Kindheitserinnerungen, 9. Kapitel: Marzipan mit Paraplü

blackout

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Der Sommer war nach Berlin gekommen. Und der Park am Nordhafen war kein Park mehr, dort gab es jetzt Gärten. Nicht solche Gärten, wie man sie sich in seinen Träumen vorstellt: mit Oleanderbüschen und Rosenstöcken, tiefgrünem Rasen und gepflegtem Eisengitter drumherum. Nein, die Gärten am Nordhafen gehörten den Mietern der Kellerstraße, die Stadt hatte ihnen den Park zur eigenen Bebauung zugewiesen. Um die Versorgungslage der Bevölkerung zu verbessern, wurde gesagt. Also gingen die Leute daran, ihre Versorgungslage zu verbessern.

Angebaut wurde in diesem Frühjahr, was sie an Saatgut bekamen: Zwiebeln, Mohrrüben, grüne Bohnen, Erbsen, Gurken. Und einer, dessen Parzelle am Wasser lag, zog sogar einen Kürbis bis zu Kinderkopfgröße auf, bis er ihm geklaut wurde. Irgendwer organisierte Johannisbeer- und Tomatensträucher, es blühte ringsum, es duftete nach Majoran und Tomatenpflanzen, und die Ranken der grünen Bohnen wollten in den Himmel wachsen. Die Zäune waren ein Abenteuer für sich: aus eisernen Wehrmachtsbettgestellen, aus Stangen zweifelhafter Herkunft und Waschkesseldeckeln, alles zusammengehalten mit Stacheldraht aus noch zweifelhafterer Herkunft. Es kam nicht auf Schönheit, sondern auf Abschreckung an.

Großvater hielt nachts Wache mit ein paar anderen alten Männern. Siggi, aufgefordert, dem Trupp eine gewisse Jugendlichkeit zu verleihen, lehnte ab: So weit käme es noch, er und nachts durch die Gärten schleichen und luchsen, ob da Gurken oder Mohrrüben geklaut würden! Wenn er Gemüse brauchte, besorgte er es sich, er wisse schon, wo. Sagen konnte Großvater dagegen nichts, er hatte nur ein schlagendes Argument, aber Großmutter warf sich dazwischen, und Siggi war fein raus aus dem Wacheschieben.

Großvaters Garten lag an der Straße. Jeder, der vorbeiging, konnte zusehen, wie die Tomatenpflanzen wuchsen, dass aus grünen Bommeln, wie Großmutter nannte, was Großvater da heranzog, nach und nach grüne Tomaten wurden, richtige Tomaten! Denn der Dünger war gut, er war sogar ausgezeichnet, er war der König des Düngers: Pferdeäpfel!

In der Kellerstraße wurden Pferdeäpfel gesammelt. Erwin Kluge, zu dessen Schmiede im zweiten Hinterhof jetzt wieder die dicken Brauereipferde kamen wie vor dem Krieg, hatte Hochkonjunktur: ein Eimer Pferdeäpfel für zwei Groschen. Großvater wollte die Groschen sparen, er schickte Jo und die Großmutter vors Tor auf die Straße, damit sie den Dünger dort aufsammelten, ehe es die Pferde zu Kluges Schmiede geschafft hatten.

*

Jo durfte auf die Straße, spielen gehen. Sie war fünf Jahre alt und erwachsen genug, es mit dem Abenteuer der Straße aufzunehmen. Viel zu spielen gab es nicht. Vor dem Haus lag eine eingezäunte Sandfläche, ein riesiger Buddelkasten. Jo freute sich auf die Buddelaussichten. Aber der Hauswirt hatte am Tor ein Schild angebracht: Betteln, Hausieren und das Spielen der Kinder auf dem Hof und im Vorgarten ist verboten! Der Hauswirt. Großmutter schimpfte, denn nun geriet ihr Jo tagsüber aus den Augen, und sie hatte es sich doch so schön gedacht mit dem Buddelkasten vor den Fenstern. Sogar Siggis Buddeleimer hatte sie Jo geschenkt, und Siggi tat großzügig: Kannst du haben, die paar lausigen Buddelformen. Bis er Kinder haben würde, da würden die sowieso nicht mehr buddeln. Jo bedankte sich höflich bei Siggi, vorsichtshalber. Er konnte sich schwere Strafen für Jo ausdenken, für gar nichts. Bei ihm musste Jo immer wachsam sein.

Aber es gab auch echte Abenteuerspielplätze: die Trümmer der Daimonfabrik zum Beispiel. Die hatten etwas Gespenstisches an sich. Nachts, sagten die Leute, schlichen dort undurchsichtige Gestalten herum: Kindermörder, Zigarettenschieber und ähnliches Gelichter. Großmutter hatte sogar eine weiße Frau dort gesehen, mitten am Tage sei sie die halbzerbombte Treppe hinaufgeschwebt. Oben habe sie teuflisch gelacht und gewinkt, dass Großmutter das Herz im Halse schlug.

Jo hatte keine Angst vor den Daimontrümmern. Rotkopf Ingo war ihr Beschützer geworden, er war schon acht und also fast ein Großer. Wolfgang und Peter, die Zwillinge aus dem Nebenhaus, die lungenkranke Ingrid, Marlies aus dem Seitenflügel und Michael, den sie Mieke nannten, weil er ein Angsthase war, fanden sich nach und nach ein.

Ingo und Wolfgang boxten, um herauszufinden, wer der Anführer sein sollte. Der Kampf endete unentschieden. Wolfgang war der Stärkere, aber seine Nase blutete. "Jüldet nich!", schrie er, als Ingo sich zum Anführer erklärte. Aber Ingo zeigte ihm die blutige Faust, und Wolfgang hatte begriffen.

Wolfgang, seine Mutter rief ihn Wölfchen, hatte Ideen. Eines Tages zuckelte ein Pferdefuhrwerk durch die Kellerstraße, vollbeladen mit Weißkohl. Den Kindern lief das Wasser im Munde zusammen: Weißkohl, essbar! Und so leicht zu klauen. Schon hing Wolfgang hinten an der Fuhre und warf die Kohlköpfe herunter. Die Spur der Kohlköpfe zog sich durch die ganze Kellerstraße. Der Kutscher wurde erst aufmerksam, als sich die Kinder schreiend um das Freigemüse balgten. Er fluchte, holte mit der Peitsche aus und schlug nach hinten, um Wolfgang herunterzupeitschen. Der ließ schnell das Fuhrwerk los, stürzte auf die Straße und rieb sich das Knie. Eine rote Strieme zog sich quer über sein Gesicht. "Macht nischt, Hauptsache, wat zu fressen", sagte er und wischte sich die Tränen aus den Augen.

In den nächsten Tagen roch es in der Kellerstraße verdächtig nach Weißkohleintopf.

Ein andermal schlug Wolfgang ein Spiel vor: Räuber und Polente. Jo gehörte zu den Räubern, die Johannisbeeren in den Gärten klauen sollten. Und wenn ein Parzellenbesitzer jemanden erwischte, sagte Wolfgang mit Feuereifer, würde die Polente kommen: Wolfgang, Peter und Ingo würden die Räuber verkeilen, aber nur zum Spaß, und dann würde die Polente belohnt werden, und am Ende hätten alle was davon, nämlich mindestens eine nicht allzu kleine Schüssel Johannisbeeren.

Die Sache lief nicht ganz so wie geplant. Die Schüssel Johannisbeeren fiel aus. Aber Keile gab es, vom Parzellenbesitzer. "Verfluchte Lausebande, euch werd ick beibringen, meine Johannisbeeren zu klauen! Ihr jehört in't Jungvolk, da ziehn die euch die Hammelbeene lang!" Jo weinte, Ingrid tröstete sie: "Wenn du Kloppe kriegst von deiner Oma, kommst du zu uns. Meine Mutter haut nicht."

*

Der Sommer war ein Sommer war ein Sommer. Am Nordhafen, hinter den Gärten, gab es ein Fleckchen Gras. Eher kurzgetretene Unkräuter als Gras, aber grün. Zwei Meter davor floss der Spreekanal. Es ging steil hinab ins Wasser: Zwei Schritt vom Ufer, und schon stand Jo das Wasser bis zum Hals. Aber es war herrlich, man konnte baden! Am schönsten aber war es auf dem Fleckchen Gras, wenn nach dem kalten Bad die Sonne auf die nackten Bäuche schien.

Ingo und Wolfgang stellten einen Unterschied fest: Die Mieken hatten nicht dieses Baumelding wie sie. Sogar Mieke baumelte es zwischen den Beinen. Die Jungs nahmen ihre Baumeldinger in die Hand und scheuchten die Mieken, die im Wasser bleiben mussten, bis es den Jungs zu langweilig wurde. "Ekelhaft!" Ingrid spuckte aus. "Alles alte Säue, die Jungs."

*

Zwischen Park und Scharnhorststraße gab es ein Brückchen über die Panke, die an dieser Stelle in das Auffangbecken des Nordhafens floss. Wer darauf kam, wusste später niemand mehr, aber schnell entschieden sich alle für eine Mutprobe: Dicht am Rand des Wasserfalls langbalancieren, mit geschlossenen Augen. Hier war der Untergrund von Wasserpflanzen überwuchert, die sich in die schnelle Strömung schmiegten. Glitschig war er, steinig, nichts für nackte Fußsohlen.

Ingo hatte Bedenken. "Und wenn nun doch eener rinfällt? Ha?" Wolfgang winkte ab: "Denn rufen wir die Feuerwehr, die macht det schon."

Jo, als sie dran war, schummelte: Sie blinzelte. Die anderen am Ufer konnten es nicht sehen, und sie kam nass, aber glücklich gegenüber an Land. Alle schafften es, alle blinzelten. Nur einer nicht: Peter. Er rutschte auf dem glitschigen Untergrund aus, die Strömung zog ihn herunter, sein Kopf tauchte im Strudel des Wassers auf, die Kinder schrien. Niemand konnte schwimmen.

"Beim drittenmal Hochkommen ersäuft er!" Wolfgang lief am Ufer hin und her und gab verzweifelt schreiend Ratschläge. Peter, wenn er auftauchte, schrie gurgelnd. Aber die Panke hatte kein Erbarmen, sie floss wie jeden Tag, wie jede Minute. Peter tauchte nicht mehr auf. Die Feuerwehr zog ihn am nächsten Tag aus dem Nordhafen, weit entfernt vom Wasserfall.

*

Im Herbst durfte die lungenkranke Ingrid nicht mehr auf die Straße, sie hustete zuviel. Vom Fenster blickte sie traurig auf die Straße, und eines Tages blieb das Fenster leer. Ein Sargwagen fuhr vors Haus, die Kinder standen dabei, alle weinten, und dann fuhr der schwarze Wagen davon mit der toten Ingrid im Sarg. Ein paar Erwachsene gingen zu Fuß zum Friedhof. Kinder wollte Ingrids Mutter nicht dabei haben.

Jo wusste, was auf dem Friedhof geschehen würde: Der Pastor würde eine Rede halten, und dann würden alle weinen, dann warfen alle drei Handvoll Erde auf den Sarg, und jemand würde "Ave Maria" singen. Die Kinder hörten gespannt zu, als Jo davon erzählte, wie der alte Krumnow begraben wurde. Nur Wolfgang wusste es nachher besser, ihn hatte die Mutter zum Friedhof mitgenommen: "Det mit 'Ave Maria' stimmt nich! Bei Peter hamse keene Musik jespielt. Keen 'Ave Maria'!" Jo überlegte: "Vielleicht, weil er ein Junge war?"

*

Siggi drohte: "Nächstet Jahr kommste inne Schule. Na, du wirst dir umsehn. Seif dir mal jetzt schon den Hintern ein."

Jo verstand nicht: "Seife auf den Hintern, warum denn?"

"Na, wenn dich der Lehrer verkloppt, du Transuse!"

Jetzt hatte Jo verstanden.

Jo verstand jetzt überhaupt so manches besser als vor einem Jahr. Die Großmutter sagte: "Mit de Tomaten, det is'n Elend. Grade will ick se ernten – da warn die Verbrecher schon dajewesen! Nur noch die grünen Bommeln warn dran! Eene Jemeinheit is det, am hellerlichten Tag! Erst sammeln wir dauernd Pferdeäppel vonne Straße und der Opa mit seine Nachtwachen – die janze Arbeet umsonst!" Jo streichelte sie. "Lass mal, vielleicht hat der Wendt Tomaten?" Wendt, das war der Lebensmittelladen an der Ecke Nordhafen, bei dem Großmutter Stammkundschaft war. Die andere Stammkundschaft war sie im Lebensmittelladen in der Boyenstraße, die jetzt zum Russensektor gehörte. Aber dort gab es nur Milch, Brot und manchmal Butter aus dem Fass auf Marken.

Großmutter lachte unter Tränen. "Du naseweise Jöre wirst mir olle Frau schon Ratschläje jem! Wie, wenn det allet so einfach wär. Wo doch allet in dieset verfluchte Leben so doppeltjemoppelt is. Wendt? Nee, bei dem bin ick abjeschriem, Opa hat da Rabatz wejen zwee Päckchen Marjarine jemacht. Außerdem - der und Tomaten! Denn muss Opa mit deine Mutter eben wieder hamstern fahrn. Aber fremde Tomaten sind ooch nich det Wahre, und wir ham kaum noch Bettzeuch zum Hamstern. Selbstjezogene Tomaten, die schmecken wie reine Friedensware! – Ach so, du weeßt nich, wat Friedensware is? Weeßt du, wie damals die Tomaten jeschmeckt haben, wie", sie verdrehte die Augen und tat, als ob sie Friedensware äße, "die schmecken wie - wie Marzipan mit Paraplü!"

Und Jo, die noch nie in ihrem Leben Tomaten gegessen hatte, weder wusste, wie Tomaten oder gar Marzipan schmeckten, stellte sich vor, wie Friedenswaretomaten geschmeckt haben könnten: Einfach Paraplü!
 
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