Kindheitserinnerungen, Kap. 19: Bei den Pionieren

blackout

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Es war ein Junge geworden. Die Mutter hielt das Baby im Arm und zeigte es Jo: "Sieh mal, wie hübsch er ist." Jo schluckte. Hübsch! "Und die Beule am Kopf?"

"Ach das." Die Mutter fuhr liebkosend über das Babyköpfchen. "Das ist eine Geburtsbeule. Geht wieder weg." Jetzt waren sie drei Kinder. Drei Kinder und zwei Erwachsene in Stube und Küche. Und so ein hässliches Baby! Mit Beule am Kopf! Jo war zum Heulen zumute.

Der Vater staunte: "Wie hast du das angestellt? Meine Tochter hat in Schrift eine Eins! Na, da muss ich doch zustimmen. Jo, du hast mich aufs Kreuz gelegt! Also, Fräulein, du darfst Pionier werden."

*

Zur Pioniergruppe gehörten Jörg, Gabi, Trapper, Wölfchen, Dieter, Ilona und nun auch Jo. Ilona war die beste Schülerin der Klasse. Sie war ein hübsches Mädchen mit tiefschwarzen langen Zöpfen, in die sie rote oder weiße Seidenschleifen band, und großen dunklen Augen. Alle Jungen wollten sie zur Freundin haben.

Jörg bestimmte, was die Pioniere an den Pioniernachmittagen tun müssten: Mal mit sowjetischen Pionieren Erfahrungen austauschen, Lydia übersetzte, mal um den Müggelsee herumwandern, mal zusammen ins Kino gehen, mal Rechenschaftsberichte verfassen.

Gabi war neidisch auf Ilonas Zöpfe. Sie ließ sich auch Zöpfe wachsen, aber ihre waren dünn und aschgrau. Ständig hatte sie an Ilona etwas auszusetzen. "Die kiekt ja so komisch", sagte sie. Jo wurde wütend. "Pioniere sind nicht neidisch! Und sie zanken sich auch nicht wegen der doofen Zöpfe!"

Trapper hieß so, weil er immer von Trappern und Indianern schwärmte. "Du müsstest eigentlich Zappelphilipp heißen", sagte Jo. "Man zieht an deiner Quasselstrippe, und schon zappelst du und erzählst von Winnetou." Trapper wurde rot. Er war beleidigt. "Und du? Du müsstest Schmierfink heißen!" Jetzt war Jo beleidigt. "Aber ich habe mich gebessert. Selber Schmierfink!"

Wölfchen und Dieter waren Freunde. Ständig waren sie auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Einmal, prahlte Wölfchen, hatten sie in einer Ruine einen vergrabenen Schatz ausgebuddelt. "Und wo ist der?", fragte Jo. Wölfchen geriet ins Stottern. "Das … das weiß ich nicht. Dieter hat den Schatz." Jo lachte. "Mir kannst du viel verzählen! Einen Schatz! In der Ruine! Da findest du doch höchstens noch einen verbeulten Stahlhelm!"

Pionierleiterin war Lydia, eine junge Frau, sie hatte mit ihren Eltern in der Sowjetunion im Exil gelebt und war erst vor kurzem nach Deutschland zurückgekommen. Sie sprach nicht sehr gut deutsch, in der Sowjetunion hatte sie wohl wenig Gelegenheit, ihre Muttersprache zu sprechen. Lydia kannte viele Spiele für Kinder, ganz andere, als Jo kannte. Zum Beispiel "Wir fahren nach Jerusalem" oder Gedichteraten, oder jemand nannte eine Jahreszahl, und die anderen mussten erraten, welcher Dichter in diesem Jahr geboren wurde oder wie in dem Film "Timur und sein Trupp" der Anführer hieß. Lydia sang gern. Alle Kinder lernten von ihr russische Lieder. Am besten gefiel Jo das Lied "Wolga, Wolga, matsch radnaja", sie sang es öfter, wenn sie Schularbeiten machte.

Lydia hatte in Moskau in einem Chor gesungen, und sie war traurig, dass sie in Deutschland noch keinen neuen Chor gefunden hatte. "Am besten, wir gründen selbst einen Chor!", schlug sie vor. Alle waren begeistert, am meisten Jo. "Ich kenne alle Volkslieder aus dem FDJ-Zeltlager!." Und Lydia lernte von Jo die Melodien und Texte der deutschen Volkslieder, während Lydia sich mit russischen Liedern revanchierte.

Zum erstenmal trat der Chor zur Weihnachtsfeier auf. Weil es einen großen Raum für alle Kinder der Schule nicht gab, wurde Weihnachten auf dem Schulhof gefeiert. Es war kalt, aber die Begeisterung machte die Herzen der Kinder warm. Und als der Chor dann sang, klatschte die ganze Schule, bis die Finger wund waren.

Der Chor sang auch in anderen Schulen, er wurde ein bisschen berühmt wegen der melancholischen russischen Lieder. Zwar verstand niemand ein Wort, aber Lydia übersetzte die Texte. Einmal fuhr der Chor sogar bis nach Greifswald zu einem Chorwettbewerb. Einen Preis errang Lydias Chor nicht, aber eine Fresstüte wurde jedem Sänger als Trostpreis in die Hand gedrückt. Dropse waren darin, Kekse, eine Dauerwurst und ein Apfel.

Die Mutter freute sich über die Dauerwurst. "Endlich mal was auf der Stulle! Nicht immer bloß Margarine! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Wurst schmeckt."

Hunger litten die Borkmanns nicht, aber mehr als Margarinestullen zur Schule und sonntags zu Mittag Weißkohl- oder Mohrrübeneintopf konnte sich die Familie nicht leisten, schon gar nicht Fleisch oder Wurst. Die Familie war zu groß geworden und das Gehalt des Vaters zu klein geblieben. Großmutter steckte Jo etwas zu, heimlich, damit es der Großvater nicht erführe: ein halbes Weißbrot, einen angebrochenen Rama-Margarinewürfel, eine Tüte Mehl oder Gries, für die Kinder Schokolade.

Wenn Jo nach der Schule durch die Müller- in die Kellerstraße nach Hause ging, behielt sie ihr Pioniertuch um. "Mach es ab", sagte die Mutter, "sonst kriegen wir hier Ärger mit den Nachbarn!" Der Vater aber meinte: "Lass sie doch. Sie wollte Pionier werden, jetzt muss sie auch was dafür tun!"

Ingo, als er sie einmal mit dem Pioniertuch nach Hause kommen sah, rief "Rotzlappen, Rotzlappen!" Jo war nicht eingeschnappt. "Na und?", sagte sie, "bist ja bloß neidisch!" Sie litt gern für ihr Pioniertuch. Es war ja ein Ehrentuch, hatte Lydia gesagt.

Anfang Dezember gab es eine Überraschung: Ein Paket war angekommen. Aus der Schweiz, vom Roten Kreuz. Die Mutter öffnete es. "Nein, so etwas! Deine Hylusdrüse zahlt sich aus, Jo! Sieh mal, was sie dir schicken." Die Mutter hielt eine Flasche in der Hand: Lebertran!

Zwei Knäuel weicher rosa Wolle lagen im Paket, zwei Büchsen Corneedbeef, eine Tüte Zucker, Bonbons und ein Stofftier, eine Maus, die quietschen konnte. "Bedank dich beim Roten Kreuz, mal ihnen was Schönes und schreib ein Gedicht dazu, das kannst du doch", sagte die Mutter.

Der Vater, als er die Bescherung des Roten Kreuzes sah, geriet in Wut. "Das haben wir nicht nötig, dass sie uns Almosen schicken! Schick das Paket zurück, Rita!" Die Mutter war störrisch. "Das soll Jo entscheiden, es ist ihr Paket." Und Jo entschied: Das Paket bleibt, die Maus bekommt Veronika. "Aber den Lebertran trinke ich nicht!"

Der Vater lachte. "Das Beste am Paket, und du willst es nicht. Dann trink ich die Flasche aus!" Und er nahm den Lebertran und trank ihn auf einen Zug aus. Jo zählte die Glucker in seiner Kehle. Sie war starr vor Staunen: Das war wirklich eine Leistung!

Großmutter, wenn Jo sie besuchte, strickte. Ein ganzes Fach im Vertiko hatte sie mit bunter Wolle zugestopft. "Jo, Kind, ich strick euch was für den Winter. Sieh mal, was ich mir für ein Muster ausgedacht habe." Großmutter strickte für jeden etwas. Zuerst für den Großvater einen dicken Schal aus grauer Angorawolle, für Siggi, den Jo lange Zeit nicht gesehen und nach dem sie auch keine Sehnsucht hatte, mehrere Paar Socken, für die Mutter ein Tuch aus Mooswolle, filigran gestrickt. Jo bekam einen blauen Pullover mit Noppen, sie trug ihn nur sonntags oder bei festlichen Anlässen. Großmutter strickte und strickte. "Mein Strickwunder", sagte Großvater.

Jo war wieder eine gute Schülerin geworden. Herr Menzel hielt ihr Diktatheft hoch: "Nehmt euch ein Beispiel! Da kann ich ja nur eine uneingeschränkte Eins geben!" Klaus, der neben ihr saß, stieß Jo in die Rippen: "Angeberin!"

Zum nächsten Pioniernachmittag hatte Jörg sich etwas ausgedacht: Den Westpolizisten ärgern. "Alle kommen mit Pioniertüchern. Und dann sag ich euch, wie wir es machen!"

*

Berlin war jetzt auch äußerlich geteilt. In den Westsektoren gab es volle Läden, im Ostsektor hingen in den Schaufenstern mancher Läden Stalinbilder, dekoriert mit einem kümmerlichen Blumentopf. An den Sektorengrenzen standen Westpolizisten, bewaffnet mit einem Knüppel, auf dem Kopf einen Helm aus schwarzem Bakelit, dem Tschako.

Es war leicht, von einer Welt in die andere zu wechseln. An den Grenzübergängen standen Posten auf beiden Seiten, aber es war leicht, von einem Bürgersteig auf den anderen zu wechseln, von einer Welt in die andere zu gelangen. Die Westberliner tauschten ihr Geld in das Geld der soeben gegründeten DDR um, im Kurs von 1 zu 5, und kauften vor allem subventionierte Grundnahrungsmittel und Kinderkleidung im Sowjetischen Sektor auf, der nun die Hauptstadt der DDR war.

In der Invalidenstraße, dort, wo sie an die weiterführende Müllerstraße grenzte und wo auf den Ruinen einer Kaserne das Walter-Ulbricht-Stadion gebaut wurde, das später in Stadion der Weltjugend umbenannt wurde, war die Sektorengrenze zwischen dem Westberliner Stadtbezirk Wedding und dem Ostberliner Stadtbezirk Mitte. Zwei Welten trafen hier aufeinander – in den Augen der meisten Leute, registrierte Jo, war die gute Welt die Westwelt und die schlechte Welt die Ostwelt.

Ein Westpolizist stand dort Tag für Tag Posten, hinter ihm eine Hausruine. Er langweilte sich und blickte aufmerksam zu den Kindern auf dem Bürgersteig hinüber, der zum Sowjetischen Sektor gehörte – abwartend, die Kinder mit den Pioniertüchern, den blauen Lappen, hatten irgendwas vor. Leider standen sie auf dem Trottoir des Russensektors, und so weit reichte seine Macht nicht.

Jörg verriet seinen Plan: "Also, einer jeht hin und fragt den Polizisten irgendwat. Am besten du, Jo, du traust dich. Irgendwat Frechet. Und dann machen wir'n Sprechchor: 'Nieder mit der Spalterpolizei!' Bringt Punkte im Pioniertagebuch."

Jo tat, als ob sie etwas auf dem Straßenpflaster verloren hätte. Plötzlich stand sie vor dem Polizisten. "Haben Sie nicht mein Portemonnaie gesehen?" Der Polizist blieb stumm. "Na, dann sagen Sie mir doch mal, wie spät es ist." Der Polizist schob den Uniformärmel hoch und winkelte den Arm an. "Es ist, es ist – genau fünfzehn Uhr acht", sagte er. "Na, dann ist es ja doch schon ganz schön spät. Fast schon zu spät!" Jo rannte hinüber zu den anderen Kindern. Der Polizist drohte mit dem Knüppel: "Ich komm dir gleich hin!"

Im selben Moment begann der Sprechchor: "Nieder mit der Spalterpolizei! Nieder! Es lebe das vereinte Deutschland!"

Es gab wenig Passanten in dieser zerbombten Gegend, ein paar Leute blieben stehen und schimpften mit den Pionieren. "Wie die Pimpfe! Wat man den Kindern heute nur für Propaganda beibringt! Wie bei Adolf! Jeht in den Westen und seht euch die vollen Schaufenster an! Die Russen hämmern euch die Ostscheiße nur so in die Köppe! Werdet erst mal erwachsen, dann könnt ihr mitreden!"

Jo dachte an die Margarinestullen und die Eintöpfe der Mutter. Was hatte sie von den vollen Schaufenstern?

Abends erzählte sie dem Vater, was die Pioniergruppe sich ausgedacht hatte. Pappi war nicht begeistert. "Was habt ihr Lausebande euch dabei gedacht? Gar nichts? Na, das dachte ich mir!"

Lydia, als sie am nächsten Tag erfahren hatte, was geschehen war, schimpfte. "Natürlich kann keiner die Westpolizei leiden, natürlich wollen wir ein einiges Deutschland. Aber doch nicht so! Es gibt schon genug Zwischenfälle an den Sektorengrenzen. Das hätte ins Auge gehen können!" Die Pioniere standen mit gesenkten Köpfen vor ihr.

Später meinte Jörg: "Ick mach mir Ratzeputzel aus Meckerei. Nächstet Mal machen wir't eben schlauer. Die verstehn doch alle nischt von Politik!"

Die ganze Pioniergruppe war einverstanden mit seinem Vorschlag. Am meisten einverstanden aber war Jo.
 
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