß liegen.
„Ich habe mich sofort in ihn verliebt.“ Sie hebt den Blick und wagt es, der Richterin direkt in die Augen zu sehen. „Und er hat gesagt, dass er mich liebt.“
Ja, das hatte er ...

„Thomas?“
„Ja?“
„Wie warst du als Kind?“
Julia schmiegte sich an Thomas Bremers Schulter und strich ihm sanft mit dem Zeigefinger über die behaarte Brust. Frühes Morgenlicht drang durch die Jalousien und erzeugte schwache helle Streifen auf der Bettdecke.
Julia glaubte, noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen zu sein wie in diesem Moment. Sie fühlte sich geborgen. Und geliebt. Ihr Körper war entspannt und befriedigt wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Fast machte es ihr Angst, dieses Glücksgefühl.
Der Abend gestern war geradezu kitschig schön gewesen, mit allem, was zum Klischee eines romantischen Zusammenseins dazu gehörte: Kerzenlicht, das sich in feinem Porzellan und Kristallglas spiegelte, ein exzellentes Vier-Gänge-Menü, leise Musik in gepflegter Atmosphäre. Sie hatten Wein getrunken und sich unterhalten, als wären sie alte Vertraute. Thomas erzählte Anekdoten von seinen vielen Reisen, die er für seine Zeitung unternahm, auf eine charmante, witzige Art, die sie ständig zum Lachen brachte. Als sie von ihrer Arbeit mit den kranken, alten und manchmal sterbenden Menschen erzählte, hörte er mit echter Anteilnahme zu, und in seinen Augen hatte sie Respekt und Anerkennung gelesen für die Aufgabe, der sie ihr Leben gewidmet hatte. Nach dem wunderbaren Abendessen führte Thomas sie in eine Bar, wo eine Jazz-Combo spielte, sie hatten getanzt, und Julia fühlte sich in seinen Armen, als sei sie nach einer langen Reise endlich an ihrem Ziel angekommen. Wie selbstverständlich kam er anschließend mit in ihre Wohnung und sie schliefen miteinander, leidenschaftlich und zärtlich, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
„Wie ich als Kind war?“ Thomas ließ sich Zeit mit der Antwort.
„Hm, lass mich mal überlegen. Also: Ich war ein ziemlicher Draufgänger, forsch und selbstbewusst. Ich habe schon als Zehnjähriger an der Schülerzeitung mitgearbeitet, habe alle möglichen Interviews gemacht und die Lehrer mit frechen Fragen genervt.“
Er lachte leise. Julia wurde sich bewusst, dass sie sein Lachen jetzt schon liebte.
„Da fällt mir eine lustige Episode ein“, fuhr Thomas fort. „Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt und wollte einen Artikel über einen unserer Lehrer schreiben. Wir hatten bemerkt, dass er und eine seiner jungen Kolleginnen auf dem Schulhof auffallend häufig zusammenstanden. Ich fragte ihn, warum er denn noch nicht verheiratet sei. Er wurde prompt verlegen und sagte, er habe eben die richtige Frau noch nicht gefunden. Darauf ich: Dann solle er es doch einmal mit Frau Grote versuchen, das war die besagte Kollegin. Er wurde puterrot und ließ mich stehen. Aber, was soll ich dir sagen? Ein viertel Jahr später waren die beiden verheiratet.“ Wieder dieses leise Lachen. „Du siehst, ich bin eine Naturbegabung als Journalist. Aber ich muss zugeben: Noch lieber wäre ich allerdings Detektiv geworden. Oder Formel-Eins-Rennfahrer. Viel Geld verdienen und tolle Autos fahren. Ja, das war mein Traum.“ Er drehte sich zu ihr hin, stützte sich auf seinen Ellenbogen und sah Julia ins Gesicht.
„Und du? Wie muss ich mir die kleine Julia vorstellen?“
Julia löste sich von ihm, legte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Ich? Ich war diejenige, die in der Ecke stand und die Jungs, die so waren wie du, aus der Ferne angehimmelt hat. Ich war still und schüchtern. Habe mich immer wegen irgendwas geschämt. Habe mir eingebildet, dass ich zu klein oder zu dünn war, dass meine Haare zu kraus waren, dass ich zu große Füße hatte und so weiter. Aber ich war gewissenhaft und ordentlich, dafür bekam ich sehr viel Lob, und ich war pflichtbewusst.“ Sie schwieg gedankenverloren einen Moment. Dann fuhr sie fort.
„Ich glaube, im Grunde habe ich mich immer nach Beachtung gesehnt, von meinen Eltern, meinen Lehrern, von den Männern in meinem Leben. Deshalb auch diese lange Beziehung zu einem verheirateten Mann, von der ich dir erzählt habe. Es hat ewig gedauert, bis ich verstanden hatte, dass er nie daran dachte, seine Familie für mich aufzugeben.“
Julia verstummte. Eine Pause entstand. Plötzlich fürchtete sie, sich zu sehr geöffnet zu haben.
Thomas setzte sich auf. Mit einer liebevollen Geste strich er ihr eine Haarlocke aus dem Gesicht und wickelte sie um seinen Finger. „Schau mich mal an, Liebes“, bat er leise. Julia wagte es kaum, seinem Blick zu begegnen.
„Julia, ich glaube, ich bin dabei, mich ganz ernsthaft in dich zu verlieben“, sagte er. Seine Lippen waren sanft und warm, als er sie küsste.

„Sie haben sich immer nur in Ihrer Wohnung getroffen, ist das richtig?“
„Ja.“
“Hat es Sie nicht gewundert, dass er Sie nie mitgenommen hat in seine eigene Wohnung? Oder darüber, dass er so häufig unterwegs und nicht erreichbar war für sie?“
„Nein. Er ist ja Journalist und muss für seine Reportagen recherchieren. Deshalb war er häufig unterwegs. Außerdem wohnt er in Hamburg. Das ist über hundert Kilometer entfernt.“
„Wann hat Bremer das erste Mal Geld von Ihnen verlangt, Frau Westphal?“ Der Staatsanwalt, der die Befragung übernommen hat, blättert in seinen Unterlagen. Dann sieht er Julia herausfordernd an. „Es wollte doch Geld von Ihnen, oder?“
„Er hat es nicht von mir verlangt. Ich habe es ihm gegeben. Es war für unser Haus.“ Das jedenfalls hat sie geglaubt. Eigentlich will sie es immer noch glauben. Es kann doch nicht sein, dass ...

Sie hatten Julias Eltern besucht, die in einem Seniorenheim lebten. Die beiden hatten ihr Häuschen im Grünen verkaufen müssen, um sich den Platz in dem Heim auf Lebenszeit zu sichern. Ihre Mutter, eine einfache Frau Mitte siebzig, war ganz angetan von dem Charme und der Liebenswürdigkeit ihres Besuchers. Thomas hatte ihr eine große Schachtel der teuersten Pralinen überreicht und ihrem Vater eine Flasche Cognac.
„Mama, Papa, darf ich euch Thomas vorstellen. Wir sind ...“ verlobt, hatte sie sagen wollen, aber dann erschien ihr das Wort doch allzu altmodisch zu sein, „wir sind zusammen und wollen heiraten.“ Ihre Mutter war ihr um den Hals gefallen und hatte den Diamantring bewundert, den Thomas Julia geschenkt hatte.
„Das ist der Mann, den ich heiraten werde, Papa“, wiederholte Julia ein ums andere Mal. Ihr Vater litt stark an Altersdemenz, vergaß sofort wieder, wer ihm gegenüber saß und fragte wiederholt, wer denn der Mann wäre, den sie mitgebracht hatte. Julia liebte den Satz und genoss es, ihn laut auszusprechen.
Als sie auf dem Heimweg in Thomas bequemen Porsche über die Autobahn rollten, fragte er: „Hast du etwas dagegen, wenn wir einen kleinen Umweg machen, Schatz? Ich möchte dir etwas zeigen.“
Er fuhr in eine am Stadtrand neu angelegte Wohnsiedlung und hielt vor einem offenbar leerstehenden Wohnhaus an. Es war modern gehalten, in dem schlichten, geradlinigen Bauhausstil, den Julia so gern mochte.
„Komm, steig aus“, sagte Thomas lächelnd, “du stehst vor unserem zukünftigen Heim.“ Er wedelte mit den Schlüsseln, nahm sie bei der Hand und führte sie über den mit weißen Kieseln belegten Weg zum Haus, schloss auf und sie gingen hinein. Begeistert wie ein Kind lachte er sie an.
„Na, gefällt es dir?“
Wortlos folgte sie ihm durch die leeren weißen Räume, staunend und sprachlos vor Glück. Hier würden sie wohnen, in diesem wunderschönen, makellosen Haus!
„Gefällt es dir nicht? Du sagst ja gar nichts!“
Sie schlang die Arme um seinen Hals und sah ihn mit tränenblinden Augen an.
„Ich liebe dich! Weißt du überhaupt, wie sehr ich dich liebe, Thomas?“ Er küsste sie und drückte sie an sich. Dann löste er sich von ihr.
„Ich habe schon alles geregelt mit dem Makler. Wir werden natürlich eine Anzahlung leisten müssen, aber den Rest können wir leicht über die Bank finanzieren. Bei den niedrigen Zinsen heutzutage ein Kinderspiel.“ Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie durch das Haus. „Ich kann etwa fünfzigtausend Euro beisteuern, soviel habe ich in den letzten Jahren zurückgelegt. Wenn du dieselbe Summe noch einmal drauflegen könntest, ist die Restfinanzierung kein Problem. Und bald können wir in unser eigenes Haus einziehen. Na, was sagst du, Liebes?“
Julia dachte an das Geld, dass unnütz auf einem Festzinskonto bei ihrer Bank herumlag. Sie hatte von ihrem Gehalt seit Jahren nur einen kleinen Teil ausgegeben, da sie keine Familie zu versorgen hatte und bescheiden lebte. Sie sah in die erwartungsvollen Augen des Mannes, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte, und lächelte.
„Das mit dem Geld ist kein Problem, Liebster.“

„Sie haben ihm also die Summe von fünfzigtausend Euro ohne weitere Prüfung der Grundstücks- und Gebäudeunterlagen auf sein Konto überwiesen, Frau Westphal? War das nicht reichlich gutgläubig von Ihnen, um nicht zu sagen, leichtsinnig?“
Der Rechtsanwalt von Thomas Bremer spricht aus, was die meisten Zuhörer im Saal denken, vermutet Julia. Sie spürt, wie ihre Wangen brennen. Trotzig hebt sie das Kinn.
„Ich habe ihm vertraut. Schließlich wollten wir heiraten“, sagt sie. Nicht hinsehen! Ich darf ihn nicht ansehen. Wenn ich ihn ansehe, breche ich bestimmt in Tränen aus.
„Danke, Frau Zeugin, sie dürfen auf der Zeugenbank Platz nehmen und der Verhandlung weiter beiwohnen.“ Julia kann das Mitleid in der Stimme der Richterin nun ganz deutlich hören. Sie presst die Lippen zusammen und setzt sich auf die Zeugenbank.
Die weitere Verhandlung nimmt sie wie durch einen Nebel wahr. Drei weitere Frauen werden als Zeuginnen befragt, eine davon ist gleichzeitig Nebenklägerin. Sie hat Thomas Bremer angezeigt, so dass nach ihm gefahndet und er schließlich verhaftet wurde. Immer dieselben Fragen werden gestellt.
Wie ist Ihr Name?
Ruth Brandner. Marie Luise Körber. Annegret Lechner.
Einundfünfzig Jahre. Fünfundvierzig Jahre. Zweiundvierzig Jahre.
Lehrerin am Gymnasium. Geschäftsführerin. Friseurmeisterin und Besitzerin eines Frisiersalons.
Geschieden. Ledig. Verwitwet.
„Es war ein Unfall. Ich bin ihm hintendrauf gefahren. Ich hatte natürlich Schuld. Aber er war sehr großzügig.“
„Er mag keine Schnittblumen, deshalb hat er mir ein Alpenveilchen mitgebracht. Das war so süß.“
„Er hat gesagt, er sei Journalist. Deshalb war er so viel unterwegs.“
„Ich hab den Diamantring, den er mir geschenkt hat, von einem Juwelier prüfen lassen. Das ist nur Zirkonia.“
„Ich mag die bayrische Volksmusik so gern. Er auch. Er hat gesagt, dass er als Bub Trompete gespielt hat.“
„Er hat mich zu einem Konzert von Andre Rieu mitgenommen. Den liebt er genauso wie ich. Diese wunderbare Walzermusik.“
„Er ist Klassik-Fan. Genau wie ich. Er hat mir eine CD mit Mozarts Klavierkonzerten geschenkt.“
„Das Haus war wie für uns gemacht. Nur noch sechzigtausend Euro brauchte er für die Anzahlung.“
„Fünfzigtausend Euro hab ich ihm gegeben.“
„Vierzigtausend, mehr hatte ich nicht.“
Immobilienmakler, ehemalige Kollegen, Autovermieter treten auf. Charmant und freundlich sei er gewesen, ein sehr guter Verkäufer. Seine Abschlussquote bei den Versicherungsverträgen sei eine der besten gewesen. Er konnte jeden um den Finger wickeln mit seiner ansprechenden Art. Hatte wohl einen Hang zu schnellen Autos und teuren Markenklamotten, aber seine Manieren: tadellos! Julia kann kaum fassen, was sie über den Mann, den sie heiraten wollte, erfährt. Er heißt nicht Thomas Bremer, sondern Karl-Heinz Moormann. Er ist kein Journalist, sondern Versicherungsvertreter. Er war nie verheiratet und hat auch keinen Sohn. Nicht einmal der Porsche hat ihm gehört, sondern war nur geleast. Lügen, nichts als Lügen!
Als das Urteil gesprochen wird, kann Julia der Versuchung nicht widerstehen, den Mann, den sie als Thomas Bremer kennt, anzusehen. Groß, aufrecht, aber mit gesenktem Kopf steht er da. Für die Ewigkeit eines Sekundenbruchteils treffen sich ihre Blicke. In seinen Augen liest Julia Resignation und Bedauern. Die Andeutung eines winzig kleinen Lächelns, wie um Entschuldigung bittend, huscht über sein schönes Gesicht. Wie sie es geliebt hat, dieses Gesicht!
Drei Jahre Haft, lautet der Richterspruch. Wegen vierfachen schweren Betruges in Tateinheit mit vorsätzlicher Täuschung und Führens falscher Identitäten.
Innerlich völlig erstarrt verlässt Julia das Gerichtsgebäude, steigt in ihr Auto und fährt nach Hause. Erst als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fällt, bricht ihre mühsam aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung zusammen. Ein krampfhaftes Schluchzen steigt in ihr auf, ihre Knie geben nach, langsam sinkt sie zu Boden. Mit dem Rücken an ihrer Wohnungstür kauernd, schlägt sie die Hände vors Gesicht und bricht in Tränen aus. Wie hat er ihr das nur antun können! Diese vielen Lügen! Und sie hat ihm alles von sich preisgegeben, ihre intimsten Gedanken und Geheimnisse! Julia fühlt, wie ihr ganz schlecht wird vor Scham. Wie naiv sie gewesen ist! Sicher haben die Leute im Gerichtssaal gegrinst und den Kopf geschüttelt über soviel Dummheit. Diese Demütigung! Wie hat sie ihm nur so blind vertrauen können! Oh Gott, sie kann sich ja nirgendwo mehr sehen lassen, wenn bekannt wird, wie sie hereingelegt worden ist.
Plötzlich wallt heißer Zorn in ihr auf. Sie rappelt sich vom Boden auf und wischt sich grob die Tränen vom Gesicht. Dieser Lügner! Dieser Betrüger! Sie so zu hintergehen! Gemein und hinterhältig ist er vorgegangen. Hat sich gezielt Frauen wie sie ausgesucht, in weit auseinanderliegenden Kleinstädten. Frauen mittleren Alters, alleinstehend, mit gutem Einkommen natürlich, damit es sich auch lohnte! Frauen, die empfänglich für die Avancen eines solchen Mannes sind. Während er von dem Geld der einen Frau lebte, machte er sich schon an die nächste heran. Sie, Julia, war die Letzte in einer langen Reihe. Julias Herz rast vor Empörung. Wie perfekt seine Masche war! Jahrelang hat sie funktioniert. Ein kleiner Unfall, dann das Alpenveilchen und dann die große Liebe. Mit ein paar langen Schritten ist sie beim Blumenständer, ergreift den Topf mit den Veilchen und schmettert ihn wutentbrannt gegen das Foto in dem Silberrahmen, das auf dem Regal steht. Der Tontopf zersplittert und die Blumenerde samt Pflanzenteile fliegen in alle Richtungen. Das Glas des Bilderrahmens liegt zerbrochen auf dem Teppich zwischen den Tonscherben. Verzweifelt starrt Julia auf das Chaos, dann läuft sie in ihr Schlafzimmer, wirft sich auf ihr Bett und weint. Sie krallt ihre Hände in das Kopfkissen, wirft sich laut schluchzend hin und her. Der Tränenstrom will kein Ende nehmen.
Doch plötzlich verstummt sie. Mit einem Ruck setzt sie sich auf. In ihrem Kopf ist ein neuer Gedanke aufgetaucht. Noch ist er unscharf, nicht ganz klar und greifbar, aber schon von großer Kraft. Sie steht auf, wischt sich flüchtig die Tränen vom Gesicht und geht ins Wohnzimmer, wo noch immer der zerbrochene Bilderrahmen in der Blumenerde liegt. Sie kniet nieder, sammelt langsam und vorsichtig die Ton- und Glasscherben ein und bringt sie in den Mülleimer in der Küche. Dann hebt sie das Foto auf und betrachtet das lächelnde Gesicht darauf. Immer wieder streichen ihre Finger über die Augen und den Mund des Abgebildeten. Der Gedanke in ihr nimmt Form an. Gewinnt an Klarheit. Und dann ist sie sich plötzlich ganz sicher: Er muss sie geliebt haben, trotz allem! Denn sein Körper hat sie geliebt! Sein Körper konnte nicht lügen. Seine Hände, seine Augen, seine Lippen. Das konnte er nicht vortäuschen! Diese Zärtlichkeit! Diese Hingabe und Leidenschaft! Das war echt! Er hat sie geliebt!
Aufgeregt läuft sie in ihrer Wohnung hin und her, das Foto an ihre Brust gedrückt haltend. Immer neue Gedanken tauchen auf. Es kann doch durchaus sein, dass bei ihr, Julia, alles anders gewesen ist als bei den Frauen vor ihr. SIE hat er ja nicht verlassen, sie beide waren noch zusammen, als dieser schreckliche Brief von der Staatsanwaltschaft kam und sie erfuhr, dass er verhaftet worden ist.
Julia eilt ins Schlafzimmer und stellt sich vor den großen Spiegel. Sie betrachtet ihre Gestalt, ihr verheultes Gesicht, die zerzausten Haare. Ganz nahe tritt sie an den Spiegel heran. Sie registriert die Fältchen an ihren Augen und die noch kaum sichtbaren, aber doch vorhandenen grauen Fäden in ihrem Haar. Besonders hübsch ist sie noch nie gewesen, darüber macht sie sich keine Illusionen. Und sie wird immer älter.
In ihr ist auf einmal eine große Ruhe. Und wenn auch alles wahr ist, was über ihn gesagt wurde: Sie liebt ihn immer noch. Und sie wird ihm verzeihen. Drei Jahre sind eine lange Zeit, aber danach werden sie ein neues Leben beginnen. Zusammen. Ohne Lügen oder Geheimnisse. Er hat sie geliebt, da ist sie sich ganz sicher, und er wird es wieder tun. Sie werden in das weiße Haus einziehen. Schon heute wird sie anfangen dafür zu sparen. Sie werden glücklich miteinander werden in diesem Haus. Sie und Karl-Heinz Moormann.
 

TaugeniX

Mitglied
Ich mag, wie sich die Geschichte dahinwindet wie eine Küstenlandschaft mit vielen Buchten. Noch eine Wendung, noch eine, dann eigentlich die letzte, - die "Auflösung" im Gericht und plötzlich noch die "allerletzte" Wendung.

Die alle Realität überwindende Liebe oder eigentlich ihre Liebesbedürftigkeit der Frau ist erschreckend und löst bei mir Protestgefühle aus: "Kann doch nicht sein, Herr Gott, schon gar nicht in der mit allen Wassern gewaschenen Ärztezunft." Aber es kann locker sein, dass es gibt.
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo TaugeniX!

Danke fürs Lesen und Kommentieren!

Das Thema, wie Frauen lieben, fand ich schon immer interessant. Wie kann es sein, dass jemand, der auf schändliche Weise belogen und betrogen wird, immer noch festhält an seinen Gefühlen? Emotionale Blindheit? Selbsttäuschung? Oder, wie hier, die kritische Einschätzung der eigenen Chancen auf etwas "Liebe"?

Dank auch an die Leser, die die Punkte vergeben haben!

Gruß, Hyazinthe
 

Oben Unten