Kindheitserinnerungen, 10. Kapitel: Alles ändert sich

blackout

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Das Frühjahr kündigte sich an. Nach dem langen, schrecklichen Winter 46/47 endlich wieder Wärme und Sonne.

Die Berliner atmeten auf. Noch immer fand man in den Wohnungen Erfrorene, Verhungerte. In diesem Winter starben viele Menschen, alte und junge Menschen, die den Krieg überstanden hatten, nicht aber die Kälte und den Hunger.

Im April musste Jo zur Einschulungsuntersuchung, zum Amtsarzt. Der erwies sich als eine junge freundliche Frau. Sie klopfte auf Jos Brustkasten herum, lauschte ins Hörrohr. Jo atmete wie eine Lokomotive, stoßweise, aus dem Bauch.

"War die Lunge schon immer so schwach, Frau Borkmann? Ich schick sie mal zum Röntgen. Das gefällt mir gar nicht. Ganz und gar nicht."

"Wird sie denn eingeschult oder nicht?"

"Ich schreibe sie einschulungsfähig, abhängig vom Röntgenergebnis."

Ein paar Tage später das Röntgen. Jo war begeistert: Die Ärztin konnte in sie hineinsehen, ohne dass es wehtat, puppenleicht, nur ein Sekündchen stillstehen und die Luft anhalten. Und innen waren die Menschen ganz weiß und schwarz, es war wunderbar! Jo wollte ihre Röntgenaufnahme gar nicht aus der Hand geben.

Aber die Ärztin machte ein besorgtes Gesicht. "Frau Borkmann, ich muss Ihnen leider sagen, dass es dieses Jahr wohl noch nichts mit der Schule für Ihre Tochter wird. Ihre Hylusdrüse ist angegriffen. Noch keine ansteckende Sache, aber sie braucht eine Kur in reiner Luft, eine Lungenkur. Am besten, wir machen es so: Sie wird eingeschult, aber sowie ein Platz frei ist, geht sie zur Kur. Die erste Klasse muss sie dann wahrscheinlich noch einmal machen."

Großmutter wusste, warum Jos Hylusdrüse angegriffen war: Der Krieg war schuld, die vielen Tage und Nächte im Bunker und das schlechte Essen. "Dieser verfluchte Krieg!", sagte sie. "Dieser verdammte Hitler!"

*

Der Sommer war ein bisschen verregnet. Trotzdem, in den Gärten am Nordhafen reifte es, und wenn die Parzellenbesitzer schlau und wachsam waren, konnten sie sogar selbst ernten. Mohrrüben gab es und richtige Kartoffeln auf dem Teller. Auch Großvaters Hamsterfahrten mit der Mutter und Siggi erweiterten den Speiseplan: Händevoll Stachelbeeren. Jo kostete eine: Süß war sie, halb zerquetscht, voller kleiner Kerne, die man im Mund behalten konnte, bis man sie aus Versehen herunterschluckte. "So was Schönes, Oma. Müsste es immer geben", sagte Jo.

Wolfgang heckte schon wieder einen Plan aus. Die Trauben der Holunderbüsche, die am Ufer des Spreekanals wuchsen, hingen schwer und blau überm Wasser. Weit vorbeugen musste man sich, um sie abzureißen. Das war die Arbeit der Jungen. Die Mädchen warteten, bis die Jungen satt waren von der Holunderernte, ehe auch sie zu den schweren Dolden greifen durften. Jo stopfte alles in sich hinein, Holunder schmeckte nicht so gut wie Stachelbeeren, aber saftig war er. Hände, Kleid, Gesicht und sogar die Beine hatten von dem Saft abbekommen.

Großmutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Kind, doch nich Holunder! Der muss doch jekocht wern! Roh det reinste Jift!"

Es war zu spät. Großmutter konnte gar nicht so schnell den Eimer unter dem Küchentisch hervorholen, wie sich der Holunder Luft verschaffte. Elend war Jo zumute, ihr war schlecht, kaum hielt sie sich auf den Beinen.

Wieder kam Doktor Holstein, verschrieb ein paar Tropfen. Ein Trost, dass es Jo nicht allein so erging, alle Kinder hatten reichlich von den Holunder gegessen. So hatte die Kellerstraße ein paar Tage lang Ruhe vor den Rabauken. Wie ausgestorben lag die Kellerstraße in der Sonne.

"Nie wieder Holunder!" Wolfgang hob zum Schwur zwei Finger in die Luft. "Ick schwöre! Denn schon lieber Keile. Ick schlag vor, wir machen eene Johannisbeertour." Und was Wolfgang vorschlug, wurde getan. Sogar Ingo als Anführer fügte sich.

Niemand erwischte sie bei den Johannisbeeren, aber es gab trotzdem Keile. Die Jungen boxten darum, ob weiße oder rote Johannisbeeren nahrhafter waren. Am Ende einigten sie sich auf Johannisbeeren im allgemeinen, ob weiß oder rot, weil sie keine Kraft mehr in den Fäusten hatten. Nur der stille Michael-Mieke, der sich an der Keilerei nicht beteiligt hatte, wusste es genau: Johannisbeeren sind nicht nahrhaft, sondern sie haben Vi-ta-mi-ne!

Ingo blieb skeptisch. "Wat soll denn det sein, deine Vitamine? Kann man Johannisbeeren essen oder nich? Na also, dann sindse ooch nahrhaft, du Spielverderber!"

Wolfgang mischte sich ein. "Mieke hat recht. Holunder kann man ooch essen. Aber er is nich nahrhaft, sondern zum Kotzen."

"Aber er hat auch Vitamine!" Mieke strahlte, Wolfgang hielt zu ihm!

Von diesem Tage an waren er und Wolfgang dicke Freunde, gegen Ingo.

*

Der Sommer ging vorüber, und mit sonnigen, nicht mehr allzu warmen Nachmittagen kündigte sich der Herbst an. Jo war froh, dass sie zur Schule durfte, aber auch traurig, denn da war ja noch die angedrohte Kur. Sie wollte nicht zur Kur fahren, sie wollte in die Schule gehen!

Von der Einschulung am 1. September machte niemand etwas groß her. Siggis alte Schulmappe, seine Schiefertafel und ein paar neugekaufte Griffel, das war alles. Eine Schultüte gab es nicht. Großmutter aber hatte einen Kuchen gebacken, und Jo durfte sich so viele Kuchenstücke nehmen, wie sie verdrücken konnte. Nach dem dritten Stück aber gab sie schon auf. Es würgte sie, ihr Körper hatte sich schon zu sehr an magere Kost gewöhnt.

Jo war gerade drei Wochen in der Schule, als es mit der Kur klappte. Großmutter war vor Freude außer sich: "An die Nordsee, Kind! An die Nordsee! Wo's die vielen Muscheln jibt. Die rauschen, wie das Meer rauschense! Wirst schon sehn. Und det Wasser erst! Überall, bis an den Horizont nur Wasser. Und der Zuckersand, weiß wie Schnee. Een halbet Jahr! Kind, hast du et schön."

*

Großmutter, Siggi, der den Koffer trug, und die Mutter mit Veronika brachten Jo zur Bahn. Siggi stürmte ins Abteil. "Belegt! Das Fensterbett für meine Nichte! Damit du raussehen kannst, Jo, wenn der Zug fährt. Mensch, du hast et wirklich prima! Wie die Prinzessin uff'de Erbse."

Als der Zug anfuhr und alle winkten und Großmutter sich die Tränen abwischte, war Jo nicht traurig, nur ein bisschen stiller als sonst. Alles war anders, alles war fremd, alles war ein Abenteuer.

*

Es war ein Lazarettzug. Rechts und links Betten, zwei Etagen hoch, in der Mitte ein schmaler Gang. Krankenschwestern liefen hin und her. Jo lag im Bett wie alle, der Zug fuhr in die Nacht, erst langsam, dann immer schneller. Unter ihr ratterten die Räder, und plötzlich war ihr, als ob sie davonschwebe, höher, immer höher, bis in den Himmel, und weiße Wölkchen deckten sie zu.

Der Zug hielt. Jo erwachte: Hier? Hier ist die Nordsee? Der Zug stand einsam auf den Gleisen. "Hamburg, Hamburg, Endstation!", riefen die Krankenschwestern und trieben die Kinder an. "Nehmt eure Koffer und stellt euch in Zweierreihen auf!"

Der Koffer war schwer, viel zu schwer für Jo. Es ging durch morgendliche Straßen, Kopfsteinpflaster. Jo nahm immer zwei Steine, den Koffer schleifte sie hinter sich her. Beiderseits kleine Häuser, ein viel zu langer Weg. Die Kinder stöhnten, einige weinten, die Krankenschwestern schimpften. "Und Ruhe! Wir schwatzen nicht! Die Leute schlafen noch!"

Und dann sahen sie es – das Meer. Jo holte tief Luft: Wie gut es hier roch! Nach dem schwarzen Zeug, das am Ufer lag, nach Kieselsteinen, nach kleinen Muscheln, die man in die Tasche stecken konnte, nach dem Wasser, den schäumenden Wellen. Es roch und roch.

Groß, riesengroß war das Meer. Wasser, nichts als Wasser, die Oma hatte recht gehabt. Es war grün, es schäumte und gluckerte, es seufzte, wenn es ans Ufer schlug, als hätte es Schmerzen. Und mitten in das Meer hinein führte ein Steg, dem ein paar Bohlen fehlten. Jo sah unter sich das Meer und stellte sich vor, sie könnte hineinfallen. Aber sie fiel nicht, geschickt sprang sie über die Bohlenlücken.

Jo hielt das Gesicht in den Wind. Er zerzauste ihr die Zöpfchen. Man musste schreien, wenn man den anderen etwas sagen wollte, aber es war schön, es war unbändig schön. Und draußen auf dem Meer, am Ende des Stegs, hatte ein weißes Schiff angelegt! Mit dem sollten sie fahren, zu einer Insel, sie hieß Föhr. Was eine Insel war, wusste Jo nicht, aber schon, dass man dorthin nur mit einem Schiff kommen konnte, war überwältigend.

Föhr, du mein Traumland, ich komme!
 

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