Kindheitserinnerungen, 3. Kapitel: Schwarze Wolken überm Wedding

blackout

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Als Klara an diesem Morgen erwachte, stank es. So sehr, dass sie glaubte die Klos im Treppenhaus seien verstopft, wie Vierundvierzig schon einmal.

Klara war in Fahrt: Der Opitz, der Hausbesitzer, dass er sich nicht um seine Klabache kümmerte! Dem würde sie auf die Bude rücken! Erzählen würde sie dem was, der würde eine Klara Neuss nicht vergessen! Sie beugte sich aus dem Fenster, frische Luft schnappen. Sie fuhr zurück: Himmel, der Gestank kam ja von der Straße! Was war passiert? Sie hielt sich das Taschentuch vor die Nase.

"Oma, mir ist ganz, ganz schlecht." Jo, noch im Nachthemd, lief mit weißem Gesicht durch die Stube, und Klara flitzte in die Küche, um vorsichtshalber den Eimer zu holen.

Es war ein durchdringender süßlicher, penetranter Gestank. Er drang in die Häuser, in die Wohnungen, in die Kleidungen, in die Haut. Beim Gang zum Klo kam Klara die Kastnern entgegen, am frühen Morgen schon gutgelaunt. "Ablösung!", trompetete die und machte ein unanständiges Geräusch mit dem Mund.

Klara winkte ab: "Lass mal, Erna, mir is heute nich nach Spaß. Du Hallodri wirst doch nie erwachsen." Die Kastnern, in grauem fadenscheinigem Morgenmantel und ungekämmt, wiegte sich in den Hüften. "An mir is wenigstens noch wat dran! Nich so wie bei dir, vorne nischt, hinten nischt. Wohl neidisch?"

Von Erna erfuhr Klara dann auch, warum es so stank: Auf dem Weddingplatz wurden Leichen verbrannt. Man holte die Toten rings aus den Ruinen, aus den eingestürzten Luftschutzkellern, und verbrannte sie. "Steck mal den Kopf aus'm Klo, da kannste die schwarzen Wolken sehn."

Tatsächlich, der Himmel stand tiefschwarz überm Haus. Leichenwolken, Klara schüttelte es. So hätte man auch sie aus dem Keller holen können, sie und Jo und Rita mit der Jüngsten. Die Toten waren doch unschuldig, die hatten den Krieg doch nicht gemacht! Und nun tot im Keller.

Jott sei Dank, unsereiner war dem Tod von der Schippe gehuscht. Aber dass man die Toten einfach verbrannte, so öffentlich. Ein Grab hätten sie verdient, auf dem Friedhof, wie es sich gehörte. Klara wischte an ihren Augen herum. Dass sie so nahe am Wasser gebaut hatte! Das waren doch Leute wie sie gewesen, bestimmt war sie ihnen früher auf der Straße begegnet, und jetzt brannten sie, namenlos, und kein Pastor hielt die Grabrede.

Aber davon mit der Erna reden? Die sie doch sowieso schon ewig mit der Kirche aufzog? Na, die war schon nach unten gestapft, hatte die Wohnungstür hinter sich zugeknallt, dass es durchs Treppenhaus schepperte.

Jo saß mit kläglich verzogenem Gesicht im Bett. "Mir ist schlecht, mir ist schlecht", wimmerte sie. Sogar Heidelinde war erwacht. Mit Augen, die nichts erkannten, drückte sie den Kopf ins Kissen. Sie sabberte. Nun wurde Klara aber doch ängstlich. "Heidelinde, jeh mir nicht hops! Um zehn kommt der Doktor. Warte, ick bring dir'n bisschen Tee."

Zu ihrer Aufregung klingelte es nun auch noch. Am frühen Morgen! Als Klara die Tochter erkannte, atmete sie auf. "Ach Rita, Jott sei Dank! Die Heidelinde, ick weeß nich, wat los is. Erst der Leichenjestank, und jetzt die Heidelinde. Der Doktorsche kommt erst um zehn. Setz dir zu ihr, derweil ick Tee mache. Kamillentee, der beruhigt."

Rita wehrte ab. "Die Jo muss zum Impfen, ich hab keine Zeit. Nun reg dich mal nicht so auf, mit Tante Heidelinde wird es schon wieder. Wirst sehen, wenn erst mal der Doktor da war, springt sie dir putzmunter aus dem Bett."

Klara war über Ritas Kaltherzigkeit entsetzt. "Die nich", sagte sie, "nich die Heidelinde. So wie die aussieht. – Also nich. Denn steh mir mal nich im Weje und greif dir deine Tochter. Aber mach'n Bogen um den Weddingplatz!"


*



"Fass an!", befahl die Mutter. Folgsam trippelte Jo neben ihr her, die Faust um die Stange des Kinderwagens, mit der anderen Hand presste sie das Taschentuch vors Gesicht.

"Hab dich nicht so!" Rita war wütend, die Mutter verzog die Göre.

Schon von weitem sahen sie den Menschenauflauf. Alles starrte nach vorn. Eine gelblich-rote Flamme stieg zum Himmel auf, schwarz zog fetter Rauch über den Platz, über die Köpfe der Neugierigen hinweg, hinüber zu den Ruinen. Die Wolke hing über dem Wedding, es war windstill. Die Leute schwiegen. Rita schob den Kinderwagen mitten durch sie hindurch, näher an den Schauplatz heran, wo Männer am Holzstoß beschäftigt waren und mit Stangen darin herumstocherten.

Ein Pferdefuhrwerk bewegte sich von den Ruinen weg, kam näher. Die Pferde schnaubten, es waren starke, schwere Kaltblutpferde. Der Kutscher fluchte und schlug mit der Peitsche auf die Tiere ein, als es in eine Kurve ging. Das rechtslaufende Pferd schlug auf dem Kopfsteinpflaster aus, Funken sprühten unter den Hufen, das Pferd drohte zu stürzen. Durch die Leichen auf dem Plattenwagen ging eine Bewegung, er neigte sich. Die Menschenmenge stöhnte, Jo schrie auf.

Rita hatte genug gesehen. "Komm, das ist nichts für Kinder." Jo weinte. "Heul nicht, wir müssen weiter. Und dass du mir Oma nichts sagst von den Leichen, dass wir die gesehen haben. Sonst gibt's was hinter die Ohren!"


*


Die Ärztin war Amerikanerin und trug unter ihrem weißen Kittel Uniform. Sie sprach etwas, es klang freundlich. Jo sah mit großen Augen zu, als die Spritze aufgezogen wurde.

"Keine Angst, Augen zu." Die Ärztin streichelte ihr den Kopf, Jo fühlte den Einstich an ihrem Arm. "Schlimm?" Die Ärztin lächelte.

"Nein. Nur ein bisschen."

Die Ärztin lachte. "Du bist froh? Tapfer, Johanna."


*


Klara, als Rita die Tochter wieder abgab, atmete auf. "Der Doktor hat die Heidelinde einjeliefert, nach Wittenau. Wat Heidelinde eijentlich hat, war nich zu verstehn, irgendso eene studierte Krankheit. Sonntach jeh ick hin. Und du, Jo, kommst mit."

Jo erschrak. "Nein, ich will nicht ins Krankenhaus! Da sind auch Leichen, sagt Siggi."

"Rita!" Klara war empört. "Du warst doch nicht etwa …? Dass du dem Kind das antun musst! Wo sie doch sowieso schon so zappelig is! Hab ick dir nich jesagt, du sollst'n Bogen um den Weddingplatz machen?! Und ick habe denn hinterher die Sorjen."

"Was ist das, Oma – Sorjen?"

Klara schüttelte den Kopf. "Davon verstehst du noch nichts, dat is wat für Erwachsene. Erfährst du früh jenuch. Jeh spieln in die Küche,
ick hab wat mit deiner Mutter zu bereden. Der fehlt die starke Hand. Benimmt sich …"

Nachts phantasierte Jo, und morgens musste Klara wieder den Arzt holen. Jo fieberte und hatte Kopfschmerzen.

Doktor Holstein horchte an Jos Brust. "Hat die Kleine eine Aufregung gehabt? Organisch kann ich nichts finden. Die Lunge ist ein bisschen schwach. Sonst nichts."

Klara log. "Nicht, dass ick wüsste. Wird wohl noch vom Krieg sind, von de Bomben und det Jehetze. Et rächt sich eben allet. Oder von der Spritze jestern. Als ob ick nich jenuch Sorjen hätte mit'm Kind."

Jo hatte zugehört. "Es tut schon gar nicht mehr weh, Oma", flüsterte sie. "Ich will aber nicht ins Krankenhaus, zu den ollen Leichen."

Der Doktor lachte. "Richtig so, lass dir Zeit damit, kleines Fräulein. Milch müsste sie trinken, Frau Neuss. Und Obst essen, viel Obst."

Klara nickte. "Nächstet Jahr, wenn wir im Park die Parzelle ham. Bis dahin muss et der Kamillentee tun, Herr Doktor." Den Rest ihrer Antwort schluckte sie höflich hinunter.
 
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