Kindheitserinnerungen, 6. Kapitel: Friedensweihnachten

blackout

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Weihnachten, das erste nach dem Krieg. Inmitten der Trümmer, der Hoffnungslosigkeit, der Stromsperren. Etwas wie Lichtschein bei den Neussens: Die Kinder, die Verwandtschaft, die sich wieder zusammenfand in Ottos guter Stube. Heidelinde durfte aus dem Krankenhaus zu Besuch kommen, Otto kümmerte sich um den Ofen, Klara hatte zwei Kerzen auf den Tisch gestellt, wahre Werte in dieser Zeit. Und Anni, Ottos Schwester, kam mit einem Tütchen Bohnenkaffee, den Klara so lange entbehrt hatte, dass sie sich den Geschmack schon gar nicht mehr vorstellen konnte. Annis Mann, Schwager Leo, der verkrachte Architekt, der im ersten Weltkrieg durch einen Gasangriff den rechten Lungenflügel verloren hatte, nutzte seine dubiosen Beziehungen aus, und so war Anni an ein Tütchen Bohnenkaffee geraten – Mittel- und Höhepunkt des ersten Friedensweihnachtens. Wahrlich, ein Lichtschein. Klara zauberte sogar etwas wie einen Kuchen aus Manweißnichtwas auf den Weihnachtstisch.

Die Familie war um den Stubentisch versammelt: Gastgeber Otto und Ehefrau Klara, Tochter Rita, zwei Enkel, nämlich Jo auf dem guten Sofa und Veronika auf Ritas Schoß, die trübselige Heidelinde, die in der Küche nichts taugte, sie hatte eine Untertasse fallengelassen, die unverheiratete Tutti, Ottos jüngere Schwester mit dem Damenbart und den schwarzen Zähnen vom Rauchen. Auch jetzt saß sie wieder da und rauchte eine Amizigarette und verqualmte Klara die Stube – woher sie das Geld nur hatte, fragte sich Klara. Weiter der geschmeidige Leo mit der Fliege unterm Kinn und den gescheiten Wieselaugen mit seiner Anni, der Bohnenstange, wie Otto seine Schwester nannte, dann Gustav, Ottos Bruder, mit seiner Helma und dem missratetenen Nachwuchs Werner, einem hochaufgeschossenen Jüngling mit Krächzstimme, von dem gemunkelt wurde, er habe bei den Wehrwölfen mitgetan. Die Stube war zum Bersten gefüllt. Nur Siggi fehlte.

Was nicht fehlte, war der Weihnachtsbaum vor dem pappevernagelten Fenster, ein undefinierbares Etwas, das einen ungewohnten Duft ausströmte, zwar ohne Kerzen, aber immerhin. Klara hatte auf ihren Weihnachtsbaum bestanden, und Otto hatte sich vormittags murrend aufgemacht und dieses Prachtexemplar mitgebracht. „Ein Glück nur, dass man das Ding verheizen kann", sagte Klara, als sie es sah.

Alles wartete. Otto verkündete, der Weihnachtsmann sei unterwegs, aber nur zu artigen Kindern. Und nun spannte alles darauf, ob er auch bei Neussens an die Stubentür klopfen würde. Jo, die auf dem Sofa zwischen Rita und Tante Tutti eingeklemmt saß, erschrak: Das hatte sie nicht gewusst, dass der Weihnachtsmann nur zu artigen Kindern kam. Irgendwas, man kann nie wissen, hatte sie bestimmt auf dem Kerbholz. Und Erwachsene, klar, der Weihnachtsmann war auch ein Erwachsener, hatten immer was zu mäkeln an Kindern.

O Schreck, es donnerte! An die Stubentür! Die Erwachsenen grinsten und starrten auf Jo. Der Weihnachtsmann! Er war doch zu Jo gekommen! Jo ließ Tante Tuttis Arm los.

"Gerade sitzen!" Rita gab der Tochter einen Klaps auf den Rücken. Aber das spürte Jo gar nicht. Fasziniert starrte sie auf den Weihnachtsmann, den sie nur aus dem Märchenbuch kannte: mit weißem Bart und langem Mantel. Im Buch war er rot, der Weihnachtsmann aber, der sich umständlich durch die Stubentür schob, trug Klaras guten schwarzen Mantel und eine Schiebermütze auf dem Kopf. Auf dem Rücken schleppte er einen prallen Kohlensack und stapfte zum Stubentisch. Das fiel ihm nicht leicht, er stolperte, weil er Siggis Hausschuhe anhatte. Alles kicherte. Grimmig blickte der Weihnachtsmann auf die nun doch wieder erschrockene Jo.

"Bin ich hier richtig", fragte er mit Brummstimme, "bei Neuss? Bei der frechen Jo und der niedlichen kleinen Veronika?"

Jo nickte, sie wagte keinen Laut.

"Du da", sagte der Weihnachtsmann, "du bist doch die Jo. Kannst du auch ein Gedicht aufsagen?"

"Sitz grade, hab ich gesagt!" Rita gab der Tochter noch einen Klaps auf den Rücken.

"Lieber guter Weihnachtsmann", begann Jo. Ihr Herz klopfte, aber der Weihnachtsmann unterbrach sie: "Das kenn ich schon. Aber du kannst mir auch ein Lied singen, das von dem Tannenbaum."

Jo sang. "O Tannenbaum, wie grün …" Sie unterbrach sich: "Aber ich kann nur die erste Strophe, Oma hat keine Zeit gehabt, hat sie gesagt, mir auch noch die anderen zu lernen."

"Zu lehren, heißt es", sagte streng der Weihnachtsmann, "und mich. Merk dir das. Komm mal vor und bück dich. Jetzt zitterste, was? Warum habe ich denn die Rute mitgebracht? Und sag mal, warum ärgerst du immer deinen Onkel Siggi? Gehört sich das, du Rübe?"

Gehorsam bückte sich Jo. Der Weihnachtsmann schwang die Rute.

"Na, Weihnachtsmann", mischte sich Otto ein, "nu is aber jenuch! Du wirstse hier doch nicht verdreschen wolln! Jib ihr det Jeschenk, du hast doch keene Zeit, du musst doch noch zu andere Kinder!"

Der Weihnachtsmann kramte schnaufend im Kohlensack und zog etwas hervor. Jo erstarrte: Eine Puppe! Eine richtige Puppe! Mit Haaren und Schlafaugen!

"Für mich?"

Der Weihnachtsmann brummte: "Haste nicht verdient. Aber ich werde mal nicht so sein, wo heute Weihnachten ist."

"Oma! Oma! Eine Puppe! Und die kann sogar schlafen, mit ihren Augen! Ach, Weihnachtsmann!" Jo presste die Puppe an sich, schlang in ihrer Freude einen Arm um die Beine des Weihnachtsmannes und küsste Omas Mantel. Dem Weihnachtsmann war Jos Begeisterung peinlich, er wehrte ab. "Nu lass mal, nächstet Jahr is wieder Weihnachten. Ich komm ja wieder, du Würstchen. Aber deine Schwester ist auch noch dran. Die war wenigstens artig."

Jetzt hatte Jo keine Angst mehr vor dem Weihnachtsmann. Plötzlich fiel ihr Blick auf Siggis Hausschuhe. "Weihnachtsmann", sagte sie, "wo sind denn deine Stiefel? Hast du die auch verschenkt?"

Der Weihnachtsmann hüstelte verlegen. Tante Tutti kreischte auf: "Nee, deine Tochter, Rita!"

"Die?" Der Weihnachtsmann sah an sich herunter, auf Siggis Hausschuhe. "Ach so, ja doch, meine Stiefel! Na, die habe ich draußen gelassen, damit Mutterns Stube nicht dreckig wird. Draußen schneit et nämlich wie am Nordpol. Aber renn nicht gleich zum Fenster, bleib hier, Jo!" Der Weihnachtsmann bekam Jo am Ärmel zu fassen. "Is doch Weihnachten. Und Weihnachten schneit et immer."

Jo nickte. "Darum hast du auch Schnee auf dem Kopf."

Leo feixte: "Besser als im Kopf!"

Otto stand auf. "So, Weihnachtsmann, die Bescherung ist vorbei. Jib Rita die Klapper für det Jüngste. Schwing hier keene langen Reden. Atschö, Weihnachtsmann!"

Brummend und die Rute schwenkend, verschwand der Weihnachtsmann im Flur. Jo saß wie gebannt wieder auf dem Sofa und wartete auf das Zuknallen der Wohnungstür. Man konnte nie wissen – vielleicht kam der Weihnachtsmann wieder zurück und gab ihr doch noch etwas mit der Rute.

"Na, Jo? Wie hat dir der Weihnachtsmann gefallen?" Tante Tutti lachte, dass Jo ihre schwarzen Zähne sah.

"Gut. Ein bisschen", sagte sie schüchtern, sie hörte die Küchentür klappen. "Kommt er jetzt wieder?"

"Ach was, der muss noch weiter. Aber nächstet Jahr kommt er wieder. Mal sehn, wat er dir dann mitbringen kann."

Otto stand auf. "So, die Bescherung haben wir hinter uns, und jetz jeht's ant Feiern. Mutter, schenk ein! Und teil deinen Kuchen aus, mir läuft schon die Spucke im Mund zusammen! Dann wird es Zeit für die Rede. Gehört sich doch." Er schlug mit dem Löffel an die Kaffeetasse und fing sich einen empörten Blick seiner Klara ein. "Die gute Tasse!"

Die Rede war lang. Reden, das war Otto gewohnt, noch von seinen Versammlungen, damals, in der SPD. Er redete und redete von der Jugendzeit und fand kein Ende, verhaspelte sich und nannte die Zuhörer Genossen. Klara wurde es zu bunt. "Auch wenn man das jetzt wieder sagen darf, Otto. Nun mach aber mal halblang, heute is Weihnachten und nich deine Parteiversammlung!"

Otto wurde fuchtig, er haute auf den Tisch. "Nur noch der Schluss, lass mir mal."

"So", feierlich blicke Otto an die Zimmerdecke. "Jetzt also haben wir Frieden, da leuchten Mutterns Kerzen auf'm Tisch."

"Die sind gleich runtergebrannt", wagte Heidelinde zu sagen.

"Ja, gleich runtergebrannt, und das ist ein jutes Zeichen, dass wir hier zusammensitzen, die ganze Familie, die noch übrig ist nach'm Krieg. Friede sei der Liese. Sie haben sie uns umjebracht, meine arme Schwester, weil sie verschüttet war, und der Egon ist ooch jefalln, Justav is ausgebombt, aber seine Klappe funktioniert wie immer, die ist leider nich mit ausgebombt, die andern sind Jottweeßwo, aber die wern ja bald wieder in Berlin sein. Ja." Er holte tief Luft. "Na denn", sagte er plötzlich, "wat soll ich noch lange drumrum palavern: Fröhliche Weihnachten!".

Otto setzte sich. Leo deutete ein Klatschen an.

Minutenlang nichts als Schmatzen. "Wirklich gut, Klara. Das Rezept gibst du mir mal." Anni spreizte den kleinen Finger ab und griff zur Kaffeetasse. Genießerisch nahm sie einen Schluck und verdrehte die Augen.

"Den Kuchen hab ick aus'm Radio", sagte Klara. "Die jeben jetz Ratschläge, wie man aus nischt wat macht. Nachher, inne Küche, Anni."

Otto erhob sich und schlug mit dem Löffel gegen die Kaffeetasse. "So. Und jetz is Herrenrunde! Das Weibsvolk hat gleich inne Küche zu tun. Oder wie, Klara?"

"Aber erst soll die Heidelinde uns ihr Lied singen, Ottochen. Sie wartet doch drauf. Ich hab's ihr versprochen."

"Also jut, die Künstlerin Heidelinde Krüger singt uns eine Arie." Resigniert setzte sich Otto wieder.

Heidelinde begann zu singen, ihre Stimme zitterte: "Stille Nacht, heilige Nacht …" Sie sang alle Strophen, die Kerzen waren heruntergebrannt. Sie sah sich in der Runde um. "Und dass nie wieder Bomben falln", sagte sie. Alles saß eine Minute in sich gekehrt in der Dunkelheit und schwieg.

"Justav, jetzt ist deine Notkerze dran!" Helma, die bis jetzt kein einziges Wort gesprochen hatte, zündete die Kerze an. "Aber schön", sagte sie leise, "schön hatse gesungen, die Heidelinde."

"Ja, schön traurig. Aber dass ihr det mit die – na, du weeßt schon, passieren musste …" Klara räumte ab, die Frauen gingen in die Küche. Jo blieb auf dem Sofa sitzen.

Leo räkelte sich. "Sag mal, Otto, erzähl doch mal was von den Russkis. Wie war das denn so in der Gefangenschaft?"

"Wie et war? Frag lieber nich! Wasser aus'm Klo, wenn dir det wat sagt. Unzivilisiert, da hat der Goebbels schon recht jehabt."

"Und sonst? Haben sie dir den Kommunismus beigebracht?"

"Na, da hätten sie sich bei mir aber anstrengen müssen! Een paar sind umjefallen. Aber nicht bei mir! Ick oller Sozi. Schließlich."

"Otto, ich bin ja unpolitisch. Du bist der Fachmann für Politik. Musst du mir wirklich erklären." Leo rückte seine Fliege zurecht und schob sich interessiert näher zu Otto.

"Ach, lass mal, Leo. Andermal. Heute is Weihnachten. Nischt vom Krieg."

Gustav mischte sich ein. "Aber die Liese, dass sie so … Du hast doch den Brief gekriegt, Otto. Lies den doch mal vor. Umjebracht haben sie die Liese. Und gesagt: Lungenentzündung. Hab ick allet jeahnt, aber sagen durfte man ja nischt. Und dabei, weeßte noch, Otto, war die so ein lustiges Haus. Wer konnte denn ahnen, dass sie mal verschüttet wird und nach Friedenau kommt. Die Heidelinde jetzt, die hat et besser."

"Komm mir nicht mit det Pack, die Russen! Das Kerbholz ist für die zu kurz." Otto schnaufte. "Nich heute abend, Justav."

"Aber, waren doch die Nazischweine, nich die Russen. Na, denn sage ick ebent jarnischt mehr." Gustav lehnte sich beleidigt auf dem Stuhl zurück und starrte in die Kerze, die schon wieder halb heruntergebrannt war.

"Na, Jo", Leo beugte sich über den Tisch, "wie hat dir denn der Weihnachtsmann gefallen?"

Jo drückte die Puppe an sich. "Prima, Onkel Leo. Ich hab gar keine Angst gehabt. Nur ein klitzekleines bisschen."

"Die Puppe, Otto, die ist von Egon. Hat er aus Polen mitgebracht, beim letzten Urlaub. Zwanzig Jahre is er jeworn. Zwanzig." Gustav wischte sich eine Träne aus dem Auge. "Nun liegt er in Russland." Er schwieg. "Und jib auf die Puppe acht, Jo. Is schließlich von E… Huch, beinahe hätte ick wat jesagt. Vom Weihnachtsmann isse."

"Mach ich, Onkel Gustav. Aber jetzt muss sie schlafen. Ich sing ihr noch mal O Tannenbaum vor, ganz leise. Ich habe auch schon einen Namen für sie. Aber den sag ich euch nicht."

Später, als sich alle verabschiedet hatten und die Stube wieder hergerichtet war, kam Siggi aus der Küche. "Na, da hat sich der Weihnachtsmann aber übernommen", sagte er und betrachtete kennerisch die Puppe. "Gleich ne Puppe! Der kennt dich bloß nich, Jo. Warte mal uff't nächste Weihnachten, da jibt's wat uff den Hintern, det sich jewaschen hat."

"Nächstes Weihnachten bin ich groß. Ich heul nicht."

"Wollen wir doch mal sehen!" Siggi gab ihr einen Klaps hintendrauf.

Jo fing an zu weinen. "Du bist gemein, du bist doch nicht der Weihnachtsmann! Der darf das, du nicht! Das sag ich Oma!"

Siggi grinste und brummte. Jo sah erstaunt zu ihm auf: Siggi konnte brummen! Wie der Weihnachtsmann. Nachdenklich drückte Jo ihre Puppe an sich.
 

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