Kindheitserinnerungen, 5. Kapitel: Onkel Siggi

blackout

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Siggi, so kam es Klara vor, entfernte sich immer mehr von ihr. Selten war er jetzt abends zu Hause. Wenn sie nur wüsste, was er trieb in der Nacht. Etwas sagte ihr, dass er in Schiebereien mit den Amerikanern verwickelt war. Aber er schwieg, der Dummkopf. Wenn bloß Otto davon nichts erfährt, der machte sich auch schon so seine Gedanken. Eines Tages würde er dahinterkommen. Und dann – Ojottejott, den Rabatz, der dann folgen würde, wollte sie sich nicht vorstellen. Wenn Siggi nachts nach Hause kam, wurde sie wach, aber sie verriet den Jungen nicht an den Vater.

Siggi war herzkrank, er hatte einen angeborenen Herzklappenfehler. Der hatte ihn auch vor der Hitlerjugend bewahrt, zu Ottos großer Genugtuung. Nicht auszudenken, wenn Siggi eines Tages in HJ-Uniform von der Schule nach Hause gekommen wäre. Wo Otto doch heimlich seinen Genossen die Treue hielt, auch noch in der Hitlerzeit. Jetzt hing das Ebert-Bild in der Stube wie damals, in den Weimarer Jahren. Es hatte den Krieg im Kohlenkeller überdauert.

Der Junge wird eben erwachsen, sagte sich Klara. Und wenn er am Küchentisch saß, über seine Schularbeiten gebeugt, kam er ihr manchmal ein bisschen fremd vor. Eines Tages, war ja nicht zu verhindern, würde er mit einer Freundin vor der Tür stehen. Und wenn er erst studierte, die Humboldt-Universität hatte den Lehrbetrieb schon aufgenommen oder war dabei, es zu tun, würde er nur noch selten zu Hause sein.

Siggi war das Nesthäkchen, ein Nachzügler. Nach dem Abort. Davon, dem Abort, wurde in der Familie nicht gesprochen. Die Sache war damals unmoralisch und unchristlich, aber nötig. Otto war schon das zweite Jahr arbeitslos gewesen, die Neussens lebten vom Stempelgeld und Ottos strammen Regiment über die Haushaltskasse. Wovon denn hätten sie noch ein Kind ernähren können? Rita kostete so schon genug. Der Arzt, als er von der Abtreibung erfuhr, hatte den Kopf geschüttelt. "Frau Neuss, niemand kann wissen, wie es kommt. Und wenn Ihr Mann einen Stammhalter will? Und Sie werden nicht mehr schwanger?" Klara hatte auf Gott vertraut, und dann hatten ihr Beten und das Kraut von der Kastnern dem Siggi zum Leben verholfen.

Siggi, wenn Otto unterwegs war, übernahm den Posten des Hausvaters. Er kujonierte die arme Jo. "Sag Onkel", forderte er mit strenger Miene. "Onkel Siegfried. Wird's bald?" Jo, die nicht glauben konnte, dass der da auf dem Schemel vor ihr, den alle nur Siggi riefen, ein Onkel sein konnte, stammelte eingeschüchtert: "Du siehst nicht aus wie ein Onkel, nicht wie Onkel Leo. Der ist ein richtiger Onkel."

Siggi richtete sich auf, schob den Pulloverärmel zurück und zeigte Jo seine Muskeln. "Genügt dir das? Na, bin ich ein Onkel – oder nicht?" Jo überlegte. "Bist du ein richtiger Onkel, wenn ich Onkel Siggi sage?"

So viel Frechheit von dem Rüpel musste sich Siggi nicht gefallen lassen. "Sag Onkel Siegfried! Oder es knallt!" Jo begann zu weinen. Unter Tränen flüsterte sie: "Onkel Siegfried." Plötzlich flammten ihre Augen auf. "Und ich sag doch nicht Onkel zu dir. Du bist Siggi!" Sie stampfte mit dem Fuß auf. "Du bist ein richtig Doofer – Siggi! Siggi!"

Klara mischte sich ein. "Siggi, schikanier mit det Kind nich! Sonst jibt's was aus de Armkasse! Jroß, wie de bist. Und du, Jo, stampf nicht mit de Beene uff. Det machen bloß Soldaten. Und von die Bande hab ick die Neese voll, jestrichen!" Schmollend, weil Oma sie gerügt hatte, zog Jo sich auf den Kohlenkasten zurück.

Ein andermal kam Siggi in die Küche. Jo saß malend auf dem Kohlenkasten. "Zeig mal deine Hände!" Gehorsam streckte Jo die Hände aus. "Wat is denn det? Abjeknabberte Fingernägel? Und so wat will mal eene Dame werden!"

Jo war eingeschnappt. "Ich will gar keine Dame werden. Ich will Malerin werden. Und dann male ich dich – so …" Schnell kritzelte sie ein Strichmännchen mit einer langen Nase. Und kühn fügte sie hinzu: "Aber erst, wenn ich größer bin als du, Siggi." Frechheit! Siggi verschlug es die Sprache.

"Mutter, hast du dat jehört? Det lass ick mir nich jefalln, nich von die! Die hat ja noch nich mal een Vater!"

"Hm, und du hast eenen Vater. Aber dafür kannste nischt.." Klara war aufgebracht, beinahe wäre ihr die Hand ausgerutscht. Da pfiff sie auf Siggis sechzehn Jahre. Jos Vater war tabu in der Familie.

"Jedet Kind hat'n Vater", sagte sie dann. "Und Jos Vater war een reicher Mann. Jenaugenommen hatse sojar zwee Väter." Aber das letzte sagte sie so leise, dass Jo es nicht verstand.

Jo hatte mit offenem Mund zugehört. "Aber mein Pappi ist doch in Russland", sagte sie unsicher.

Klara schlug sich auf den Mund. Da hatte sie was Schönes angerichtet. Da denkt man, das Wurm versteht noch nichts, und in Wirklichkeit passte Jo auf wie ein Luchs. "Ja, Kindchen, in Russland, dein Pappi is in Russland."

"Sein Foto steht auf Muttis Vertiko. Er ist Soldat! Er hat eine Mütze aus Eisen auf."

Siggi hielt sich den Bauch. "Mütze aus Eisen! Mensch, bist du doof! Stahlhelm, du Doofe, heißt et. Aber zu mir nich Onkel sagen wollen!"

"Fang nicht schon wieder damit an – du Rotzneese!" Klara machte sich unterm Wasserhahn zu schaffen. War wohl doch noch nicht so erwachsen, der Siggi. Seine dunklen Geschäfte waren nun wirklich kein Reifezeugnis. Aber den Onkel spielen! Manchmal im Bett, wenn Otto schon schnarchte, sprach sie ein kleines Gebet für den Sohn.

Eines Abends war es dann soweit, Klara hatte das Unglück kommen sehen: Ein deutscher Polizist stand vor der Tür. Siggi war in eine Razzia geraten. Schuldlos, aber nach Mitternacht, Sperrstunde. Wann die Amerikaner ihn wieder freigäben?

Der Polizist blinzelte mitleidig: Wer wisse das schon. Aber Siggi sei ja noch minderjährig, und bei Minderjährigen drücke man ein Auge zu, die Amerikaner seien doch zivilisierte Menschen, keine asiatischen Horden wie die da – der Polizist wies mit dem Kopf hinter sich. Er meinte die nächste Querstraße, die Boyenstraße, die mit dem Bürgersteig im Russensektor lag.

Abends tobte Otto. "Der Bengel kriegt das Jackstück voll!" Klara hing sich an ihren Mann. "Ottochen, lass den Siggi in Frieden, der is jestraft jenuch mit'm Kittchen! Der tut doch nur Jutet."

"Jutet! Jutet! Dass ick nich lache! Nach Sibirien mit dem Hundsfott! Wir sind anständige Leute!"

"Aber dann wär er doch bei den Russen, Ottochen." Klaras praktische Ader kam durch. "Wo der Borkmann is, Rita ihrer. – Überhaupt, wat wern se Siggi schon tun? Eines Tages, vielleicht morgen, isser wieder zu Hause. Er muss doch zur Schule."

Otto beruhigte sich erst nach und nach. "Aber der soll mir nach Hause kommen! Um't Jackstück kommt mir der Kerl nich rum!"

Siggi kam nach einem Monat zurück. Still, schmal geworden. Jo, die ihm die Tür geöffnet hatte, erkannte ihn kaum wieder.

"Siggi! Onkel Siggi ist wieder da, Oma!" rief sie in den Flur.

Und Siggi beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen Kuss aufs Haar. "Warum nich gleich so, du Murkel", sagte er friedlich.
 

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