Klassentreffen

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CPMan

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Im Grunde genommen geht es mir mit meiner alten Stufe wie mit einer Verflossenen, mit der ich vor zehn Jahren Schluss gemacht habe. Die Leute aus meiner Stufe kennen mich noch von damals, und sie kennen mich sehr genau, schließlich haben sie mich ja tagtäglich gesehen. Sie wissen von meinen intimsten Details, wissen von meinen kleinen Heimlichkeiten, meinen Psychosen und meinen sonstigen Ticks. Sie wissen Bescheid über meinen Alkoholkonsum, über mein Minderwertigkeitsgefühl, meine heimliche Liebe und über mein Elternhaus. In diesem Sinne ist meine Stufe wie eine Verflossene: Sie weiß über die Dinge Bescheid, die damals unsere Vertrautheit im Umgang miteinander ausmachten und sie weiß auch dass mir diese Dinge nun peinlich sind. Die Stufe ist wie eine alte Liebe, die man nicht mehr liebt und für die man sich nun schämt. Genauso wie man einer alten Liebe nicht mehr unbedingt begegnen will, so will ich auch den Leuten aus meinem Abiturjahrgang nicht mehr begegnen. Ich will ihnen durch Abwesenheit zeigen, dass ich mich verändert habe, mehr noch, dass ich mich fortentwickelt habe. Ich will ihnen zeigen, dass ich nicht mehr der kleine Junge aus der Provinz bin, der ich mal war und für sie immer noch bin, sondern dass ich der Mann von Welt bin, der es aus terminlichen Gründen nur noch selten schafft, in die Heimat, in die tiefste Provinz zurückzukehren. Ich will ihnen zeigen, dass ich Abstand gewonnen habe von dem kleinen Leben, das uns einst verband, und dass ich nun ein großes Leben führe, auf großem Fuß lebe, und dass meine Reise nach New York, mein Leben in Paris und mein Studium in Berlin unvereinbar sind mit dem Leben in Herresburg. Ich will mich in meiner Anmaßung über jeden erhaben fühlen, der nach dem Abitur in Herresburg geblieben ist und dort eine Ausbildung gemacht hat und vielleicht noch immer bei seinen Eltern wohnt.
Falls ich doch zum Klassentreffen hingehe (und ich werde hingehen, das ahne ich), will ich mit einem Auftritt in schicken Klamotten und mit meinem akademischen Vokabular jedem klarmachen, dass aus mir ‚was geworden’ ist. Mit meinem Blick will ich alle Lügen strafen, die damals geglaubt haben, dass ‚aus dem sowieso nichts wird’. Mit meinem regard hautain und den schwarzen Lackschuhen möchte ich durch die festlich geschmückte Aula unseres ehemaligen bischöflichen Privatgymnasiums schreiten und den Leuten durch meine Mimik mitteilen: Ich bin ein Gott unter Insekten!

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Ich bin gestern in Herresburg angekommen. Was ich bisher nur von innen kannte, sehe ich nun zum ersten Mal wirklich von außen. Was früher für mich der weit entfernte Horizont war, ist jetzt die lächerliche Stadtgrenze eines zutiefst spießbürgerlichen Kaffs.
Jetzt, mit neunundzwanzig Jahren und nach erlebten Geschichten in New York (Fahrt in einem Cadillac durch den Holland Tunnel, Besuch des Musicals STOMP, Schlendern auf dem Times Square und im Central Park, durchzechte Nacht im Transenviertel, Übernachten im Station Wagon und Zähneputzen in Boxershorts auf offener Straße), in Paris (Arbeit an der Rezeption eines Hotels, WG mit einem Spanier, einer Finnin und einer Schwedin in der rue de la cossonnerie) und in Maastricht (Studium des International Business, deutschnational gesinnte, neunzigjährige Vermieterin, deren verstorbener Ehemann bei der flämischen SS tätig war), fällt es mir schwer, meine Heimatstadt nicht in einen größeren Kontext einzuordnen. Nun haftet meiner Heimatstadt unweigerlich dieser Gestank von Bauernhöfen und Kuhfladen an, und die Einwohner kann ich jetzt nur so definieren: Weltfremde, zutiefst deutsche, bäuerliche und engstirnige, non open-minded bums.
Nicht, dass ich mich schäme, hier geboren worden zu sein. Aber diese Stadt hat nichts mehr mit mir zu tun, diese Stadt, über die ich mich und die mich einst definierte, ist nun mit meinem Charakter so unvereinbar, dass sie zu einer Randnotiz in meinem Lebenslauf verkommt. Wichtig und entscheidend für meinen Charakter ist das, was ich seit meinem Weggang aus Herresburg getan habe. Alles davor lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Ich habe in dieser Stadt mein Abitur gemacht. Ich habe neunzehn Jahre meines Lebens in Herresburg verbracht um einen einzigen, nicht einmal besonders wertvollen Abschluss zu erlangen. Neunzehn Jahre habe ich in dieser Stadt verschwendet, die mir in all der Zeit ein Quantum an Bildung und Kultur angedeihen ließ, für das eine einzelne Metropole dieser Welt vielleicht zwei Wochen gebraucht hätte. Neunzehn Jahre, die mir innerhalb Deutschlands dazu verhelfen, von Fremden als Provinzler abgestempelt zu werden. Neunzehn Jahre, die mir trotz der intensiven Lektüre von Lacan, Bataille, Thoreau, Le Bon, Dreyer und Nietzsche nicht gestatten, mich als philosophischen Kosmopoliten zu bezeichnen. Ich bin ein Herresburger, ein Provinzler, ein Deutscher. Ich habe Wurzeln, nein, ich habe eine Vergangenheit, die aufs Engste mit diesem eigentlich willkürlichen Ort Herresburg verknüpft ist und ich kann diese Geschichte nicht mehr loswerden, ganz gleich, ob ich meine Zeit in Zimbabwe, Zabid, Zagazig oder im Zillertal aufschlage. Ich bin Herresburger, und weil ich Herresburger bin und auf dem von Dominikanern geleiteten St. Thomas Gymnasium in Herresburg mein Abitur gemacht habe, wurde ich von den damaligen Stufensprechern zum zehnjährigen Jubiläum unseres Abiturjahrgangs eingeladen. Und ich weiß nicht wieso, aber ich werde hingehen.

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Die Einreise in die Stadt, die man wohl oder übel seine Heimat nennen muss, gestaltet sich anders als die Einreise in andere Städte. Als der Regionalzug von Soeskent abfuhr, begann die Umgebung vertrauter und vertrauter zu werden. Häuser, Bäume, Sträucher und Straßen waren nicht mehr beliebig wie in jeder anderen Stadt, sondern besonders und standen in einem engeren Bezug zu mir und meinem Leben als die Häuser in Hanktal, die Sträucher in Vechtona, die Straßen in Bertboerde und die Bäume in Zuggert. Ich erkannte eine Fläche Land, die ich schon tausendundeinmal selber abgegangen war, ich sah Häuser, die ich schon mehrmals betreten hatte und sah von weitem Gebäude, die ich aus der Nähe kannte. Da war die Disco, wo sie Elenas Auto abgeschleppt hatten, hier wohnte Thomas, genannt Knügge, mit seinen Eltern, dahinter befand sich die Pferdekoppel. Von weitem sah ich die Kirche des Gedelekenviertels, die Kirche, in der meine Mutter mich zum Ministranten hatte ausbilden lassen. Eine riesige Baustelle an der Flingdener Straße befand sich nun dort, wo früher einmal das Asylantenheim gestanden hatte. Der Baumarkt Welsinghorst hatte erneut angebaut und die Sanierung des Bahnhofs war abgeschlossen. In meiner Abwesenheit hatte sich die Stadt genauso verändert wie ich mich, und dieses veränderte Stadtbild war zugleich ein Beweis für die Entfremdung, die zwischen mir und meiner Stadt stattgefunden hatte. Vor neun, zehn Jahren war ich noch mit dem Fahrrad über einen Sandplatz geheizt, auf dem jetzt ein Schuhgeschäft steht.
Den Weg vom Bahnhof bis nach Hause ging ich zu Fuß. Ich lief an der Volksbank auf der Gantzstraße entlang, bog in die Stützenstraße ein und ging am Haus von Heike vorbei, mit der ich in der Grundschule gewesen war und die trotz guter Noten die Clara-Zetkin Realschule und nicht eines der zwei Gymnasien besucht hatte. Ich sah den Supermarkt Börkes (der Sohn des Besitzers war ein tumber, fetter Kerl, der noch immer nur zum Regalauffüllen taugte), lief auf die Heerstraße zu, in der der Spielplatz meiner Jugend noch immer an das Altenheim grenzte (in meiner Kindheit hatte der Begriff Generationenkonflikt sehr schnell große Bedeutung erlangt) und sah die von den auf dieser Straße lebenden Eltern liebevoll gemalten Holzschilder, die Autofahrer höflich zu einem Schritttempo aufforderten, obwohl es offiziell eine 30er-Zone war.

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Schweigen wir von den Eltern. Sie sind ein eigenes Kapitel, ein ganzes Buch gar, und haben mit dem Verhältnis zu meinen ehemaligen Klassenkameraden nur entfernt etwas zu tun. Wichtiger erscheint mir da schon mein Zimmer, weil es am deutlichsten den Unterschied zwischen meinem jugendlichen und meinem jetzigen Ich zur Geltung bringt. Wenn ich nämlich vor der offenen Tür zu meinem Zimmer stehe und in das Zimmer hineinsehe, meinen Blick auf das Bett, auf den Schrank, auf den Schreibtisch mit dem Commodore 64 samt Floppy 1541 II und auf den Nachttisch richte, dann sehe ich ganz schwach auch mein jugendliches Ich, das in diesem Zimmer sitzt, schläft, Computer spielt, gähnt, lacht und weint. Ich sehe ein Ich aus meiner Vergangenheit, das geistig dermaßen von mir entfernt ist, dass ich es als eigenständige, andere Person betrachten kann. Ich sehe das junge Ich, wie es sich über alltägliche und mir heute nichtig erscheinende Dinge den Kopf zerbricht. Wie es die Geschehnisse auf irgendeiner Landjugenddisco, einem Schützenfest, einer Klassen- oder Stufenparty nochmal Revue passieren lässt und dabei jede einzelne Geste, jeden einzelnen Satz der damaligen Angebeteten (Laura) in seiner Bedeutung zu analysieren versucht. Die Wichtigkeit, die ich damals der Liebe beigemessen habe, ist die gleiche geblieben, aber der Blickwinkel ist heute doch ein anderer, ein erwachsener Blickwinkel, wie ich zu behaupten wage. Jedenfalls erinnere ich mich, dass meinem damaligen Ich die Beliebtheit innerhalb der Klasse, bzw. Stufe das Wichtigste war. Jeder sollte mich mögen, alle sollten mich gerne haben und auf keiner Party wollte ich fehlen. Immer richtete mein damaliges Ich seinen Kleidungsstil, Sprachduktus und seine Verhaltensweise nach den Typen aus, die in der Klasse, bzw. Stufe meines Erachtens den größten Ruhm genossen. Wenn Knügge sich neue Reeboks kaufte und damit sportlich aussah, musste ich auch welche haben. Wenn Frank eine Baseballjacke der LA Raiders besaß, dann musste ich zumindest das dazu passende Käppi haben, und wenn Michel Holtzbrinck Leute fragte, ob sie am Wochenende ins Aquarodrom mitfahren wollten, dann musste ich zu den Eingeladenen gehören. Meine ganze Welt hatte nur dann ein Recht auf Existenz, wenn sie innerhalb des Sonnensystems kreisen durfte, das die am stärksten strahlenden Sterne des Herresburger St.Thomas Gymnasiums in sich vereinte. Meine kleine Welt unterlag fast vollständig den Anziehungskräften von Frank, Knügge, Locke, Marco, Uwe, Henrik oder wie die coolsten Typen meiner Schule zu jener Zeit sonst so hießen. Ich konnte nur dann sinnvoll weiterleben, wenn der Glanz der Coolen auf mich abstrahlte.
Heute ist es genau umgekehrt. Ich bin mein oberstes Gesetz. Ich bin ein Einzelgänger, der nur sich selbst Rechenschaft ablegt. Ich vereine in mir Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Negatives Feedback von anderen Leuten prallt an mir ab, denn ich bin diesen Spöttern erhaben. Wie ich schon sagte, ich bin ein Gott unter Insekten.

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Seit meinem Weggang unterscheide ich zwischen zwei Arten von Freunden. Aus dem großen Pulk von ehemals in meiner Wertschätzung gleichgestellten Freunden hat sich eine winzig kleine Gruppe abgespalten, mit der ich mich seit dem Abitur immer besser verstehe. Zu dieser Gruppe zählen drei Jungs: Henrik, Frank und Dirk. Ein entscheidender Grund für dieses gute Verhältnis liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass alle drei aus dieser Gruppe ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Während ich nämlich nach dem Wehrdienst für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin um dort zu arbeiten, haben Henrik und Frank schon vorher wertvolle Auslandserfahrungen sammeln können. Henrik hat seinen Zivildienst für ein Jahr in der nähe von Philadelphia in einem im Wald gelegenen Camp für geistig und körperlich behinderte Kinder abgeleistet, Frank hat in einem Sterbehospiz in Santiago de Chile alten Menschen beim Veratmen zugesehen. Diese Auslandserfahrungen trugen bei beiden dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern und gewissermaßen auch zu verlassen. Der Erwerb einer anderen Sprache ging einher mit dem Erlernen einer anderen Kultur, das Deutsche wurde dadurch zwangsweise kontrastiert und als Nonplusultra in Frage gestellt. Mein Aufenthalt in Frankreich nimmt sich gegen diese beiden großkalibrigen Aufenthalte in den USA und Chile eher winzig aus, aber mündete im gleichen Ergebnis: Wir alle hatten ein bisschen von der Welt gesehen und dieses Sehen hatte uns einander nähergebracht. Dirk zähle ich zu dieser Gruppe, obwohl er nie längere Zeit im Ausland gewesen ist. Er hat durch sein Studium in Berlin das Ausland in seiner Stadt gehabt und aus diesem Grunde bin ich im Gespräch mit ihm nie um ein Wort verlegen. Alle drei, Frank, Henrik und Dirk, sind in ihrem Verhalten mir gegenüber so unkompliziert, dass ich mich in ihrer Gegenwart so verhalte, wie es meinem eigentlichen Wesen am ehesten entspricht. Es ist gut, solche Freunde zu haben. Freunde, denen man nicht erst lange und breit erklären muss, wie man etwas meint, sondern die den Kontext, in dem ich es sage, augenblicklich verstehen.

Die zweite Gruppe, die eine Mehrheit bildet, sind ehemals gute Freunde, die sich zuallererst dadurch auszeichnen, dass sie nach dem Abitur in Herresburg geblieben sind. Ihre in meinen Augen etwas sinnentleerte Sesshaftigkeit führte zu einer Entfremdung, die in Distanz mündete. Wenn ich mit jemandem aus dieser Gruppe spreche, dann ist da dieses unangenehme Gefühl im Unterbewusstsein, das mir bewusst macht: Wir liegen nicht mehr auf einer Wellenlänge, ich suche krampfhaft nach Gesprächsthemen, weil ich keine unangenehmen Gesprächspausen haben will, genauso wenig wie mein Gesprächspartner, der keine Ahnung mehr von mir und meinen Interessen hat, denn sonst würde er nicht so einen uninteressanten Müll daher labern.
Diese zweite Gruppe hatte in meinen Augen Angst vor der Zukunft. Sie blieben in Herresburg, weil sie sich nicht von dem Leben loslösen konnten, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatten. Sie wollten weiterhin am Wochenende Saufgelage veranstalten, die übliche Diskothek besuchen und sie wollten vor allem keine Fremden in einer fremden Stadt sein. Vielleicht überinterpretiere ich, aber ich glaube wirklich, dass sie Angst hatten. Was insofern arrogant ist, weil ich damit ja auch gleichzeitig sage, dass ich mutig war, weil ich in der Welt umherzog wie ein Landstreicher.

Und so ist es einer aus der ersten Gruppe, der mich, kaum angekommen, telefonisch kontaktiert. Henrik, seines Zeichens Verhaltenstherapeut (noch in Ausbildung) und nicht zuletzt aus diesem Grunde ein Meister in der Analyse aller Befindlichkeiten. Ihm kann ich getrost davon erzählen, dass ich keine gesteigerte Lust auf das Abinachtreffen habe, aber dass ich trotz meiner Bedenken hin gehen werde. Er sieht es ähnlich, allerdings sieht er diesen Konflikt der zwei Gruppen nicht. Für ihn sind, glaube ich, alle Mitglieder aus der oben erwähnten ersten und zweiten Gruppe Individuen, die mehr oder weniger zu seinem Freundeskreis zählen. Er wirft mir durch seine Gleichbehandlung aller Stufenkameraden indirekt vor, ich würde der sozialen Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft Auftrieb geben. Indirekt will er mir sagen: Wenn du immer wieder darauf pochst, dass du mit deinen ehemaligen Klassenkameraden nichts mehr gemeinsam hast, dann ist das nur ein zwanghafter Versuch, dich selbst zu positionieren. Du sagst, du bist anders, aber eigentlich geht es dir darum, zu sagen, dass du besser bist. Gut, diese Leute haben weniger Auslandserfahrung als du oder ich, aber das macht sie weder zu dümmeren noch zu einfältigeren Menschen als dich. Ihre Interessen sind anders gelagert, ihnen geht es um eine sichere Zukunft, um einen guten Job, um einen Platz im Leben. Nur weil du diese Art zu leben für konventionell und feige hältst, muss diese deine Ansicht nicht die wahre und richtige sein. Du solltest stattdessen versuchen heraus zu finden, was du willst in deinem Leben und was dich zufrieden macht, anstatt anderen, die deine Weltanschauung nicht teilen, vorzuwerfen, sie seien beschränkt. Es ist nämlich, finde ich, sehr entlarvend, wenn du dich nur dann gut fühlen kannst, wenn du dich pausenlos mit anderen Menschen vergleichst, nur um zu sehen, ob du besser da stehst als sie. Du solltest lernen, deinen eigenen Weg zu gehen anstatt anderen deinen Weg vorschreiben zu wollen.

Ich denke, Henrik hat nicht ganz unrecht.

Darüber hinaus weiß Henrik auch, und dazu muss er nicht einmal seine psychologische Intelligenz benutzen, dass ich vor allem deshalb auf das Abinachtreffen gehen werde, weil Laura dort sein wird. Sie ist die Jugendliebe, die man nie ganz vergessen kann, selbst wenn man sie nicht mehr liebt und sich aufrichtig in eine andere Frau verliebt hat. Sie ist die in eine physische Form gegossene Bewusstwerdung meines Sexualtriebs. Sie ist die Frau, die mich an die Zeit erinnert, als ich zum Mann reifte, sie ist die Frau, die mein Verständnis von Liebe prägte ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben. Sie ist (und das ist leider ein großes Problem) der Grund dafür, dass ich immer noch glaube, wahre Liebe sei nur aus der Distanz möglich. Sie ist der Grund dafür, warum ich zu einem Mädchen, das ich in Frankreich kennengelernt und auch en wenig geliebt habe, so etwas Dummes sagte wie: „Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mich verlassen, denn wahre Liebe gibt es nur wenn du das Bild von mir, das du im Anfangsstadium deiner Liebe hast, behältst, und nicht mit den schnöden und weltlichen Details fütterst, die ein gemeinsamer Alltag uns bescheren würde. Wirklich lieben kannst du nur ein Bild von mir, denn ich selber bin nur Mensch, und was, bitteschön, ist liebenswert an einem Menschen?“
Laura, die mich nie wert für befand, ihr Freund zu sein, hat mir die Kraft der Phantasie angedeihen lassen. Obwohl sie sich nicht für mich erwärmen konnte und obwohl ich sie nie wirklich gut gekannt habe, war sie für die gesamte Dauer meiner Jugend bis zum Abitur der Mensch, der mich am stärksten beeinflusste. All die Jahre habe ich geglaubt, ich liebe sie und erst vor wenigen Monaten ist mir aufgegangen, dass ich all die Jahre nur mein eigenes Bild von ihr geliebt habe. Die menschliche Laura und die Phantasie-Laura (in die ich unsterblich verliebt war) hatten vielleicht eine gemeinsame Schnittmenge, aber sie waren bezüglich ihres Charakters dennoch grundverschieden. Erst als ich merkte, dass die menschliche Laura mit der Phantasie-Laura nichts zu tun hatte, konnte ich loslassen. Erst als die menschliche Laura Dinge sagte, die meine Phantasie-Laura niemals gesagt hätte, begann ich zu merken, dass ich mich selbst all die Jahre betrogen hatte. Ich hatte eine Frau geliebt, die es gar nicht wirklich gab, eine Frau, an die Laura mich erinnerte, aber die Laura nicht war.
Und das Abinachtreffen soll in dieser Hinsicht meinen Abschied von meiner Jugend besiegeln. Ich will Laura sehen und milde lächelnd denken: Das also ist die Frau, in die dein früheres Ich verliebt war. Ich will vor mir selbst beweisen, dass der Zauber dieser Frau an mir vorbei geht, dass ich ein Mensch geworden bin, der sich dank seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion endlich wirklich in eine real existierende Frau verlieben kann und nicht mehr in Projektionen, für die reale Frauen nur als Stichwortgeber fungieren.

Ich muss das noch weiter ausführen: Ganz gleich wie sehr man der Liebe, die man liebt, auf die Spur kommt und wie sehr man auch die rationalen und objektivierbaren Gründe aufzählen mag, die dazu geführt haben, dass man sich hoffnungslos in einer anderen Person verloren hat, bleibt doch eines sicher: Liebe kann falsch sein, Liebe kann vergehen, Liebe kann eine große Lüge sein, aber dennoch bleibt Liebe Liebe: Das Gefühl, das man hat, ist echt. Es mag vielleicht aus unlauteren oder fragwürdigen Gründen entstanden sein, aber dieses flaue Gefühl im Magen, diese Kribbeln im Kopf, diese wohlige Anspannung, wenn man der geliebten Person begegnet, kann diesen rationalen Hintergrund mit einem Schlag überfluten. Mag ich auch gelernt haben, die wahren Gründe für meine Liebe zu Laura zu finden, mag die echte Laura auch nicht der Laura entsprechen, die ich damals geliebt habe, steht dennoch unerschütterlich fest: Ich habe geliebt. Und Laura war der Grund, warum ich geliebt habe.

Der Abend des Abinachtreffens rückt näher. Ich muss alleine hingehen, Henrik kommt erst später, Frank und Dirk wohnen so ungünstig, dass eine gemeinsame Fahrt zur Schule geradezu als Beweis dafür gelten würde, dass wir, bzw. ich Angst habe, alleine dort hinzugehen. Also muss ich alleine hin.

Es ist soweit. Ich bin angezogen. Ich muss los.

*

Ich habe noch keinen einzigen Schluck Alkohol intus, und schon begegnet mir Wolfi auf der Treppe zum Partyraum (bei meinem Eintreffen habe ich schnell festgestellt, dass das Nachtreffen nicht in der festlich geschmückten Aula – viel zu groß – sondern im Partyraum des alten Klostergebäudes stattfindet). Wolfi ist der aalglatte Bürgerschreck unserer Stufe gewesen, der immer glatt gegelte und perfekt durchgestylte Vorstadtyuppie, der allen mit dieser übertriebenen Höflichkeit begegnet, die schon erahnen lässt, dass er hinterrücks ganz anders von dir redet. Hey, alter Schwede, ruft er, und holt übertrieben weit aus um mir die Hand zu geben. Mein gequältes Lächeln scheint ihn nicht zu irritieren, er stellt die üblichen Fragen, die ich so knapp und kurz beantworte, dass er ahnen muss: Dieser Mensch will dich loswerden. Ich stelle kein Gegenfragen und sage: Ich guck mal, ob drinnen schon was los ist. Wolfi dampft ab.
Im Eingangsbereich des Klostergebäudes wird mir mulmig zumute. Dort stehen nämlich zehn ehemalige Stufenkameraden, dazwischen sogar einzelne Lehrer. Da ich viele von ihnen lange nicht gesehen habe und ein Großteil von ihnen auch schon damals nicht zu meinen besten Freunden zählte, sehe ich mich nicht dazu veranlasst, zu jedem von ihnen hinzugehen und ihm die Hand zu schütteln. So begnüge ich mich damit, die Umherstehenden mit einem wackligen Lächeln anzugrinsen und ein eher leises ‚Hallo’ anzustimmen. Ein paar nicken zurück, Frau Tietz, meine ehemalige Geschichtslehrerin sagt bedeutungsschwanger ‚Ah, der Herr Mengen’ und dann bin ich auch schon durch.
Ich schaffe es ohne größere Schwierigkeiten in den Partyraum. Auf einer der Sitzbänke erkenne ich Pia, eines der hübscheren Mädchen, mit der ich damals im Behindertenheim an der Forststraße mein soziales Praktikum machen durfte. Schnell setze ich mich neben sie, sie umarmt mich fast ein wenig überschwänglich, fragt mich dann mit drei Fragen über mein Leben aus und würde sich auch sicher noch weiter mit mir unterhalten, wenn da nicht gerade ihre beste Freundin Britt zur Tür hereinschneien würde.
Plötzlich sitze ich also alleine auf der Bank. Mein umherschweifender Blick verrät mir, dass noch keine wirklichen Freunde von mir anwesend sind. Unsicher grinse ich die ehemaligen Stufenkameraden an, die in meine Richtung nicken und mir zuprosten, aber keine Anstalten machen um auf mich zuzugehen. Ich wiederum weiß nicht, ob ich das nun gut oder schlecht finde. Gut finde ich es, glaube ich, weil ich noch keine große Lust verspüre, zwanghafte Gespräche zu führen, schlecht finde ich es, glaube ich, weil so alleine auf der Bank zu sitzen auch nicht gerade Partystimmung verspricht.

Also mache ich mich auf zur Theke und bestelle mir bei einem der Schüler, die heute für uns kellnern, ein Pils. Er stellt mir ein 0,3 Glas mit Klosterbräu hin, das ich fast schon verzweifelt hinunterstürze. Beim Bestellen des zweiten Bieres klopft mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und vor mir steht der hünenhafte Arno, der zur vorhin erwähnten zweiten Gruppe von Freunden gehört, obwohl er, wie ich höre, sich gerade dazu aufrafft, ein Weltenbummler zu werden. Er hat in der nächstgelegenen größeren Stadt eine kaufmännische Lehrer gemacht und wird nun als Außenhandelsvertreter in die Dominikanische Republik reisen.
Hey, sage ich.
Hey, sagt er.
Es folgt ein kurzer Moment, in dem wir beide überlegen, was man fragen könnte. Wir sind von gegenseitiger Sympathie erfüllt, aber wir haben uns zu lange nicht gesehen und aus diesem einen Grunde sind wir uns über die Befindlichkeiten des jeweils anderen nicht bewusst. Im Grunde ist der Arno, der mir da gerade gegenüber steht, für mich nur eine Schablone, ein Stereotyp von Arno, während der richtige, echte und wahre Arno mir schon seit der Schulzeit verborgen geblieben ist. So sagt man von Arno, er sei ein kleiner Charmeur und nicht selten habe ich ihn ja auch auf den Landjugendpartys und Schützenfesten mit dem ein oder anderen ansehnlichen Mädchen knutschen sehen. Seitdem war es üblich geworden, Arno immer mit einem kleinen Seitenhieb zu bedenken, wenn es im Gespräch um Frauen, bzw. Mädchen ging. Da einer in der Gruppe damit angefangen haben muss, fand ich es nur legitim, selbst auch solche Sprüche zu klopfen, ohne Arno wirklich zu kennen und ohne zu wissen, wie er sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen im Allgemeinen definierte. Ich speicherte einfach irgendwo in meinem Kopf die Information ab, dass Arno ein Womanizer sei und in Gruppengesprächen sprang ich dann sofort darauf an, sobald es die Gelegenheit gab, einen guten Witz bezüglich seiner Reputation bei Frauen zu reißen. Irgendwo war das Wort Arno als zu bestimmten Phasen meiner Schulzeit nicht mehr als ein Stichwort gewesen, dass mich dazu veranlasste, frauen-, bzw. arnofeindliche Witze zu machen. So erinnere ich mich jetzt, dass wir in der Gruppe einmal über ein hübsches Mädchen redeten und dass ein paar Jungs behaupteten, sie sei leicht zu haben, wohingegen andere Jungs in der Gruppe meinten, sie sei schwer zu knacken. Woraufhin ich, wie aus der Pistole geschossen erwiderte, wir könnten sie ja dem Arno-Test unterziehen. Auf Nachfrage der Jungs erklärte ich den Arno-Test dann so: Wenn das Mädchen auf Arnos Anmachsprüche hereinfällt, ist sie eine Schlampe, wenn nicht, dann ist sie ein ehrbares, seriöses Mädchen. Mit solchen Sprüchen verfestigte ich natürlich auch das Image von Arno, der fortan als Casanova gehandelt wurde, dem die Frauen nicht zu nahe treten sollten. Und obwohl ich einer der Leute war, die einen Witz über Arno als Frauenheld nie ungenutzt verstreichen ließen, war Arno nie sauer auf mich. Eigentlich war er sehr nett und ich war das Schwein.

Erzähl, sage ich also, was macht die Kunst.
Jooooh, sagt er lang gedehnt, muss, ne. Noch’n Bierchen?
Klar!

Später am Abend kommen auch Henrik, Frank und Dirk. Ich stehe gerade bei Antje, die ich auf irgendeiner Dorfparty auch mal geküsst habe und die nun Hebamme ist. Ich entschuldige mich bei ihr, gehe auf die drei zu, begrüße sie überschwänglich und mache mich gleich auf, mit ihnen zur Theke zu gehen. Ja, denke ich, als ich in ihre Gesichter sehe und langsam mein fünftes Bier herunterkippe, das sind meine Jungs. Jungs? Das sind jetzt Männer, die denselben Fleck Erde ihre Heimat nennen, Männer, deren Gedanken von den gleichen Umständen geformt wurden wie die meinen. Männer, Herresburger, mes compagnons. Im selben Hospital zur Welt gekommen, zur ungefähr gleichen Zeit, in den gleichen fremdländisch anmutenden Häusern das Säuglings- und Kindesalter überstanden, eng verbunden mit mir und meiner Geschichte. Als Jugendliche die Straßen derselben Stadt unsicher gemacht, dieselbe Sprache, denselben Dialekt erlernt und schließlich und endlich dasselbe Gymnasium besucht. In jedem dieser Drei erkenne ich mich wieder, jeder ist ein Spiegel der Seiten an mir, die ich gerne präsentiere, für die ich mich nicht schäme, sondern die ich selbst in so entlegenen Orten wie Corpus Christi schon hervor gekehrt habe. Ich erkenne mich in diesen Jungs wieder, sie definieren mich, so wie ich sie definiere. Wer mich verstehen will, tut gut daran, diese Leute zu fragen.
Ein Beweis dafür, dass diese drei Jungs meine besten Freunde sind, liegt in der Konversation, die wir betreiben. Zuerst einmal fragt keiner von uns den anderen, was er gerade beruflich macht, weil wir erstens vage darüber im Bilde sind und weil wir zweitens wissen, dass der andere sich durch unser geringes Interesse an seinem beruflichen Werdegang nicht gleich beleidigt fühlt. Der äußere Rahmen unserer Leben spielt für unsere Freundschaft eine untergeordnete Rolle, wenn wir uns treffen zählt nur das Hier und Jetzt. Es geht uns nur darum, Spaß zu haben.
Darüber hinaus besitzen wir unser eigenes Vokabular, wir benutzen zumeist elliptische Phrasen, da ganze Sätze nicht nötig sind um einander verständlich zu machen. Außerdem haben zuweilen ganz gewöhnliche Wörter einen nur uns bekannten semantischen Gehalt, was ich an einigen Beispielen belegen will: So ist eine ‚Luftpumpe’ für uns keine gewöhnliche Luftpumpe, sondern ein Mensch, der redet ohne etwas zu sagen, kurz, er ist ein Idiot. Ein ‚Hubschrauberlandeplatz’ ist ein Mädchen mit einem ausladenden Hinterteil, eine ‚Schnitte’ ein ansehnliches Mädchen, usw. Wir haben uns in kleinem Kreis eine Semantik dazu erfunden, die dem französischen Argot oder dem deutschen Rotwelsch vergleichbar ist. Und mithilfe dieser Sprache verfestigen wir unsere Gemeinschaft nach innen und grenzen uns von den anderen nach außen ab. Das macht Spaß!

Schon als ich das Lachen im Flur höre, weiß ich, was mir nun bevorsteht. Ich brauche den Kopf nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass Laura gerade hereinkommt. Ich spüre einen kleinen Schauer, der glücklicherweise bei weitem nicht so stark ausfällt wie zu Schulzeiten. Henrik, Frank und Dirk gucken mich grinsend an, sie wissen Bescheid. Sie ist da, sagt Henrik und ich sage nur: Ha Ha! Schon nervt mich die Tatsache, dass ich dieser Begegnung mehr Bedeutung beimesse als sie, und ich merke, wie ich langsam auf mich selbst wütend werde. Ich drehe mich um und schaue ihr ins Gesicht. Aber anstatt ihr wie früher die kalte Schulter zu zeigen (so, als hätte ich allen Grund, wütend auf sie zu sein) begrüße ich sie freundlich, umarme erst sie und dann ihre beste Freundin. Schön ist sie immer noch, dass muss ich mir dann doch eingestehen, aber ich muss mich nun einmal mit der Tatsache abfinden, dass ihr Leben mit meinem nichts mehr zu tun hat. Sie geht weiter durch den Partyraum und begrüßt ihre anderen Freunde. Ich nehme mir in der Zwischenzeit vor, ihr heute Abend aus dem Weg zu gehen. Ich wende mich mit Henrik, Frank und Dirk wieder der Theke zu. Ein Bier bitte, rufen wir wie ein Mann.
Ich bin schon ein wenig beduselt. Der Alkohol steigt mir langsam zu Kopf, aber glücklicherweise verschafft er mir (noch) keine Übelkeit, sondern ein (vorläufiges) Hochgefühl. Ich fühle mich immer besser in der gegenwärtigen Umgebung, die mir zu Beginn noch so fremd schien, und ich merke, dass ein Großteil der Leute um mich herum dieselbe Verwandlung durchlebt. Wagemutig entferne ich mich von meinen drei Freunden und mache mich heroisch auf zum Klo.
Am Pissoir stehen zwei Männer: Christian Diß und Robert Kapfeldt. Mit dem einen hatte ich nie intensiveren Kontakt und gegenüber dem Zweiten, Kapfeldt, habe ich zu Schulzeiten sogar eine Abneigung empfunden. Aber der Alkohol hat meinen Groll lädiert, dergestalt, dass ich Kapfeldt nun freundschaftlich auf die Schulter klopfe und sage: Na, schon was gefunden?
Kapfeldt, augenscheinlich auch beduselt, johlt mir jovial zu. Diß schüttelt sich gerade ab und macht mir schon bereitwillig Platz. Alles klar bei dir, Diß, alter Kumpel? Alles klar, erwidert er, alles klar!
Kapfeldt, sage ich, als ich mein bestes Stück in gespannter Erwartung über das Pissoir hänge, lassen wir heute die Puppen tanzen, oder was? Kapfeldt grinst mich an, und sagt, voller Ernst: Klar, heute lassen wir die Puppen tanzen, aber erstmal gehen wir noch einen trinken, oder? Klar, sage ich und packe mein Genital wieder ein, obwohl noch ein paar Tropfen an der Eichel hängen. Und während diese mir noch das Bein herunter laufen, mache ich mich schon mit meinem Freund Kapfeldt zur Theke auf um ein Bier zu bestellen.

Mit Kapfeldt habe ich das Bier heruntergestürzt, dazu haben wir noch auf Brüderschaft einen Kurzen getrunken, und ich merke, wie mir die einstigen Ressentiments, die ich gegenüber Mitschülern empfand, gleichgültiger und gleichgültiger werden. Es macht sich ein Gefühl in mir breit, das sich mit dem Fazit zusammenfassen lässt: Wir sitzen doch alle in einem Boot und so jung kommen wir nicht mehr zusammen! Und als ich dann Antje erblicke, mit der ich als Zehnjähriger in der fünften Klasse mein erstes, winzig kleines Techtelmechtel hatte, fühle ich schon fast Tränen der Rührung in mir hochsteigen. Ich gehe auf Antje zu, die mit Britta Stelzer am Tisch sitzt, und begrüße beide Mädchen freundlich. Antje steht auf und will mich umarmen und ich lasse geschehen. Dann setze ich mich dazu und Antje erzählt mir, wie sie nach dem Abitur erst bei der Commerzbank eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht hat und dann, nach einem Jahr nicht zufriedenstellender Arbeit hinter dem Schalter einer Filiale ihren Job gekündigt und eine Ausbildung zur Hebamme gemacht hat. Für einen solchen Lebenswandel kann ich trotz oder gerade wegen meines angesäuselten Zustandes nur lobende Worte finden, und auch wenn sich ihr Leben nur in den bescheidenen Grenzen der deutschen Provinz abspielt, komme ich doch nicht umhin zu denken, dass Antje sich für das pralle und pure Leben entschieden hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Zum ersten Mal entwickle ich so etwas wie Respekt für eine Lebenslauf, der sich nicht verpflichtet fühlt, möglichst exotische Orte und unsagbar viele verschiedene Erfahrungen auf einem DIN A 4 Blatt zu vereinen. Antje hat etwas gemacht: Sie hat sich für ein kleines, aber feines Leben entschieden und ich kann einem so verständigen Mädchen wie Antje keinen Vorwurf daraus stricken nur weil es mit meinem inkommensurabel ist. Und als Antje schließlich fragt, was ich so seit dem Abitur getrieben habe, sehe ich zum ersten Mal keinen Anlass dazu, weitschweifig auszuholen und zu erzählen, wie ich mit einem Station Wagon die Wüste Nevada durchquert habe, wie ich in Maastricht mit einer Prostituierten eine Nacht im Coffee Shop versackt bin, oder wie ich die Laune bei Killorglin im County Kerry mit einem selbst gebastelten Floß herunter getrieben bin. Stattdessen erwidere ich auf die Frage, was ich seit dem Abitur gemacht habe, nur lapidar: Oooch, so dies und das!

Es ist soweit: Der erste Mensch verlässt den Boden der Tatsachen und entschwebt, mit einem Glas Bier in der Hand, nach oben, auf die Tische. Von den anderen ehemaligen Stufenkameraden zuerst argwöhnisch beäugt, dann freundlich belächelt, bittet er den Schüler an der Stereo-Anlage, die Lautstärke etwas höher zu drehen. Das war ja klar, sagt Henrik, dass Uli Wiedt wieder der Erste ist, der auf den Tischen tanzt. Na ja, wat soll’s, fährt er dann fort, Solidarität muss sein. Er bestellt sich in Windeseile ein weiteres Bier an der Theke und steigt dann auch über die Bank auf denselben Tisch, auf dem Uli Wiedt sich schon zu allerlei Verrenkungen herablässt. Ein paar aus der Gruppe, die ebenfalls schon nicht mehr wirklich wissen, was sie tun, beginnen, die beiden anzufeuern. Uli macht in Ansätzen die Bewegungen, die man auch wohl von einem Chippendale zu Anfang einer Performance erwarten würde und einige Mädchen lassen es sich nicht nehmen, Uli mit Pfiffen anzufeuern. Auch Henrik, der die Grenzen der sinnvollen Selbstreflektion längst überschritten hat, fühlt sich von den Pfiffen der Mädchen dermaßen angestachelt, dass er sein Sweat-Shirt auszieht. Ein Raunen geht durch den Partyraum, manche Mädchen fühlen sich aufgrund des dichten Bewuchses auf Henriks Brustkorb zu einem kreischenden Iiihhh! angetan, anderen Mädchen (warum ich nicht von Frauen spreche, kann ich nicht sagen, vielleicht weil ich sie als Mädchen kennengelernt habe) wiederum schient zu gefallen, was sie da sehen. Die Musik dröhnt immer lauter, ein paar Wagemutige stoßen zu den beiden Vortänzern, und als ich mich umblicke, sehe ich eigentlich niemanden mehr, der noch irgendwie zurechnungsfähig aussieht oder abseits steht. Trotz meiner fortschreitenden Alkoholisierung erkenne ich alle: Da tanzt Anne Glöcking, daneben lacht Heidi Bliesmann, ihr Freund und Ehemann Johannes Wedert, das sehe ich sofort, wird auch bald auf den Tischen sein. Christoph Glutz und Helmut Klöcker stehen an der Theke und unterhalten sich laut lachend. Detlev Wesler flüstert Sandra Terodde etwas komisches ins Ohr, so dass sie den gerade wieder getrunken Prosecco rausprustet. Wesler grinst nur schelmisch. Und ganz langsam merke ich es auch und muss es mir selber eingestehen: Diese Party macht Spaß!

Kurzzeitig beginnt mein Kopf sich zu drehen. Früher hätte ich den Alkohol noch besser weggesteckt. Umso besser, denke ich, wenn du jetzt schneller besoffen wirst sparst du ja auch Geld. Mit einem unheimlichen Elan mache ich mich erneut zur Theke auf, wo ich Marco treffe, der bereitwillig einen mit mir hebt. Maik Zakowski kommt bei uns vorbei, legt uns lallend die Arme über die Schulter und ruft, um die Musik zu übertönen: Taanzen! Taanzen! Ja, sagt Marco locker und lapidar, während er Maiks Arm von seiner Schulter entfernt, ich war auch mal zwölf! Außerdem heißt das Taarzan! Ich muss lachen.
Mittlerweile sind genauso viele Leute auf den Tischen wie am Boden und ich weiß, es ist nur noch ein Frage der Zeit, bis ich auch hinauf muss. Die Anzahl derer, die von den Tischen zu mir herunter rufen, ich möge doch auch hochkommen, wird immer größer und ich kann mich kaum noch ihres Enthusiasmus erwehren. Insgeheim warte ich wohl, dass Laura auf mich zukommt und mich fragt, ob ich mit ihr auf den Tischen tanzen will. Vielleicht könnte ich ihr ja einen Zettel schreiben, mit der Frage: Willst du mit mir auf den Tischen tanzen? Und dann als Antwort drei Möglichkeiten vorgeben: Ja, Nein und Vielleicht.

Alles dreht sich! Die Leute um mich herum verschmelzen zu einer Masse, werden eins mit mir und meinen Gefühlen. Ich fühle mich dem Ort, an dem ich gerade bin, zugehörig, ich fühle wie alles um mich herum zu einem Teil von mir wird, mehr noch, ich habe das Gefühl, dass alles schon immer ein Teil von mir war: Henrik, Frank, Dirk, Marco, Maik und wie sie alle heißen, aber auch die Lehrer, die Stühle, die Kellner, die Bilder an der Wand, die Bäume draußen vor dem Gebäude, die Häuser in der Straße, die Parks, die anderen Schulen, die Weideflächen und Bauernhöfe, die Schlote der alten Textilfabriken, die Backsteinhäuser, die Fischreiher, die alten Männer und Frauen aus Herresburg, Bürgermeister Schmeink, die Oma vom Kiosk, alles...

Alles dreht sich! Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das nach langer und anstrengender Suche den Weg zurück in den warmen Mutterbauch gefunden hat, wo es sich als Embryo damals so wohl gefühlt hat. Ich habe das Gefühl, nach zwanzig Jahren Krieg, die mich aufgerieben haben, den Kopf wieder in Mutters Schoß legen zu können und ihre zarten Hände durch mein Haar fahren zu fühlen. Schlagartig wird mir bewusst, dass wir, die wir hier alle versammelt sind, irgendwann getrennt voneinander zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sterben werden, aber dass diese zukünftige Einsamkeit fast lächerlich wirken wird gegen die Verbundenheit und Freude, mit der wir hier und jetzt unser Wiedersehen zelebrieren. Die Kraft die wir, tanzend auf den Tischen und besoffen vom Alkohol, entwickeln und aufeinander übertragen, wird jeden von uns in der Zukunft begleiten. Diese Kraft ist eine Ressource, aus der wir noch lange schöpfen können, mögen die Stunden, die kommen, auch noch so hart und bitter sein. Wir haben gelebt, wir haben zusammen etwas erlebt, wir waren und wir sind Könige und Königinnen für diese eine Nacht.

Ich halte nicht mehr an. Jetzt führt nur noch ein Weg durch den Raum und dieser Weg führt auf die Tische. Ich springe hinauf, lege zwei Stufenkameraden die Arme um die Schulter und tanze und lache und johle und grinse und trinke und weine vor Freude...
 
CPMan, deine Erzählung ist der erste Text, den ich hier jemals mit "10" bewertet habe. Er wirkt so stark auf mich, dass ich mich - vorübergehend, wie ich hoffe - um die Fähigkeit zur Detailkritik gebracht sehe. Klar, da sind nicht wenige Rechtschreibfehler und Vertipper drin (Kleinschreibung statt Großschreibung, fehlende Kommas, Getrennt- und Zusammenschreibung), aber das verblasst vollkommen gegenüber dem Inhalt und der sprachlichen Form. Du behandelst einen schon oft gestalteten Stoff, es ereignet sich nichts wirklich Spektakuläres, und dennoch ergibt alles zusammen einen Sog. Es scheint mir daran zu liegen, dass der Text mit Erfahrung und Reflexion tief gesättigt ist und die Sprache das gleichzeitig so mühelos transportiert.

Einen derart langen und reich strukturierten Text kann man stilistisch immer noch verbessern. Ich mache dir keine Vorschläge dazu. Der Großteil des Textes zeigt mir, dass da ein Gefühl fürs treffende Wort und für Sprachrhythmus ist. Wenn der Autor will, kann er alles gewiss noch ein wenig schlagkräftiger machen. Es geht dann aber nur noch um Nuancen.

Ich will auch nichts Positives im Detail hervorheben, nur noch sagen, dass ich die Entwicklung zum Schluss hin und diesen selbst ausgesprochen lebenswahr finde. So verändert Alkohol die Bewusstseinslage und manchmal tritt dabei eine Art dionysische Wahrheit zutage, die nicht zum Schlechtesten im Leben gehört.

Arno Abendschön
 
Korrektur für den Fall, dass mir ein Schlaumeier auf die Schliche kommt: Wie ich nachträglich sehe, habe ich schon einmal mit "10" bewertet. (Es irrt der kommentierende Mensch, solange er schreibt.)

Arno Abendschön
 

CPMan

Mitglied
Im Grunde genommen geht es mir mit meiner alten Stufe wie mit einer Verflossenen, mit der ich vor zehn Jahren Schluss gemacht habe. Die Leute aus meiner Stufe kennen mich noch von damals, und sie kennen mich sehr genau, schließlich haben sie mich ja tagtäglich gesehen. Sie wissen von meinen intimsten Details, wissen von meinen kleinen Heimlichkeiten, meinen Neurosen und meinen sonstigen Ticks. Sie wissen Bescheid über meinen Alkoholkonsum, über mein Minderwertigkeitsgefühl, meine heimliche Liebe und über mein Elternhaus. In diesem Sinne ist meine Stufe wie eine Verflossene: Sie weiß über die Dinge Bescheid, die damals unsere Vertrautheit im Umgang miteinander ausmachten und sie weiß auch dass mir diese Dinge nun peinlich sind. Die Stufe ist wie eine alte Liebe, die man nicht mehr liebt und für die man sich nun schämt. Genauso wie man einer alten Liebe nicht mehr unbedingt begegnen will, so will ich auch den Leuten aus meinem Abiturjahrgang nicht mehr begegnen. Ich will ihnen durch Abwesenheit zeigen, dass ich mich verändert habe, mehr noch, dass ich mich fortentwickelt habe. Ich will ihnen zeigen, dass ich nicht mehr der kleine Junge aus der Provinz bin, der ich mal war und für sie immer noch bin, sondern dass ich der Mann von Welt bin, der es aus terminlichen Gründen nur noch selten schafft, in die Heimat, in die tiefste Provinz zurückzukehren. Ich will ihnen zeigen, dass ich Abstand gewonnen habe von dem kleinen Leben, das uns einst verband, und dass ich nun ein großes Leben führe, auf großem Fuß lebe, und dass meine Reise nach New York, mein Leben in Paris und mein Studium in Berlin unvereinbar sind mit dem Leben in Herresburg. Ich will mich in meiner Anmaßung über jeden erhaben fühlen, der nach dem Abitur in Herresburg geblieben ist und dort eine Ausbildung gemacht hat und vielleicht noch immer bei seinen Eltern wohnt.
Falls ich doch zum Klassentreffen hingehe (und ich werde hingehen, das ahne ich), will ich mit einem Auftritt in schicken Klamotten und mit meinem akademischen Vokabular jedem klarmachen, dass aus mir ‚was geworden’ ist. Mit meinem Blick will ich alle Lügen strafen, die damals geglaubt haben, dass ‚aus dem sowieso nichts wird’. Mit meinem regard hautain und den schwarzen Lackschuhen möchte ich durch die festlich geschmückte Aula unseres ehemaligen bischöflichen Privatgymnasiums schreiten und den Leuten durch meine Mimik mitteilen: Ich bin ein Gott unter Insekten!

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Ich bin gestern in Herresburg angekommen. Was ich bisher nur von innen kannte, sehe ich nun zum ersten Mal wirklich von außen. Was früher für mich der weit entfernte Horizont war, ist jetzt die lächerliche Stadtgrenze eines zutiefst spießbürgerlichen Kaffs.
Jetzt, mit neunundzwanzig Jahren und nach erlebten Geschichten in New York (Fahrt in einem Cadillac durch den Holland Tunnel, Besuch des Musicals STOMP, Schlendern auf dem Times Square und im Central Park, durchzechte Nacht im Transenviertel, Übernachten im Station Wagon und Zähneputzen in Boxershorts auf offener Straße), in Paris (Arbeit an der Rezeption eines Hotels, WG mit einem Spanier, einer Finnin und einer Schwedin in der rue de la cossonnerie) und in Maastricht (Studium des International Business, deutschnational gesinnte, neunzigjährige Vermieterin, deren verstorbener Ehemann bei der flämischen SS tätig war), fällt es mir schwer, meine Heimatstadt nicht in einen größeren Kontext einzuordnen. Nun haftet meiner Heimatstadt unweigerlich dieser Gestank von Bauernhöfen und Kuhfladen an, und die Einwohner kann ich jetzt nur so definieren: Weltfremde, zutiefst deutsche, bäuerliche und engstirnige, non open-minded bums.
Nicht, dass ich mich schäme, hier geboren worden zu sein. Aber diese Stadt hat nichts mehr mit mir zu tun, diese Stadt, über die ich mich und die mich einst definierte, ist nun mit meinem Charakter so unvereinbar, dass sie zu einer Randnotiz in meinem Lebenslauf verkommt. Wichtig und entscheidend für meinen Charakter ist das, was ich seit meinem Weggang aus Herresburg getan habe. Alles davor lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Ich habe in dieser Stadt mein Abitur gemacht. Ich habe neunzehn Jahre meines Lebens in Herresburg verbracht um einen einzigen, nicht einmal besonders wertvollen Abschluss zu erlangen. Neunzehn Jahre habe ich in dieser Stadt verschwendet, die mir in all der Zeit ein Quantum an Bildung und Kultur angedeihen ließ, für das eine einzelne Metropole dieser Welt vielleicht zwei Wochen gebraucht hätte. Neunzehn Jahre, die mir innerhalb Deutschlands dazu verhelfen, von Fremden als Provinzler abgestempelt zu werden. Neunzehn Jahre, die mir trotz der intensiven Lektüre von Lacan, Bataille, Thoreau, Le Bon, Dreyer und Nietzsche nicht gestatten, mich als philosophischen Kosmopoliten zu bezeichnen. Ich bin ein Herresburger, ein Provinzler, ein Deutscher. Ich habe Wurzeln, nein, ich habe eine Vergangenheit, die aufs Engste mit diesem eigentlich willkürlichen Ort Herresburg verknüpft ist und ich kann diese Geschichte nicht mehr loswerden, ganz gleich, ob ich meine Zeit in Zimbabwe, Zabid, Zagazig oder im Zillertal aufschlage. Ich bin Herresburger, und weil ich Herresburger bin und auf dem von Dominikanern geleiteten St. Thomas Gymnasium in Herresburg mein Abitur gemacht habe, wurde ich von den damaligen Stufensprechern zum zehnjährigen Jubiläum unseres Abiturjahrgangs eingeladen. Und ich weiß nicht wieso, aber ich werde hingehen.

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Die Einreise in die Stadt, die man wohl oder übel seine Heimat nennen muss, gestaltet sich anders als die Einreise in andere Städte. Als der Regionalzug von Soeskent abfuhr, begann die Umgebung vertrauter und vertrauter zu werden. Häuser, Bäume, Sträucher und Straßen waren nicht mehr beliebig wie in jeder anderen Stadt, sondern besonders und standen in einem engeren Bezug zu mir und meinem Leben als die Häuser in Hanktal, die Sträucher in Vechtona, die Straßen in Bertboerde und die Bäume in Zuggert. Ich erkannte eine Fläche Land, die ich schon tausendundeinmal selber abgegangen war, ich sah Häuser, die ich schon mehrmals betreten hatte und sah von weitem Gebäude, die ich aus der Nähe kannte. Da war die Disco, wo sie Elenas Auto abgeschleppt hatten, hier wohnte Thomas, genannt Knügge, mit seinen Eltern, dahinter befand sich die Pferdekoppel. Von weitem sah ich die Kirche des Gedelekenviertels, die Kirche, in der meine Mutter mich zum Ministranten hatte ausbilden lassen. Eine riesige Baustelle an der Flingdener Straße befand sich nun dort, wo früher einmal das Asylantenheim gestanden hatte. Der Baumarkt Welsinghorst hatte erneut angebaut und die Sanierung des Bahnhofs war abgeschlossen. In meiner Abwesenheit hatte sich die Stadt genauso verändert wie ich mich, und dieses veränderte Stadtbild war zugleich ein Beweis für die Entfremdung, die zwischen mir und meiner Stadt stattgefunden hatte. Vor neun, zehn Jahren war ich noch mit dem Fahrrad über einen Sandplatz geheizt, auf dem jetzt ein Schuhgeschäft steht.
Den Weg vom Bahnhof bis nach Hause ging ich zu Fuß. Ich lief an der Volksbank auf der Gantzstraße entlang, bog in die Stützenstraße ein und ging am Haus von Heike vorbei, mit der ich in der Grundschule gewesen war und die trotz guter Noten die Clara-Zetkin Realschule und nicht eines der zwei Gymnasien besucht hatte. Ich sah den Supermarkt Börkes (der Sohn des Besitzers war ein tumber, fetter Kerl, der noch immer nur zum Regalauffüllen taugte), lief auf die Heerstraße zu, in der der Spielplatz meiner Jugend noch immer an das Altenheim grenzte (in meiner Kindheit hatte der Begriff Generationenkonflikt sehr schnell große Bedeutung erlangt) und sah die von den auf dieser Straße lebenden Eltern liebevoll gemalten Holzschilder, die Autofahrer höflich zu einem Schritttempo aufforderten, obwohl es offiziell eine 30er-Zone war.

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Schweigen wir von den Eltern. Sie sind ein eigenes Kapitel, ein ganzes Buch gar, und haben mit dem Verhältnis zu meinen ehemaligen Klassenkameraden nur entfernt etwas zu tun. Wichtiger erscheint mir da schon mein Zimmer, weil es am deutlichsten den Unterschied zwischen meinem jugendlichen und meinem jetzigen Ich zur Geltung bringt. Wenn ich nämlich vor der offenen Tür zu meinem Zimmer stehe und in das Zimmer hineinsehe, meinen Blick auf das Bett, auf den Schrank, auf den Schreibtisch mit dem Commodore 64 samt Floppy 1541 II und auf den Nachttisch richte, dann sehe ich ganz schwach auch mein jugendliches Ich, das in diesem Zimmer sitzt, schläft, Computer spielt, gähnt, lacht und weint. Ich sehe ein Ich aus meiner Vergangenheit, das geistig dermaßen von mir entfernt ist, dass ich es als eigenständige, andere Person betrachten kann. Ich sehe das junge Ich, wie es sich über alltägliche und mir heute nichtig erscheinende Dinge den Kopf zerbricht. Wie es die Geschehnisse auf irgendeiner Landjugenddisco, einem Schützenfest, einer Klassen- oder Stufenparty nochmal Revue passieren lässt und dabei jede einzelne Geste, jeden einzelnen Satz der damaligen Angebeteten (Laura) in seiner Bedeutung zu analysieren versucht. Die Wichtigkeit, die ich damals der Liebe beigemessen habe, ist die gleiche geblieben, aber der Blickwinkel ist heute doch ein anderer, ein erwachsener Blickwinkel, wie ich zu behaupten wage. Jedenfalls erinnere ich mich, dass meinem damaligen Ich die Beliebtheit innerhalb der Klasse, bzw. Stufe das Wichtigste war. Jeder sollte mich mögen, alle sollten mich gerne haben und auf keiner Party wollte ich fehlen. Immer richtete mein damaliges Ich seinen Kleidungsstil, Sprachduktus und seine Verhaltensweise nach den Typen aus, die in der Klasse, bzw. Stufe meines Erachtens den größten Ruhm genossen. Wenn Knügge sich neue Reeboks kaufte und damit sportlich aussah, musste ich auch welche haben. Wenn Frank eine Baseballjacke der LA Raiders besaß, dann musste ich zumindest das dazu passende Käppi haben, und wenn Michel Holtzbrinck Leute fragte, ob sie am Wochenende ins Aquarodrom mitfahren wollten, dann musste ich zu den Eingeladenen gehören. Meine ganze Welt hatte nur dann ein Recht auf Existenz, wenn sie innerhalb des Sonnensystems kreisen durfte, das die am stärksten strahlenden Sterne des Herresburger St.Thomas Gymnasiums in sich vereinte. Meine kleine Welt unterlag fast vollständig den Anziehungskräften von Frank, Knügge, Locke, Marco, Uwe, Henrik oder wie die coolsten Typen meiner Schule zu jener Zeit sonst so hießen. Ich konnte nur dann sinnvoll weiterleben, wenn der Glanz der Coolen auf mich abstrahlte.
Heute ist es genau umgekehrt. Ich bin mein oberstes Gesetz. Ich bin ein Einzelgänger, der nur sich selbst Rechenschaft ablegt. Ich vereine in mir Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Negatives Feedback von anderen Leuten prallt an mir ab, denn ich bin diesen Spöttern erhaben. Wie ich schon sagte, ich bin ein Gott unter Insekten.

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Seit meinem Weggang unterscheide ich zwischen zwei Arten von Freunden. Aus dem großen Pulk von ehemals in meiner Wertschätzung gleichgestellten Freunden hat sich eine winzig kleine Gruppe abgespalten, mit der ich mich seit dem Abitur immer besser verstehe. Zu dieser Gruppe zählen drei Jungs: Henrik, Frank und Dirk. Ein entscheidender Grund für dieses gute Verhältnis liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass alle drei aus dieser Gruppe ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Während ich nämlich nach dem Wehrdienst für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin um dort zu arbeiten, haben Henrik und Frank schon vorher wertvolle Auslandserfahrungen sammeln können. Henrik hat seinen Zivildienst für ein Jahr in der nähe von Philadelphia in einem im Wald gelegenen Camp für geistig und körperlich behinderte Kinder abgeleistet, Frank hat in einem Sterbehospiz in Santiago de Chile alten Menschen beim Veratmen zugesehen. Diese Auslandserfahrungen trugen bei beiden dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern und gewissermaßen auch zu verlassen. Der Erwerb einer anderen Sprache ging einher mit dem Erlernen einer anderen Kultur, das Deutsche wurde dadurch zwangsweise kontrastiert und als Nonplusultra in Frage gestellt. Mein Aufenthalt in Frankreich nimmt sich gegen diese beiden großkalibrigen Aufenthalte in den USA und Chile eher winzig aus, aber mündete im gleichen Ergebnis: Wir alle hatten ein bisschen von der Welt gesehen und dieses Sehen hatte uns einander nähergebracht. Dirk zähle ich zu dieser Gruppe, obwohl er nie längere Zeit im Ausland gewesen ist. Er hat durch sein Studium in Berlin das Ausland in seiner Stadt gehabt und aus diesem Grunde bin ich im Gespräch mit ihm nie um ein Wort verlegen. Alle drei, Frank, Henrik und Dirk, sind in ihrem Verhalten mir gegenüber so unkompliziert, dass ich mich in ihrer Gegenwart so verhalte, wie es meinem eigentlichen Wesen am ehesten entspricht. Es ist gut, solche Freunde zu haben. Freunde, denen man nicht erst lange und breit erklären muss, wie man etwas meint, sondern die den Kontext, in dem ich es sage, augenblicklich verstehen.

Die zweite Gruppe, die eine Mehrheit bildet, sind ehemals gute Freunde, die sich zuallererst dadurch auszeichnen, dass sie nach dem Abitur in Herresburg geblieben sind. Ihre in meinen Augen etwas sinnentleerte Sesshaftigkeit führte zu einer Entfremdung, die in Distanz mündete. Wenn ich mit jemandem aus dieser Gruppe spreche, dann ist da dieses unangenehme Gefühl im Unterbewusstsein, das mir bewusst macht: Wir liegen nicht mehr auf einer Wellenlänge, ich suche krampfhaft nach Gesprächsthemen, weil ich keine unangenehmen Gesprächspausen haben will, genauso wenig wie mein Gesprächspartner, der keine Ahnung mehr von mir und meinen Interessen hat, denn sonst würde er nicht so einen uninteressanten Müll daher labern.
Diese zweite Gruppe hatte in meinen Augen Angst vor der Zukunft. Sie blieben in Herresburg, weil sie sich nicht von dem Leben loslösen konnten, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatten. Sie wollten weiterhin am Wochenende Saufgelage veranstalten, die übliche Diskothek besuchen und sie wollten vor allem keine Fremden in einer fremden Stadt sein. Vielleicht überinterpretiere ich, aber ich glaube wirklich, dass sie Angst hatten. Was insofern arrogant ist, weil ich damit ja auch gleichzeitig sage, dass ich mutig war, weil ich in der Welt umherzog wie ein Landstreicher.

Und so ist es einer aus der ersten Gruppe, der mich, kaum angekommen, telefonisch kontaktiert. Henrik, seines Zeichens Verhaltenstherapeut (noch in Ausbildung) und nicht zuletzt aus diesem Grunde ein Meister in der Analyse aller Befindlichkeiten. Ihm kann ich getrost davon erzählen, dass ich keine gesteigerte Lust auf das Abinachtreffen habe, aber dass ich trotz meiner Bedenken hin gehen werde. Er sieht es ähnlich, allerdings sieht er diesen Konflikt der zwei Gruppen nicht. Für ihn sind, glaube ich, alle Mitglieder aus der oben erwähnten ersten und zweiten Gruppe Individuen, die mehr oder weniger zu seinem Freundeskreis zählen. Er wirft mir durch seine Gleichbehandlung aller Stufenkameraden indirekt vor, ich würde der sozialen Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft Auftrieb geben. Indirekt will er mir sagen: Wenn du immer wieder darauf pochst, dass du mit deinen ehemaligen Klassenkameraden nichts mehr gemeinsam hast, dann ist das nur ein zwanghafter Versuch, dich selbst zu positionieren. Du sagst, du bist anders, aber eigentlich geht es dir darum, zu sagen, dass du besser bist. Gut, diese Leute haben weniger Auslandserfahrung als du oder ich, aber das macht sie weder zu dümmeren noch zu einfältigeren Menschen als dich. Ihre Interessen sind anders gelagert, ihnen geht es um eine sichere Zukunft, um einen guten Job, um einen Platz im Leben. Nur weil du diese Art zu leben für konventionell und feige hältst, muss diese deine Ansicht nicht die wahre und richtige sein. Du solltest stattdessen versuchen heraus zu finden, was du willst in deinem Leben und was dich zufrieden macht, anstatt anderen, die deine Weltanschauung nicht teilen, vorzuwerfen, sie seien beschränkt. Es ist nämlich, finde ich, sehr entlarvend, wenn du dich nur dann gut fühlen kannst, wenn du dich pausenlos mit anderen Menschen vergleichst, nur um zu sehen, ob du besser da stehst als sie. Du solltest lernen, deinen eigenen Weg zu gehen anstatt anderen deinen Weg vorschreiben zu wollen.

Ich denke, Henrik hat nicht ganz unrecht.

Darüber hinaus weiß Henrik auch, und dazu muss er nicht einmal seine psychologische Intelligenz benutzen, dass ich vor allem deshalb auf das Abinachtreffen gehen werde, weil Laura dort sein wird. Sie ist die Jugendliebe, die man nie ganz vergessen kann, selbst wenn man sie nicht mehr liebt und sich aufrichtig in eine andere Frau verliebt hat. Sie ist die in eine physische Form gegossene Bewusstwerdung meines Sexualtriebs. Sie ist die Frau, die mich an die Zeit erinnert, als ich zum Mann reifte, sie ist die Frau, die mein Verständnis von Liebe prägte ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben. Sie ist (und das ist leider ein großes Problem) der Grund dafür, dass ich immer noch glaube, wahre Liebe sei nur aus der Distanz möglich. Sie ist der Grund dafür, warum ich zu einem Mädchen, das ich in Frankreich kennengelernt und auch en wenig geliebt habe, so etwas Dummes sagte wie: „Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mich verlassen, denn wahre Liebe gibt es nur wenn du das Bild von mir, das du im Anfangsstadium deiner Liebe hast, behältst, und nicht mit den schnöden und weltlichen Details fütterst, die ein gemeinsamer Alltag uns bescheren würde. Wirklich lieben kannst du nur ein Bild von mir, denn ich selber bin nur Mensch, und was, bitteschön, ist liebenswert an einem Menschen?“
Laura, die mich nie wert für befand, ihr Freund zu sein, hat mir die Kraft der Phantasie angedeihen lassen. Obwohl sie sich nicht für mich erwärmen konnte und obwohl ich sie nie wirklich gut gekannt habe, war sie für die gesamte Dauer meiner Jugend bis zum Abitur der Mensch, der mich am stärksten beeinflusste. All die Jahre habe ich geglaubt, ich liebe sie und erst vor wenigen Monaten ist mir aufgegangen, dass ich all die Jahre nur mein eigenes Bild von ihr geliebt habe. Die menschliche Laura und die Phantasie-Laura (in die ich unsterblich verliebt war) hatten vielleicht eine gemeinsame Schnittmenge, aber sie waren bezüglich ihres Charakters dennoch grundverschieden. Erst als ich merkte, dass die menschliche Laura mit der Phantasie-Laura nichts zu tun hatte, konnte ich loslassen. Erst als die menschliche Laura Dinge sagte, die meine Phantasie-Laura niemals gesagt hätte, begann ich zu merken, dass ich mich selbst all die Jahre betrogen hatte. Ich hatte eine Frau geliebt, die es gar nicht wirklich gab, eine Frau, an die Laura mich erinnerte, aber die Laura nicht war.
Und das Abinachtreffen soll in dieser Hinsicht meinen Abschied von meiner Jugend besiegeln. Ich will Laura sehen und milde lächelnd denken: Das also ist die Frau, in die dein früheres Ich verliebt war. Ich will vor mir selbst beweisen, dass der Zauber dieser Frau an mir vorbei geht, dass ich ein Mensch geworden bin, der sich dank seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion endlich wirklich in eine real existierende Frau verlieben kann und nicht mehr in Projektionen, für die reale Frauen nur als Stichwortgeber fungieren.

Ich muss das noch weiter ausführen: Ganz gleich wie sehr man der Liebe, die man liebt, auf die Spur kommt und wie sehr man auch die rationalen und objektivierbaren Gründe aufzählen mag, die dazu geführt haben, dass man sich hoffnungslos in einer anderen Person verloren hat, bleibt doch eines sicher: Liebe kann falsch sein, Liebe kann vergehen, Liebe kann eine große Lüge sein, aber dennoch bleibt Liebe Liebe: Das Gefühl, das man hat, ist echt. Es mag vielleicht aus unlauteren oder fragwürdigen Gründen entstanden sein, aber dieses flaue Gefühl im Magen, diese Kribbeln im Kopf, diese wohlige Anspannung, wenn man der geliebten Person begegnet, kann diesen rationalen Hintergrund mit einem Schlag überfluten. Mag ich auch gelernt haben, die wahren Gründe für meine Liebe zu Laura zu finden, mag die echte Laura auch nicht der Laura entsprechen, die ich damals geliebt habe, steht dennoch unerschütterlich fest: Ich habe geliebt. Und Laura war der Grund, warum ich geliebt habe.

Der Abend des Abinachtreffens rückt näher. Ich muss alleine hingehen, Henrik kommt erst später, Frank und Dirk wohnen so ungünstig, dass eine gemeinsame Fahrt zur Schule geradezu als Beweis dafür gelten würde, dass wir, bzw. ich Angst habe, alleine dort hinzugehen. Also muss ich alleine hin.

Es ist soweit. Ich bin angezogen. Ich muss los.

*

Ich habe noch keinen einzigen Schluck Alkohol intus, und schon begegnet mir Wolfi auf der Treppe zum Partyraum (bei meinem Eintreffen habe ich schnell festgestellt, dass das Nachtreffen nicht in der festlich geschmückten Aula – viel zu groß – sondern im Partyraum des alten Klostergebäudes stattfindet). Wolfi ist der aalglatte Bürgerschreck unserer Stufe gewesen, der immer glatt gegelte und perfekt durchgestylte Vorstadtyuppie, der allen mit dieser übertriebenen Höflichkeit begegnet, die schon erahnen lässt, dass er hinterrücks ganz anders von dir redet. Hey, alter Schwede, ruft er, und holt übertrieben weit aus um mir die Hand zu geben. Mein gequältes Lächeln scheint ihn nicht zu irritieren, er stellt die üblichen Fragen, die ich so knapp und kurz beantworte, dass er ahnen muss: Dieser Mensch will dich loswerden. Ich stelle kein Gegenfragen und sage: Ich guck mal, ob drinnen schon was los ist. Wolfi dampft ab.
Im Eingangsbereich des Klostergebäudes wird mir mulmig zumute. Dort stehen nämlich zehn ehemalige Stufenkameraden, dazwischen sogar einzelne Lehrer. Da ich viele von ihnen lange nicht gesehen habe und ein Großteil von ihnen auch schon damals nicht zu meinen besten Freunden zählte, sehe ich mich nicht dazu veranlasst, zu jedem von ihnen hinzugehen und ihm die Hand zu schütteln. So begnüge ich mich damit, die Umherstehenden mit einem wackligen Lächeln anzugrinsen und ein eher leises ‚Hallo’ anzustimmen. Ein paar nicken zurück, Frau Tietz, meine ehemalige Geschichtslehrerin sagt bedeutungsschwanger ‚Ah, der Herr Mengen’ und dann bin ich auch schon durch.
Ich schaffe es ohne größere Schwierigkeiten in den Partyraum. Auf einer der Sitzbänke erkenne ich Pia, eines der hübscheren Mädchen, mit der ich damals im Behindertenheim an der Forststraße mein soziales Praktikum machen durfte. Schnell setze ich mich neben sie, sie umarmt mich fast ein wenig überschwänglich, fragt mich dann mit drei Fragen über mein Leben aus und würde sich auch sicher noch weiter mit mir unterhalten, wenn da nicht gerade ihre beste Freundin Britt zur Tür hereinschneien würde.
Plötzlich sitze ich also alleine auf der Bank. Mein umherschweifender Blick verrät mir, dass noch keine wirklichen Freunde von mir anwesend sind. Unsicher grinse ich die ehemaligen Stufenkameraden an, die in meine Richtung nicken und mir zuprosten, aber keine Anstalten machen um auf mich zuzugehen. Ich wiederum weiß nicht, ob ich das nun gut oder schlecht finde. Gut finde ich es, glaube ich, weil ich noch keine große Lust verspüre, zwanghafte Gespräche zu führen, schlecht finde ich es, glaube ich, weil so alleine auf der Bank zu sitzen auch nicht gerade Partystimmung verspricht.

Also mache ich mich auf zur Theke und bestelle mir bei einem der Schüler, die heute für uns kellnern, ein Pils. Er stellt mir ein 0,3 Glas mit Klosterbräu hin, das ich fast schon verzweifelt hinunterstürze. Beim Bestellen des zweiten Bieres klopft mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und vor mir steht der hünenhafte Arno, der zur vorhin erwähnten zweiten Gruppe von Freunden gehört, obwohl er, wie ich höre, sich gerade dazu aufrafft, ein Weltenbummler zu werden. Er hat in der nächstgelegenen größeren Stadt eine kaufmännische Lehrer gemacht und wird nun als Außenhandelsvertreter in die Dominikanische Republik reisen.
Hey, sage ich.
Hey, sagt er.
Es folgt ein kurzer Moment, in dem wir beide überlegen, was man fragen könnte. Wir sind von gegenseitiger Sympathie erfüllt, aber wir haben uns zu lange nicht gesehen und aus diesem einen Grunde sind wir uns über die Befindlichkeiten des jeweils anderen nicht bewusst. Im Grunde ist der Arno, der mir da gerade gegenüber steht, für mich nur eine Schablone, ein Stereotyp von Arno, während der richtige, echte und wahre Arno mir schon seit der Schulzeit verborgen geblieben ist. So sagt man von Arno, er sei ein kleiner Charmeur und nicht selten habe ich ihn ja auch auf den Landjugendpartys und Schützenfesten mit dem ein oder anderen ansehnlichen Mädchen knutschen sehen. Seitdem war es üblich geworden, Arno immer mit einem kleinen Seitenhieb zu bedenken, wenn es im Gespräch um Frauen, bzw. Mädchen ging. Da einer in der Gruppe damit angefangen haben muss, fand ich es nur legitim, selbst auch solche Sprüche zu klopfen, ohne Arno wirklich zu kennen und ohne zu wissen, wie er sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen im Allgemeinen definierte. Ich speicherte einfach irgendwo in meinem Kopf die Information ab, dass Arno ein Womanizer sei und in Gruppengesprächen sprang ich dann sofort darauf an, sobald es die Gelegenheit gab, einen guten Witz bezüglich seiner Reputation bei Frauen zu reißen. Irgendwo war das Wort Arno als zu bestimmten Phasen meiner Schulzeit nicht mehr als ein Stichwort gewesen, dass mich dazu veranlasste, frauen-, bzw. arnofeindliche Witze zu machen. So erinnere ich mich jetzt, dass wir in der Gruppe einmal über ein hübsches Mädchen redeten und dass ein paar Jungs behaupteten, sie sei leicht zu haben, wohingegen andere Jungs in der Gruppe meinten, sie sei schwer zu knacken. Woraufhin ich, wie aus der Pistole geschossen erwiderte, wir könnten sie ja dem Arno-Test unterziehen. Auf Nachfrage der Jungs erklärte ich den Arno-Test dann so: Wenn das Mädchen auf Arnos Anmachsprüche hereinfällt, ist sie eine Schlampe, wenn nicht, dann ist sie ein ehrbares, seriöses Mädchen. Mit solchen Sprüchen verfestigte ich natürlich auch das Image von Arno, der fortan als Casanova gehandelt wurde, dem die Frauen nicht zu nahe treten sollten. Und obwohl ich einer der Leute war, die einen Witz über Arno als Frauenheld nie ungenutzt verstreichen ließen, war Arno nie sauer auf mich. Eigentlich war er sehr nett und ich war das Schwein.

Erzähl, sage ich also, was macht die Kunst.
Jooooh, sagt er lang gedehnt, muss, ne. Noch’n Bierchen?
Klar!

Später am Abend kommen auch Henrik, Frank und Dirk. Ich stehe gerade bei Antje, die ich auf irgendeiner Dorfparty auch mal geküsst habe und die nun Hebamme ist. Ich entschuldige mich bei ihr, gehe auf die drei zu, begrüße sie überschwänglich und mache mich gleich auf, mit ihnen zur Theke zu gehen. Ja, denke ich, als ich in ihre Gesichter sehe und langsam mein fünftes Bier herunterkippe, das sind meine Jungs. Jungs? Das sind jetzt Männer, die denselben Fleck Erde ihre Heimat nennen, Männer, deren Gedanken von den gleichen Umständen geformt wurden wie die meinen. Männer, Herresburger, mes compagnons. Im selben Hospital zur Welt gekommen, zur ungefähr gleichen Zeit, in den gleichen fremdländisch anmutenden Häusern das Säuglings- und Kindesalter überstanden, eng verbunden mit mir und meiner Geschichte. Als Jugendliche die Straßen derselben Stadt unsicher gemacht, dieselbe Sprache, denselben Dialekt erlernt und schließlich und endlich dasselbe Gymnasium besucht. In jedem dieser Drei erkenne ich mich wieder, jeder ist ein Spiegel der Seiten an mir, die ich gerne präsentiere, für die ich mich nicht schäme, sondern die ich selbst in so entlegenen Orten wie Corpus Christi schon hervor gekehrt habe. Ich erkenne mich in diesen Jungs wieder, sie definieren mich, so wie ich sie definiere. Wer mich verstehen will, tut gut daran, diese Leute zu fragen.
Ein Beweis dafür, dass diese drei Jungs meine besten Freunde sind, liegt in der Konversation, die wir betreiben. Zuerst einmal fragt keiner von uns den anderen, was er gerade beruflich macht, weil wir erstens vage darüber im Bilde sind und weil wir zweitens wissen, dass der andere sich durch unser geringes Interesse an seinem beruflichen Werdegang nicht gleich beleidigt fühlt. Der äußere Rahmen unserer Leben spielt für unsere Freundschaft eine untergeordnete Rolle, wenn wir uns treffen zählt nur das Hier und Jetzt. Es geht uns nur darum, Spaß zu haben.
Darüber hinaus besitzen wir unser eigenes Vokabular, wir benutzen zumeist elliptische Phrasen, da ganze Sätze nicht nötig sind um einander verständlich zu machen. Außerdem haben zuweilen ganz gewöhnliche Wörter einen nur uns bekannten semantischen Gehalt, was ich an einigen Beispielen belegen will: So ist eine ‚Luftpumpe’ für uns keine gewöhnliche Luftpumpe, sondern ein Mensch, der redet ohne etwas zu sagen, kurz, er ist ein Idiot. Ein ‚Hubschrauberlandeplatz’ ist ein Mädchen mit einem ausladenden Hinterteil, eine ‚Schnitte’ ein ansehnliches Mädchen, usw. Wir haben uns in kleinem Kreis eine Semantik dazu erfunden, die dem französischen Argot oder dem deutschen Rotwelsch vergleichbar ist. Und mithilfe dieser Sprache verfestigen wir unsere Gemeinschaft nach innen und grenzen uns von den anderen nach außen ab. Das macht Spaß!

Schon als ich das Lachen im Flur höre, weiß ich, was mir nun bevorsteht. Ich brauche den Kopf nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass Laura gerade hereinkommt. Ich spüre einen kleinen Schauer, der glücklicherweise bei weitem nicht so stark ausfällt wie zu Schulzeiten. Henrik, Frank und Dirk gucken mich grinsend an, sie wissen Bescheid. Sie ist da, sagt Henrik und ich sage nur: Ha Ha! Schon nervt mich die Tatsache, dass ich dieser Begegnung mehr Bedeutung beimesse als sie, und ich merke, wie ich langsam auf mich selbst wütend werde. Ich drehe mich um und schaue ihr ins Gesicht. Aber anstatt ihr wie früher die kalte Schulter zu zeigen (so, als hätte ich allen Grund, wütend auf sie zu sein) begrüße ich sie freundlich, umarme erst sie und dann ihre beste Freundin. Schön ist sie immer noch, dass muss ich mir dann doch eingestehen, aber ich muss mich nun einmal mit der Tatsache abfinden, dass ihr Leben mit meinem nichts mehr zu tun hat. Sie geht weiter durch den Partyraum und begrüßt ihre anderen Freunde. Ich nehme mir in der Zwischenzeit vor, ihr heute Abend aus dem Weg zu gehen. Ich wende mich mit Henrik, Frank und Dirk wieder der Theke zu. Ein Bier bitte, rufen wir wie ein Mann.
Ich bin schon ein wenig beduselt. Der Alkohol steigt mir langsam zu Kopf, aber glücklicherweise verschafft er mir (noch) keine Übelkeit, sondern ein (vorläufiges) Hochgefühl. Ich fühle mich immer besser in der gegenwärtigen Umgebung, die mir zu Beginn noch so fremd schien, und ich merke, dass ein Großteil der Leute um mich herum dieselbe Verwandlung durchlebt. Wagemutig entferne ich mich von meinen drei Freunden und mache mich heroisch auf zum Klo.
Am Pissoir stehen zwei Männer: Christian Diß und Robert Kapfeldt. Mit dem einen hatte ich nie intensiveren Kontakt und gegenüber dem Zweiten, Kapfeldt, habe ich zu Schulzeiten sogar eine Abneigung empfunden. Aber der Alkohol hat meinen Groll lädiert, dergestalt, dass ich Kapfeldt nun freundschaftlich auf die Schulter klopfe und sage: Na, schon was gefunden?
Kapfeldt, augenscheinlich auch beduselt, johlt mir jovial zu. Diß schüttelt sich gerade ab und macht mir schon bereitwillig Platz. Alles klar bei dir, Diß, alter Kumpel? Alles klar, erwidert er, alles klar!
Kapfeldt, sage ich, als ich mein bestes Stück in gespannter Erwartung über das Pissoir hänge, lassen wir heute die Puppen tanzen, oder was? Kapfeldt grinst mich an, und sagt, voller Ernst: Klar, heute lassen wir die Puppen tanzen, aber erstmal gehen wir noch einen trinken, oder? Klar, sage ich und packe mein Genital wieder ein, obwohl noch ein paar Tropfen an der Eichel hängen. Und während diese mir noch das Bein herunter laufen, mache ich mich schon mit meinem Freund Kapfeldt zur Theke auf um ein Bier zu bestellen.

Mit Kapfeldt habe ich das Bier heruntergestürzt, dazu haben wir noch auf Brüderschaft einen Kurzen getrunken, und ich merke, wie mir die einstigen Ressentiments, die ich gegenüber Mitschülern empfand, gleichgültiger und gleichgültiger werden. Es macht sich ein Gefühl in mir breit, das sich mit dem Fazit zusammenfassen lässt: Wir sitzen doch alle in einem Boot und so jung kommen wir nicht mehr zusammen! Und als ich dann Antje erblicke, mit der ich als Zehnjähriger in der fünften Klasse mein erstes, winzig kleines Techtelmechtel hatte, fühle ich schon fast Tränen der Rührung in mir hochsteigen. Ich gehe auf Antje zu, die mit Britta Stelzer am Tisch sitzt, und begrüße beide Mädchen freundlich. Antje steht auf und will mich umarmen und ich lasse geschehen. Dann setze ich mich dazu und Antje erzählt mir, wie sie nach dem Abitur erst bei der Commerzbank eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht hat und dann, nach einem Jahr nicht zufriedenstellender Arbeit hinter dem Schalter einer Filiale ihren Job gekündigt und eine Ausbildung zur Hebamme gemacht hat. Für einen solchen Lebenswandel kann ich trotz oder gerade wegen meines angesäuselten Zustandes nur lobende Worte finden, und auch wenn sich ihr Leben nur in den bescheidenen Grenzen der deutschen Provinz abspielt, komme ich doch nicht umhin zu denken, dass Antje sich für das pralle und pure Leben entschieden hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Zum ersten Mal entwickle ich so etwas wie Respekt für eine Lebenslauf, der sich nicht verpflichtet fühlt, möglichst exotische Orte und unsagbar viele verschiedene Erfahrungen auf einem DIN A 4 Blatt zu vereinen. Antje hat etwas gemacht: Sie hat sich für ein kleines, aber feines Leben entschieden und ich kann einem so verständigen Mädchen wie Antje keinen Vorwurf daraus stricken nur weil es mit meinem inkommensurabel ist. Und als Antje schließlich fragt, was ich so seit dem Abitur getrieben habe, sehe ich zum ersten Mal keinen Anlass dazu, weitschweifig auszuholen und zu erzählen, wie ich mit einem Station Wagon die Wüste Nevada durchquert habe, wie ich in Maastricht mit einer Prostituierten eine Nacht im Coffee Shop versackt bin, oder wie ich die Laune bei Killorglin im County Kerry mit einem selbst gebastelten Floß herunter getrieben bin. Stattdessen erwidere ich auf die Frage, was ich seit dem Abitur gemacht habe, nur lapidar: Oooch, so dies und das!

Es ist soweit: Der erste Mensch verlässt den Boden der Tatsachen und entschwebt, mit einem Glas Bier in der Hand, nach oben, auf die Tische. Von den anderen ehemaligen Stufenkameraden zuerst argwöhnisch beäugt, dann freundlich belächelt, bittet er den Schüler an der Stereo-Anlage, die Lautstärke etwas höher zu drehen. Das war ja klar, sagt Henrik, dass Uli Wiedt wieder der Erste ist, der auf den Tischen tanzt. Na ja, wat soll’s, fährt er dann fort, Solidarität muss sein. Er bestellt sich in Windeseile ein weiteres Bier an der Theke und steigt dann auch über die Bank auf denselben Tisch, auf dem Uli Wiedt sich schon zu allerlei Verrenkungen herablässt. Ein paar aus der Gruppe, die ebenfalls schon nicht mehr wirklich wissen, was sie tun, beginnen, die beiden anzufeuern. Uli macht in Ansätzen die Bewegungen, die man auch wohl von einem Chippendale zu Anfang einer Performance erwarten würde und einige Mädchen lassen es sich nicht nehmen, Uli mit Pfiffen anzufeuern. Auch Henrik, der die Grenzen der sinnvollen Selbstreflektion längst überschritten hat, fühlt sich von den Pfiffen der Mädchen dermaßen angestachelt, dass er sein Sweat-Shirt auszieht. Ein Raunen geht durch den Partyraum, manche Mädchen fühlen sich aufgrund des dichten Bewuchses auf Henriks Brustkorb zu einem kreischenden Iiihhh! angetan, anderen Mädchen (warum ich nicht von Frauen spreche, kann ich nicht sagen, vielleicht weil ich sie als Mädchen kennengelernt habe) wiederum schient zu gefallen, was sie da sehen. Die Musik dröhnt immer lauter, ein paar Wagemutige stoßen zu den beiden Vortänzern, und als ich mich umblicke, sehe ich eigentlich niemanden mehr, der noch irgendwie zurechnungsfähig aussieht oder abseits steht. Trotz meiner fortschreitenden Alkoholisierung erkenne ich alle: Da tanzt Anne Glöcking, daneben lacht Heidi Bliesmann, ihr Freund und Ehemann Johannes Wedert, das sehe ich sofort, wird auch bald auf den Tischen sein. Christoph Glutz und Helmut Klöcker stehen an der Theke und unterhalten sich laut lachend. Detlev Wesler flüstert Sandra Terodde etwas komisches ins Ohr, so dass sie den gerade wieder getrunken Prosecco rausprustet. Wesler grinst nur schelmisch. Und ganz langsam merke ich es auch und muss es mir selber eingestehen: Diese Party macht Spaß!

Kurzzeitig beginnt mein Kopf sich zu drehen. Früher hätte ich den Alkohol noch besser weggesteckt. Umso besser, denke ich, wenn du jetzt schneller besoffen wirst sparst du ja auch Geld. Mit einem unheimlichen Elan mache ich mich erneut zur Theke auf, wo ich Marco treffe, der bereitwillig einen mit mir hebt. Maik Zakowski kommt bei uns vorbei, legt uns lallend die Arme über die Schulter und ruft, um die Musik zu übertönen: Taanzen! Taanzen! Ja, sagt Marco locker und lapidar, während er Maiks Arm von seiner Schulter entfernt, ich war auch mal zwölf! Außerdem heißt das Taarzan! Ich muss lachen.
Mittlerweile sind genauso viele Leute auf den Tischen wie am Boden und ich weiß, es ist nur noch ein Frage der Zeit, bis ich auch hinauf muss. Die Anzahl derer, die von den Tischen zu mir herunter rufen, ich möge doch auch hochkommen, wird immer größer und ich kann mich kaum noch ihres Enthusiasmus erwehren. Insgeheim warte ich wohl, dass Laura auf mich zukommt und mich fragt, ob ich mit ihr auf den Tischen tanzen will. Vielleicht könnte ich ihr ja einen Zettel schreiben, mit der Frage: Willst du mit mir auf den Tischen tanzen? Und dann als Antwort drei Möglichkeiten vorgeben: Ja, Nein und Vielleicht.

Alles dreht sich! Die Leute um mich herum verschmelzen zu einer Masse, werden eins mit mir und meinen Gefühlen. Ich fühle mich dem Ort, an dem ich gerade bin, zugehörig, ich fühle wie alles um mich herum zu einem Teil von mir wird, mehr noch, ich habe das Gefühl, dass alles schon immer ein Teil von mir war: Henrik, Frank, Dirk, Marco, Maik und wie sie alle heißen, aber auch die Lehrer, die Stühle, die Kellner, die Bilder an der Wand, die Bäume draußen vor dem Gebäude, die Häuser in der Straße, die Parks, die anderen Schulen, die Weideflächen und Bauernhöfe, die Schlote der alten Textilfabriken, die Backsteinhäuser, die Fischreiher, die alten Männer und Frauen aus Herresburg, Bürgermeister Schmeink, die Oma vom Kiosk, alles...

Alles dreht sich! Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das nach langer und anstrengender Suche den Weg zurück in den warmen Mutterbauch gefunden hat, wo es sich als Embryo damals so wohl gefühlt hat. Ich habe das Gefühl, nach zwanzig Jahren Krieg, die mich aufgerieben haben, den Kopf wieder in Mutters Schoß legen zu können und ihre zarten Hände durch mein Haar fahren zu fühlen. Schlagartig wird mir bewusst, dass wir, die wir hier alle versammelt sind, irgendwann getrennt voneinander zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sterben werden, aber dass diese zukünftige Einsamkeit fast lächerlich wirken wird gegen die Verbundenheit und Freude, mit der wir hier und jetzt unser Wiedersehen zelebrieren. Die Kraft die wir, tanzend auf den Tischen und besoffen vom Alkohol, entwickeln und aufeinander übertragen, wird jeden von uns in der Zukunft begleiten. Diese Kraft ist eine Ressource, aus der wir noch lange schöpfen können, mögen die Stunden, die kommen, auch noch so hart und bitter sein. Wir haben gelebt, wir haben zusammen etwas erlebt, wir waren und wir sind Könige und Königinnen für diese eine Nacht.

Ich halte nicht mehr an. Jetzt führt nur noch ein Weg durch den Raum und dieser Weg führt auf die Tische. Ich springe hinauf, lege zwei Stufenkameraden die Arme um die Schulter und tanze und lache und johle und grinse und trinke und weine vor Freude...
 

CPMan

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Im Grunde genommen geht es mir mit meiner alten Stufe wie mit einer Verflossenen, mit der ich vor zehn Jahren Schluss gemacht habe. Die Leute aus meiner Stufe kennen mich noch von damals, und sie kennen mich sehr genau, schließlich haben sie mich ja tagtäglich gesehen. Sie wissen von meinen intimsten Details, wissen von meinen kleinen Heimlichkeiten, meinen Neurosen und meinen sonstigen Ticks. Sie wissen Bescheid über meinen Alkoholkonsum, über mein Minderwertigkeitsgefühl, meine heimliche Liebe und über mein Elternhaus. In diesem Sinne ist meine Stufe wie eine Verflossene: Sie weiß über die Dinge Bescheid, die damals unsere Vertrautheit im Umgang miteinander ausmachten und sie weiß auch dass mir diese Dinge nun peinlich sind. Die Stufe ist wie eine alte Liebe, die man nicht mehr liebt und für die man sich nun schämt. Genauso wie man einer alten Liebe nicht mehr unbedingt begegnen will, so will ich auch den Leuten aus meinem Abiturjahrgang nicht mehr begegnen. Ich will ihnen durch Abwesenheit zeigen, dass ich mich verändert habe, mehr noch, dass ich mich fortentwickelt habe. Ich will ihnen zeigen, dass ich nicht mehr der kleine Junge aus der Provinz bin, der ich mal war und für sie immer noch bin, sondern dass ich der Mann von Welt bin, der es aus terminlichen Gründen nur noch selten schafft, in die Heimat, in die tiefste Provinz zurückzukehren. Ich will ihnen zeigen, dass ich Abstand gewonnen habe von dem kleinen Leben, das uns einst verband, und dass ich nun ein großes Leben führe, auf großem Fuß lebe, und dass meine Reise nach New York, mein Leben in Paris und mein Studium in Berlin unvereinbar sind mit dem Leben in Herresburg. Ich will mich in meiner Anmaßung über jeden erhaben fühlen, der nach dem Abitur in Herresburg geblieben ist und dort eine Ausbildung gemacht hat und vielleicht noch immer bei seinen Eltern wohnt.
Falls ich doch zum Klassentreffen hingehe (und ich werde hingehen, das ahne ich), will ich mit einem Auftritt in schicken Klamotten und mit meinem akademischen Vokabular jedem klarmachen, dass aus mir ‚was geworden’ ist. Mit meinem Blick will ich alle Lügen strafen, die damals geglaubt haben, dass ‚aus dem sowieso nichts wird’. Mit meinem regard hautain und den schwarzen Lackschuhen möchte ich durch die festlich geschmückte Aula unseres ehemaligen bischöflichen Privatgymnasiums schreiten und den Leuten durch meine Mimik mitteilen: Ich bin ein Gott unter Insekten!

*

Ich bin gestern in Herresburg angekommen. Was ich bisher nur von innen kannte, sehe ich nun zum ersten Mal wirklich von außen. Was früher für mich der weit entfernte Horizont war, ist jetzt die lächerliche Stadtgrenze eines zutiefst spießbürgerlichen Kaffs.
Jetzt, mit neunundzwanzig Jahren und nach erlebten Geschichten in New York (Fahrt in einem Cadillac durch den Holland Tunnel, Besuch des Musicals STOMP, Schlendern auf dem Times Square und im Central Park, durchzechte Nacht im Transenviertel, Übernachten im Station Wagon und Zähneputzen in Boxershorts auf offener Straße), in Paris (Arbeit an der Rezeption eines Hotels, WG mit einem Spanier, einer Finnin und einer Schwedin in der rue de la cossonnerie) und in Maastricht (Studium des International Business, deutschnational gesinnte, neunzigjährige Vermieterin, deren verstorbener Ehemann bei der flämischen SS tätig war), fällt es mir schwer, meine Heimatstadt nicht in einen größeren Kontext einzuordnen. Nun haftet meiner Heimatstadt unweigerlich dieser Gestank von Bauernhöfen und Kuhfladen an, und die Einwohner kann ich jetzt nur so definieren: Weltfremde, zutiefst deutsche, bäuerliche und engstirnige, non open-minded bums.
Nicht, dass ich mich schäme, hier geboren worden zu sein. Aber diese Stadt hat nichts mehr mit mir zu tun, diese Stadt, über die ich mich und die mich einst definierte, ist nun mit meinem Charakter so unvereinbar, dass sie zu einer Randnotiz in meinem Lebenslauf verkommt. Wichtig und entscheidend für meinen Charakter ist das, was ich seit meinem Weggang aus Herresburg getan habe. Alles davor lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Ich habe in dieser Stadt mein Abitur gemacht. Ich habe neunzehn Jahre meines Lebens in Herresburg verbracht um einen einzigen, nicht einmal besonders wertvollen Abschluss zu erlangen. Neunzehn Jahre habe ich in dieser Stadt verschwendet, die mir in all der Zeit ein Quantum an Bildung und Kultur angedeihen ließ, für das eine einzelne Metropole dieser Welt vielleicht zwei Wochen gebraucht hätte. Neunzehn Jahre, die mir innerhalb Deutschlands dazu verhelfen, von Fremden als Provinzler abgestempelt zu werden. Neunzehn Jahre, die mir trotz der intensiven Lektüre von Lacan, Bataille, Thoreau, Le Bon, Dreyer und Nietzsche nicht gestatten, mich als philosophischen Kosmopoliten zu bezeichnen. Ich bin ein Herresburger, ein Provinzler, ein Deutscher. Ich habe Wurzeln, nein, ich habe eine Vergangenheit, die aufs Engste mit diesem eigentlich willkürlichen Ort Herresburg verknüpft ist und ich kann diese Geschichte nicht mehr loswerden, ganz gleich, ob ich meine Zelte in Zimbabwe, Zabid, Zagazig oder im Zillertal aufschlage. Ich bin Herresburger, und weil ich Herresburger bin und auf dem von Dominikanern geleiteten St. Thomas Gymnasium in Herresburg mein Abitur gemacht habe, wurde ich von den damaligen Stufensprechern zum zehnjährigen Jubiläum unseres Abiturjahrgangs eingeladen. Und ich weiß nicht wieso, aber ich werde hingehen.

*

Die Einreise in die Stadt, die man wohl oder übel seine Heimat nennen muss, gestaltet sich anders als die Einreise in andere Städte. Als der Regionalzug von Soeskent abfuhr, begann die Umgebung vertrauter und vertrauter zu werden. Häuser, Bäume, Sträucher und Straßen waren nicht mehr beliebig wie in jeder anderen Stadt, sondern besonders und standen in einem engeren Bezug zu mir und meinem Leben als die Häuser in Hanktal, die Sträucher in Vechtona, die Straßen in Bertboerde und die Bäume in Zuggert. Ich erkannte eine Fläche Land, die ich schon tausendundeinmal selber abgegangen war, ich sah Häuser, die ich schon mehrmals betreten hatte und sah von weitem Gebäude, die ich aus der Nähe kannte. Da war die Disco, wo sie Elenas Auto abgeschleppt hatten, hier wohnte Thomas, genannt Knügge, mit seinen Eltern, dahinter befand sich die Pferdekoppel. Von weitem sah ich die Kirche des Gedelekenviertels, die Kirche, in der meine Mutter mich zum Ministranten hatte ausbilden lassen. Eine riesige Baustelle an der Flingdener Straße befand sich nun dort, wo früher einmal das Asylantenheim gestanden hatte. Der Baumarkt Welsinghorst hatte erneut angebaut und die Sanierung des Bahnhofs war abgeschlossen. In meiner Abwesenheit hatte sich die Stadt genauso verändert wie ich mich, und dieses veränderte Stadtbild war zugleich ein Beweis für die Entfremdung, die zwischen mir und meiner Stadt stattgefunden hatte. Vor neun, zehn Jahren war ich noch mit dem Fahrrad über einen Sandplatz geheizt, auf dem jetzt ein Schuhgeschäft steht.
Den Weg vom Bahnhof bis nach Hause ging ich zu Fuß. Ich lief an der Volksbank auf der Gantzstraße entlang, bog in die Stützenstraße ein und ging am Haus von Heike vorbei, mit der ich in der Grundschule gewesen war und die trotz guter Noten die Clara-Zetkin Realschule und nicht eines der zwei Gymnasien besucht hatte. Ich sah den Supermarkt Börkes (der Sohn des Besitzers war ein tumber, fetter Kerl, der noch immer nur zum Regalauffüllen taugte), lief auf die Heerstraße zu, in der der Spielplatz meiner Jugend noch immer an das Altenheim grenzte (in meiner Kindheit hatte der Begriff Generationenkonflikt sehr schnell große Bedeutung erlangt) und sah die von den auf dieser Straße lebenden Eltern liebevoll gemalten Holzschilder, die Autofahrer höflich zu einem Schritttempo aufforderten, obwohl es offiziell eine 30er-Zone war.

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Schweigen wir von den Eltern. Sie sind ein eigenes Kapitel, ein ganzes Buch gar, und haben mit dem Verhältnis zu meinen ehemaligen Klassenkameraden nur entfernt etwas zu tun. Wichtiger erscheint mir da schon mein Zimmer, weil es am deutlichsten den Unterschied zwischen meinem jugendlichen und meinem jetzigen Ich zur Geltung bringt. Wenn ich nämlich vor der offenen Tür zu meinem Zimmer stehe und in das Zimmer hineinsehe, meinen Blick auf das Bett, auf den Schrank, auf den Schreibtisch mit dem Commodore 64 samt Floppy 1541 II und auf den Nachttisch richte, dann sehe ich ganz schwach auch mein jugendliches Ich, das in diesem Zimmer sitzt, schläft, Computer spielt, gähnt, lacht und weint. Ich sehe ein Ich aus meiner Vergangenheit, das geistig dermaßen von mir entfernt ist, dass ich es als eigenständige, andere Person betrachten kann. Ich sehe das junge Ich, wie es sich über alltägliche und mir heute nichtig erscheinende Dinge den Kopf zerbricht. Wie es die Geschehnisse auf irgendeiner Landjugenddisco, einem Schützenfest, einer Klassen- oder Stufenparty nochmal Revue passieren lässt und dabei jede einzelne Geste, jeden einzelnen Satz der damaligen Angebeteten (Laura) in seiner Bedeutung zu analysieren versucht. Die Wichtigkeit, die ich damals der Liebe beigemessen habe, ist die gleiche geblieben, aber der Blickwinkel ist heute doch ein anderer, ein erwachsener Blickwinkel, wie ich zu behaupten wage. Jedenfalls erinnere ich mich, dass meinem damaligen Ich die Beliebtheit innerhalb der Klasse, bzw. Stufe das Wichtigste war. Jeder sollte mich mögen, alle sollten mich gerne haben und auf keiner Party wollte ich fehlen. Immer richtete mein damaliges Ich seinen Kleidungsstil, Sprachduktus und seine Verhaltensweise nach den Typen aus, die in der Klasse, bzw. Stufe meines Erachtens den größten Ruhm genossen. Wenn Knügge sich neue Reeboks kaufte und damit sportlich aussah, musste ich auch welche haben. Wenn Frank eine Baseballjacke der LA Raiders besaß, dann musste ich zumindest das dazu passende Käppi haben, und wenn Michel Holtzbrinck Leute fragte, ob sie am Wochenende ins Aquarodrom mitfahren wollten, dann musste ich zu den Eingeladenen gehören. Meine ganze Welt hatte nur dann ein Recht auf Existenz, wenn sie innerhalb des Sonnensystems kreisen durfte, das die am stärksten strahlenden Sterne des Herresburger St.Thomas Gymnasiums in sich vereinte. Meine kleine Welt unterlag fast vollständig den Anziehungskräften von Frank, Knügge, Locke, Marco, Uwe, Henrik oder wie die coolsten Typen meiner Schule zu jener Zeit sonst so hießen. Ich konnte nur dann sinnvoll weiterleben, wenn der Glanz der Coolen auf mich abstrahlte.
Heute ist es genau umgekehrt. Ich bin mein oberstes Gesetz. Ich bin ein Einzelgänger, der nur sich selbst Rechenschaft ablegt. Ich vereine in mir Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Negatives Feedback von anderen Leuten prallt an mir ab, denn ich bin diesen Spöttern erhaben. Wie ich schon sagte, ich bin ein Gott unter Insekten.

*

Seit meinem Weggang unterscheide ich zwischen zwei Arten von Freunden. Aus dem großen Pulk von ehemals in meiner Wertschätzung gleichgestellten Freunden hat sich eine winzig kleine Gruppe abgespalten, mit der ich mich seit dem Abitur immer besser verstehe. Zu dieser Gruppe zählen drei Jungs: Henrik, Frank und Dirk. Ein entscheidender Grund für dieses gute Verhältnis liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass alle drei aus dieser Gruppe ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Während ich nämlich nach dem Wehrdienst für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin um dort zu arbeiten, haben Henrik und Frank schon vorher wertvolle Auslandserfahrungen sammeln können. Henrik hat seinen Zivildienst für ein Jahr in der nähe von Philadelphia in einem im Wald gelegenen Camp für geistig und körperlich behinderte Kinder abgeleistet, Frank hat in einem Sterbehospiz in Santiago de Chile alten Menschen beim Veratmen zugesehen. Diese Auslandserfahrungen trugen bei beiden dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern und gewissermaßen auch zu verlassen. Der Erwerb einer anderen Sprache ging einher mit dem Erlernen einer anderen Kultur, das Deutsche wurde dadurch zwangsweise kontrastiert und als Nonplusultra in Frage gestellt. Mein Aufenthalt in Frankreich nimmt sich gegen diese beiden großkalibrigen Aufenthalte in den USA und Chile eher winzig aus, aber mündete im gleichen Ergebnis: Wir alle hatten ein bisschen von der Welt gesehen und dieses Sehen hatte uns einander nähergebracht. Dirk zähle ich zu dieser Gruppe, obwohl er nie längere Zeit im Ausland gewesen ist. Er hat durch sein Studium in Berlin das Ausland in seiner Stadt gehabt und aus diesem Grunde bin ich im Gespräch mit ihm nie um ein Wort verlegen. Alle drei, Frank, Henrik und Dirk, sind in ihrem Verhalten mir gegenüber so unkompliziert, dass ich mich in ihrer Gegenwart so verhalte, wie es meinem eigentlichen Wesen am ehesten entspricht. Es ist gut, solche Freunde zu haben. Freunde, denen man nicht erst lange und breit erklären muss, wie man etwas meint, sondern die den Kontext, in dem ich es sage, augenblicklich verstehen.

Die zweite Gruppe, die eine Mehrheit bildet, sind ehemals gute Freunde, die sich zuallererst dadurch auszeichnen, dass sie nach dem Abitur in Herresburg geblieben sind. Ihre in meinen Augen etwas sinnentleerte Sesshaftigkeit führte zu einer Entfremdung, die in Distanz mündete. Wenn ich mit jemandem aus dieser Gruppe spreche, dann ist da dieses unangenehme Gefühl im Unterbewusstsein, das mir bewusst macht: Wir liegen nicht mehr auf einer Wellenlänge, ich suche krampfhaft nach Gesprächsthemen, weil ich keine unangenehmen Gesprächspausen haben will, genauso wenig wie mein Gesprächspartner, der keine Ahnung mehr von mir und meinen Interessen hat, denn sonst würde er nicht so einen uninteressanten Müll daher labern.
Diese zweite Gruppe hatte in meinen Augen Angst vor der Zukunft. Sie blieben in Herresburg, weil sie sich nicht von dem Leben loslösen konnten, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatten. Sie wollten weiterhin am Wochenende Saufgelage veranstalten, die übliche Diskothek besuchen und sie wollten vor allem keine Fremden in einer fremden Stadt sein. Vielleicht überinterpretiere ich, aber ich glaube wirklich, dass sie Angst hatten. Was insofern arrogant ist, weil ich damit ja auch gleichzeitig sage, dass ich mutig war, weil ich in der Welt umherzog wie ein Landstreicher.

Und so ist es einer aus der ersten Gruppe, der mich, kaum angekommen, telefonisch kontaktiert. Henrik, seines Zeichens Verhaltenstherapeut (noch in Ausbildung) und nicht zuletzt aus diesem Grunde ein Meister in der Analyse aller Befindlichkeiten. Ihm kann ich getrost davon erzählen, dass ich keine gesteigerte Lust auf das Abinachtreffen habe, aber dass ich trotz meiner Bedenken hin gehen werde. Er sieht es ähnlich, allerdings sieht er diesen Konflikt der zwei Gruppen nicht. Für ihn sind, glaube ich, alle Mitglieder aus der oben erwähnten ersten und zweiten Gruppe Individuen, die mehr oder weniger zu seinem Freundeskreis zählen. Er wirft mir durch seine Gleichbehandlung aller Stufenkameraden indirekt vor, ich würde der sozialen Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft Auftrieb geben. Indirekt will er mir sagen: Wenn du immer wieder darauf pochst, dass du mit deinen ehemaligen Klassenkameraden nichts mehr gemeinsam hast, dann ist das nur ein zwanghafter Versuch, dich selbst zu positionieren. Du sagst, du bist anders, aber eigentlich geht es dir darum, zu sagen, dass du besser bist. Gut, diese Leute haben weniger Auslandserfahrung als du oder ich, aber das macht sie weder zu dümmeren noch zu einfältigeren Menschen als dich. Ihre Interessen sind anders gelagert, ihnen geht es um eine sichere Zukunft, um einen guten Job, um einen Platz im Leben. Nur weil du diese Art zu leben für konventionell und feige hältst, muss diese deine Ansicht nicht die wahre und richtige sein. Du solltest stattdessen versuchen heraus zu finden, was du willst in deinem Leben und was dich zufrieden macht, anstatt anderen, die deine Weltanschauung nicht teilen, vorzuwerfen, sie seien beschränkt. Es ist nämlich, finde ich, sehr entlarvend, wenn du dich nur dann gut fühlen kannst, wenn du dich pausenlos mit anderen Menschen vergleichst, nur um zu sehen, ob du besser da stehst als sie. Du solltest lernen, deinen eigenen Weg zu gehen anstatt anderen deinen Weg vorschreiben zu wollen.

Ich denke, Henrik hat nicht ganz unrecht.

Darüber hinaus weiß Henrik auch, und dazu muss er nicht einmal seine psychologische Intelligenz benutzen, dass ich vor allem deshalb auf das Abinachtreffen gehen werde, weil Laura dort sein wird. Sie ist die Jugendliebe, die man nie ganz vergessen kann, selbst wenn man sie nicht mehr liebt und sich aufrichtig in eine andere Frau verliebt hat. Sie ist die in eine physische Form gegossene Bewusstwerdung meines Sexualtriebs. Sie ist die Frau, die mich an die Zeit erinnert, als ich zum Mann reifte, sie ist die Frau, die mein Verständnis von Liebe prägte ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben. Sie ist (und das ist leider ein großes Problem) der Grund dafür, dass ich immer noch glaube, wahre Liebe sei nur aus der Distanz möglich. Sie ist der Grund dafür, warum ich zu einem Mädchen, das ich in Frankreich kennengelernt und auch en wenig geliebt habe, so etwas Dummes sagte wie: „Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mich verlassen, denn wahre Liebe gibt es nur wenn du das Bild von mir, das du im Anfangsstadium deiner Liebe hast, behältst, und nicht mit den schnöden und weltlichen Details fütterst, die ein gemeinsamer Alltag uns bescheren würde. Wirklich lieben kannst du nur ein Bild von mir, denn ich selber bin nur Mensch, und was, bitteschön, ist liebenswert an einem Menschen?“
Laura, die mich nie wert für befand, ihr Freund zu sein, hat mir die Kraft der Phantasie angedeihen lassen. Obwohl sie sich nicht für mich erwärmen konnte und obwohl ich sie nie wirklich gut gekannt habe, war sie für die gesamte Dauer meiner Jugend bis zum Abitur der Mensch, der mich am stärksten beeinflusste. All die Jahre habe ich geglaubt, ich liebe sie und erst vor wenigen Monaten ist mir aufgegangen, dass ich all die Jahre nur mein eigenes Bild von ihr geliebt habe. Die menschliche Laura und die Phantasie-Laura (in die ich unsterblich verliebt war) hatten vielleicht eine gemeinsame Schnittmenge, aber sie waren bezüglich ihres Charakters dennoch grundverschieden. Erst als ich merkte, dass die menschliche Laura mit der Phantasie-Laura nichts zu tun hatte, konnte ich loslassen. Erst als die menschliche Laura Dinge sagte, die meine Phantasie-Laura niemals gesagt hätte, begann ich zu merken, dass ich mich selbst all die Jahre betrogen hatte. Ich hatte eine Frau geliebt, die es gar nicht wirklich gab, eine Frau, an die Laura mich erinnerte, aber die Laura nicht war.
Und das Abinachtreffen soll in dieser Hinsicht meinen Abschied von meiner Jugend besiegeln. Ich will Laura sehen und milde lächelnd denken: Das also ist die Frau, in die dein früheres Ich verliebt war. Ich will vor mir selbst beweisen, dass der Zauber dieser Frau an mir vorbei geht, dass ich ein Mensch geworden bin, der sich dank seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion endlich wirklich in eine real existierende Frau verlieben kann und nicht mehr in Projektionen, für die reale Frauen nur als Stichwortgeber fungieren.

Ich muss das noch weiter ausführen: Ganz gleich wie sehr man der Liebe, die man liebt, auf die Spur kommt und wie sehr man auch die rationalen und objektivierbaren Gründe aufzählen mag, die dazu geführt haben, dass man sich hoffnungslos in einer anderen Person verloren hat, bleibt doch eines sicher: Liebe kann falsch sein, Liebe kann vergehen, Liebe kann eine große Lüge sein, aber dennoch bleibt Liebe Liebe: Das Gefühl, das man hat, ist echt. Es mag vielleicht aus unlauteren oder fragwürdigen Gründen entstanden sein, aber dieses flaue Gefühl im Magen, diese Kribbeln im Kopf, diese wohlige Anspannung, wenn man der geliebten Person begegnet, kann diesen rationalen Hintergrund mit einem Schlag überfluten. Mag ich auch gelernt haben, die wahren Gründe für meine Liebe zu Laura zu finden, mag die echte Laura auch nicht der Laura entsprechen, die ich damals geliebt habe, steht dennoch unerschütterlich fest: Ich habe geliebt. Und Laura war der Grund, warum ich geliebt habe.

Der Abend des Abinachtreffens rückt näher. Ich muss alleine hingehen, Henrik kommt erst später, Frank und Dirk wohnen so ungünstig, dass eine gemeinsame Fahrt zur Schule geradezu als Beweis dafür gelten würde, dass wir, bzw. ich Angst habe, alleine dort hinzugehen. Also muss ich alleine hin.

Es ist soweit. Ich bin angezogen. Ich muss los.

*

Ich habe noch keinen einzigen Schluck Alkohol intus, und schon begegnet mir Wolfi auf der Treppe zum Partyraum (bei meinem Eintreffen habe ich schnell festgestellt, dass das Nachtreffen nicht in der festlich geschmückten Aula – viel zu groß – sondern im Partyraum des alten Klostergebäudes stattfindet). Wolfi ist der aalglatte Bürgerschreck unserer Stufe gewesen, der immer glatt gegelte und perfekt durchgestylte Vorstadtyuppie, der allen mit dieser übertriebenen Höflichkeit begegnet, die schon erahnen lässt, dass er hinterrücks ganz anders von dir redet. Hey, alter Schwede, ruft er, und holt übertrieben weit aus um mir die Hand zu geben. Mein gequältes Lächeln scheint ihn nicht zu irritieren, er stellt die üblichen Fragen, die ich so knapp und kurz beantworte, dass er ahnen muss: Dieser Mensch will dich loswerden. Ich stelle kein Gegenfragen und sage: Ich guck mal, ob drinnen schon was los ist. Wolfi dampft ab.
Im Eingangsbereich des Klostergebäudes wird mir mulmig zumute. Dort stehen nämlich zehn ehemalige Stufenkameraden, dazwischen sogar einzelne Lehrer. Da ich viele von ihnen lange nicht gesehen habe und ein Großteil von ihnen auch schon damals nicht zu meinen besten Freunden zählte, sehe ich mich nicht dazu veranlasst, zu jedem von ihnen hinzugehen und ihm die Hand zu schütteln. So begnüge ich mich damit, die Umherstehenden mit einem wackligen Lächeln anzugrinsen und ein eher leises ‚Hallo’ anzustimmen. Ein paar nicken zurück, Frau Tietz, meine ehemalige Geschichtslehrerin sagt bedeutungsschwanger ‚Ah, der Herr Mengen’ und dann bin ich auch schon durch.
Ich schaffe es ohne größere Schwierigkeiten in den Partyraum. Auf einer der Sitzbänke erkenne ich Pia, eines der hübscheren Mädchen, mit der ich damals im Behindertenheim an der Forststraße mein soziales Praktikum machen durfte. Schnell setze ich mich neben sie, sie umarmt mich fast ein wenig überschwänglich, fragt mich dann mit drei Fragen über mein Leben aus und würde sich auch sicher noch weiter mit mir unterhalten, wenn da nicht gerade ihre beste Freundin Britt zur Tür hereinschneien würde.
Plötzlich sitze ich also alleine auf der Bank. Mein umherschweifender Blick verrät mir, dass noch keine wirklichen Freunde von mir anwesend sind. Unsicher grinse ich die ehemaligen Stufenkameraden an, die in meine Richtung nicken und mir zuprosten, aber keine Anstalten machen um auf mich zuzugehen. Ich wiederum weiß nicht, ob ich das nun gut oder schlecht finde. Gut finde ich es, glaube ich, weil ich noch keine große Lust verspüre, zwanghafte Gespräche zu führen, schlecht finde ich es, glaube ich, weil so alleine auf der Bank zu sitzen auch nicht gerade Partystimmung verspricht.

Also mache ich mich auf zur Theke und bestelle mir bei einem der Schüler, die heute für uns kellnern, ein Pils. Er stellt mir ein 0,3 Glas mit Klosterbräu hin, das ich fast schon verzweifelt hinunterstürze. Beim Bestellen des zweiten Bieres klopft mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und vor mir steht der hünenhafte Arno, der zur vorhin erwähnten zweiten Gruppe von Freunden gehört, obwohl er, wie ich höre, sich gerade dazu aufrafft, ein Weltenbummler zu werden. Er hat in der nächstgelegenen größeren Stadt eine kaufmännische Lehrer gemacht und wird nun als Außenhandelsvertreter in die Dominikanische Republik reisen.
Hey, sage ich.
Hey, sagt er.
Es folgt ein kurzer Moment, in dem wir beide überlegen, was man fragen könnte. Wir sind von gegenseitiger Sympathie erfüllt, aber wir haben uns zu lange nicht gesehen und aus diesem einen Grunde sind wir uns über die Befindlichkeiten des jeweils anderen nicht bewusst. Im Grunde ist der Arno, der mir da gerade gegenüber steht, für mich nur eine Schablone, ein Stereotyp von Arno, während der richtige, echte und wahre Arno mir schon seit der Schulzeit verborgen geblieben ist. So sagt man von Arno, er sei ein kleiner Charmeur und nicht selten habe ich ihn ja auch auf den Landjugendpartys und Schützenfesten mit dem ein oder anderen ansehnlichen Mädchen knutschen sehen. Seitdem war es üblich geworden, Arno immer mit einem kleinen Seitenhieb zu bedenken, wenn es im Gespräch um Frauen, bzw. Mädchen ging. Da einer in der Gruppe damit angefangen haben muss, fand ich es nur legitim, selbst auch solche Sprüche zu klopfen, ohne Arno wirklich zu kennen und ohne zu wissen, wie er sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen im Allgemeinen definierte. Ich speicherte einfach irgendwo in meinem Kopf die Information ab, dass Arno ein Womanizer sei und in Gruppengesprächen sprang ich dann sofort darauf an, sobald es die Gelegenheit gab, einen guten Witz bezüglich seiner Reputation bei Frauen zu reißen. Irgendwo war das Wort Arno als zu bestimmten Phasen meiner Schulzeit nicht mehr als ein Stichwort gewesen, dass mich dazu veranlasste, frauen-, bzw. arnofeindliche Witze zu machen. So erinnere ich mich jetzt, dass wir in der Gruppe einmal über ein hübsches Mädchen redeten und dass ein paar Jungs behaupteten, sie sei leicht zu haben, wohingegen andere Jungs in der Gruppe meinten, sie sei schwer zu knacken. Woraufhin ich, wie aus der Pistole geschossen erwiderte, wir könnten sie ja dem Arno-Test unterziehen. Auf Nachfrage der Jungs erklärte ich den Arno-Test dann so: Wenn das Mädchen auf Arnos Anmachsprüche hereinfällt, ist sie eine Schlampe, wenn nicht, dann ist sie ein ehrbares, seriöses Mädchen. Mit solchen Sprüchen verfestigte ich natürlich auch das Image von Arno, der fortan als Casanova gehandelt wurde, dem die Frauen nicht zu nahe treten sollten. Und obwohl ich einer der Leute war, die einen Witz über Arno als Frauenheld nie ungenutzt verstreichen ließen, war Arno nie sauer auf mich. Eigentlich war er sehr nett und ich war das Schwein.

Erzähl, sage ich also, was macht die Kunst.
Jooooh, sagt er lang gedehnt, muss, ne. Noch’n Bierchen?
Klar!

Später am Abend kommen auch Henrik, Frank und Dirk. Ich stehe gerade bei Antje, die ich auf irgendeiner Dorfparty auch mal geküsst habe und die nun Hebamme ist. Ich entschuldige mich bei ihr, gehe auf die drei zu, begrüße sie überschwänglich und mache mich gleich auf, mit ihnen zur Theke zu gehen. Ja, denke ich, als ich in ihre Gesichter sehe und langsam mein fünftes Bier herunterkippe, das sind meine Jungs. Jungs? Das sind jetzt Männer, die denselben Fleck Erde ihre Heimat nennen, Männer, deren Gedanken von den gleichen Umständen geformt wurden wie die meinen. Männer, Herresburger, mes compagnons. Im selben Hospital zur Welt gekommen, zur ungefähr gleichen Zeit, in den gleichen fremdländisch anmutenden Häusern das Säuglings- und Kindesalter überstanden, eng verbunden mit mir und meiner Geschichte. Als Jugendliche die Straßen derselben Stadt unsicher gemacht, dieselbe Sprache, denselben Dialekt erlernt und schließlich und endlich dasselbe Gymnasium besucht. In jedem dieser Drei erkenne ich mich wieder, jeder ist ein Spiegel der Seiten an mir, die ich gerne präsentiere, für die ich mich nicht schäme, sondern die ich selbst in so entlegenen Orten wie Corpus Christi schon hervor gekehrt habe. Ich erkenne mich in diesen Jungs wieder, sie definieren mich, so wie ich sie definiere. Wer mich verstehen will, tut gut daran, diese Leute zu fragen.
Ein Beweis dafür, dass diese drei Jungs meine besten Freunde sind, liegt in der Konversation, die wir betreiben. Zuerst einmal fragt keiner von uns den anderen, was er gerade beruflich macht, weil wir erstens vage darüber im Bilde sind und weil wir zweitens wissen, dass der andere sich durch unser geringes Interesse an seinem beruflichen Werdegang nicht gleich beleidigt fühlt. Der äußere Rahmen unserer Leben spielt für unsere Freundschaft eine untergeordnete Rolle, wenn wir uns treffen zählt nur das Hier und Jetzt. Es geht uns nur darum, Spaß zu haben.
Darüber hinaus besitzen wir unser eigenes Vokabular, wir benutzen zumeist elliptische Phrasen, da ganze Sätze nicht nötig sind um einander verständlich zu machen. Außerdem haben zuweilen ganz gewöhnliche Wörter einen nur uns bekannten semantischen Gehalt, was ich an einigen Beispielen belegen will: So ist eine ‚Luftpumpe’ für uns keine gewöhnliche Luftpumpe, sondern ein Mensch, der redet ohne etwas zu sagen, kurz, er ist ein Idiot. Ein ‚Hubschrauberlandeplatz’ ist ein Mädchen mit einem ausladenden Hinterteil, eine ‚Schnitte’ ein ansehnliches Mädchen, usw. Wir haben uns in kleinem Kreis eine Semantik dazu erfunden, die dem französischen Argot oder dem deutschen Rotwelsch vergleichbar ist. Und mithilfe dieser Sprache verfestigen wir unsere Gemeinschaft nach innen und grenzen uns von den anderen nach außen ab. Das macht Spaß!

Schon als ich das Lachen im Flur höre, weiß ich, was mir nun bevorsteht. Ich brauche den Kopf nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass Laura gerade hereinkommt. Ich spüre einen kleinen Schauer, der glücklicherweise bei weitem nicht so stark ausfällt wie zu Schulzeiten. Henrik, Frank und Dirk gucken mich grinsend an, sie wissen Bescheid. Sie ist da, sagt Henrik und ich sage nur: Ha Ha! Schon nervt mich die Tatsache, dass ich dieser Begegnung mehr Bedeutung beimesse als sie, und ich merke, wie ich langsam auf mich selbst wütend werde. Ich drehe mich um und schaue ihr ins Gesicht. Aber anstatt ihr wie früher die kalte Schulter zu zeigen (so, als hätte ich allen Grund, wütend auf sie zu sein) begrüße ich sie freundlich, umarme erst sie und dann ihre beste Freundin. Schön ist sie immer noch, dass muss ich mir dann doch eingestehen, aber ich muss mich nun einmal mit der Tatsache abfinden, dass ihr Leben mit meinem nichts mehr zu tun hat. Sie geht weiter durch den Partyraum und begrüßt ihre anderen Freunde. Ich nehme mir in der Zwischenzeit vor, ihr heute Abend aus dem Weg zu gehen. Ich wende mich mit Henrik, Frank und Dirk wieder der Theke zu. Ein Bier bitte, rufen wir wie ein Mann.
Ich bin schon ein wenig beduselt. Der Alkohol steigt mir langsam zu Kopf, aber glücklicherweise verschafft er mir (noch) keine Übelkeit, sondern ein (vorläufiges) Hochgefühl. Ich fühle mich immer besser in der gegenwärtigen Umgebung, die mir zu Beginn noch so fremd schien, und ich merke, dass ein Großteil der Leute um mich herum dieselbe Verwandlung durchlebt. Wagemutig entferne ich mich von meinen drei Freunden und mache mich heroisch auf zum Klo.
Am Pissoir stehen zwei Männer: Christian Diß und Robert Kapfeldt. Mit dem einen hatte ich nie intensiveren Kontakt und gegenüber dem Zweiten, Kapfeldt, habe ich zu Schulzeiten sogar eine Abneigung empfunden. Aber der Alkohol hat meinen Groll lädiert, dergestalt, dass ich Kapfeldt nun freundschaftlich auf die Schulter klopfe und sage: Na, schon was gefunden?
Kapfeldt, augenscheinlich auch beduselt, johlt mir jovial zu. Diß schüttelt sich gerade ab und macht mir schon bereitwillig Platz. Alles klar bei dir, Diß, alter Kumpel? Alles klar, erwidert er, alles klar!
Kapfeldt, sage ich, als ich mein bestes Stück in gespannter Erwartung über das Pissoir hänge, lassen wir heute die Puppen tanzen, oder was? Kapfeldt grinst mich an, und sagt, voller Ernst: Klar, heute lassen wir die Puppen tanzen, aber erstmal gehen wir noch einen trinken, oder? Klar, sage ich und packe mein Genital wieder ein, obwohl noch ein paar Tropfen an der Eichel hängen. Und während diese mir noch das Bein herunter laufen, mache ich mich schon mit meinem Freund Kapfeldt zur Theke auf um ein Bier zu bestellen.

Mit Kapfeldt habe ich das Bier heruntergestürzt, dazu haben wir noch auf Brüderschaft einen Kurzen getrunken, und ich merke, wie mir die einstigen Ressentiments, die ich gegenüber Mitschülern empfand, gleichgültiger und gleichgültiger werden. Es macht sich ein Gefühl in mir breit, das sich mit dem Fazit zusammenfassen lässt: Wir sitzen doch alle in einem Boot und so jung kommen wir nicht mehr zusammen! Und als ich dann Antje erblicke, mit der ich als Zehnjähriger in der fünften Klasse mein erstes, winzig kleines Techtelmechtel hatte, fühle ich schon fast Tränen der Rührung in mir hochsteigen. Ich gehe auf Antje zu, die mit Britta Stelzer am Tisch sitzt, und begrüße beide Mädchen freundlich. Antje steht auf und will mich umarmen und ich lasse geschehen. Dann setze ich mich dazu und Antje erzählt mir, wie sie nach dem Abitur erst bei der Commerzbank eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht hat und dann, nach einem Jahr nicht zufriedenstellender Arbeit hinter dem Schalter einer Filiale ihren Job gekündigt und eine Ausbildung zur Hebamme gemacht hat. Für einen solchen Lebenswandel kann ich trotz oder gerade wegen meines angesäuselten Zustandes nur lobende Worte finden, und auch wenn sich ihr Leben nur in den bescheidenen Grenzen der deutschen Provinz abspielt, komme ich doch nicht umhin zu denken, dass Antje sich für das pralle und pure Leben entschieden hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Zum ersten Mal entwickle ich so etwas wie Respekt für eine Lebenslauf, der sich nicht verpflichtet fühlt, möglichst exotische Orte und unsagbar viele verschiedene Erfahrungen auf einem DIN A 4 Blatt zu vereinen. Antje hat etwas gemacht: Sie hat sich für ein kleines, aber feines Leben entschieden und ich kann einem so verständigen Mädchen wie Antje keinen Vorwurf daraus stricken nur weil es mit meinem inkommensurabel ist. Und als Antje schließlich fragt, was ich so seit dem Abitur getrieben habe, sehe ich zum ersten Mal keinen Anlass dazu, weitschweifig auszuholen und zu erzählen, wie ich mit einem Station Wagon die Wüste Nevada durchquert habe, wie ich in Maastricht mit einer Prostituierten eine Nacht im Coffee Shop versackt bin, oder wie ich die Laune bei Killorglin im County Kerry mit einem selbst gebastelten Floß herunter getrieben bin. Stattdessen erwidere ich auf die Frage, was ich seit dem Abitur gemacht habe, nur lapidar: Oooch, so dies und das!

Es ist soweit: Der erste Mensch verlässt den Boden der Tatsachen und entschwebt, mit einem Glas Bier in der Hand, nach oben, auf die Tische. Von den anderen ehemaligen Stufenkameraden zuerst argwöhnisch beäugt, dann freundlich belächelt, bittet er den Schüler an der Stereo-Anlage, die Lautstärke etwas höher zu drehen. Das war ja klar, sagt Henrik, dass Uli Wiedt wieder der Erste ist, der auf den Tischen tanzt. Na ja, wat soll’s, fährt er dann fort, Solidarität muss sein. Er bestellt sich in Windeseile ein weiteres Bier an der Theke und steigt dann auch über die Bank auf denselben Tisch, auf dem Uli Wiedt sich schon zu allerlei Verrenkungen herablässt. Ein paar aus der Gruppe, die ebenfalls schon nicht mehr wirklich wissen, was sie tun, beginnen, die beiden anzufeuern. Uli macht in Ansätzen die Bewegungen, die man auch wohl von einem Chippendale zu Anfang einer Performance erwarten würde und einige Mädchen lassen es sich nicht nehmen, Uli mit Pfiffen anzufeuern. Auch Henrik, der die Grenzen der sinnvollen Selbstreflektion längst überschritten hat, fühlt sich von den Pfiffen der Mädchen dermaßen angestachelt, dass er sein Sweat-Shirt auszieht. Ein Raunen geht durch den Partyraum, manche Mädchen fühlen sich aufgrund des dichten Bewuchses auf Henriks Brustkorb zu einem kreischenden Iiihhh! angetan, anderen Mädchen (warum ich nicht von Frauen spreche, kann ich nicht sagen, vielleicht weil ich sie als Mädchen kennengelernt habe) wiederum schient zu gefallen, was sie da sehen. Die Musik dröhnt immer lauter, ein paar Wagemutige stoßen zu den beiden Vortänzern, und als ich mich umblicke, sehe ich eigentlich niemanden mehr, der noch irgendwie zurechnungsfähig aussieht oder abseits steht. Trotz meiner fortschreitenden Alkoholisierung erkenne ich alle: Da tanzt Anne Glöcking, daneben lacht Heidi Bliesmann, ihr Freund und Ehemann Johannes Wedert, das sehe ich sofort, wird auch bald auf den Tischen sein. Christoph Glutz und Helmut Klöcker stehen an der Theke und unterhalten sich laut lachend. Detlev Wesler flüstert Sandra Terodde etwas komisches ins Ohr, so dass sie den gerade wieder getrunken Prosecco rausprustet. Wesler grinst nur schelmisch. Und ganz langsam merke ich es auch und muss es mir selber eingestehen: Diese Party macht Spaß!

Kurzzeitig beginnt mein Kopf sich zu drehen. Früher hätte ich den Alkohol noch besser weggesteckt. Umso besser, denke ich, wenn du jetzt schneller besoffen wirst sparst du ja auch Geld. Mit einem unheimlichen Elan mache ich mich erneut zur Theke auf, wo ich Marco treffe, der bereitwillig einen mit mir hebt. Maik Zakowski kommt bei uns vorbei, legt uns lallend die Arme über die Schulter und ruft, um die Musik zu übertönen: Taanzen! Taanzen! Ja, sagt Marco locker und lapidar, während er Maiks Arm von seiner Schulter entfernt, ich war auch mal zwölf! Außerdem heißt das Taarzan! Ich muss lachen.
Mittlerweile sind genauso viele Leute auf den Tischen wie am Boden und ich weiß, es ist nur noch ein Frage der Zeit, bis ich auch hinauf muss. Die Anzahl derer, die von den Tischen zu mir herunter rufen, ich möge doch auch hochkommen, wird immer größer und ich kann mich kaum noch ihres Enthusiasmus erwehren. Insgeheim warte ich wohl, dass Laura auf mich zukommt und mich fragt, ob ich mit ihr auf den Tischen tanzen will. Vielleicht könnte ich ihr ja einen Zettel schreiben, mit der Frage: Willst du mit mir auf den Tischen tanzen? Und dann als Antwort drei Möglichkeiten vorgeben: Ja, Nein und Vielleicht.

Alles dreht sich! Die Leute um mich herum verschmelzen zu einer Masse, werden eins mit mir und meinen Gefühlen. Ich fühle mich dem Ort, an dem ich gerade bin, zugehörig, ich fühle wie alles um mich herum zu einem Teil von mir wird, mehr noch, ich habe das Gefühl, dass alles schon immer ein Teil von mir war: Henrik, Frank, Dirk, Marco, Maik und wie sie alle heißen, aber auch die Lehrer, die Stühle, die Kellner, die Bilder an der Wand, die Bäume draußen vor dem Gebäude, die Häuser in der Straße, die Parks, die anderen Schulen, die Weideflächen und Bauernhöfe, die Schlote der alten Textilfabriken, die Backsteinhäuser, die Fischreiher, die alten Männer und Frauen aus Herresburg, Bürgermeister Schmeink, die Oma vom Kiosk, alles...

Alles dreht sich! Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das nach langer und anstrengender Suche den Weg zurück in den warmen Mutterbauch gefunden hat, wo es sich als Embryo damals so wohl gefühlt hat. Ich habe das Gefühl, nach zwanzig Jahren Krieg, die mich aufgerieben haben, den Kopf wieder in Mutters Schoß legen zu können und ihre zarten Hände durch mein Haar fahren zu fühlen. Schlagartig wird mir bewusst, dass wir, die wir hier alle versammelt sind, irgendwann getrennt voneinander zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sterben werden, aber dass diese zukünftige Einsamkeit fast lächerlich wirken wird gegen die Verbundenheit und Freude, mit der wir hier und jetzt unser Wiedersehen zelebrieren. Die Kraft die wir, tanzend auf den Tischen und besoffen vom Alkohol, entwickeln und aufeinander übertragen, wird jeden von uns in der Zukunft begleiten. Diese Kraft ist eine Ressource, aus der wir noch lange schöpfen können, mögen die Stunden, die kommen, auch noch so hart und bitter sein. Wir haben gelebt, wir haben zusammen etwas erlebt, wir waren und wir sind Könige und Königinnen für diese eine Nacht.

Ich halte nicht mehr an. Jetzt führt nur noch ein Weg durch den Raum und dieser Weg führt auf die Tische. Ich springe hinauf, lege zwei Stufenkameraden die Arme um die Schulter und tanze und lache und johle und grinse und trinke und weine vor Freude...
 

CPMan

Mitglied
Lieber Arno,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Zur Genese des Textes: Ich fand ihn wie zufällig in einem meiner alten Ordner. Der Text ist fünfzehn Jahre alt und inspiriert wurde ich damals tatsächlich von unserem anstehenden fünfjährigen Abiläum (aus dramturgischen Gründen habe ich hier das zehnte Abiläum draus gemacht). Ich selbst las diesen alten Text in einem Rutsch und war berührt von dem Geschreibsel meines fünfzehn Jahre jüngeren Alter Egos. Aber wie das so ist: Bei einem persönlichen, zumindest in Ansätzen autobiographischen Text frage ich mich stets, ob er von wildfremden Lesern genauso rezipert werden kann wie von mir selbst, der Assoziationen hat die ein 'Ahnungsloser' wohl kaum erkennt, weil zu spezifisch. Deine Reaktion zeigt mir, dass ein so privates Topos auch einen allgemeinen Charakter besitzt, denn wir alle sind zur Schule gegangen und fragen uns bei jedem Klassentreffen: hingehen oder nicht? Bin ich dieseer Gemeinschaft längst entwachsen oder gehöre ich nicht doch irgendwie immer dazu, unabhängig davon, wo ich lebe und was ich mache?

Über eine Detailkritik (vor allem in Bezug auf die Fehler) von dir würde ich mich freuen. Habe den Text, wie immer süchtig nach Reaktionen, etwas überstürzt eingestellt. Werde ihn in Bälde nochmal durchgehen und die von dir angesprochenen Aspekte bearbeiten.

Vielen Dank für meine zweite 10. Und ich danke dir fürs Durchhaltevermögen, im Internet nicht so einfach.

LG,

CPMan
 
Lieber Kollege,

tja, das würde mich mehrere Stunden beschäftigen, alles Zeile für Zeile durchzugehen und in größeren Abständen den einen oder anderen Verschreiber oder ein fehlendes Zeichen aufzuspüren. (Beispiel zu Beginn des Arno-Abschnitts: eine kaufmännische Lehrer.) Hinterher müsste ich mir sagen, dass mit dieser Fleißarbeit nicht viel gewonnen ist, denn diese nicht allzu häufigen kleinen Schönheitsfehler mindern den Wert des ohnehin sehr guten Textes im Kern nicht. Und dann denke ich, dass du das, wenn dir daran liegt, auch recht gut allein schaffst.

Dafür zwei andere Anmerkungen. Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff "Stufe" heute allgemein sofort richtig eingeordnet wird. Ich bin darüber gestolpert, aber vielleicht bin ich nur schon zu lange ohne Kontakt zu heutigem Schulbetrieb. Und: Denke doch bitte einmal über die wohl fiktiven Ortsnamen nach. Abgesehen von Herresburg (nicht übel) klingt das wie verfremdetes Rheinisch-Westfälisch und kann in einem Leser aus anderen Teilen des deutschen Sprachraums leicht Befremden auslösen. Bertboerde? Gedelekenviertel? Liest und spricht sich für mich wenigstens nicht gut.

Die meistens recht langen Absätze finde ich hier ausnahmsweise einmal passend, dem Erinnerungsstrom angemessen. (Nur für den Fall, dass hier noch einer mosern sollte.)

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

CPMan

Mitglied
Hallo Arno!

Ja, ich denke, ich kriege einen Großetil der Korrekturen auch alleine hin. Das Problem mit den Kommata habe ich auch beim Abschreiben des Textes schon bemerkt, ich wurde zunehmend verwirrter, mehr noch als bei den anderen Texten von mir.

Die Ortsnamen werde ich nochmal ändern, vielleicht bemühe ich auch die Originale, mal sehen.

Man spricht heute wohl eher von Jahrgangsstufe, ich denke aber, dass der Kontext die Bedeutung klarmacht.

LG,

CPMan
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo CPMan!

Vieles in deiner autobiografisch wirkenden Erzählung kommt mir sehr bekannt vor: Das Gefühl der Fremdheit bei der Rückkehr in das heimatliche Dorf, dieses Gefühl, das sich auf seltsame Weise mit der alten Vertrautheit mischt, die Überzeugtheit von der eigenen Überlegenheit gegenüber den Dagebliebenen, das Verlangen, allen zu zeigen, was aus einem 'geworden' ist ... Bis dann der Alkohol jede kritische Selbstreflexion verwischt und ein Versinken in der glückseligen Geborgenheit der Gruppe erlaubt.

Mich würde interessieren, was dein Protagonist denkt und fühlt, wenn er am nächsten Morgen verkatert erwacht ...

Ein kleiner Kritikpunkt: An manchen Stellen ist mir das Weiterlesen schwergefallen, weil allzu viele Details genannt werden, die nicht viel zum Verständnis der Geschichte beitragen.

Gruß, Hyazinthe
 

CPMan

Mitglied
Liebe Hyazinthe,

vielen Dank auch dir fürs Lesen und Kommentieren. Tja, wie fühlt sich der Protagonist wohl am nächsten Tag? Verkatert und vielleicht auch ein wenig peinlich berührt ob der vielen unvorhergesehenen Verbrüderungsszenen. Das Überlegenheitsgefühl wird mit dem Verlassen der Stadt wieder zunehmen und er wird sich schwören, auf keinen Fall zum zwanzigsten Jubiläum zu gehen, nur, um es dann doch zu tun.

Wie auch bei anderen Texten von mir wird/ wurde Autobiographisches verändert, simplifiziert, überhöht und um Fantasien und Halbwahrheiten ergänzt.

Insgesamt empfinde ich den Text auch als zu viel Tell und zu wenig Show. Daher rühren wohl auch deine Probleme. Er ist halt fünfzehn Jahre alt. Heute würde ich ihn anders schreiben, aber ich war doch berührt vom Text meines früheren Ichs.

LG,

CPMan
 

Maribu

Mitglied
Hallo CP-Man,

Klassentreffen sind schon oft beschrieben, einige sogar verfilmt worden.
Wenn ich an meine denke, sehe ich viele Parallelen. Es gibt Jungen und Mädchen, die man mochte und sich darauf freut, sie nach vielen Jahren wieder zu treffen und andere, die einem gleichgültig oder sogar unsympathisch waren und sich später (alkoholseelig) fragt, warum eigentlich?
Besonders gut hat mir die Selbstreflexion gefallen und das Eingeständnis, keinen Grund zu haben, über anderen zu stehen, die einen "bürgerlichen" Beruf ergriffen haben und über das "Kaff" nicht hinausgekommen sind.
Die Kränkung, dass du für Laura nicht der Auserwählte warst, ist zwar noch zu spüren und der Vergleich "Traum-Laura" und Laura der Realität ist nicht nur Erkenntnis, sondern auch Beruhigung.
Wie klug, dass du einem Happy-End durch einen wilden "auf dem
Tisch-Tanz" mit Laura widerstanden hast!
Lieben Gruß Maribu
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo CPMan,

ein, da kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen, schon oft erzählter Stoff, was dem Text aber keinen Abbruch tut. Die Rückkehr zu Menschen mit denen man früher jeden Tag verbringen musste und die einem danach immer fremder werden, obwohl sie aus den Erinnerungen her vertraut sind. Deine Anmerkung dazu, dass der Protagonist, obwohl er sich schwört es nicht zu tun, das nächste Klassentreffen doch besuchen wird, kann ich gut nachvollziehen.
Ich habe die Erzählung gerne gelesen und werde das sicherlich auch nochmal machen. Ein wirklich in allen Bereichen sehr guter Text. Kompliment! Den Verzicht auf ein Happy End macht die Erzählung in meinen Augen noch gelungener.

Beste Grüße

Blumenberg
 

CPMan

Mitglied
Hallo Blumenberg,

vielen Dank für deinen Kommenatr und die gute Bewertung. Nicht schlimm, dass die 10 dadurch gestrichen wurde, passiert eben.

LG,

CPMan
 

Roman

Mitglied
Klassetreffen

Lieber CPMann,
ich finde dieses Werk auch schön geschrieben und bin von der Vielfältigkeit der Wörter beeindruckt.

Das einzige Manko ist m.e. die Darstellung des Textes.
Du solltest mehr Absätze einbauen, auch wenn es grammatisch nicht notwendig ist. (In diesem Falle wäre es sogar angebracht.)

Die Schrift bei der Leselupe ist ohnehin klein und man muss sich mehr auf das Lesen konzentrieren, denn auf das Verstehen. Ein "Spagettitext" in dieser Form stört, besonders wenn man so etwas mit einem Handy lesen will.

Mit lesenden Grüßen
Roman
 
A

aligaga

Gast
Wer's bis zur Hochschulreife gebracht hat, nimmt in aller Regel ein Studium auf. Höchstens 10 bis 15 Prozent der AbturientInnen eines Jahrgangs machen nichts oder etwas anderes daraus.

@Ali wundert sich deshalb, dass in diesem schon nach zehn Jahren stattfindenden "Klassentreffen" mit keiner Silbe zum Ausdruck kommt, was für eine Wahnsinnsveränderung ein normal veranlagter junger Mensch während des Studiums und in der ersten Zeit danach erfährt. Es sind die intensivsten Jahre, die ein Mensch überhaupt haben kann. Mit dem dummen, fremdgesteuerten Buben oder Mädchen, die von einem Schultag in den nächsten lebten, haben sie danach nicht mehr viel gemeinsam. Sie haben andere Sichten, andre Horizonte und, vor allem, Ziele. Andere Ziele.

In diesem "Klassentreffen" hier scheinen die Protagonisten allesamt in dem Mief steckengeblieben zu sein, in dem sie damals in der Abiturklasse schon steckten. Das lührische Ich maßt sich zwar an, in den "Ehemaligen" zumeist nur Feiglinge und Versager zu erkennen, bleibt dem Leser aber eine Begründung für diese Präpotenz schuldig. Wir erfahren nichts, was über den damaligen Mief und das präpotente Dampfgeplauder hinausginge, zu dem "Schöler" nun mal neigen, wenn sie unsicher und unerfahren sind.

Die meisten bleiben nach dem Abitur aber nicht unsicher und unerfahren, sondern gehen einen Weg. Aus "Schölern" werden Männer und Frauen, die nur ganz entfernt mit dem zu vergleichen sind, was man damals als Kind an und mit ihnen hatte.

Das kann man schön finden oder bedauern; keinesfalls aber sollte man es übergehen, wenn man von einem "Klassentreffen" berichtet. Tut man's, so wie hier, nicht, muss man sich sagen lassen, dass man an dem, was ein Klassentreffen eigentlich ausmacht, komplett vorbeigeschrieben hat: Es ist nur ein weiterer, langweiliger Schultag in einer langweiligen Schule einer langweiligen Kleinstadt geworden. Die "Schöler" unterhalten sich nicht oder setzen sich gar auseinander, sondern sie schwätzen immer noch wie damals.

Schade, dass sie kein Leerer zur Ordnung ruft und etwas von ihnen verlangt. Diese Pädagogen scheinen genauso langweilig wie ihre Schüler.

Gleichwohl sehr heiter

aligaga
 

Maribu

Mitglied
Hallo Ali Gaga,

obwohl ich nicht der Autor bin, möchte ich dir dazu etwas sagen,
weil ich den Text ebenfalls gelesen und ihn bewertet habe.

Es hat mich nicht überrascht, dass du wieder eine negative Kritik vom Stapel gelassen hast!

Deine Kolumne "Was erlaube Schulz" hat mir ganz gut gefallen.
Du kannst schreiben und bist im Schnitt mit 7,1 objektiv bewertet
worden.

Weshalb dieser Neid auf andere Autoren, die ebensogut oder besser schreiben können?!

Schönes Wochenende
oder, wie du immer sagst: quietschend vor Vergnügen!
Maribu
 
A

aligaga

Gast
Was du hier mit deinem Gepöbel zu erreichen suchst, kannst nur du wissen, o @Maribu. @Ali hat den vorliegenden Text kritisiert und die Kritik begründet. Wenn du sachliche Argumente dagegen hast, solltest du sie vorbringen. @Ali "Neid" zu unterstellen, kannst du dir sparen. Worauf denn? Auf eine dünne Schülergeschichte?

Lächerlich.

Was du im Übrigen von @alis Geschreibsel eo ipso hältst, interessiert hier niemanden. Wer @alis Texte lesen und kritisieren möchte, kann das an der gegebenen Stelle gern tun.

In diesem Thread hier geht's nicht um deine persönlichen Gefühle dem böhsen @ali gegenüber, sondern um @CPs missglückt abgebildetes Klassentreffen. Um sonst nichts.

Heiter, sehr, sehr heiter

aligaga
 

 
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