Kindheitserinnerungen, Kapitel 17: Am Üdersee

blackout

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Das Zelt war groß, eines für zwanzig Mädchen. Eine Decke über das Stroh – fertig war das Nachtlager. Überall im märkischen Sand, mitten zwischen den Kiefern und dem Ginster, standen Zelte. Und vor jedem Zelt ein Steingarten, Mosaike aus bunten Steinchen, Moospolstern und Ginsterzweigen. Es gab einen Wettbewerb: Welches Zelt hatte den schönsten Steingarten? Das Siegerzelt wurde beim Morgenappell mit einer Urkunde ausgezeichnet. Aber das Schönste am Sieg: Zwanzig hungrige Mäuler durften sich mittags garantierten Nachschlag holen. Mal gab es Grütze mit Rhabarber, mal Erbseintopf, mal Grießbrei mit selbstgesammelten Himbeeren und Blaubeeren.

Das Zeltlager hatte einen Appellplatz, riesig groß. Einzig die Lagerleitung saß in einem Steingebäude. Die Waschanlagen, Rohre mit nadelfeinem Wasserstrahl über primitiven Holztrögen, standen unter freiem Himmel. Ebenso die Toiletten, vielmehr die Verschläge aus grobgesägten, ungehobelten Brettern, von Zeit zu Zeit wehte Gestank von Chlor und Exkrementen zu den Zelten herüber. Über allem aber lag betäubend der Duft der Ginsterbüsche und der Kiefern – sobald man den Kopf aus dem Zelt steckte, Ginster, Sand und Kienäpfel, wohin man auch trat.

Im Terrarium wurde alles gefangengehalten, was da kreuchte und fleuchte: Eidechsen, Frösche, Libellen, Spinnen und Schmetterlinge. Die Arbeitsgemeinschaft Terrarium galt als die rührigste. Tagsüber wurde gewandert, gesungen oder im Üdersee gebadet, es gab Sportwettbewerbe, Schnellzeichnerwettbewerbe – und einen Lagerfunk.

Jo schlief neben der Zeltältesten, Renate. Die hatte ständig was an Jo auszusetzen: dass sie im Schlaf zappelte, dass sie auf ihrem Strohsack keine Ordnung hielt, dass sie im Schlaf lachte und brabbelte, dass sie zu früh aufstand – Renate war eine strenge Zeltälteste. Maulend fügte sich Jo.

Zur Morgenwäsche ging Jo zum Üdersee. Die Großen drängelten sich morgens und abends unter Spritzen, Lachen und Gekreisch um die Waschanlage und ließen Jo nicht an den kläglichen Wasserstrahl heran. Eines Morgens, als sie wieder mal die Wahl hatte zwischen Gewaschen und nicht Gewaschen, entdeckte sie, dass der See menschenleer dalag, nur ein paar Schwäne und Enten schwammen unlustig hin und her. Ein Bootssteg reichte weit in den See hinein, dort saß sie dann und putzte sich mit dem kristallklaren Wasser die Zähne. Die Schwäne und Enten schwammen herbei und bettelten um Futter. An den folgenden Morgen hatte Jo immer ein paar Stücke gemopsten Zwiebacks dabei. Es gab kaum Schöneres für Jo als diese Morgen am Steg.

Das Frühstück wurde an langen, grobgehobelten Holztischen eingenommen, unter freiem Himmel, bei jedem Wetter. Die Großen verschlangen Riesenberge von Marmeladenstullen und sangen dazu: "Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält …" Kein Frühstück ohne Gesang, kein Frühstück ohne Lachen und Herumalbern. Nach und nach fanden sich Paare, und die wohlausgeklügelte Sitzeinteilung der Lagerleitung geriet ins Vergessen.

Nach dem Frühstück Morgenappell, im Blauhemd Antreten auf dem Appellplatz. Ein FDJler von der Lagerleitung gab den Tagesablauf bekannt, es folgte ein Überblick über Ereignisse in der Welt, unter denen sich Jo nichts vorstellen konnte, dann Auszeichnungen für gutes und Tadel für schlechtes Verhalten, anschließend wurde die FDJ-Fahne gehisst, eine strahlende Sonne auf blauem Grund. Eine FDJlerin rief: "Heißt Flagge!" Jo rätselte anfangs, wie das gemeint sein könnte, kam aber dahinter, als die Flagge von einem kräftigen FDJler hochgezogen wurde. Er zog aus aller Kraft, so lange, bis die Fahne unter Quietschen und Quarren endlich am Ende der Fahnenstange wehte.

Eines Tages beschloss Renate, dass das gesamte Zelt Moos und Steinchen für den Zeltgarten sammeln sollte. Im Wald roch es nach Kienäpfeln und Moos, nach Sand und Ginster. Jo musste sich dicht bei Renate halten. "Ich habe keine Lust, mir vom Lagerleiter einen Tadel einzufangen, nur weil du Rabauke nicht hören kannst", begründete sie ihre Maßnahme.

Was gab es in diesem Wald nicht alles für Moose! Kleine, dünne Polster, um die es sich nicht lohnte, mittelgroße Stücke und Riesenpolster. Schnell war Jos Sack mit Moos gefüllt. Aber als sie aufsah – wo waren die anderen? Kein Mensch in der Nähe! Sie bekam einen Schreck: Nirgends ein Weg, kein Baum, an den sie sich hätte erinnern können!

"Renate! Renate! Wo bist du?" Keine Antwort. Sie stolperte durch den Wald, der plötzlich sehr fremd und feindlich war, und mutlos geworden, zog sie den Sack mit dem Moos hinter sich her. Endlich ein Weg. Wohin führte er? Erst mal sitzen, da, am Wegrand. Sie überlegte, wohin sie gehen sollte. Plötzlich raschelte es hinter ihr, etwas stürzte auf sie zu. Ein Reh flog mit einem großen Satz über sie hinweg. Sie sprang auf und lauschte. Überall raschelte es. Und wenn nun ein Wildschwein käme? Wohin sollte sie flüchten? Jo kamen die Tränen..

Eine Eidechse huschte über ihre Beine. Irgendwo hämmerte ein Specht. Die Bäume warfen schon lange, tiefe Schatten. Die Eidechse saß ruhig zu Jos Füßen und sah sie aus stecknadelkopfgroßen Augen an. "Eidechse, hast du dich auch verlaufen?" Die Eidechse begriff nichts. Jo griff nach ihr. Was war das: Sie hatte den Schwanz der Eidechse in der Hand! Die Eidechse aber war verschwunden.

Es wurde dämmerig. Plötzlich das Geräusch eines Motorrades. Jo stand auf, winkte und schrie. Der Fahrer, ein älterer Mann, stoppte. "Gehörst du zum Zeltlager?" Er musterte Jos verheultes Gesicht.

"Hm, ich hab mich verlaufen. Meine Gruppe hat mich einfach vergessen."

"Na, wenn das so ist – steig auf!" Ab ging die Fahrt zum Lager.

Die Wache am Tor schickte einen Melder zur Lagerleitung. "Wir haben sie! Wir haben sie!"

Der Lagerleiter kam ans Tor. Er musterte Jo streng. "Das halbe Lager sucht dich im Wald, du Göre. Und mir sitzt das Herz in der Hose! Verlaufen? So? Das bringst auch nur du fertig. Verläufst dich in einem deutschen Wald! Was hast du dir dabei gedacht, einfach auszubüchsen?"

"Ich hab doch … Nichts." Jo senkte den Kopf.

"Dachte ich mir. Dein Glück, dass du gefunden wurdest, wir haben schon die Polizei alarmiert!"

Renate blickte zornig auf Jo herab. "Ich spar mir jedes Wort! Sieh nach, ob noch was vom Abendbrot übrig ist. Oder nein, ich komm mit, sonst gehst du mir wieder verloren!"

Am nächsten Morgen, beim Appell, wurde Jos Verschwinden und glückliches Wiederauffinden als erstes genannt. Alle sahen auf Jo. Der Lagerleiter sprach ein ernstes Wort: "Vorfälle wie diese ziehen künftig den bedingungslosen Ausschluss nach sich. Außerdem wird ebenfalls ausgeschlossen, wer nach Anbruch der Zeltruhe draußen erwischt wird. Die Lagerordnung wird um diesen Punkt erweitert."

"Da hast du ja was Schönes angestellt mit deinem Ausreißen." Renate schüttelte den Kopf. "Du hast was gutzumachen. Bring dem Tom aus Zelt 21 diesen Brief hier, wir müssen umplanen. Aber lass dich nicht erwischen! Es ist Zeltruhe, und die Nachtwache ist unterwegs. Aber wenn sie dich kriegen, verschluckst du den Brief."

"Hier, Renate – ich steck ihn unter den Schlüpfergummi, da sieht ihn keiner. Kannst ganz beruhigt sein."

Jo schlich um die Zelte. Die Nachtwache leuchtete in die Dunkelheit. Noch einmal durfte Jo nicht auffallen! Endlich, die Nachtwache war verschwunden. Zelt 21. "Wer ist Tom?" "Hier!"

"Ein Brief." Jo nestelte den Brief aus dem Schlüpfer. Nachdem Tom gelesen hatte, sagte er: "Warte einen Moment, ich schreib eine Antwort."

Ein Halbnackter hielt Jo einen Zettel hin. "Hör mal, Kleine. Ich hätte da auch einen Brief. Zelt 10, Karola. Aber nicht lesen! Es ist geheim!" Wortlos steckte Jo beide Briefe unter den Schlüpfergummi.

So begann es. Jo transportierte nach dem Dunkelwerden Liebesbriefe zwischen den Mädchen- und den Jungenzelten, furchtlos, pünklich, zuverlässiger als die Post. Die Nachtwache bemerkte nichts. Der Lagerleiter wunderte sich: Das nächtliche Hin und Her zwischen den Zelten hatte aufgehört. Er schrieb es vermutlich seiner guten Erziehungsarbeit zu.

Eines Morgens, Jo saß auf dem Steg und putzte sich die Zähne, stürmte eine Horde fremder Jungen aus dem Dorf auf sie zu, und ehe sie begriff, fand sie sich im Wasser wieder. Sie ruderte mit den Armen. "Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht schwimmen! Ihr seid gemein! Ganz gemein seid ihr!"

Die Jungen auf dem Steg lachten und sahen zu, wie Jo im Wasser um ihr Leben rang. "Mit den Armen und den Beinen!", riefen sie. "Ihr seid gemein!", gurgelte Jo. Aber sie ertrank nicht. Mit den Armen und den Beinen ging es: Sie hatte schwimmen gelernt.

Der Juli näherte sich dem Ende, Jo hatte Geburtstag. Heute wurde sie sieben Jahre alt. Renate war verschwunden. Jo ging an den Üdersee, baden und Zähne putzen. Als sie, das Handtuch über der Schulter, zurückschlenderte, empfingen sie die Mädchen aus dem Zelt: "Wo bleibst du denn? Wir haben dich überall gesucht! Sie wollen anfangen."

Der Lagerlautsprecher räusperte sich. "Hallo, Jo! Hier spricht Renate. Hörst du mich? Das ganze FDJ-Zeltlager gratuliert dir zum siebenten Geburtstag. Ich singe dir jetzt ein Lied, es heißt 'Wahre Freundschaft'. Du hast es dir redlich verdient. Und bleib weiter so tapfer und so emsig. Muss ja nicht erklären, wie es gemeint ist." Ringsum lachte alles. Renate sang: "Wahre Freundschaft soll nicht wanken …" Jo wurde rot, ihr war die Aufmerksamkeit peinlich.

*

Die drei Wochen waren im Nu vergangen. Eines Abends hieß es: Abschlusslagerfeuer. Jo hatte nie so viele Lieder gelernt wie in diesen drei Wochen. Sie kannte alle Melodien und Texte. Die Jungen und Mädchen saßen um das Lagerfeuer herum, Pärchen umarmten sich verstohlen, sie sangen lauthals und küssten sich heimlich. Das Feuer flackerte, Jo sang aus voller Lunge mit: "Hab mein Wage vollgelade …", "Im schönsten Wiesengrunde" – ein halbes Liederbuch. Hätte es eines gegeben.

Am nächsten Morgen ging Jo an den See. Einsam lag er da, einsamer als sonst. Nirgends ein Schwan, nirgends Enten. Sie saß auf dem Steg, die Beine im Wasser, und blickte über den See. Am anderen Ufer Wald, kein Haus, kein Mensch. Es gab ein leises Gluckern, wenn ein Fisch an die Wasseroberfläche stieß, Libellen umflogen Jo. Wie schön es am See war.

Plötzlich Schritte auf dem Bootssteg. Renate, sie kam näher und setzte sich lange Minuten wortlos zu Jo.

"Na, traurig?", fragte sie dann in die Stille und sah ihre Schutzbefohlene an. "Weil es jetzt zu Ende ist?"

"Nein, nicht traurig, es ist nur … Doch, ein bisschen."

"Ich bin traurig. Jetzt fahre ich wieder in meine Stadt zurück, nach Schleswig-Holstein. Aber wenn ich an die Leute dort denke …"

"Sagen sie zu dir auch Kommunistensau?"

"Schlimmeres, Jo. Viel Schlimmeres." Renate sah auf den See hinaus, und minutenlang glaubte Jo, sie sei vergessen. "Ach ja, eine schöne Zeit, ein schöner Sommer." Renate seufzte.."Man muss kämpfen, dass es so bleibt. Dass es nicht wieder Krieg gibt."

"Vielleicht, Renate … Vielleicht sehen wir uns wieder. Wenn du mal nach Berlin kommst. Ich wohne Kellerstraße 11."

"Deine Adresse merke ich mir, Jo." Renate umarmte sie.

Ein Schwan näherte sich dem Steg. Auffordernd sah er die beiden Menschen an, das große und das kleine Mädchen. Dann, als er verstanden hatte, dass Betteln heute sinnlos war, schwamm er davon, bedächtig, hinein in den See.
 

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