Kalt

Vitelli

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Kalt

Vielleicht sollte ich dankbar für dieses Gefühl. Aber ich fühle keine Dankbarkeit. Ich fühle Schmerz.
Sie wird unruhig. Vermutlich mache ich ihr nicht schnell genug.
Eigentlich mache ich gar nichts.
Sie hat sich schon vor Minuten ihre Schuhe ausgezogen und mir per Körpersprache zu verstehen gegeben, dass sie empfänglich für Berührungen sei. (Sie schiebt ihre Füße unter meine Beine.)
Aber ich fasse sie nicht an. Noch nicht. Ich mache mir nichts vor. Am Ende nehme ich was ich kriegen kann - und das ist nicht wenig.
Sie schaut wieder auf ihr Handy - die Zeit läuft. Sie ist bestimmt noch mit ihren Mädels in der Stadt verabredet.
Mittlerweile sind wir von Wein auf Gin umgestiegen; sie ist in der richtigen Stimmung. Ihre Erregung steht ihr buchstäblich in’s Gesicht geschrieben.
Ich trinke mehr als ich wollte und vor allem sollte.
Komisch, früher war es immer ihre, formulieren wir es höflich: Unabhängigkeit, die ich anziehend und erregend fand. Und ihren Mann hielt ich für einen Versager, weil er sie nicht domestizieren konnte.
Tja, und nun sitze ich hier, darauf wartend durch den Ring zu springen, den sie mir gleich hinhalten wird.
Sie zeigt mir das Display ihres Handys. „Kennst du noch von früher ‚Wahrheit oder Pflicht‘? Das gibt es jetzt als App. Wollen wir?“
Es fängt harmlos an, wir stellen uns ein paar Fragen. Mit wie vielen Männern sie schon geschlafen hat, ist eine davon.
Sie nimmt die Finger zur Hilfe. „Zehn“, sagt sie schließlich.
Einer davon bin ich … falls sie mich mitgezählt haben sollte.
Wir sind inzwischen nackt und spielen unser eigenes Spiel.
Während sie mich oral befriedigt, kulminieren Erregung und Wut in mir. Ich packe sie, stoße sie von mir und packe sie wieder. Ich fange an sie zu penetrieren - erst vaginal, dann anal. Und dann im Wechsel.
Aus Erfahrung weiß ich, dass ihr das gefällt. Und dass sie es genießt, treibt mich zur Weißglut.
Ich drücke ihr Gesicht ins Kissen, da ich ihr Gestöhne nicht länger ertragen kann.
Das bringt sie dazu zu kommen, und auch ich bin nicht mehr weit davon entfernt.
Sie dreht ihren Kopf zur Seite und schreit, dass ich ihr endlich mein Ejakulat geben soll. (Sie formuliert es anders, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht wiedergeben.)
Das erregt mich, und schließlich ist es soweit.
Ich drehe sie um und erfülle ihr ihren Wunsch. Meinen Wunsch, in ihr zu kommen, erfüllt sie mir nie - da zieht sie die Grenze.
Sie ist der wahrgewordene feuchte Traum eines Teenagers, aber ich will mich einfach nur auf sie legen, sie berühren, ihren Geruch in mich aufsaugen.
Aber das lässt sie nicht zu; sie steht auf und verschwindet im Bad.
Als sie wieder da ist, küsst sie mich auf die Wange und sagt: „Danke, genau das hab ich gebraucht.“
Ich stehe neben ihr auf dem Balkon und schaue ihr beim Rauchen zu. Sie sie toll aus in dem Mondlicht.
„Ich muss jetzt los“, sagt sie. Und: „Ich melde mich.“ Die Betonung liegt, wenn auch kaum merklich, auf dem Ich.
Ich nehme sie in den Arm und merke umgehend, dass ihr das unangenehm ist. „Bleib doch“, flehe ich fast. „Bitte.“
Sie schüttelt den Kopf und streicht mir durch die Haare. Sie schaut mich an wie einen kleinen dummen Jungen.
Das Schlimmste ist, dass ich mir nicht mal lächerlich vorkomme.
Ich schaue ihr beim finalen Anziehen zu. Dann begleite ich sie zur Tür. Sie umarmt mich flüchtig.
Ich sehe ihr nach, wie sie zum Taxi geht.
Ich setze mich auf das Sofa und trinke den restlichen Gin. Um 5 Uhr morgens überkommt es mich dann und ich schreibe ihr eine Nachricht, wie schön der Abend doch war und so.
Eine halbe Stunde später dann ihre Antwort: „Ja, alles tippi toppi.“ Und ein Lach-Smiley.
 
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