Kindheitserinnerungen, 8. Kapitel: Der Hundertjährige Kalender

blackout

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Es war Winter, der Winter 46 zu 47. Die Erwachsenen sprachen von Holz und Kohlen und von Hungerrationen. Und vom Hundertjährigen Kalender. "Wenn der Sommer so schön war wie dieser, dann wird der Winter kalt. Sagt der Hundertjährige Kalender", meinte Großmutter. Jo staunte: Da haben die Leute hundert Jahre vorher gewusst, wie kalt der Winter in diesem Jahr werden würde! Und hundert Jahre, das war eine unendliche Zeit, für Jo mindestens wie Millionen Jahre, also etwas, was sie noch nicht zählen konnte.

Siggi klärte sie auf: "Der Hundertjährige Kalender, wat det is? Also, hör jut zu." Er gab ihr einen Nasenstüber. "Mit dem Winter und dem Sommer isset so – die Bauern, also wennde weeßt, wat Bauern sind, also die Bauern, die pflügen ihre Felder, dann streuen sie Korn, man nennt et Saatjut, und denn wird allet zugeeggt. Bis dahin begriffen?"

Jo schüttelte den Kopf. "Was sind denn Bauern?"

"Also Bauern, wie soll ick dir det erklärn – Bauern, det sind richtje Menschen. Wie wir. Die wohnen aber nich in Berlin, sondern draußen, wo die Felder sind, in Oranienburg oder Wartenberg, also janz jottwedee, falls du dir vorstellen kannst, wie weit weg det is vom Wedding. Da muss man mit der Eisenbahn hinfahren, zum Hamstern zum Beispiel, uff die Puffer, wenn man mitkommen will."

Jetzt verstand Jo: Die Bauern waren die Leute, zu denen alle fuhren, wenn sie mit vollen Rucksäcken wiederkamen. Sie nickte: "Ich weiß, Bauern sind Leute, die haben alles, Omas guten Mantel und mein Märchenbuch. Schon gut."

"Also, wenn nun alles zujeeggt ist, kommt der Rejen, und denn wächst det Korn. – Hör zu, wenn ick dir wat erkläre!" Wieder ein Nasenstüber, Jo schielte auf ihre Nase. Sie blutete aber noch nicht.

"Und wenn nu allet reif is …"

"Was ist denn reif?"

"Herrjottchen, dir muss man wat erklärn! Na, det Korn, verflixt noch mal, stell dir doch nich so an!"

"Das Korn? Wo kommt denn das her?"

"Also weeßte, ick jeb's uff. Zu dusslig, wat zu begreifen. Wennde dir inne Schule jenauso anstellst – na, denn jut Nacht!"

"Nein, nein, ich hab schon alles begriffen. Erzähl weiter, Onkel Siggi."

Siggi strahlte. Jo erkannte seine Onkelschaft an. "Also, det Korn is reif, hab ick jesagt. Det wird dann jeerntet, dann wird et zur Mühle jefahrn, und da wird et jemahln."

"Was Malen ist, weiß ich."

"Doch nicht deine Krakeleien, du dusslijet Huhn! Hier jeht et um Mehl, det is … eben Mehl, wie Puder isset …"

"Ich weiß auch, was Puder ist, Onkel Siggi. Mutti hat Puder. Der steht in der Stube, wo der Spiegel ist. Sie schmiert sich den ins Gesicht, und dann sieht sie ganz komisch aus. Oma sagt, die soll mal nicht die Männer so aufreizen. Was ist das: Männer aufreizen?"

"Also willste nu wissen, wie't mit'm Hundertjährjen Kalender is? Oder nich?"

"Doch, Onkel Siggi. Erzähl ruhig weiter. Wielange muss man da zählen?"

"Ach, du jrüne Neune! Hört man doch: bis hundert!"

"Wieviel ist das?"

"Na, sag ich doch: hundert Jahre."

"Ach so." Jo dachte nach. "Ach so meinst du das: Man zählt hundert Jahre, und dann weiß man, wie das Wetter im Winter wird?"

"Doch nicht zählen! Man kuckt in den Himmel und wie groß die Körner sind, und denn war der Sommer schön, und denn wird et een kalter Winter – begriffen? Dir blöden Zicke erklär ick ja noch mal wat! Dann bleibste eben doof!"

"Du bist selber doof! Du kannst überhaupt nichts erklären. Ich will wissen, was der Hundertjährige Kalender ist, und du erzählst was von Bauern und Korn und Puder! Ich frag lieber Oma, die ist viel schlauer als du!"

Der Katzenkopf saß. "So wat sagt man nicht zu seinem Onkel! Merk et dir!"

"Immer haust du. Das sag ich Oma."

"Petze!"

Großmutter, als Jo nach dem Hundertjährigen Kalender fragte, überlegte ein Weilchen. "Hat dir der Siggi det nich erklärt? – Ach Jott, überhaupt! Is allet Quatsch, det mit'm Hundertjährjen Kalender. Muss man jar nich wissen. Wichtig is, ob et kalt is und ob Schnee liegt. Und dass man wat im Magen hat und der Ofen bullert. Und so'n Winter kommt jedet Jahr, daruff kann unsereener Jift nehm."

Und mit dieser Erklärung gab Jo sich zufrieden.

*

Der Winter war früh gekommen, schon vor Weihnachten schneite es, der Schnee lag bis in den Februar. Am Weddingplatz hing ein Thermometer an einem Mauerrest, die Leute standen drumherum und staunten: Bloß zwanzig Grad kalt? Sie trampelten von einem Fuß auf den anderen, und mit eingezogenen Schultern gingen sie in ihre notdürftig oder gar nicht geheizten Stuben zurück.

*

Die Mutter lud Jo zu einer Schlittenpartie ein. Schwester Veronika war kein kleines Baby mehr, sie konnte schon laufen, und Jo sollte sie auf dem Schlitten festhalten. Großmutter schimpfte: "Als ob Rita nich alleene jehn kann, die Veronika hat derweile doch ooch noch Platz in meine Stube! Bei diese Kälte! Die Kinder erfriern sich ja den Podex uff'm Schlitten! – Ach, die Rita! Die kommt nach Otto, immer der dicke Kopp. Und sowat will nun meine Tochter sein!"

Die Mutter zog die Kinder durch die verschneiten Straßen, sie stemmte sich gegen den eisigen Wind, der durch den dünnen Mantel pfiff. Der Weg zum Amt war weit. Veronika wimmerte, Jo umklammerte sie noch fester, bedeckte ihr Gesichtchen mit den Händen und beruhigte sie: "Heul nicht. Wir sind ja gleich da. – Mutti, renn mal ein bisschen, Veronika ist kalt! Und meine Füße sind auch schon kalt!"

Als sie ankamen, wo das Amt seinen Sitz hatte, wimmerte Veronika schon nicht mehr. Erstarrt wie Eismännchen saßen Ritas Töchter auf dem Schlitten. Die Mutter putzte ihnen die Nasen und rieb ihre Hände: "Puste, puste, heile, heile Gänschen."

Den Weg nach Hause legte sie dann im Galopp zurück, die laut weinenden Töchter auf dem Schlitten.

Großmutter drehte entschlossen den Hahn am Ausguss auf und hielt die Hände der Kinder bis zum Ellbogen unter das kalte Wasser. Die Mädchen schrien vor Schmerz. "Marsch, int Bett! Ick mach die Wärmflasche heiß."

*

Jo lag mit Großmutter im Bett. In der Stube war es dunkel, also war es Nacht. Jos rechtes Ohr piekte, dann zuckte ein Schmerz durch den ganzen Körper. Sie stöhnte. Großmutter drehte sich ihr zu. "Wo tut et denn weh? Det Ohr? Warte bis morgen früh, denn wickel ick dir'n Handtuch um den Kopp. Deine Mutti denkt so weit, wie der Wannsee schön is. Deiner Mutter, wat sag ick, deiner Rabenmutter müsste man …"

Was man Jos Rabenmutter müsste, verriet sie nicht. Am nächsten Morgen fieberte Jo, und die Großmutter holte den Doktor. Jo weinte. "Mittelohrentzündung", sagte Doktor Holstein. "Hoffentlich kommt der Eiter."

Der Eiter kam. Jo musste im Bett bleiben, den Kopf dick umwickelt. Siggi hatte seinen Schal geopfert. "He, du Karnickel", sagte er, "soll ick dir wat vorlesen?" Jo nickte begeistert. "Aber laut, ich hör nichts mehr auf dem Ohr."

Siggi war einverstanden: "Denn nehm ick det andere. Willste 'Hänsel und Gretel'?"

"Nein, nicht 'Hänsel und Gretel', lieber …" Jo überlegte. "Lies mir lieber was anderes vor, wo steht, warum es so kalt ist und mein Ohr so weh tut, weil der Sommer so schön war. Aus dem Hundertjährigen Kalender. Und lern mir bis hundert zählen. Bitte. Lieber Onkel Siggi."

"Dir werd ick noch mal wat erklärn wolln", sagte Siggi. "Na ja, ick will mal nich so sein. Bis fünfzig, höchstens. Sonst biste zu schlau für deinen Lehrer, und denn kannste dir den Hintern einseifen."

Jo nickte: Siggi hatte recht, Schlauheit zahlt sich nicht aus, wenn man dafür den Hintern einseifen muss.

Siggi begann zu zählen: Eins, zwei, drei, vier, fünf .. Als er bei dreißig angekommen war, schlief Jo schon. Leise stöhnte sie im Schlaf.
 

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