Kindheitserinnerungen, Kapitel 18: Die neue Schule

blackout

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"Im Herbst kriegst du noch ein Schwesterchen. Oder ein Brüderchen", sagte die Mutter, "im November."

Jo war wütend. "Noch so ein Schreihals? Ich bin froh, dass Veronika schon spricht. Alles muss ich vor ihr verstecken. Sie hat mir schon ein Buch zerrissen! Und wo soll das Baby schlafen? In meinem Bett? Dann ziehe ich eben aufs Klo!"

Die Familie wurde immer größer, und in der Wohnung wurde es immer enger. Kaum wusste Jo noch, wo sie Schularbeiten machen konnte. Den Stubentisch hatte der Vater mit seinen Büchern belegt, zum Essen wurde abgeräumt. Am Küchentisch wurde alles andere erledigt: Brot geschnitten, das Mittagessen zubereitet – er war Ablage für alles. Eine Ecke hatte sich Jo für die Schularbeiten reserviert. Die würde bestimmt das neue Baby bekommen. Jo war wütend, und wie!

Sie zog sich zurück von der Familie. Der Kohlenkasten in der Küche war der einzige Ort, der noch ihr gehörte. Dort las sie. Alles, was sie in die Finger bekam: das Rundfunkprogramm der vergangenen Woche, das ihr die Großmutter gab und das sie vor dem Vater verstecken musste ("Wir hören kein Westradio!", sagte er. Dabei gab es bei Borkmanns gar kein Radio). Die Mädchenbücher der Mutter verstand sie nur halb, außerdem kamen sie ihr nur an Stellen interessant vor, wo sich die Liebenden küssten. Ihre Märchenbücher hatte sie alle schon gelesen: Grimms Märchen, Bechsteinmärchen, russische Märchen.

Die Eltern des Vaters wohnten im dritten Stock. Auch mit ihnen schien es Krach gegeben zu haben. Später erfuhr Jo, was geschehen war: 1933 war der alte Borkmann, immer KPD-Wähler gewesen, in die Nazipartei eingetreten. Das konnte ihm sein damals halbwüchsiger Sohn, der Pappi, nicht verzeihen. Einmal war Jo oben, im dritten Stock. Es roch nach Schimmel. Jo wurde von der dicken unfreundlichen Mutter des Vaters übersehen, sie war nur die angeheiratete uneheliche Tochter. Von diesem Tag an ging Jo nur hinauf in den dritten Stock, wenn es verlangt wurde.

Die Kinder der Kellerstraße sah sie jetzt seltener, sie musste sich um Veronika kümmern. Viel war nicht anzufangen mit der Schwester. Sie verstand noch nichts, plapperte dummes Zeug und zerriss Bücher. Und wenn Jo ihr die neuen Lieder vom Üdersee vorsang, hörte sie nicht zu.

Wolfgang machte sich lustig über Jo: "Kindermädchen, Kindermädchen!" Er gefiel Jo nicht mehr so wie früher. Wenn Ingo sie Kommunistensau nannte, stand Wolfgang auf seiner Seite. Vom FDJ-Zeltlager hatte sie nichts erzählt. Sie schwindelte: Bei einer Tante in Mecklenburg sei sie gewesen. Das zu sagen, hatte ihr die Mutter eingeschärft.

Die Mutter hatte sie mit Veronika spazieren geschickt. Wolfgang holte sie ein. "Kindermädchen, Kommunistensau!", rief er. Jo drehte sich um und holte aus. "Noch einmal, und ich knall dir eine!"

Wolfgang war erstaunt über Jos Wut, trotzdem lachte er. Er boxte Jo auf den Oberarm. Jo boxte zurück. "Du sagst noch einmal Kindermädchen oder Kommunistensau!"

"Hat ja gar nicht weh getan!" Wolfgang rieb sich den Oberarm.

Nein, mit den Kindern der Kellerstraße zu spielen, dazu hatte Jo jetzt keine Lust mehr. Sowieso, bald begann wieder die Schule. Die neue Schule, die im Russensektor. Wenn die anderen erfahren würden, dass sie jetzt in die Russenschule ging, wäre das Wasser auf ihre Mühlen und sie würde sich nur noch kloppen. Nein, da war es am besten, sie ging den anderen aus dem Weg.

Dann kam der 1. September, der erste Schultag in der neuen Schule. Die Pflugstraßenschule war nur noch eine halbe Schule, den Hauptflügel hatten Bomben getroffen, seine Ruine nahm den größten Teil des Schulhofs ein. Das Verwaltungsgebäude zur Straße war ein Backsteinbau, zerklüftet von Einschüssen, dort fand der Unterricht statt, im Keller. Über den Köpfen der Kinder liefen dicke, tropfende Heizungsrohre entlang, es war kalt.

Es gab Schichtunterricht: eine Woche Unterrichtsbeginn früh um acht, die zweite Woche begann nachmittags um zwei Uhr.

Herr Menzel war Neulehrer. So nannte man die jungen Enthusiasten, die bei schmaler Ration abends in der Humboldt-Universität auf der Schulbank saßen und tagsüber mit viel Einfallsreichtum die Kinder unterrichteten. Sie waren selbst noch Schüler, ehemalige Hitlerjungen oder, falls sie älter waren, eben erst aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Die früheren Lehrer mit Nazivergangenheit durften im Russensektor nicht unterrichten. Viele von denen gingen deshalb in die Westsektoren, wo man nicht so genau hinschaute.

Herr Menzel trug einen fadenscheinigen braunen Straßenanzug, darunter eine undefinierbare weiße Bekleidung, am Hals einen weißen Gummikragen. Ihm war immer kalt, er zitterte, wenn er vor der Klasse stand. Auch die Kinder zitterten, und so fanden sie es nicht komisch, wenn Herr Menzel ihnen mit dünner Stimme Diktate ansagte.

Es wurde in Hefte geschrieben, mit Tinte. Das Papier war so grau und so schlecht, dass man die durchgedrückte Schrift auf der Rückseite spiegelverkehrt lesen konnte. Die schwarze Flüssigkeit in den Tintenfässern zerlief, sobald sich die Feder spreizte, und hinterließ in Jos Heften dicke, unschöne Kleckse. Sie musste erst einmal lernen, mit Tinte zu schreiben, die anderen Kinder hatten es bereits in der ersten Klasse gelernt. Herr Menzel schüttelte den Kopf, wenn er die Diktate zurückgab: "Null Fehler, Jo. Aber Schrift vier. Macht leider nur eine Zwei. Mach dir nichts draus, Marx hat schlimmer geschrieben." Die Klasse lachte. Jo fand nichts zum Lachen, sie schämte sich. In Schrift eine Vier, auf der Schiefertafel war ihr das nie passiert. Überhaupt, sie kannte einiges nicht, was die anderen Kinder kannten: den monatlichen Wandertag, und auch im Rechnen waren sie viel weiter, sie rechneten bis tausend und kannten das Einmaleins bis zur Fünf. In der Müllerstraßenschule hatte Jo nur das Einmaleins mit der Zwei gelernt. Sie hatte vieles aufzuholen.

Und was Jo auch nicht kannte: Junge Pioniere. Sie trugen blaue Halstücher. Sie kamen nie ohne Schularbeiten in die Schule. Sie sagten nicht vor. Sie schwatzten im Unterricht nur, wenn sie nicht erwischt wurden. Sie waren die besten Schüler in der Klasse. Bei Frühunterricht trafen sie sich nachmittags zum Pioniernachmittag, und am nächsten Tag erzählten sie so viele Neuigkeiten, dass die anderen Kinder staunten. Bei den Pionieren konnte man was erleben, musste nicht nur zu Hause auf dem Kohlenkasten hocken.

"Pappi, ich will Pionier werden", sagte Jo eines Abends. "Ich soll deine Unterschrift bringen."

Der Vater staunte: "Du? Pionier? Warum denn?"

"Die Pioniere sind unsere Vorbilder, sagt Herr Menzel, sie machen so viele Sachen. Zum Beispiel singen sie Lieder, Pionierlieder und Volkslieder. Auch russische Lieder, und sie gehen in Ausstellungen, und manchmal machen sie Wanderungen. Und sie haben zehn Gebote. Und für den Frieden sind sie auch. Sie haben nämlich ein fortschrittliches Bewusstsein. Deshalb dürfen nur die besten Schüler Pioniere werden, sagt Herr Menzel."

"So, das sagt Herr Menzel auch? Dass sie ein fortschrittliches Bewusstsein haben? Na, wenn das so ist ..." Der Vater schmunzelte. "Darüber lässt sich reden. Unter einer Bedingung: Schriftzensur mindestens Zwei, sonst wird es nichts mit dem Pionier, Fräulein. Wie Herr Menzel sagt: Nur die Besten!"

"Aber ich bin doch nicht schuld! Die Tinte und das Papier, Pappi!"

"Dann frag ich mich aber, warum die anderen Kinder nicht auch eine Vier in Schrift haben. Haben sie bessere Tinte und besseres Papier?"

Der Vater hatte recht: Sie musste sich mehr Mühe geben. Nach den Schularbeiten übte sie das Schreiben, seitenlang. Täglich wurde ihre Schrift besser. In Diktaten erhielt sie jetzt immer eine Drei in Schrift, Endzensur Eins. "Gerade man so", sagte Herr Menzel.

Der Vater war immer noch nicht zufrieden. "Eine Zwei in Schrift, hab ich gesagt. Das ist auch fortschrittliches Bewusstsein!"

In den Westsektoren hatte es im Sommer eine Währungsreform gegeben. Deutschland war von den Westalliierten gespalten worden mit der neuen Währung. Ein Staat - zwei Währungen? Das ging nicht, die zweite Währung galt in Westdeutschland und auch in den Berliner Westsektoren. Pappi schimpfte: "Spalterwährung! Judaslohn!" Von einem Tag auf den anderen prangten die Läden in bunten Farben, die Schaufenster waren gefüllt mit Dingen, die Jo nie gesehen hatte. Überall hatten sich Buden angesiedelt, bei denen man für wenige Pfennige Kaugummi, Sahnebonbons und Schokolade kaufen konnte. Jo bettelte die Großmutter: "Kauf mir doch einen Kaugummi, bitte, Oma!" Aber Großmutter hielt nichts von Kaugummi. "Ick koof dir lieber Schuckelade, die is nahrhafter", sagte sie.

Jo strich an den bunten Läden vorüber. Bei Hertie, dem halbzerbombten Kaufhaus in der Müllerstraße, stand sie lange vor einer großen offenen Vitrine: ein ganzer Berg von in Zellophanpapier eingewickelten Füllhaltern, Stück eine Mark. Einen solchen Füllhalter haben! Dann verliefe die Tinte nicht mehr in den Heften, Jo bekäme eine Zwei in Schrift und würde Junger Pionier werden dürfen!

Jo bettelte: "Oma, liebe Oma, ich brauche einen Füllhalter. Bei Hertie gibt es ganz billige, nur eine Mark! Dann will ich auch keinen Kaugummi haben und keine Schokolade. Bitte, Oma. Nur einmal, nur einen Füllhalter."

"Füllhalter? Da frag mal deinen Vater, der is dafür zuständig. Det kann ick Opan nich erklärn, der kontrolliert mein Haushaltsbuch."

Der Vater arbeitete inzwischen bei der DEFA in Babelsberg. Das Gehalt im Osten war niedrig, es wurde zu sechzig Prozent in Ostwährung und zu vierzig Prozent in Westwährung ausgezahlt. Von den vierzig Prozent West mussten die Miete, die Strom- und Gasrechnungen und alle sonstigen Ausgaben des Haushalts bezahlt werden. "Nur harte Währung, was soll ich mit dem Klopapier", sagte der Hauswirt, als der Vater ihm die doppelte Miete in Ostwährung anbot. Von den sechzig Prozent Ostgeld wurden Lebensmittel eingekauft, in der Boyenstraße, im Russensektor, wo Großmutter vor dem Krieg Stammkundin gewesen war.

Die Eltern konnte Jo also nicht betteln, ihr einen Füllhalter bei Hertie zu kaufen. "Oma, ich will nie mehr im Leben Schokolade haben. Ich will nur einmal einen einzigen Füllhalter. Schenk ihn mir doch zu Weihnachten! Bitte, Oma. Dann will ich auch nichts zu Weihnachten haben und stänkere auch nicht mehr mit Siggi."

"Den Siggi siehste jetzt doch jar nich mehr. Kommt abends, verschwindet morjens in aller Herrjottsfrühe. Wie'n Schlafbruder. Aber jut, Jo, ick lass mir breitschlagen. Aber dass du Opan nischt sagst! Dafür jibt's heute aber ooch keene Schuckelade. Opa sieht sich mein Haushaltsbuch janz jenau an. Da kann ick nich schreiben: Füllhalter für Jo. Der würde'n Anfall kriejen. Ick schreibe: Schuckelade für Jo." Und bekümmert fügte die Großmutter hinzu: "Und det allet nur, weil die Rita Ihrer bei die Roten is. Zustände sind det! Den Füllhalter musste deinem Pappi aber erklärn."

"Ooch, da fällt mir schon was ein, Oma."

Und dann hielt Jo den Fülhalter in der Hand. Ein richtiger Füllhalter! Andächtig entfernte sie das Zellophanpapier und füllte die Tinte ein. Probehalber kritzelte sie ihren Namen auf ein Stückchen Packpapier. Gestochen scharf stand er da, in blauer Tinte, wie gedruckt: Jo. Ohne Faserspuren, ohne Kleckse. Sie würde nicht nur eine Zwei, sondern sogar eine Eins in Schrift bekommen.

Und jetzt, jetzt endlich konnte sie Junger Pionier werden!
 

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