Kahrs, Klitschko und Kiew - Eine Presseschau

Johannes Kahrs, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Hamburg, ist ein einflussreicher Mann. Oder sollte ich sagen: Er war es bis Anfang Juli? Kahrs ist Sprecher des Seeheimer Kreises, eines Zusammenschlusses konservativer SPD-Politiker. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ befand 2009: „Er ist der wohl mächtigste Mann der Hamburger SPD.“ Nun, vielleicht ist Olaf Scholz das inzwischen. Gleichviel, seit Wochen steht Kahrs in den Medien wieder im Mittelpunkt. Das kam so: Er hat Klitschko, den neuen Bürgermeister von Kiew, dafür kritisiert, dass dieser wegen angeblicher Sicherheitsbedenken den diesjährigen Christopher Street Day (CSD) untersagt hatte.

Seitdem brodelt es. Den Ton gab die „Hamburger Morgenpost“ am 10.7.14 vor: „SPD-Mann Kahrs geht auf Klitschko los“. Das macht man aber auch nicht! Dagegen titelte die Kahrs eher weniger gewogene „Junge Welt“ am 19.7.14: „Ukraine-Politik rächt sich“ und stellte fest, es habe sich „die Situation von Lesben und Schwulen unter den neuen Regierenden deutlich verschlechtert“. Es wurden mehrere Angriffe von Neonazis auf Schwulenbars in jüngerer Zeit erwähnt.

Den Vogel schießt nun ausgerechnet der liberale Berliner „Tagesspiegel“ ab. Heute informiert er die Leserschaft ausführlich über Kahrs’ Twitterkontakte. Der Abgeordnete hat sich also über seinen Account dort regelmäßig auch mit unpolitischen Inhalten beliefern lassen - „Sex und Pornographie“. Verboten ist das nicht – und Johannes Kahrs macht seit langem kein Geheimnis aus seiner sexuellen Orientierung. Dennoch stellt die Zeitung besorgt fest: „Ob sie (die Abgebildeten) bereits volljährig sind, lässt sich nicht immer mit Sicherheit sagen.“ Und was will uns das Blatt damit nahe legen? Es wird schon etwas hängen bleiben.

Von Edathy zu Kahrs sind es nur ein paar kleine Schritte – via Kiew. Das haben wir gerne: Russland für seine skandalöse Homophobie kritisieren, aber daheim, wenn’s politisch in die große Strategie passt, dieselbe Karte ausspielen.

BILD hat inzwischen nachgezogen.
 
F

Fettauge

Gast
Lieber Arno Abendschön,

interessant, die bundesdeutschen Politiker und die Pornographie. Vermutlich ist ihnen die Politik einfach zu langweilig, da greifen sie zu härteren Sachen, die wenigstens ein bisschen Freude machen. Man darf gespannt sein, ob der "Tagesspiegel" dranbleibt, denn immerhin geht es um Sein oder Nichtsein: Klitschko oder Nicht-Klitschko. Nu ja, ein Saubermann wie Klitschko hat nicht das geistige Kaliber der Herren Schlapphüte wie im Fall Edathy, doch darf man immerhin gespannt sein, ob demnächst eine Verlustanzeige erscheint: Laptop gestohlen.

Freundliche Grüße, Fettauge
 
Danke, Fettauge, für die Reaktion, und dankbar ergreife ich noch mal das Wort.

Der Tagesspiegel-Artikel hat großes Echo im Netz hervorgerufen, doch fast keiner ordnet ihn da ein, wo er meiner Meinung nach hingehört. Ich wurde gleich misstrauisch: Artikel dieser Art à la BILD sind ganz untypisch für den TS. Ich gab also bei Google ein: Kahrs, Ukraine - und stieß sofort auf des Abgeordneten Schelte für Klitschko mit Bezug auf die aktuellen Übergriffe auf Schwule in Kiew. Gleich nach seiner Presseerklärung Anfang Juli setzte eine Reihe von Artikeln zu diesem Thema ein, mal mit strafender Schlagzeile (Hamburger Morgenpost, siehe oben), mal in der Sache vertiefend (Junge Welt, queer.de usw.).

Und nun soll ich annehmen, der TS oder der, der ihm die Informationen steckte, soll von dieser Entwicklung nichts gewusst haben? Alles reiner Zufall und vom Blatt nur aus Gier nach Klicks veröffentlicht? Wo doch die entdeckten Verbindungen gewiss zum großen Teil schon lange auf dem Account vorhanden sind? Und wahrscheinlich auch dem einen oder anderen längst aufgefallen sein dürften? So naiv bin ich nicht. Das war eine Strafaktion. Die Zeitung ist ja fest auf Konfrontationskurs gegen Russland, mit Welt, FAZ, Spiegel usw. Kahrs ist nicht irgendein Hinterbänkler, er spricht für die SPD-Rechte. Und wenn so einer sich mit Liebling Klitschko anlegt und ein Schlaglicht auf die wirkliche Lage in Kiew wirft, dann ist Gefahr im Verzug. Sie wollten ihn vielleicht nicht gleich schlachten, aber ihm einen gehörigen Schuss vor den Bug verpassen. Und es wird noch weiter geballert - Hamburger Morgenpost am Tag nach dem TS-Artikel mit der Schlagzeile: "Johannes Kahrs in der Porno-Falle".

Wie schwierig die Lage für ukrainekritische SPD-Prominente ist, zeigt ein anderes Beispiel. Gerhard Schröder durfte vor Tagen in der Marktkirche in Hannover predigen, der Hauptkirche der Stadt, über eine Stelle bei Jesaja. Die Leute strömten dazu und sagten vorher den Reportern ins Mikrofon, sie seien neugierig auf Schröders Meinung zur Ukraine. Er hat sie enttäuscht, was manche nachher auch äußerten, sprach über Kosovo, Afghanistan und eigene Schuldgefühle, alles, alles, nur kein Wort über das große aktuelle Thema. Hat aber nicht viel genutzt: Heute titelt die Rheinische Post mit Bezug auf die Predigt: "In der SPD wächst die Kritik an Gerhard Schröder". Selbst mit Schweigen macht man sich jetzt also unbeliebt.

Warum die Kritiker des TS-Artikels partout den politischen Hintergrund nicht erkennen wollen, ist mir auch klar: Sie sind überwiegend liberal oder linksliberal oder grün eingestellt, sie mögen Kahrs sonst nicht und verklären die neue Ukraine als Hort von Freiheit und Demokratie. Also reden sie lieber vom Sommerloch, als ob es das heuer überhaupt gäbe.

Arno Abendschön
 
F

Fettauge

Gast
Aha, so hängt das also zusammen! Hätte ich mir eigentlich denken können, dass es auf einer ähnlichen Linie wie bei Edathy liegt und die Pornosache nur der Aufhänger ist. Ich bin nicht in Facebook und weiß nicht, was sich da tut, ich habe einfach keine Lust, mich auch dort noch aushorchen zu lassen. So etwas wie Kahrs entgeht mir dann natürlich. Gut, dass ich in deinen Text reingesehen habe. Aber man hat es ganz allgemein, eigentlich auf allen Ebenen, mit dieser verordneten Einheitsmeinung zu tun. Ich zum Beispiel hatte hier einen ziemlichen Stunk, weil ich vor drei Tagen ein Gedicht zu den Bombardierungen in Gaza eingestellt hatte. Mit einer völlig falschen Meinung, weil nicht ihre - da waren sich alle einig.
Für mich erschreckend, dass niemand es wagt, gegen die veröffentlichte Einheitsmeinung aufzumucken. Und wenn man wie ich es doch tut, wird man persönlich angefeindet, was man angeblich alles ist, oder man wird boykottiert. Ich kann dem Kahrs nachfühlen. Aber sie sind ja auch so weit gegangen, Schröder (!) seine etwas dezidierte Ansicht bzw. Nichtansicht übelzunehmen. Heutzutage kann man ja mit einer abweichenden Meinung geradezu in ein Pogrom geraten, da gibt es kaum noch Hemmungen.

Danke für die Information.

Lieben Gruß, Fettauge
 

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