Kindheitserinnerungen, 15. Kapitel: Noch einmal Ärger mit dem lieben Gott

blackout

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Wieder flog der Herbst ins Land, mit fallenden Blättern und launischen Winden, die durch die Ruinen pfiffen. Der neue Pappi war aufgeregt: Jo wurde eingeschult. Ein zweites Mal, diesmal aber richtig, mit Schultüte.

Die Schule in der Müllerstraße war ein Backsteinbau, brandgeschwärzt, imposant – ein Riese gegen die Schar Menschlein, die durch die Eingangstür strömte, beklommen blickende Kinder mit Schultüten im Arm, die ungewohnte Schulmappe auf dem Rücken, aus der das Schwämmchen für die Schiefertafel baumelte.

Die Lehrerin hieß Fräulein von Eckstein. Sie war alt, mager, furchteinflößend. Ihr Haar war schneeweiß, ein kleiner Dutt zierte den Hinterkopf, eine Kamee das hängende Stück Haut unterm Kinn. Ihr schwarzes Seidenkleid knisterte, wenn sie durch die Bankreihen ging. Sie war eine der bedauernswerten Lehrerinnen, die von ihren adligen Familien in den Gouvernanten- oder Lyzeumsdienst abgeschoben worden waren. Lehrerinnen mussten unpolitisch sein und durften nicht heiraten. Gewöhnlich waren sie nicht in der Nazipartei gewesen und hatten die schlimmen Jahre an irgendwelchen Privat- oder Konfessionsschulen überdauert. Jetzt, nach dem Krieg, im Jahre 1948, als noch klar war, dass die meisten Lehrer nazistisch belastet waren, wurden die adligen Fräulein im öffentlichen Schuldienst händeringend gebraucht.

Der neue Pappi war skeptisch. "Na, das wird ja was werden – das Fräulein von Dingsda und du Rüpel!"

Aber er unterschätzte Jo, sie fügte sich in das strenge Eckstein-Regime: Gerade sitzen, nicht lümmeln, Beine stillhalten, Schwatzen und Einschlafen verboten, laut antworten, hier vorn ist die Tafel, Mappenkontrollen, Hände vorzeigen, gelegentlich ein Schlag mit dem Zeigestock auf die Finger, wenn ein Übeltäter gar zu verstockt war.

Das Schreiben und Lesen lernte Jo spielend. Sie galt als gute, gefügige, selbstständige Schülerin. Und wenn die Kreide durch die Klasse flog, duckte sie sich und unterdrückte ein Kichern. Das Kinderheim in Wyk auf Föhr hatte sie Schmerzhafteres gelehrt, und gegen brüllende Erwachsene war sie abgehärtet. Sie fühlte sich wohl in der Schule.

Wäre da nicht der Religionsunterricht gewesen. Jo war das einzige Kind in der Klasse, das nicht am Religionsunterricht teilnahm. Und weil die Religionsstunde nicht, wie es vernünftig gewesen wäre, an den Anfang oder an das Ende des Schultages gelegt wurde, sondern in die dritte Stunde, musste Jo, während die Klasse im Warmen saß, auf dem langweiligen, zugigen Schulhof herumstehen und auf den Beginn der nächsten Unterrichtsstunde warten. Ihr Mäntelchen hielt nur schlecht den Wind und den Frost ab, ihre Stoffschuhe mit den Holzsohlen waren eher Ansichtssache – kurz, Jo beschloss eines sehr kalten Herbsttages, nicht mehr für die Religionsfreiheit zu leiden, und blieb während des Religionsunterrichts auf ihrem Platz sitzen. Ein schlechtes Gewissen hatte sie deshalb vor dem neuen Pappi nicht, sie vertraute seinem gesunden Menschenverstand.

Sie wurde eine begeisterte Anhängerin des Religionslehrers, des Herrn Wipprecht. Er war jung, freundlich, mitfühlend und migränekrank. Wenn er keine Kopfschmerzen hatte, brachte er die Klasse zum Lachen oder ihr ein neues Kirchenlied bei. Und was er alles wusste! Die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden kannte er, das mit den sechs Tagen, in denen Gott die Erde und das Weltall erschaffen hatte und außerdem viele traurige Geschichten vom Jesuskind in der Krippe zu Bethlehem.

Als er die Sache mit Adam und Eva erzählte, kicherte Jo. Sie wusste es besser. Alle wussten es besser, aber alle hörten mit scheinheilig aufgerissenen Ohren zu oder kicherten leise, und Herr Wipprecht freute sich: Ausgezeichnete Mitarbeit!

"Wer kennt ein Tier, das kein Fell hat?", fragte er. Jo wusste, es ging um die hundsgemeine Schlange, die Eva verführte, den Apfel vom Baum der Erkenntnis abzureißen und reinzubeißen. Sie meldete sich: "Das Schwein, das hat kein Fell", sagte sie spitzbübisch.

Herr Wipprecht stutzte, darauf war er noch gar nicht gekommen. "Sehr gut!", sagte er trotzdem. Er stellte die Frage anders: "Welches Tier hat keine Beine?"

Alle meldeten sich: "Die Blindschleiche! Ein Fisch! Der Tausendfüßler!" Der Tausendfüßler kam von Jo.

"Nein", sagte Herr Wipprecht sehr ernst, "der Tausendfüßler, das ist nicht richtig. Der hat Beine, sogar tausend. Und der Fisch, ja, das stimmt, der hat keine Beine. Aber darauf komme ich noch zurück. Jetzt aber, Kinder – die Blindschleiche, da kommen wir der Sache schon näher. Es ist die Schlange, die ich meine. Die Schlange, die falsche Schlange, die vom Teufel gesandt wurde."

Jo war begeistert, dass Religion nicht so langweilig wie bei Pastor Neubert in Großmutters Kirche war, und eines Tages erzählte sie der Großmutter von Herrn Wipprecht. "Aber das ist ein Geheimnis", sagte sie. Großmutter freute sich: Ihre Enkelin würde trotz dieses abartigen Schwiegersohns eine gute Christin werden.

Jo ahnte nicht, was sie angerichtet hatte. Natürlich konnte die Großmutter das Geheimnis nicht lange für sich behalten, sie prahlte vor der Tochter mit ihrer guten christlichen Erziehung, die den Grundstein für Jos nunmehrige religiöse Folgsamkeit gelegt habe. "Und in der Schule ist sie die Beste in Religion!", fügte sie hinzu.

Am nächsten Morgen brachte der neue Pappi Jo in die Schule. Vor der Tür des Direktorzimmers verabschiedete er sich mit vielsagenden Zornesfalten auf der Stirn. Jo ließ sich alle ihre Missetaten durch den Kopf gehen, sie kam nicht darauf, warum der neue Pappi unbedingt mit der Direktorin sprechen wollte. Sie war guten Mutes.

Es war während des Leseunterrichts. Die Direktorin stand plötzlich vor der Klasse. "Wer von euch ist Johanna Borkmann?" Jo meldete sich und stand auf. "Was hast du deinem Vater erzählt? Dass du gezwungen wirst, am Religionsunterricht teilzunehmen? Schäm dich für diese Lüge!"

Jo begriff: Großmutter hatte ihr Geheimnis verraten. Deshalb also hatte der neue Pappi mit der Direktorin gesprochen! Die Erwachsenen waren alle gleich: Sie selber schwindelten die Kinder an, aber wenn die Kinder mal schwindelten, dann war das gleich ein großes Verbrechen. Aber sie hatte gar nicht geschwindelt, sie war unschuldig! Die Kälte auf dem Schulhof, die war schuld! Aber auch Jesus musste unschuldig leiden, und Jo fühlte sich gut in ihrem Leiden für die christliche Sache. Mit Großmutter, das war klar, musste sie ab jetzt ein bisschen vorsichtiger umgehen.

Abends dann die Standpauke: "Und wenn du noch einmal … Ich zieh dir den Hosenboden stramm, mein Fräulein … Mich so zu blamieren … Ich nehme dich aus der Schule raus … Das wäre doch gelacht, wenn mich meine Tochter aufs Kreuz legt … Die nächste Klasse – na, du wirst schon sehen! Ich lass dich umschulen! Und in der neuen Schule, da gibt es keinen Religionsunterricht!"

Jos Ansehen in der Klasse hatte gelitten. Sie war eine Lügnerin. Roswitha, die neben ihr saß, meldete sich: "Ich will nicht neben der falschen Schlange sitzen!" Und der Platz neben Jo blieb leer.

Wieder musste sie in der dritten Stunde allein auf dem Hof herumstehen, die nackten Bäume boten keinen Schutz vor Wind und Wetter, und von den Toiletten in einem Nebengebäude wehte ein Gestank herüber, dass sie sich die Nase zuhielt. Die ganze Klasse beneidete sie wegen dieser Freistunde.

Fräulein von Eckstein übersah seitdem ihre Schülerin Borkmann, wenn die sich meldete. Irgendwann meldete Jo sich nicht mehr. Dor bekam von ihr nur noch Zweien und Dreien. Trotzdem, Jo wurde versetzt, in die zweite Klasse.
 

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