Kindheitserinnerungen, Kap. 20: Der Umzug

blackout

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Die drei Westzonen hatten sich im Frühjahr zu einem eigenen Staat zusammengeschlossen. Überall auch im Sowjetischen Sektor sprachen die Leute davon, als ob es ihr Land sei, diese Bundesrepublik Deutschland. Jo las die Zeitungsüberschriften in der "Täglichen Rundschau": Kein Separatstaat! Deutschland muss eins bleiben! Aber darum scherte man sich in dem westdeutschen Staat nicht. Was blieb dem östlichen Deutschland übrig? Am 7. Oktober 1949 wurde in der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet, im Westen wurde sie nur Zone genannt.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. In den Straßen lag schon dünn der Schnee. Jo kam aus der Schule, vom Nachmittagsunterricht, und es war dunkel. Bereits von weitem sah sie den Pferdewagen vor der Haustür stehen. Ach, dachte sie, Onkel Kluges Schmiede ist heute wohl überfüllt.

Als sie vor der offenen Wohnungstür stand, kriegte sie einen Schreck: Was war denn hier los? "Wir müssen umziehen!" Die Mutter räumte gerade aus dem Vertiko die Kinderwäsche, sie hatte keine Zeit für Gespräche mit der Tochter.

Die Familie Borkmann zog um! Nichts hatte Jo vorgewarnt: Nicht, dass der Hauswirt ein paarmal beim Vater war, nicht, dass Großmutter fragte, ob sie genug zu essen hätten, nicht, dass sie Jo jetzt öfter Lebensmittel für die Mutter mitgab.

Onkel Fred war da und seine Frau, Tante Lilian. Sie und die Mutter und der Vater – alle packten die Borkmannschen Habseligkeiten ein, in der Stube, in der Küche. Jo war sprachlos. Großmutter kam die Treppe herauf. "Jo, komm solange zu mir. Du stehst hier bloß im Wege herum."

"Was ist denn los? Warum ziehen wir um?"

"Frag mal noch lange." Großmutter machte ein bekümmertes Gesicht.

"Sag es mir, Oma!"

"Kind, allet kostet, umsonst jibt es nischt im Laden. Ihr seid fünf Menschen – und nur det Jehalt von deinem Vater, noch dazu halb West, halb Ost – det konnte ja nicht jutjehn. Dein Vater hat'n paar Monate die Miete nich bezahln können. Und Opa, der Brabbelkopp, wollte deinem Vater nischt borjen. Der Stalinknecht soll mal sehn, wo er bleibt, hat er jesagt. Da hat euch der Hauswirt uff de Straße jesetzt, die Wohnung jekündigt. Ihr seid exmittiert worden."

"Exmittiert – was ist das?"

"Weeß ick nich, wohin dein Vater mit euch umzieht. Der Bescheid lag heute früh im Briefkasten, deine Mutter hat et mir jesagt. Exmittieren – also exmittieren heißt, ihr müsst ausziehn, ejal, wohin. So unmenschlich sind die Jesetze nun mal. Keen Jeld – keene Wohnung. Wo doch dein Brüderchen noch so kleen is." Großmutter wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. "Wenn dein Vater keene Wohnung uffjetrieben hat, denn heißt et Notunterkunft, irgendwo'n primitivet Zimmer."

Jo verstand. Weil die Borkmanns zuwenig Geld hatten, darum hatten sie jetzt auch keine Wohnung mehr. Nur wer Geld hatte, durfte in der Kellerstraße 11 wohnen.

"Ooch, so schlimm ist das mit dem Exmittieren eigentlich auch nicht", sagte sie nach einigem Überlegen. "Unsere Wohnung ist sowieso zu eng. Die Schularbeiten musste ich auf dem Kohlenkasten machen!"

"Aber wer weeß, wie et jetzt wird." Großmutter umarmte die Enkelin. "Ejal, wohin ihr zieht, du meldest dir uff jeden Fall bei mir, dein Vater wird et mir nich sagen, und deine Mutter weeß nischt. Versprichste mir't, Jo?"

"Mach ich, Oma! Aber – aber was wird jetzt mit der Schule? Ich habe mich von niemandem verabschiedet."

"Holste nach, Kind. Ihr habt jetzt andre Sorjen."

Es war fast Mitternacht, als die Mutter klingelte. "Es geht los, Jo. Gib Oma einen Kuss."

"Und wohin zieht ihr, Rita?"

"Helmut will mich überraschen. Er hat heute in aller Schnelle eine Wohnung aufgetrieben, sagt er, zwei Zimmer, mit Bad und Balkon. Ach, Mutter!" Mutter und Tochter lagen sich in den Armen.

Jo stand dabei, und sie spürte, irgend etwas ging an diesem Abend zu Ende. Was es war, wusste sie nicht, halb hatte sie Angst, halb freute sie sich.

Das Pferdefuhrwerk war jetzt hochbepackt. Alle Möbel der Borkmanns hatten auf dem Wagen Platz gefunden: der Kleiderschrank, die Betten, der Tisch, die Stühle, der Küchentisch, der Kohlenkasten. Ganz oben lag auf dem Rücken der Küchenschrank.

"Rauf mit dir!" Der Vater hob Jo hoch, auf den Küchenschrank. "Halt Veronika fest." Veronika schmiegte sich an Jo, sie schlief.

Der Vater kutschierte. "Hü, Brauner!" Das Pferdchen zog an. Die Mutter saß auf dem Kutschbock, neben dem Vater, das Baby im Arm.

Sie fuhren durch das nächtliche, ausgebombte Berlin, später an leuchtenden Schaufenstern vorbei und durch dunkle, nur schwach beleuchtete Straßen. Die Straßen wurden immer dunkler, es war kalt. Jo zitterte und drückte Veronika an sich.

"Wo sind wir hier, Pappi?"

"Prenzlauer Berg."

Und später, nach längerer Zeit: "Und jetzt, wo sind wir jetzt?"

"Treptow."

Jo wusste nicht, dass es solche Orte wie Prenzlauer Berg und Treptow in Berlin überhaupt gab. Sie sah kaum Ruinen. "Als ob es hier keinen Krieg gegeben hätte", sagte sie.

"Du wirst Augen machen, wenn wir erst da sind. Dort gibt es überhaupt keine Ruinen."

"Und wo – wo ist das: da?"

"Wird nicht verraten."

Jo war müde, sie schlummerte ein. Von einem Ruck erwachte sie. Das Pferdefuhrwerk stand. Der Braune wieherte, er freute sich, dass die lange Fahrt durch Berlin nun zu Ende war.

"Alles aussteigen! Endstation!"

Jo kletterte vom Küchenschrank herunter. Es war ein kleiner Hauseingang, nur für Menschen, kein breiter und hoher für Pferdefuhrwerke wie in der Kellerstraße. Jo zählte die Stockwerke: Drei! Vor dem Haus Anlagen, auf denen Jo entlaubte Büsche erkannte. Onkel Fred und Tante Lilian warteten schon vor der Tür.

"Als erstes die Betten!" Die Mutter war aufgeregt. "Die Kinder sind müde. Ich hatte schon Angst, Jo fällt mir vom Küchenschrank."

Jo stieg die fremde Treppe hoch. Es roch nach Bohnerwachs. Drei hellgründe Wohnungstüren in jedem Stock. Im ersten Stock stand eine Tür offen. Hier also, hier würden die Borkmanns ab heute wohnen.

Jo trat ein. Ein breiter, langer Flur, rechts ein eingebauter weißlackierter Schrank. Jo staunte: Hier konnte man sogar schaukeln!

Das erste Zimmer war nicht allzu groß, aber auch nicht so klein wie die Stube in der Kellerstraße, ein breites Doppelfenster, ein brauner Ofen. Das andere Zimmer war richtig groß, hier würden die Betten der Eltern stehen.

Sie suchte die Küche, fand sie endlich. Statt eines Fensters gab es eine Balkontür. Jo trat auf den Balkon. Ein paar Büsche, es war der Hof, auf den sie blickte. Baumwipfel hoben sich im Mondschein von der Dunkelheit ab. Das war kein Hof, das war ein Wald!

Onkel Fred und der Vater schleppten den Küchenschrank. "Hierher, Fred, an die Wand. Den Tisch dann in die Mitte. Und Jo, steh nicht rum. Ins Bett mit dir!"

"Ich kann heute nicht schlafen. Es ist so schön hier."

"Morgen ist es auch noch schön. Ins Bett, keine Widerrede!"

Unbedingt musste Jo noch das Bad sehen. Ein Bad! In der Wohnung! Dass es so etwas gab! Das Bad war schmal – eine Wanne, ein Badeofen, ein Klo, ein schmales Fenster. An den Wänden hatte jemand mit Bleistift ein paar Zeilen geschrieben. Jo versuchte zu lesen. Ach, das war Russisch! Das würde ihr der Vater übersetzen müssen.

Jos Bett stand im kleineren Zimmer. Veronika schlief jetzt in Jos altem Kinderbett. Jürgen lag, den Daumen im Mund, in dem neuen Kinderbett. Sonst war das Zimmer leer. Jo war im Nu eingeschlafen.

*

Die Borkmann-Kinder schliefen lange, bis in den Mittag hinein. Am Küchentisch saßen sie dann alle zusammen. Die Mutter hatte gekocht, ein Festtagsmahl: Buletten mit Rotkohl.

"Ab heute", sagte sie, "gibt es Küchendienst. Morgen bist du dran, Jo."

"Aber ich kann doch gar nicht kochen!"

"Dann lernst du es."

Der Vater lachte. "Wird schon schiefgehen, Rita. Jo ist erfinderisch. Wir werden uns alle zehn Finger lecken!"

Die Mutter wurde ernst. "So, mein Gatte und Geheimniskrämer, hättest du jetzt die Güte, uns endlich zu verraten, wo wir uns hier befinden?"

Der Vater nahm einen Bissen in den Mund. Er nuschelte. Jo verstand nicht.

"Wo? Ich höre wohl nicht richtig!" Die Mutter stemmte empört die Arme in die Seiten.

"Du hörst richtig, Weib: in Köpenick. Im tiefsten Berliner Osten. Mitten in Sibirien. Was dagegen?"

"Nichts dagegen", sagte Jo. "Ganz und gar nicht! Wo wir jetzt im Flur schaukeln können!"

Der Vater lachte schallend, die Mutter schien noch nicht zufrieden. Veronika, die nicht begriff, warum der Vater lachte, lachte mit.

Alle Zimmertüren standen offen. Auf der Hauptstraße fuhr ratternd eine Straßenbahn vorbei. Von unten waren Männerstimmen zu hören, jemand schrie etwas zum Haus hoch, von oben eine leise, windverwehte Frauenstimme.

Jo trat auf den Balkon. Sie hatte sich nicht getäuscht in der Nacht, der Hof war riesengroß, ein ganzer Kiefernwald! Zwischen den Bäumen hing Wäsche zum Trocknen. Und sonst Wiese, nichts als Wiese, wohin Jo sah. Hier konnte man sogar zelten! Oder eine Höhle bauen! Oder ein Beet anlegen, grüne Bohnen pflanzen. Und Tomaten für Oma, und Mohrrüben und Petersilie. Und Blumen! Überall Blumen! Wenn es doch bloß erst Frühling würde!

Jo wusste nicht, was es war, sie spürte nur ein Kribbeln, dicht am Herzen.
Ob ihr so das Glück sagte: Ich bin da?

Und morgen die neue Schule, die dritte. Alles von vorn, alles noch einmal.
Jo seufzte.
 

blackout

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Ich habe den letzten Absatz geändert:

Morgen die neue Schule, die dritte. Alles von vorn, alles noch einmal. Jo seufzte. Und heute der Dreizehnte, ausgerechnet! Der 13. Dezember 1949.
 

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