Kindheitserinnerungen, 7. Kapitel: Der alte Krumnow

blackout

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Es war Januar. Ein kalter Januar, es hatte geschneit, das Thermometer bei 20 Grad Minus in diesem Januar des Jahres 47. Die Öfen kalt, draußen kalt. Auch die Herzen, ja auch sie waren kalt. Der alte Krumnow, das blinde Huhn, wie Otto sagte, wenn Krumnow es nicht hören konnte, ging einkaufen, allein, in der Müllerstraße. Mit dem Blindenstock stocherte er, seit die Bürgersteige voller Einschlaglöcher waren, geschickt auf dem Straßenpflaster herum. Berta Krumnow, die ihren Mann gehen ließ, hatte kein schlechtes Gewissen. Es war ja nicht das erstemal, dass er ohne sie einkaufen ging, weil er als Blinder nicht anstehen musste und immer irgendwas mit nach Hause brachte. Und nach Hause hatte er immer gefunden.

Vor dem Bunker Ecke Kellerstraße, der nur noch als Warenlager diente und unbewacht war, traf er auf ein paar junge Leute, übermütig und in Schnapslaune. Dicht neben dem Bunker floss tief unten die Panke, ein Flüsschen in gemauertem Kanal, von der Müllerstraße nur durch ein beschädigtes Gitter getrennt. Der alte Krumnow hatte sich verlaufen. Die Jugendlichen, den Alten mit der gelben Dreipunktbinde am Arm und dem Blindenstock in den Unkrautresten vor der Bunkerwand stochern sehen, und schon erwachte in ihnen eine Idee: Dem Alten einen Schabernack spielen, einen, der sich gewaschen hat, einen nassen Schabernack!

Krumnow begriff, dass es der Bunker war, der in der Nähe war, er merkte, dass er hier nicht weiterkam. Er hörte die Stimmen der Jungen, fragte sie nach dem Weg.

"Da lang, Opa! Immer geradeaus!", riefen sie. Krumnow folgte ihren Stimmen. Ein schmaler, abschüssiger Weg neben dem Bunker führte die Panke entlang. Auf den schickten sie den Blinden. Nach ein paar Schritten verfehlte Krumnow den Weg und fiel zwei Meter tief in die Panke. Er hörte sie noch johlen, während er versuchte, sich an der schmierigen Kanalwand hochzuziehen. Die Feuerwehr hatte ihn aus der Panke geholt und nach Hause gebracht.

Das alles erzählte er seiner Berta, als er fiebernd im Bett lag, und die erzählte es Klara, und Klara wiederum erzählte es ihrem Otto. Und Jo saß dabei und verstand: Der Herr Krumnow war krank. Sie musste ihm unbedingt ein Bild malen, damit er sich freuen konnte und gesund wurde.

*

Berta Krumnow erschrak zu Tode, als sie ihr den Mann brachten, in nassen Kleidern. Er murmelte irgendwas, was sie nicht verstand. Klara empörte sich: "Nee, so wat Schlechtet! Dem blinden Mann sowat antun! In't Zuchthaus sollte man die Rowdies stecken!"

Ins Zuchthaus steckte die Rowdies niemand. Als die Polizei eintraf, waren sie lange verschwunden. Worauf auch hätten sie warten sollen.

Dem alten Krumnow ging es schlecht, er fieberte. Nachts kam der Arzt, verordnete mit gerunzelter Stirn irgendwelche Medikamente. Berta und Klara saßen die ganze Nacht an seinem Bett.

Der Kranke phantasierte. Gegen Morgen kam er zu sich. Er wähnte nur Berta an seinem Bett. "Berta, mein Goldstück, mir tut der Kopf weh. Und ein bisschen schwindlig ist mir auch." Seine Stimme war klar. Klara kamen die Tränen. Berta nahm seine Hand und sprach leise auf ihn ein. So saß sie bis zum Nachmittag. Klara rannte nach dem Tee, der Kranke wollte trinken.

Nach ein paar Tagen starb er. Eine Lungenentzündung in diesen Zeiten war ein Todesurteil.

*

Jo dachte nach: Menschen konnten sterben, das wusste sie schon. Vor ein paar Tagen war Herr Krumnow noch am Leben, er lief durch den Flur, sie glaubte das Klappern des Stöckchens noch zu hören, und jetzt lag er im Bett, mit geschlossenen Augen.

Sie berührte seine Hände. "Ganz kalt", sagte sie erschrocken.

In der Küche malte sie ein Bild von Herrn Krumnow, wie er mit seinem Stöckchen durch die Kellerstraße ging. Klara erlaubte, dass sie es ihm auf die gefalteten Hände legte.

Ingo, der rothaarige Enkel, grinste: "So wat soll ein Bild von mein Opa sein, da lachen ja die Hühner! Außerdem, der konnte dich überhaupt nich leiden. Er hat gesagt, du bist ein Kuckuckskind."

Jo war beleidigt. Klara konnte ihre Hand im letzten Moment festhalten, sonst hätte Jo dem frechen Ingo eine geklebt, mitten ins Sommersprossengesicht.

*
Otto kümmerte sich um die Beerdigung. Zur Trauerfeier auf dem Friedhof Grenzstraße kamen ein paar Leute aus dem Haus mit. Die Kastnern war wie immer laut und temperamentvoll und unterhielt die Nachbarn, die vor sich hinhüstelten, mit Geschichten über Gottweißwas. Die Kastnern warf auch nicht drei Hände Sand in die Grube, sondern vier, Jo hatte heimlich mitgezählt, sie konnte schon bis acht zählen.

Jo hatte Angst. Ein Friedhof, alles voller Leichen, man sah sie bloß nicht. Sie dachte an die schmutzigen Toten vom Weddingplatz, die aus den Luftschutzkellern geholt worden waren und sich bewegt hatten, als das Pferd ausrutschte. Aber die Leichen taten ihr nichts, sie lagen stumm in ihren Gräbern, und Klara hielt Jos Hand fest, damit sie ihr nicht weglief. Bei der konnte man nie wissen, worauf sie noch kommen konnte.

Auf dem Heimweg stützte Klara die Berta, sie dachte schon an später: "Wenn dir die Decke uff'n Kopp fällt, klopfste bei uns. Versprich mir det, Bertachen. Und heul nicht immerzu. Det macht dir den Willi ooch nich wieder lebendig."

Berta Krumnow versprach es. Doch später klopfte sie niemals an die Stubentür. Nur Ingo, der gemeine Kerl, wummerte im Vorbeigehen an die Tür, wenn er wusste, dass Otto nicht zu Hause war. Klara stürzte dann zur Tür und wollte dem armen verwaisten Jungen was Liebes sagen, aber sie war immer zu langsam. Mit einem Knall flog schon Krumnows Wohnungstür zu.

Klara schüttelte den Kopf. "Wat soll nur aus dem Jungen werden? Der Vater in Jefangenschaft, die Mutter tot, und nun ooch noch der Opa. Die Berta schafft et nich alleene. Wenn der man bloß keen schlechter Mensch wird."

Jo triumphierte. Ihr Opa lebte, sie würde kein schlechter Mensch werden!
 
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