Julius nimmt Abschied

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Ciconia

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Ein letztes Mal wollte Julius an diesem Nachmittag um den kleinen See unweit des Kurstädtchens spazieren. Ihm blieb viel Zeit, es gab heute nichts mehr zu tun, außer am Abend den Koffer zu packen.
Nach dem leichten Regen des Vormittags blieb der Himmel bedeckt, passend zur Abschiedsstimmung. Der Bergsee schimmerte dunkelgrün wie die bewaldeten Hänge, die ihn umgaben. Einzig das erste bunte Herbstlaub bildete farbige Tupfer.
Von der Bushaltestelle führte ein schmaler Pfad hinunter zum Rundweg, der zunächst parallel zur Straße verlief. Diesen Teil der Strecke wollte er zuerst hinter sich bringen, bevor er auf der anderen Seeseite die herrliche Ruhe würde genießen können.

Sein Gang schien ihm nicht mehr so forsch wie früher, seine Schritte längst nicht mehr so ausladend. Ein wenig unelastisch sieht das aus, hatte er neulich gedacht, als er sich im Vorbeigehen kurz in einer Schaufensterscheibe beobachten konnte. Die Gelenke schmerzten in letzter Zeit häufig.

Nur wenige Spaziergänger begegneten ihm. Am östlichen Ende des Sees, abgeteilt durch ein Netz, schwammen Fische unterschiedlicher Größen ruhige Bahnen, eine kleine Fischzucht mit Rotfedern und Rotaugen. Seine Lieblingsbank unter der weit ausladenden Buche, auf der schon oft gesessen hatte, wurde gerade frei. Zufrieden setzte sich Julius, kramte eine Trinkflasche aus dem Rucksack und nahm einen kräftigen Schluck. Gerade so, als hättest du eine größere Strecke zurückgelegt, du alter Depp, dabei gehst du nur eine Stunde um einen kleinen See.
Julius schaute hinüber zur Liegewiese des Naturschwimmbades, die heute verwaist dalag. Vor zwei Jahren hatte er hier einmal gebadet, eine Ausnahme Anfang September. Das Wasser war gewöhnlich viel zu kalt zum Schwimmen, aber damals hatte er sich überwunden, die Strecke quer über den See ans andere Ufer und zurück zu schwimmen. Anschließend hatte er sich fantastisch gefühlt.

Die letzten zwei Wochen waren anders verlaufen als seine früheren Aufenthalte. Als Julius sich noch fit und gesund fühlte, ging er stets sehr früh am Morgen auf Tour, manchmal verzichtete er sogar auf das gute Frühstück und ließ sich im Hotel ein Lunchpaket mitgeben. Wenn er am späten Nachmittag zurückkam, völlig erschöpft, ausgelaugt, mit schmerzenden Beinen und brennenden Füßen, aber glücklich über einen gelungenen Tag, vollgepumpt mit frischer Bergluft und neuen Eindrücken, nahm er erst einmal ein längeres heißes Bad. Danach fühlte er sich frisch genug, um zu einem kleinen Rundgang durch den Ort aufzubrechen und in einem der vielen Biergärten einzukehren.
Lange gehörten die regelmäßigen Urlaube in Bad Steinberg für ihn zu den Höhepunkten eines Jahres. Wobei ihm Urlaub nicht mehr das richtige Wort zu sein schien. Für einen Rentner bestand das ganze restliche Leben eigentlich nur aus Urlaub, meinte er, während früher die wenigen freien Wochen für ihn eine wirklich notwendige Pause darstellten.

In diesem Jahr hatte er zum ersten Mal keine größeren Bergwanderungen mehr unternehmen können, er beschränkte sich auf kleine Touren, bei denen er sogar mehrmals in die Seilbahn gestiegen war - früher für ihn undenkbar und verpönt. Der Gipfel des Dohlsteins, der sich über dem Ort erhob und den er schon des Öfteren bestiegen hatte, lockte ihn allerdings jeden Tag mit seiner majestätischen Felsspitze. Bei klarem Wetter stand Julius manchmal spätabends auf dem Balkon seines Hotelzimmers und suchte das Licht der Gipfelhütte, das sich von hier aus kaum von den Sternen unterscheiden ließ. Je länger er dort hinaufschaute, desto mehr schien ihm, dass sich dieses Licht ganz leicht bewegte, als ob es ihm zuzwinkerte.

Auf seinen Spaziergängen war ihm in den letzten Tagen so vieles durch den Kopf gegangen, auf Spaziergängen, bei denen er gar nicht richtig müde wurde, bei denen es kein richtiges Ziel wie zum Beispiel ein Gipfelkreuz gab. Schon auf der Hinfahrt mit der Bahn hatte er sich überlegt, dass dies das letzte Mal sein würde. Was nützte ihm die herrlichste Umgebung, wenn er nicht mehr lange wandern konnte? Die vielen gebrechlichen alten Leute im Ort fielen ihm heuer weit mehr auf als früher, eben weil er ihnen mittlerweile viel näher war, altersmäßig und gesundheitlich.

Im letzten Sommer hatte ihm eine Operation einen Strich durch seine Pläne gemacht, er musste auf die Reise verzichten. Die Veränderungen in Bad Steinberg fielen ihm jetzt nach zwei Jahren besonders auf. Das Publikum war internationaler geworden, aber vor allem lauter, schriller, mit wenig Gespür für die Ruhe eines Kurortes. In der Fußgängerzone standen jetzt Straßenmusikanten, sogar gebettelt wurde offen, das wäre früher undenkbar gewesen, erinnerte er sich. Seine Lieblingswirtschaft mit dem Biergarten unter riesigen Kastanienbäumen war geschlossen worden, der Besitzer wohl verstorben und ohne Erben. Es gab einige neue Geschäfte, „Outlets“ und dergleichen, die das Ortsbild nicht eben verschönten. Das Heimelige, etwas Altmodische an diesem Städtchen schwand dahin. Menschen ändern sich, Städte ändern sich auch, und irgendwann passen sie einfach nicht mehr zusammen, grübelte Julius. Diese Einsicht tat weh.

Über ihm zwitscherte verhalten ein Vogel, bestimmt ein Buchfink. Wahrscheinlich hatte er den ganzen Sommer lang genug gesungen und kam jetzt langsam zur Ruhe. Ein leiser Abschied, bevor er sich auf den langen Weg in den Süden machte, dachte Julius.
Zwei junge Frauen in Wanderausrüstung kamen lachend und lautstark erzählend den Forstweg herunter, der hier in den Rundweg um den See mündete. Ihre verdreckten Wanderstiefel ließen auf eine längere Tour schließen. Sicher kamen sie von der Grünspitze zurück, schloss er. Während er ihnen nachschaute, wie sie ihre Wanderstöcke bei jedem Schritt locker schwangen, überlegte er, wann er das letzte Mal oben gewesen war. Es fiel ihm nicht mehr ein.

Julius seufzte. Er schulterte seinen Rucksack und setzte seine Runde bedächtigen Schrittes fort. Er versuchte tief zu atmen und die frische Bergluft zu inhalieren, so als wolle er genügend davon konservieren und mit nach Hause nehmen. Gestern war ihm eingefallen, dass seit seinem ersten Besuch, damals noch mit den Eltern, im nächsten Sommer fünfzig Jahre vergangen sein würden. Die Liebe zu den Bergen hatte die Jahrzehnte überdauert. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass mit all diesen schönen Unternehmungen so bald Schluss sein könnte. Seine Verbitterung hierüber hatte ihm den Urlaub ein wenig vergällt.

Andererseits - 49 Jahre waren eigentlich ein unrunder Abschluss. Was, wenn er doch noch einmal kommen würde, um das 50.Jubiläum zu begehen? Vielleicht würde er sich bis dahin gesundheitlich wieder ein wenig besser fühlen. Allzu viel erwartete er allerdings in seinem Alter nicht mehr.

Seine Schritte wurden schneller. Julius wollte ein letztes Mal in der Seeklause einkehren, dort, wo man von der weitläufigen Terrasse den ganzen See überblicken konnte.
Der dunkle Himmel zeigte erste Wolkenlücken, die Sonne kämpfte sich an einigen Stellen durch. Im Wasser spiegelte sich endlich ein kleiner Ausschnitt des Berghanges.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia, sprachlich sauber erzählt (dieses Mal wirklich, auch wenn es eine Kurzgeschichte ist) und auch die Empathie mit Julius ist vorhanden.
Das Einzige, was mich stört, ist das Ende. Ich hatte noch auf eine dramatischere Entwicklung gehofft/gewartet, jetzt bleibe ich etwas ratlos zurück. Oder Du meinst, dass das eben das Ende seiner Überlegungen ist. Oder er ist am Ende dieser.
Vielleicht fällt Dir noch ein runderer Schluss ein!
LG Doc
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Doc,
sauber erzählt, dieses Mal wirklich
Nun, es macht für mich emotional immer noch einen großen Unterschied, ob ich den grausamen Mord an einem Verwandten schildere/erzähle/berichte oder eine fiktive Geschichte über einen Protagonisten erfinde, der mit mir nicht viel gemeinsam hat.
dramatischere Entwicklung /ein runderer Schluss
Da muss ich Dich leider enttäuschen. In dem Alter, in dem ich meinen Prota ansiedle, also so Mitte/Ende sechzig, werden viele Überlegungen nicht mehr helfen. Man hat vieles, vor allem gesundheitlich, nicht mehr selbst in der Hand, da nutzen auch große Pläne nicht. Deshalb möchte ich das Ende so lassen wie es ist – mit ein wenig Resignation, aber doch nicht ganz ohne Hoffnung.

Danke fürs Reinschauen und Werten!

Gruß Ciconia
 

Artair

Mitglied
Hallo Ciconia,
ich war neugierig ;-). Es passt für mich alles perfekt, die Beschreibung der Umgebung (ich konnte alles sehen und konnte mir sogar vorstellen, wie es dort riecht) und Julius' Gedankengänge, alle nachvollziehbar. Eine wirklich runde Geschichte, der einzige Makel...ich hätte gerne noch weitergelesen :).
Liebe Grüße
Artair
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Artair,

danke für den netten Kommentar und die großzügige Bewertung. Es freut mich, dass diese Geschichte so gut angekommen ist.

Gruß Ciconia
 
Hallo Ciconia,
ich bin erst heute auf Deine Kurzgeschichte gestoßen. Sie entwirft ein treffendes Bild von einem älter werdenden Menschen, der akzeptieren muss, dass die Kräfte langsam schwinden. Wer in der gleichen Lage ist, wird dies sehr gut nachvollziehen können. Sehr stimmig auch die Schilderung der Landschaft.
Auch mir kam der Schluss beim ersten Lesen etwas abrupt. Doch die Kurzgeschichte darf das, den Leser zunächst ratlos zurücklassen! Beim näheren Hinsehen enthält dieser Schluss auch Elemente der Entwicklung:
Der Gedanke an das Jubiläum nährt seine Hoffnung, dass es mit der Gesundheit aufwärts gehen könnte. Auch die Sonne setzt sich gegen die dunklen Wolken durch. Ich glaube, mehr kann der Prot. in seiner Lage nicht erwarten.
Gruß Bertl
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Bertl,

vielen Dank für Deinen netten Kommentar und die (für mich) treffende Interpretation. Ja, vielleicht hilft es beim Verständnis, wenn man in der gleichen Lage / im gleichen Alter ist.
Auch die Sonne setzt sich gegen die dunklen Wolken durch.
Das hast Du sehr richtig erkannt – das sollte einen kleinen Hoffnungsschimmer geben.

Gruß Ciconia
 

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