Kann man "das System verlassen?"

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Rezension zu:

Roland Düringer, Eugen Maria Schulak, Rahim Taghizadegan, Das Ende der Wut, Ecowin, 2012, ISBN 978-3-7110-0026-2


In ihrem Buch „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ haben die Autoren des hier anzuzeigenden Buches 2011 über eine wachsende Bewegung und dramatische gesellschaftliche Veränderung nachgedacht.

Damals gingen sie davon aus, dass die Wut der Bürger in unseren Gesellschaften noch zunehmen wird. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen erkennen, was die beiden schon lange ahnen bzw. wissen: unser unmenschliches und überbürokratisiertes System ist nicht mehr reformierbar. Das uns seit Jahren nun vorgeführte europäische Gerangel um diverse Rettungsschirme zeigt uns das exemplarisch. Es geht nur noch ums Geld, das die meisten nicht haben, bzw. ihnen noch genommen werden soll.

Die einzelnen Menschen laufen derweil wie in einem Hamsterrad. Dass der Burn-Out als Krankheit bei Frauen und Männern krass zunimmt, kann als Beleg dafür gelten.

Ohne moralisch erhobene Zeigefinger hatten die beiden Autoren 2011 den heutigen Menschen als einen angepassten Systemtrottel bezeichnet. Doch die vielen Proteste und die neuen soziale Bewegungen zeigen, dass der bald ausgedient haben wird. Doch nicht nur das: immer mehr Menschen ziehen sich aus ihrem Hamsterrad zurück, steigen aus, wechseln eine unbefriedigenden Arbeit, sind mit weniger Konsum zufrieden und beginnen ihren jeweils eigenen "Garten" zu bearbeiten und zu pflegen.

In insgesamt 10 Feldern zeigen die beiden Autoren die Zwänge und gleichzeitig die Möglichkeiten, diesen zu entkommen:
* Information
* Bildung
* Beruf
* Geld
* Sicherheit
* Gesundheit
* Umwelt
* Kultur
* Beziehungen
* Politik

Sie nennen es eine "Abenteuergeschichte", die keine Utopie sei. "Sie bezeichnet keinen unmöglichen Ort für unmögliche Menschen. Sie ist zwar unwahrscheinlich, doch wird sie Wirklichkeit durch Schritte, die klein genug für reale Menschen sind. Sie erfordert Unwahrscheinliches: Mut, Klugheit, Maß, Gerechtigkeit - Ideen, die so unwahrscheinlich sind wie das Wunder des Lebens und keine Spur weniger real."

Die eigene Ratlosigkeit nicht mehr hinnehmen, sondern als Ausgangspunkt nutzen für neues Denken und kleine Schritte hin zu einem selbstbestimmten Leben.

In dem nun erschienenen kleinen Buch dokumentieren die beiden Philosophen ein Gespräch, das sie mit dem österreichischen Kabarettisten Roland Düringer geführt haben und in dem sie immer wieder um die Frage kreisen, wie man gemeinsam und jeder für sich aus diesem dem Tod geweihten und den Menschen zum Trottel machenden System ausbrechen kann. Und immer wieder kommen sie auf die oben erwähnten Strategien zurück.

Und Roland Düringer bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Ich bin jetzt nicht mehr wütend. Ich habe beschlossen, das System zu verlassen und meinen eigenen Weg zu gehen.“ Natürlich klingt das naiv, denn ohne die Strukturen des Systems hätte er bald nichts mehr zu Essen. Doch man muss näher hinschauen, was er meint.

Wer etwa zwingt einen, sich den täglichen Schwung von Informationen aus den Medien zu holen, die einen nur verwirren? Wer etwa zwingt einen, bestimmte Sachen zu kaufen, anzuziehen, zu hören und zu essen? Wer zwingt mich, mich freiwillig zu verschulden, nur weil ich dies oder das „haben“ will?
Wer zwingt mich, permanent „online“ zu sein? Wer zwingt mich, den Kontakt mit meiner Umwelt zu unterbrechen, in dem ich mir Lautsprecher ins Ohr stecke und nichts mehr sonst wahrnehme?

In einer Rezension zu dem ebenfalls sehr kulturkritischen Buch des Philosophen Christoph Türcke „Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ (C.H. Beck 2012) habe ich geschrieben:

„Die permanente Erreichbarkeit, das permanente Online-Sein, dieser unsägliche Druck, den die elektronischen Medien ausüben – wir müssen uns um unserer Kinder willen davon befreien. Das ist wahrer und zeitgemäßer Widerstand gegen eine Entwicklung, die die über Jahrtausende gewachsenen Grundlagen unserer Kultur zu zerstören droht.“

Und das ist nur ein Ansatzpunkt, das System zu verlassen, wie Düringer das nennt. Der Sog dieses System, die Macht der Gewohnheit, der Suchtcharakter mancher liebgewonnener Gewohnheiten, wird so stark sein, dass es schon ein großer Willens- und Widerstandsakt darstellt, mit einer Sache anzufangen.
 

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