Kindheitserinnerungen, 13. Kapitel: Eine schöne Überraschung!

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blackout

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Die letzte Untersuchung beim Arzt. "Gratuliere!", sagte er, "alles in Ordnung. Aber um den Lebertran, junges Fräulein, kommst du nicht herum. Hier eine Flasche zum Mitnehmen. Und schön austrinken!" Er lachte gutmütig.

Es ging ans Kofferpacken. Die Schwestern halfen den kleineren Kindern. Jo brauchte keine Hilfe. Alles zwitscherte und lachte: Es geht nach Hause!

Jo lachte nicht. Sie stand am Fenster und sah ein letztes Mal aufs Meer hinaus. Meer, dir ist es egal, wer an deinem Ufer weint, flüsterte sie. Deine Wellen werden immer an den Strand schlagen, und die Möwen werden immer kreischen. Nur ich, Jo, bin dann nicht mehr hier.

"Jo, komm schon, anstellen! Es geht los!" Mariechen stand vor Jo. Sie war noch zarter geworden. Auch sie würde aus Jos Leben verschwinden. Jo gab ihr einen Kuss. "Falls wir auseinandergerissen werden, Vorschuss. Du fährst nach Köln und ich nach Berlin. Ich schreibe dir, wenn ich erst richtig schreiben kann. Merk dir meine Adresse: Berlin, Kellerstraße 11."

Die Rückfahrt mit dem Schiff kam Jo kürzer vor als die Hinreise im Herbst, der Schaukelzauber mitsamt Seekrankheit war weg. Kaum auf dem Schiff, und schon kam Hamburg in Sicht. Der Zug fuhr ein. Die Kinder wurden eingeteilt. Wie Jo es geahnt hatte: Die Berliner in einem Wagen, die anderen in einem anderen. Unterwegs würde der Zug getrennt, sagten die Schwestern.

Mariechen weinte. Sie umarmte ihre Freundin Jo. "Ich schreib dir, Ehrenwort!" Dann war sie inmitten der anderen Kinder verschwunden.

Jo saß am Fenster. Sie war traurig. Alles, was sie sah, das sah sie heute zum letzten Mal: Das Meer, Mariechen, das Schiff, den Zug. Warum? Die Landschaft flog vorüber, Felder, Wälder, unbekannte Städte in Trümmern. Die Dampflok prustete, sie hatte es eilig.

Es war schon dunkel, als der Zug Berlin erreichte. Alle schrien und lachten, sie hatten ihre Verwandten auf dem Bahnhof gesehen und winkten. Jo wartete, bis die Drängelei vorbei war, dann stieg sie ganz langsam aus. Sie sah sich um: Wo war die Großmutter? Aber da, die Mutter! Und Onkel Fred war dabei, der Borkmann-Sohn, den sie einmal auf der Treppe gesehen hatte.

Die Mutter stürzte auf sie zu, umarmte und küsste sie ab. "Mein Gott, was bist du groß geworden! Und dick! Sieh mal, wen ich mitgebracht habe. Eine schöne Überraschung!"

Jo gab Onkel Fred die Hand und machte einen Knicks. "Guten Tag, Onkel Fred", sagte sie. Onkel Fred lachte. Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen kamen. Jo verstand nicht: Was war denn so lustig?

Onkel Fred lachte noch immer. "Aber Jo", auch die Mutter lachte, "das ist doch nicht …" Onkel Fred unterbrach sie: "Warte, sag nichts. Vielleicht kommt sie von selbst drauf, wer ich bin."

"Du bist nicht Onkel Fred? Du schwindelst. Klar, du bist Onkel Fred! Ich weiß doch, wie der aussieht!"

Onkel Fred stellte sich vor Jo hin: "Sieh mich mal genau an. Wer bin ich?"

"Onkel Fred."

"Nein, Onkel Fred bin ich nicht, ich bin …" Die Mutter fiel ihm ins Wort: "Aber das ist doch, das ist doch, Jo – das ist der Pappi! Erkennst du ihn denn nicht? Das Foto, das auf dem Vertiko …"

Jo war noch nicht überzeugt. "Du bist nicht Onkel Fred? Du bist der Mann mit dem Stahlhelm? Aber du siehst doch aus wie Onkel Fred. Wie kommt denn das – seid ihr Zwillinge?"

"Zwillinge!" Onkel Fred lachte. "Du machst mir Spaß. Sag Pappi zu mir, ich bin doch nicht mein eigener Bruder! Ich bin dein Pappi!"

"Der aus Russland? Und ich soll Pappi zu dir sagen?"

"Willst du mir keinen Kuss geben?" Der neue Pappi breitete die Arme aus.

"Nein." Jo war ganz Misstrauen.

Die Mutter mischte sich ein. "Sei nicht bockig, gib dem Pappi einen Kuss. Mach schon, wir müssen nach Hause."

"Und wo ist Oma? Warum ist sie nicht mitgekommen?"

Die Mutter presste die Lippen aufeinander. "Du gehst nicht mehr zu deiner Oma", sagte der neue Pappi. "Du wohnst jetzt bei uns. Wir sind die Familie Borkmann, die Neussens sind eine andere."

Nicht mehr zu Oma gehen! Zu ihrer Oma! Während der S-Bahn-Fahrt sah Jo wütend zu dem neuen Pappi hinüber. Er beachtete sie nicht, sah aus dem Fenster. Dass er aber auch so aussah wie Onkel Fred! Wie die Zwillinge Wolfgang und der ertrunkene Peter, die sie nur unterscheiden hatte können, wenn sie beieinander standen.

Das Haus Kellerstraße 11 schlief schon. Alle Fenster waren dunkel. Alles wie immer, dachte Jo traurig. Da war sie ein halbes Jahr weggewesen, und nun? Alles wie immer. Es roch auch wie immer: nach dem Kohlengrus aus dem Keller, ein bisschen muffig, nach den Klos auf der Treppe. Sogar die Stelle im Treppenhaus, wo Jo einmal ein Männchen in den Wandputz geritzt hatte, sah aus wie immer. Jo fuhr mit der Hand darüber hinweg: Guten Tag, Männeken.

"Darf ich bei Oma klingeln?", fragte sie.

"Oma schläft schon. Deine Sachen sind alle schon oben, bei uns in der Wohnung." Die Mutter schloss die Wohnungstür auf. "Du schläfst in der Küche", sagte sie. "In der Stube ist kein Platz für dein Kinderbett."

"Aber ich bin doch schon viel zu groß! Da passe ich gar nicht mehr rein. In Wiek auf Föhr …"

"Wiek auf Föhr ist vorbei. Jetzt heißt es wieder Kellerstraße. Und red nicht, zieh dich aus. Morgen früh erzählst du, wie es in Wiek auf Föhr war. Es ist schon spät, Veronika schläft auch schon, mach sie nicht wach."

"Aber morgen früh darf ich zu Oma gehen?"

"Darüber reden wir noch", sagte die Mutter. "Aber dass der Pappi das nicht mitkriegt."

"Warum nicht?"

"Frag nicht. Es hat Krach gegeben. Dass du mir nicht noch mehr Ärger machst. Morgen früh, wenn der Pappi zur Arbeit geht, erzähle ich dir alles. Und jetzt gute Nacht."

Jo lag in ihrem alten Kinderbett. Es war wirklich schon zu klein geworden, sie musste die Beine anwinkeln. Sie dachte an all das Neue, das an diesem Tag auf sie eingestürmt war: Die Fahrt nach Berlin, Mariechen, die Schwestern, das Lachen der Kinder. Und der neue Pappi.

Und heute morgen noch war sie an der Nordsee gewesen. Und natürlich würde sie zu Oma gehen! Krach hatte es also gegeben. Warum? Jo kamen die Tränen, alles war verloren: die Nordsee, Mariechen und jetzt auch noch Oma. Und den neuen Pappi? Den brauchte sie nicht. Was wollte der hier?

*

Am nächsten Morgen, der neue Pappi war schon zur Arbeit gegangen, saß Jo mit der Mutter und Veronika beim Frühstück in der Stube.

"Plötzlich stand er vor der Tür", sagte die Mutter. "Kaum wiederzuerkennen, er ist so dünn geworden. Ach ja, so war das, als er …"

"Warum hat es Krach gegeben?" Der neue Pappi interessierte Jo nicht. "Du wolltest es mir erzählen. Warum darf ich nicht mehr bei Oma sein?"

"Nicht so energisch, meine Tochter!"

Jo blickte die Mutter trotzig an. "Ich gehe aber wieder zu Oma. Ich wollte ihr Muscheln mitbringen, aber wir durften nicht an den Strand. Guten Tag darf ich doch wenigstens sagen! Ich verstehe das nicht."

"Naja, der Krach … Also ich weiß nicht, ob du das schon verstehst. Pappi war in Russland, in Gefangenschaft …"

"Na und? Weiß ich doch."

"Aber er, also wenn Krieg ist, wenn die Menschen sich totschießen, wenn also … Nein, das verstehst du noch nicht."

"Ich weiß schon, was Krieg ist. Wenn Bomben fallen und wir in den Bunker rennen müssen."

"Aber Pappi war Soldat, und er wollte kein Soldat sein. Er musste auf Leute schießen, die er gar nicht erschießen wollte. Und da ist er hingegangen zu den fremden Soldaten, zu den Russen, und hat gesagt, ich ergebe mich."

"Ach so. Dann wollte er gar nicht schießen?"

"Er wollte, dass Schluss ist mit dem Krieg. Verstehst du?"

"Aber das ist doch gut! Ich wollte auch, dass Schluss ist mit dem Krieg. Im Bunker war es so kalt. Und die Sirenen …"

"Und dann musste ich zur Gestapo. Erst galt er ja nur als vermisst. Aber irgendwie, weiß der Himmel, ist rausgekommen, dass er Überläufer ist."

"Gestapo? Was ist das?"

"Kind, dir das zu erklären … Sie haben eine Haussuchung gemacht, hier bei uns, Vierundvierzig. Du warst damals noch ganz klein."

"Die Gestapo – das waren Soldaten?" Jo überlegte. Ja, da war etwas gewesen … Soldaten, ja, einmal, als sie noch klein war … Sie lag im Bett, es war Nacht. Plötzlich Geschrei, Männer in der Wohnung. Mutti weinte, sie stand am Ofen, ganz in die Ecke gedrückt … Hätte die Mutter es nicht erwähnt, Jo hätte es vergessen, alles war wie im Nebel gewesen, auch heute noch ... So war das also gewesen ...

Plötzlich tat ihr die Mutter leid. "Aber verhaftet haben sie uns nicht", sagte sie zärtlich.

"Und dann musste ich hin, zur Gestapo. Aber ich hatte Glück. Der Gestapomann war einer aus meiner Klasse. Er hat den Fall vertuscht, vermisst hingeschrieben. Die Nazis hätten uns alle ins KZ gebracht, mich, meinen Vater, meine Mutter, Siggi, uns alle. Dich auch."

"Aber warum darf ich deshalb nicht mehr zu Oma?'"

"Herrgott, dein Opa, der Brabbelkopp! Ein oller Hartschädel wie aus dem Buche! In den geht nichts mehr rein! Verräter, hat er Pappi beschimpft! Bringst die ganze Familie ins KZ, hat er gesagt, zu mir, seiner eigenen Tochter. Mein eigener Vater! Und zu meinem Mann, der gerade aus Russland kommt …"

"Aber warum Verräter? Was soll er denn verraten haben? Und deshalb darf ich nicht mehr zu Oma? Und was ist das – Kazett? Ein Kinderheim?"

"Verstehst du noch nicht. Werd erst mal älter."

"Aber ich will zu Oma gehen!"

"Dann geh. Sie ist schließlich meine Mutter. Aber ich weiß von nichts."

Jo sprang auf. "Ich geh gleich. Sie wartet, dass ich klingle. Aber dass ich keine Muscheln mitbringen konnte …"

Die Treppe herunterfliegen, klingeln, brrr, brrr, klingeln, klingeln – alles eins.

"Oma! Oma! Ich bin wieder da!"

Großmutter riss die Enkelin an sich. Sie schluchzte, Jo schluchzte. Ihr Gesicht war tränennass, von ihren und den Tränen der Großmutter.

"Komm erst mal in die Stube …" Großmutter wischte sich die Tränen ab. "Ick altet Weib, hab am Wasser jebaut … Komm, Neese putzen …"

Omas Stube … Jo schwebte hinein. Wieder zu Hause. Endlich.
 

wirena

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Danke blackout für diese Erzählung - habe sie gerne gelesen, hat mich mitgenommen in eine Zeit, die ich nie erlebt habe - schön diesen Einblick erleben zu dürfen. - m.E. angenehmer Schreibstil, der ruhig dramatisches Geschehen erzählt - nur eine kleine Randbemerkung: Zitat:

"Es roch auch wie immer: nach dem Kohlengrus aus dem Keller, ein bisschen muffig, nach den Klos auf der Treppe."

Es ist ein "s" verloren gegangen beim Kohlengrus = Kohlengruss sollte es m.E. heissen - die Regeln von DoppelS kenne ich nicht, haben wir nie in der Schule gelernt und ist auf meiner Tastatur auch nicht zu finden.

LG wirena
 
Zuletzt bearbeitet:

blackout

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Vielen Dank, Wirena, dass du reingesehen hast, ist ja ein längerer Text, und am PC liest es sich nicht besonders gut. Hat dir also gefallen? Die nächsten Teile folgen noch.

Ein Irrtum: Kohlengrus wird mit einem s geschrieben. Es ging kein s verloren. Hat ja mit Gruß nichts zu tun.

Gruß, blackout
 

wirena

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Herzlichen Dank blackout - wunderbar - kannte das Wort Kohlengrus nicht - habe es nun aber Dank Wikipedia gefunden.
LG wirena
 

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