Klassentreffen

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Da ist S. Mit ihm kommt der Biologiesaal. Einmal hat S. ein Referat gehalten, neunte oder zehnte Klasse, über menschliche Evolution. Was er gesagt hat, hat keinen interessiert, aber am Schluss hat er zwei Schädel hochgehalten, schön im Profil, und dann den Overheadprojektor angemacht, sodass man die Umrisse an der Wand gut sehen konnte. Blöd nur, dass neben den Urmenschenschädeln sein eigener Kopf auch im Schattenriss an der Wand zu sehen war. Er hat eine ziemlich flache Stirn und hohe Augenbrauen, der Urmensch genauso wie S. Was haben wir gelacht.

S. hält sich am Bierglas fest. Schicke Klamotten, Markenhemd auf jeden Fall. Die Schultern sind breit geworden vom Fitnessstudio. Maschinenbau, klar, sogar einen Doktor draufgesattelt, jetzt wird durchgestartet bei einem Automobilhersteller. Was, damals, das Referat im Biosaal? Ach, hätte ich fast vergessen. War lustig, oder?

UNS MACHST DU NICHTS VOR. NEANDERTALERSCHÄDEL! DU URMENSCH IN JEANS! ES IST ZEIT VERGANGEN, ABER SO SCHNELL IST DIE EVOLUTION AUCH NICHT, DU HALBAFFE!

T. ist auch gekommen. Der Erdkundesaal aus dem Erdgeschoss schwebt unsichtbar um sie herum. Geheult hat sie damals. Sie ist sogar rausgerannt. Dabei war der alte Gradert—so hieß er doch?—gar nicht so gemein zu ihr, hat sie immer geschont. Aber an dem Tag war alles zu viel. Die Streitigkeiten daheim. Die neuen Schüler, an die sie sich nicht gewöhnen konnte. Nie war jemand da, wenn sie ihn oder sie brauchte. Der Tag war ihre ganz persönliche Hölle gewesen.

Sie hat ein Kind. T. zeigt Bilder, sie liebt ihre Kleine. Wegen ihr muss T. auch früher nach Hause, tut ihr sehr leid. Weißt du noch damals, in Erdkunde? Die Kleine schläft durch, antwortet sie. Sie erzählt, sie sei so stolz, die Tochter erstaune sie jeden Tag mehr. Was? Ja, da war sie fertig gewesen, damals, aber sie war ja auch erst achtzehn gewesen. Mit einem schiefen Lächeln überspielt sie die Situation und zeigt ein Babyfoto her.

WARUM RENNST DU NICHT RAUS? HEUL, SCHREI, SPINN HERUM, WIE WIR DICH KENNEN UND LIEBEN. NEIN WARTE, WIR LIEBEN DICH NICHT, WIR GENIESSEN DEINE ANFÄLLE. UNTERHALTE UNS. DU SPINNST DOCH SOWIESO.

A.s Reich war der Zeichensaal gewesen. Sie konnte es einfach, sie war ein Naturtalent, wie man es sich vorstellte. Ab der 5. Klasse hatten sie alle bewundert. Tusche, Wasserfarben, Acryl, Leinwand, Papier, Holz—egal. Sie war eine geborene Meisterin. Nichts anderes als ein Zeichengenie. Ein dickes Mädchen, das auch in der Pubertät nicht mehr viel wuchs, aber dafür überall ordentlich zulegte, wurde sie, und sie wurde laut, rotzig und hart. Wirklich kannte sie niemand. Mit A. rummachen? Klang wie eine verlorene Wette. Das hatte sie am Rande mitgekriegt. An genau dem Tag war A. logischerweise schlecht drauf gewesen. Dann war Kunststunde. Da war die alte Schmenzl, ebenso Vollblutkünstlerin wie Vollblutalkoholikerin, qualmte zwischen den Stunden zum Fenster raus und wurde von allen Lehrern geschnitten. Jeder wusste das. Sie hatte etwas gesagt, etwas kritisches. A. schlug zurück. Mit Worten. Knapp. Hart. Alles traf. Im roten Gesicht der alten Schmenzl sah sie ihren Sündenfall. Die Klasse johlte, als die Zeichenlehrerin floh. Sie kam fast zwei Wochen lang nicht mehr.

Allein steht A. an einem Tisch und rührt im Magermilchcappucino. Den braucht sie jetzt. Am Anfang hat sie es beim Willkommenssekt wohl übertrieben. Allein steht sie in der Menge, macht Witze, lacht laut und ist immer allein. Die Szene damals hat sie nie losgelassen. Niemand wollte ihre Schuld teilen. Frau Schmenzl hat sich zu Tode gesoffen.

DU HAST SIE FERTIG GEMACHT. JA, DAS BIST DU, INNEN HART UND AUSSEN SCHWABBELIG. WAS HABEN WIR GELACHT.

Freundliches Nicken, Lächeln, Händeschütteln, Versprechen über wiederbelebte Kontakte. Alle (zehn) Jahre wieder.
 
Recht eindrucksvoll, wie hier Erinnerungen aufgefrischt werden, solche, über die man später nicht gern spricht, die sich aber im Kopf lebendig erhalten haben. Den Mittelteil fand ich etwas schwächer, da kein direkter Anlass fürs Weglaufen erkennbar ist. Das mag dem beschriebenen Charakter entsprechen, doch würde ein geringfügiger Anlass ( Missverhältnis zwischen Ereignis und Weglaufen) diese Stelle plastischer machen.

Und:
Nie war jemand da, wenn sie ihn oder sie brauchte.
Hier stutzte ich und hatte erst Mühe mit dem Verständnis. Da "jemand" maskulin ist, würde danach "ihn" genügen. Inzwischen habe ich es natürlich begriffen, finde es dennoch sprachlich und grammatikalisch holprig. Ich störe mich nicht an "ihn oder sie", nur sollte dann für "jemand" ein adäquater Ausdruck gefunden werden; ist mir so rasch noch nicht gelungen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Waldbaum

Mitglied
Wenn "jemand" also als rein männlich empfunden wird, hilft nur noch die Doppelform "jemann & jefrau".
Soweit wird's noch kommen - werdet schon sehen! :)
 
Waldbaum, es geht hier nicht um individuelles Empfinden, sondern ums grammatische Geschlecht und die im folgenden Satzteil dazu grammatisch passenden Formen. Das Problematische an dem von mir kritisierten Satz besteht darin, dass im Hauptsatz ein grammatisches Maskulinum verwendet wird, im Nebensatz dann aber erläuternd zwei Pronomina natürlichen Geschlechts. Selbstverständlich kann man das so machen, es ist weder inhaltlich noch formal fehlerhaft. Ich halte es nur für stilistisch holprig, es hat meinen Leseakt erschwert.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Gudrun

Mitglied
Also mal abgesehen von der o.g. Anmerkungen zu Grammatik oder Stil - ich hab die Geschichte sehr genossen und hätte gerne noch einige Mitschüler kennengelernt.
 

Franke

Mitglied
Ja, Klassentreffen sind immer eine etwas gruselige Angelegenheit.
So kann man mit den besten Kumpels von damals manchmal nichts mehr anfangen und versteht sich plötzlich mit ehemaligen Klassenkameraden prima, mit denen man früher in der Schule kein Wort gewechselt hat.

Gerne gelesen!

Liebe Grüße
Manfred
 

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