Kindheitserinnerungen, 11. Kapitel: Am Meer

blackout

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Das Heim war ein schneeweißes Haus. Es stand am Meer, sehr nah, fast mit den Fenstern in der Nordseebrandung, und Möwen kreischten vor den Fenstern. Es hatte zwei Etagen: Oben standen die Betten der Jungen, unten die der Mädchen. Die Schwestern hatten sich zum Empfang der Kinder im Flur aufgereiht, angetan mit blauen Kitteln, einem Häubchen im Haar und einem Knüppel in der Hand. Den Knüppel bemerkte Jo aber erst, als eine der Schwestern damit an ihre Schenkel schlug.

Der Raum, in den man die Mädchen führte, war riesengroß. Jo begann die Betten zu zählen. Ein Glück, dass Siggi mit ihr geübt hatte, bis hundert zu zählen. Es waren mehr als fünfzig Betten. Sie stürzte zu einem Bett an einem der Fenster. Sofort kam eine Schwester herbei und zerrte sie herunter. "Die Belegung ist festgelegt! Am Fenster schlafen die großen Mädchen!"

Jos Bett stand in der Mitte des Riesenraumes, weitab von den Fenstern, hinter denen das Meer rauschte. Jo blickte sich um: Nichts als Betten, keine Tische, keine Stühle – nur Betten.

"Wo kommst du her?" Ein Mädchen war an Jos Bett getreten, es schien jünger als sie zu sein. Es hatte ein fadenscheiniges Sommerkleidchen an, und die Schuhe, ausgedient, aber tiefschwarz geputzte Schnürschuhe, waren mit Bindfaden zusammengehalten. Jo musterte das Mädchen: Stupsnase, Sommersprossen, blonde Stoppelhaare, mager wie ein Wichtelmännchen, aber gescheite Augen. "Aus Berlin", sagte Jo. "Und du? Und wie heißt du?"

Das Mädchen war ihr sofort sympathisch, zart, wie es war. So ganz anders als die Kinder aus der Kellerstraße.

"Marie-Luise", sagte das Mädchen, "aus Köln. Aber eigentlich aus Breslau. Wir mussten flüchten. Aber meine Mami ist tot. Nur noch mein Bruder ist da. Und mein Onkel."

"Ich habe eine Mutter, aber ich wohne bei meiner Oma. Ich habe eine Schwester, sie heißt Veronika. Aber sie ist noch klein, spielen kann man noch nicht mit ihr. Ich bin Jo. – Bist du auch seekrank geworden?"

Marie-Luise schüttelte den Kopf. "Ein bisschen", sagte sie, als Jo sie zweifelnd ansah, "aber nur Spucke."

"Und warum bist du geflüchtet?"

"Weil … ich weiß nicht. Es war ganz kalt, meine Füße taten so weh. Und dann wurde geschossen, und dann war meine Mami tot, alle Leute haben geschrien. Aber jetzt wohnen wir in Köln, bei meinem Onkel, im Luftschutzkeller. Manchmal haben wir gar nichts zu essen." Sie begann zu weinen.

Jo streichelte sie. "Heul doch nicht." Sie konnte sich fremdes Elend noch nicht wirklich vorstellen, sie wusste nur: Marie-Luise hatte Kummer. Und wer Kummer hat, braucht leise Worte, den durfte man nicht anschreien: "Du doofe Heulsuse!" Viel zu gut wusste sie, was Kummer war. Sie brauchte nur an Siggi zu denken, Siggi, den Bescheuerten.

Jo und Marie-Luise hatten sich bekannt gemacht. Marie-Luise, die dann von allen Mariechen genannt wurde, schlief im Bett neben Jo.

Abends der Höhepunkt des Tages: das Abendessen. In einem großen Raum standen lange, weißgescheuerte Tische, Holzbänke davor, und auf den Holzbänken saßen dicht an dicht Kinder mit hungrigen Augen.

Die Schwestern stellten große Teller auf die Tische, Berge von Marmeladenstullen. Marmeladenstullen, kaum jemand wusste, wie Marmelade schmeckte. Alle griffen in die Stullenberge hinein, die Schwestern schrien: "Einer nach dem anderen!" Aber niemand scherte sich um das Geschrei, nicht an diesem Abend.

Dann das Waschen im Bad. In einer Ecke gab es Duschen. Duschen, so ein Wort hatte sie noch nie gehört, Jo bestaunte sie. Die größeren Mädchen erklärten, wie eine Dusche funktioniert: Hahn aufdrehen, und von oben, aus dem Sieb, käme dann das Wasser. Das musste Jo ausprobieren! Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück: Eiskalt das Wasser! Begossen wie ein Pudel stand sie da. Eine Schwester kam hinzu. Schadenfroh besah sie sich die durchnässte Jo: "Na, deine kalte Dusche hast du ja jetzt weg. Strafe genug." Ein bisschen unzufrieden schlug sie sich mit dem arbeitslosen Knüppel gegen die Waden.

Und nach all dem Neuen dann die erste Nacht in dem wunderschönen breiten Bett. Jo sprang mit einem Juchzer hinein und zog das Bettdeck über den Kopf. Mariechen das sehen und es ihr nachmachen – alles eins. Plötzlich sprangen alle Mädchen in ihre Betten und zogen sich die Bettdecken über die Köpfe. Schreiend kam eine Schwester herein. "Da hört sich doch alles auf! Sind wir hier bei den Hottentotten?! Wer hat damit angefangen?" Im Raum war es still, so still, dass Jo laut die Wellen vor den Fenstern hörte. "Na, wird es bald? Ich will den Namen hören!" Sie wartete ein kleines Weilchen. "Unter euch ist ein feiges Mädchen. Eine für alle, alle für eine. Morgen früh Essensentzug!"

Die Kinder lagen erstarrt unter ihren Bettdecken. Jo meldete sich, niemand sollte sie Feigling nennen. "Ich", sagte sie kleinlaut. Die Schwester trat an ihr Bett. "Wie heißt du?"

"Johanna Borkmann."

"Borkmann also." Es klang, als sagte sie: Wenn eine schon Borkmann heißt.

"Lass dir das eine Warnung sein. Ihr alle, hört zu! Das nächste Mal setzt es was!"

Das Meer rauschte, die Wellen schlugen an den Strand, und die Mädchen lagen in den Betten, manche weinten leise. Jo hörte ein neues Wort: Heimweh. Sie würde nicht weinen, und wenn sie die Großmutter noch so sehr vermisste! Bis auf das Weinen und den Wellenschlag vor den Fenstern war es mucksmäuschenstill im dunklen Schlafsaal.

"Wer kennt ein Abendlied?" Eines der großen Mädchen hatte gefragt. Alle riefen: "Ich, ich, ich!"

"Also gut, jeder ist mal dran, die Reihen durch", sagte das große Mädchen, "ich fang an."

Jo kannte kein Abendlied. Aber sie machte sich deshalb keine Sorgen. Bis sie drankäme, würde sie alle Abendlieder der Welt kennen.

Das Mädchen sang: "Weißt du, wieviel Sternlein stehen …" Jo war begeistert. Das Mädchen sang schön wie eine Sängerin aus dem Radio.

Der Gesang und der Wellenschlag machten sie müde, und als Mariechen ihr gute Nacht zuflüsterte, war Jo schon eingeschlafen.

*

Am Morgen, die Novembersonne schien schon in den Schlafraum, weinte Mariechen.

"Mariechen! Was hast du denn?" Jo setzte sich auf Mariechens Bett.

Mariechen schlug das Bettdeck zurück, ein gelber Fleck in der Mitte des Bettlakens. "Au weia", sagte Jo, sie dachte an die Schwestern mit den Knüppeln.

Eine Schwester kam. Sie besah sich das Unglück und riss Mariechen vom Bett herunter. "So ein Schwein! Wir haben eine Bettnässerin! Einpinkeln, das fehlte noch!" Missetäterin Mariechen stand barfuß und mit gesenktem Kopf neben dem Bett, gewärtig, einen Schlag mit dem Knüppel abzubekommen. Aber die Schwester hatte keinen Knüppel dabei, sie schlug ihr mit der Hand ins Gesicht. "Wie alt bist du? Sechs? Na, das hätte dir deine Mutter aber beibringen können! Wo bist du denn her?"

"Aus Breslau … nein, Köln", sagte Mariechen leise. Sie würgte ihre Tränen herunter.

"Woher? Lauter!"

"Aus Köln!" Jetzt schrie Mariechen.

"Schrei mich nicht so an, du Luder!" Die Schwester war empört, so viel Frechheit war ihr noch nicht untergekommen. Ein paar andere Schwestern standen in der Tür, die Knüppel in Händen, bereit, jeden Aufruhr im Schlafraum zu vereiteln.

Aber die Vorsicht war unnötig. Alle Mädchen standen wie eine Eins neben ihren Betten, erstarrt, aber nicht vor Kälte.

In den folgenden Wochen musste Mariechen morgens nach dem Frühstück zur Abreibung antreten: ein oder zwei Schläge mit dem Knüppel auf den nackten Hintern. Jede Nacht war ihr Bett nass. Die Mädchen riefen: "Bettnässerin! Hi, die stinkt ja!"

Mariechen sprach nur noch leise, fast flüsternd, mit weinerlicher Stimme. Jo war ihre Freundin geworden. "Ich beschütze dich", sagte sie. "Die hau ich eine runter! Die werden schon sehen, was passiert, wenn sie dich ärgern!" Mariechen zog die Nase hoch, sie lächelte glücklich.

*

Jeden dritten Vormittag Untersuchung. Es war ein freundlicher Doktor. "Hast du Angst vor Spritzen?"', fragte er Jo. Sie schüttelte den Kopf. "Und Lebertran?"

Was Lebertran war, wusste Jo am ersten Tag nicht. Sie lernte ihn aber kennen. Und verabscheuen. Jeden Morgen nach dem Frühstück Anstellen zum Lebertranempfang, einen ganzen Becher voll, zu trinken unter Aufsicht einer Schwester, mittags und abends. Ausreden wurden nicht geduldet. Weigerte sich ein Mädchen, das ölige gelbe Zeug zu trinken, drohte die Schwester mit dem Knüppel oder gab ihr einen Stoß in den Rücken.

Jo hielt sich die Nase zu, schluckte ihren Lebertran in einem Zug herunter. "Tapferes deutsches Mädchen", sagten die Schwestern. "Borkmann macht es richtig: Nase zuhalten und runter damit!"

Nach der Arztvisite einmal in der Woche Schreibstunde. Außer ihrem Namen konnte sie schon zwei Wörter schreiben: Mama und Mimi. Wie man ihren Namen schrieb, hatte Siggi ihr beigebracht: ein Haken, das war das Jott, eine Kuller, das war das O. Sie diktierte der Schwester:

"Liebe Oma, lieber Opa, lieber Siggi, liebe Mutti, liebe Veronika, lieber Ingo, liebe Frau Krumnow! Mir geht es gut, es gibt Marmeladenstullen und Grütze zu Mittag. Die Schwestern hauen mit ihren Knüppeln. Das Meer ist schön. Ich habe noch keine Muscheln für Oma und kein Heimweh." Ihren Namen krakelte Jo selbst darunter. Zu Hause, später, als sie schon lesen konnte, sah sie: Der Satz mit den Knüppeln fehlte!

Tagsüber führte man die Mädchen in einen Raum mit langen Schrankreihen an den Wänden, in denen Spielzeug untergebracht war. Selbstbedienung verboten. Die Schwestern teilten jedem Kind das Spielzeug zu. Ein Mädchen bekam einen Teddy, dem die Augen fehlten, ein anderes ein paar Holzbausteine, das dritte eine Puppenküche ohne Töpfe. Die Schwestern saßen auf einer Bank an der Wand, wachsam die Augen auf die Kinder, den Knüppel auf dem Schoß. Sie unterhielten sich und lachten miteinander. Die Kinder flüsterten, lautes Sprechen war verboten.

*

Manchmal stand Jo morgens gleich nach dem Aufwachen, noch im Nachthemd, am Fenster und blickte auf das Meer hinaus. Sie sah dem Flug der Möwen zu. Eben noch segelte eine in der Luft, und im nächsten Moment stürzte sie sich ins Wasser.

Und wie gleichmäßig die Wellen an den Strand schlugen, so als ob sie mit dem geheimen Rhythmus einer Uhr kämen: Schwuppischwupp, schwuppischwupp, schwuppischwupp. Der letzte Schwupp war am lautesten, so als ob die Wellen fühlten, dass ihr Leben dort am Strand zu Ende ging und Jo sagen wollten: Hör, wir waren hier!

Ein großes Mädchen kannte das Meer schon. "Hier gibt es Ebbe", sagte es.

Die Ebbe war kein großes Ereignis, das Meer verschwand ein bisschen, und es gab mehr Strand. "Mir gefallen die Wellen besser", sagte Jo. Das Mädchen zeigte ihr einen Vogel: "Da kann man doch ertrinken!" Jo nickte: "Wie Peter. Aber das war die Panke, der Wasserfall. Er ist abgerutscht. Und in den Wellen ertrinkt man?" Das Mädchen lachte sie aus: "Du bist ja doof! Doch nicht nicht die niedrigen Wellen! Draußen, im Meer! Wenn ein Schiff untergeht!" Jo sah sie zweifelnd an: "Wir sind aber nicht untergegangen! Ich war nur seekrank." Das Mädchen seufzte über so viel Unverstand: "Hätte aber sein können! Bei Sturm!"

Wenn Jo an der Fensterwand stand und den Kopf hob, sah sie den Himmel, nichts als grauen Himmel. Er lag auf dem Wasser, und es schien Jo, als ob er ins Wasser stürzen wolle. Nirgends ein zerbombtes Haus. Sie hätte nicht sagen können, was ihr daran gefiel, an diesem Himmel und den Möwen und den Wellen und dass es hier keine Ruinen gab, sie wusste nur: Schön war es am Meer.

Der Strand lag vor dem Fenster, weiß, verlockend, menschenleer. Wie gern wäre Jo hinausgelaufen, hätte sich in den Sand geworfen und vor Glück geschrien. Aber die Kinder hatten im Haus zu bleiben. Einmal rissen trotz der Bewachung ein paar Jungen aus. Sie tobten vor den Fenstern des Mädchenschlafraums herum. Lange währte ihre Freiheit nicht, eine ganze Schar Schwestern trieb sie ins Haus zurück. Minuten später hörten die Mädchen Schreie aus der oberen Etage. Die Jungen wurden bestraft wie Mariechen: mit dem Knüppel.
 

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