Kindheitserinnerungen, 4. Kapitel: Brennholz

blackout

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Brennholz, 4. Kapitel

Das von Klara so lange Erhoffte war geschehen: Otto, Ottochen! Stand vor der Tür!
Abgemagert der Ärmste! Nur noch Haut und Knochen. Klara kam es so vor, als sähe sie ihn heute zum erstenmal.

Wortlos schritt er durch den Flur, in die Stube, saß dann, immer noch stumm, am Tisch und sah sich um. Nickte: Seine Klara hatte die gute Stube behütet.

Den ganzen ersten Tag blieb Otto im Bett liegen. Im Zimmer mit den pappevernagelten Fenstern (Klara hatte die Bretter nun doch verheizt) stand der erste Frost. Klara überfiel Otto mit ihrem Kamillentee, und folgsam wie ein Kranker ließ er sich von ihr bemuttern. Während er schlief, saß sie am Bett und lauschte auf sein Schnarchen. Glücklich, denn jetzt war sie eine Sorge los: Otto würde sich um Essen und Brennholz kümmern können. Endlich wieder ein Hausherr bei Neussens. Zusammengerollt wie eine Katze lag der Hausherr im Bett. Mit seinen Einsneunzig hatte er nie gewusst, wohin mit seinen Beinen. Aber ihr Otto war nicht wiederzuerkennen, so abgemagert bis auf die Knochen. Richtig zusammengeschrumpft, dachte Klara. Sie seufzte.

Jo ließ sich in der Stube nicht mehr blicken. „Bleibst heute in der Küche!“, hatte Klara befohlen. Denn gleich am Abend, als Otto Jo in Klaras Bett liegen sah, polterte er los: Was denn die Jöre hier zu suchen habe! Die gehörte doch nach oben, in Ritas Behausung! Seine alte Wut über Ritas Dämlichkeit, sich das Balg andrehen zu lassen. Jo war wachgeworden und weinte.

„Das Kind, Ottochen! Sag's doch der Rita in't Jesichte!“

„Woruff du Jift nehm kannst!“ Otto beruhigte sich und legte sich in sein Bett, in dem seit Heidelindes Einlieferung nach Wittenau Siggi geschlafen hatte. Aus dem Seufzen war kein Herauskommen mehr, wenn Klara an gestern abend dachte. Und sie hatte gedacht … Otto war eben doch der alte Otto geblieben.

Siggi schlief seit gestern wieder in der Küche. Spätnachts holte er die Matratze aus der Buchte unter der Treppe. Am frühen Morgen, früher als sonst, ging er los, zur Schule, ohne den Vater begrüßt zu haben. Klara glaubte, in seiner Miene etwas wie Trotz gelesen zu haben. Er war eben in der letzten Zeit zu selbstständig geworden. Und Otto vertrug keinen Widerspruch. Na, das würde was geben, wenn Otto erst wieder auf den Beinen war.

Jo saß in der Küche auf ihrem Stammplatz, dem Kohlenkasten, und sah verängstigt auf, als Klara eintrat. „Muss ich jetzt nach oben, zu Mutti?“

„Mal sehen, wat der Opa dazu sagt. Meinetwejen bleib, Kind. Aber der Opa und ick, wir sind doch schon olle Leutchen. Jejen Kinder hat der Opa nischt, aber Kinder, Kindchen, sind ihm zu zapplig.“ Sie drückte die Enkelin an sich. „Musst nicht zur Mutti, heute nich und morjen nich und überhaupt nich, wenn et nach mir jeht. Aber jetz jeht allet nach Opa.“

„Ist Opa ein böser Mann?“

Da musste Klara aber doch lachen. „Nee, nich böse, aber streng wie'n Jewitterjott. Der is nu mal so.Wie'n Jeneral vor de Truppe. Mach immer, wat er sagt, denn tut er dir ooch nischt.“

Jo nickte. Noch nicht ganz überzeugt, kam es Klara vor.


*

Hinter der Wohnungstür verbargen sich zwei Wohnungen: Neussens Stube und Küche über den Flur, die Tür geradezu aber führte in die von Krumnows. Sie hatten den Sohn in amerikanischer Gefangenschaft. Dem war bei einem Bombenangriff die Frau umgekommen, und so hatten sie den Enkel Ingo, einen sommersprossigen Rotschopf, drei Jahre älter als Jo, zu sich genommen.

Über die lange Zeit des engen Beieinanderwohnens hatte es sich eingspielt, dass man beiderseits einer näheren Bekanntschaft aus dem Wege ging. Alle wussten: Das Hineinschielen in Nachbars Suppentopf bringt nur Ärger. Ein gebrummtes „Morjen“ reichte den beiden Männern aus zur Begrüßung, die Frauen redeten manchmal miteinander, wenn sie sich auf dem Flur trafen.

Nachbar Krumnow war seit dem ersten Weltkrieg blind Er kam ganz gut zurecht mit seiner Blindheit, fand Klara,.Wenn sie ihm auf der Straße begegnete, hätte sie ihm gern mal was Liebes gesagt, aber sie befürchtete, ihn an seine Blindheit zu erinnern, und ließ es dann lieber.

Berta Krumnow, seine Frau, war eine vor der Zeit in den Boden gewachsene, abgemagerte alte Frau, die Klara immer nur in ehemals gestreifter, nun aber, nachdem sich der Küchenschmutz von Jahren darauf niedergelassen hatte, einheitlich grauer Schürze sah, egal, ob im Haus oder auf der Straße. Aber reden! Reden konnte sie! Es war, als habe sie, sobald sie den Mund auftat, jeden ihr Leben lang ungesprochenen Satz für diese Gelegenheit aufgespart und würde ihn erst jetzt herauslassen. Klara war froh, wenn sie nach solch einem Schwatz, bei dem sie kaum zu Worte gekommen war, die Küchentür endlich hinter sich schließen konnte. Trotzdem, die Bekanntschaft mit Berta Krumnow zahlte sich aus, wenn auch nicht in Naturalien, so doch in nachbarschaftlicher Ruhe auf dem Flur.

Der Krumnowsche Ingo hatte Anweisung, nur im Schlafzimmer zu spielen. Einmal aber ergab es sich, dass er den Kopf aus der Tür steckte. Klara stand mit Jo ausgehbereit auf dem Flur.

„Ach so, bloß ne Mieke!“ Ingo knallte die Tür zu.

Jo war beleidigt: „ Du Doofer!“

Solcherart waren die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen zwischen den Krumnows und den Neussens.


*


Heute aber klopfte Otto an Krumnows Tür. Klara war baff. Das war in den fünfundzwanzig Jahren, die sie hier gemeinsam wohnten, noch nicht passiert: Otto klopfte an Krumnows Tür!

Die Tür wurde geöffnet. „Dein Alter, Berta – isser da?“

Berta Krumnows Kopf verschwand, und Klara, die hinter der einen Spalt geöffneten Stubentür stand, hörte das schlurfende Geräusch von Krumnows Latschen. Gleich darauf stand er selbst, kleingewachsen, in fadenscheiniger Weste und schäbigen Hosen, in der Tür.

„Haste Brennholz, Willi?“ Willi brummte was.

„Fifty-fifty, wennde mitmachst. Der Bengel is inne Schule, der kann nich.“

Klara erschrak. Otto hatte wie ein Gangster aus den amerikanischen Filmen, die sie aus der Friedenszeit kannte, mit Krumnow gesprochen! Otto hatte was vor, vielleicht ging es sogar gegen ihre christliche Überzeugung! Ach, man wurde seine Sorgen nicht los. Klara rieb sich die Nase: Ihr Riecher jedenfalls verkündete Unheilvolles! Jedenfalls, davon war sie überzeugt, musste mit einem Haufen Ärger gerechnet werden.

*

Es war schon dunkel, als die beiden Männer zurückkamen. Siggi saß am Küchentisch über seinen Schularbeiten. Otto scheuchte ihn hoch: „Fass jefälligst mit an!“

Vor der weit geöffneten Wohnungstür lag sandverklumpt etwas, was Klara auf den ersten Blick gar nicht erkannte. Wurzelgefecht spreizte sich, das Ungetüm war nicht durch die Wohnungstür in den Flur hineinzubefördern.

„Die Säge, Siggi! Dalli, dalli!“

Klara war erschüttert. Noch kein Wort mit dem Sohn gesprochen, aber ihn anfahren wie einen Rollkutscher! Doch das, was sie nun erlebte, hatte sie nicht erwartet: Keine Sterbenssilbe verlor der Siggi. Er brachte die Säge.

Otto sägte. Endlich lag der halbe Klotz passgerecht fürs Ofenloch in Klaras Stube.

„Ottochen, wo isset denn her? Det Wurzelzeuch? Doch nich aus'm Tierjarten? Alle sagen bloß wat vom Tierjarten, wejen die Bäume.“

„Wer viel fragt. Aber ne warme Stube willste ham! Det nächste Mal kommt Siggi mit, der hat wenigstens Mumm inne Knochen. Willi'n is doch bloß ne halbe Kruke.“

Siggi errötete vor Stolz, Nachbar Krumnow schwieg beleidigt. Klara fegte den Dreck zusammen. Dass der Otto so leichtsinnig war! Und wenn er verhaftet worden wäre? Der neue Magistrat hatte verboten, im Tiergaten und sonstwo die Bäume zu fällen. Obwohl es dort kaum mehr etwas zu fällen gab, als die Verordnung herausgekommen war.
Aber Kohlenzuteilungen gab es auch nicht. Kalt würde es werden im Winter vor der Tür – nichts im Bauch und Pappe vorm Fenster!

Otto teilte den zersägten Wurzelstock gerecht. Krumnow trug seinen Anteil Brennholz zu Berta in die Küche. Die stand dabei und sah mit kritischer Miene zu: Sollen die Männer man machen!

„Wenn wir dir nich hätten, Ottochen“, sagte Klara.

„Bin eben doch dein Ottochen, hm?“ Otto ließ die nutzlose Säge fallen und tätschelte Klara das Hinterteil.

„Nich doch! Vor't Kind! - Wat ick noch sagen wollte: Die Jo bleibt doch bei uns? Erstmal, denn die Rita hat es nich leicht mit ihr'm Baby.“

Otto wurde wieder normal. „Komm mir nicht so, Jule. Aber die Jule da obn soll sich jefälligst kümmern! Sich die Jule andrehn lassen und denn nach mir die Sintflut!“

Auch in dieser Nacht schlief Jo, die der Opa wie alles Frauenvolk bei Neussens ebenfalls Jule genannt hatte, wieder in Klaras Bett. Warm war Omas Rücken. Wärmer als der Ofen, der schon wieder kalt geworden war und von dessen Bullern Jo diese Nacht träumte.
 

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