Können die entsetzlichen Wunden überwunden werden, die der Holocaust geschlagen hat ?

Rezension zu:

Avram Kantor, Schalom, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-24014-8

Die Vergangenheit ist in Israel nicht vergangen. Für die Menschen - sie werden immer älter und weniger- die, wie auch immer, die Lager der Nazis und den Holocaust überlebt haben und nach Israel gekommen sind, sind die Deutschen und alles, was mit Deutschland zusammenhängt, der Inbegriff des Bösen und erinnern sie täglich neu an das, was sie „dort“ erlebt haben.

Die Überlebenden haben in ihrer neuen Heimat Familien gegründet und Kinder groß gezogen, nur eines haben sie nie getan: über das, was sie „dort“ erlebt haben zu sprechen. So geht es auch der alten Nechama, der Hauptperson dieses bewegenden Jugendbuches von Avram Kantor. Der in Israel lebende Sohn Avri denkt an einer Stelle zu Beginn des Buches über dieses Schweigen nach, das auch sein Leben und das seines Bruder Jaki überschattete:
„Wieder fragte er sich, wie es geschehen konnte, dass es ihnen nie in den Sinn gekommen war, ihre Eltern zu fragen, was mit ihnen passiert war, bevor sie hierherkamen. Als wäre das alles in einer anderen Welt geschehen, an der Jaki und er keinen Anteil hatten. Dass sie von sich aus nichts erzählt hatten, konnte Avri inzwischen verstehen, aber wie war es möglich, dass er und sein Bruder überhaupt keine Fragen gestellt hatten? Zu Hause wurde nie ausdrücklich darüber gesprochen, aber es hing immer etwas Seltsames in der Luft. Niemand hatte ihnen verboten etwas zu fragen, sie hatten es einfach nicht getan, Gott weiß warum.“

Jaki hat irgendwann eine deutsche Frau kennengelernt, die in Israel ein Praktikum machte. Als sein Vater Menachem ihm daraufhin sein Haus verbot („es kommen keine Deutschen in mein Haus!“) geht er mit ihr nach München. Dem Sohn, der geboren wird, geben sie den Namen Gil.

Als Gil in das Alter kommt, in dem er seinen Zivildienst in Deutschland ableisten soll, entscheidet er sich dafür, das in Israel zu tun, das er als seine zweite Heimat ansieht. Er möchte bei seiner Großmutter Nechama wohnen, die über dieses Ansinnen völlig aus dem Häuschen gerät. Sie fühlt sich dem Diktum ihres Mannes verantwortlich und weigert sich standhaft, sowohl Gil als auch seine Mutter zu sehen. Als es aber dann doch zu einer Begegnung kommt, ist Nechama von dem freundlichen Gil ins innerste Mark getroffen und sie spürt , wie ihre Widerstände davonschwimmen wie Felle in einem Fluss. Gil sieht aus wie ihr geliebter Mann, mit dem sie innerlich täglich in innerer Verbindung steht.

Es ist nicht zuletzt die weise und kluge Zurückhaltung von Jakis deutscher Frau, die Nechama immer nur „die da“ nennt, die schlussendlich die Mauern brechen lässt und das Eis schmilzt:
„Nechama spürte die Wärme der anderen Frau, auch die Arme, die sich um ihre Hüften legten, und sie schreckte nicht zurück.“

Ein wunderbares Buch mit einer wundervollen Botschaft: Nur durch Offenheit, Respekt und Herzlichkeit Avram Kantor, Schalom, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-24014-8

Die Vergangenheit ist in Israel nicht vergangen. Für die Menschen- sie werden immer älter und weniger- die wie auch immer die Lager der Nazis und den Holocaust überlebt haben und nach Israel gekommen sind, sind die Deutschen und alles was mit Deutschland zusammenhängt, der Inbegriff des Bösen und erinnern sie täglich neu an das, was sie „dort“ erlebt haben.

Die Überlebenden haben in ihrer neuen Heimat Familien gegründet und Kinder groß gezogen, nur eines haben sie nie getan: über das, was sie „dort“ erlebt haben, zu sprechen. So geht es auch der alten Nechama, der Hauptperson dieses bewegenden Jugendbuches von Avram Kantor. Der in Israel lebende Sohn Avri denkt an einer Stelle zu Beginn des Buches über dieses Schweigen nach, dass auch sein Leben und das seines Bruder Jaki überschattete:
„Wieder fragte er sich, wie es geschehen konnte, dass es ihnen nie in den Sinn gekommen war, ihre Eltern zu fragen was mit ihnen passiert war, bevor sie hierherkamen. Als wäre das alles in einer anderen Welt geschehen, an der Jaki und er keinen Anteil hatten. Dass sie von sich aus nichts erzählt hatten, konnte Avri inzwischen verstehen, aber wie war es möglich, dass er und sein Bruder überhaupt keine Fragen gestellt hatten? Zu Hause wurde nie ausdrücklich darüber gesprochen, aber es hing immer etwas Seltsames in der Luft. Niemand hatte ihnen verboten etwas zu fragen, sie hatten es einfach nicht getan, Gott weiß warum.“

Jaki hat irgendwann eine deutsche Frau kennengelernt, die in Israel ein Praktikum machte. Als sein Vater Menachem ihm daraufhin sein Haus verbot („es kommen keine Deutschen in mein Haus!“) geht er mit ihr nach München. Den Sohn, der geboren wird, geben sie den Namen Gil.

Als Gil in das Alter kommt, in dem er seinen Zivildienst in Deutschland ableisten soll, entscheidet er sich dafür, das in Israel zu tun, das er als seine zweite Heimat ansieht. Er möchte bei seiner Großmutter Nechama wohnen, die über dieses Ansinnen völlig aus dem Häuschen gerät. Sie fühlt sich dem Diktum ihres Mannes verantwortlich und weigert sich standhaft, sowohl Gil als auch seine Mutter zu sehen. Als es aber dann doch zu einer Begegnung kommt, ist Nechama von dem freundlichen Gil ins innerste Mark getroffen und sie spürt , wie ihre Widerstände davonschwimmen wie Felle in einem Fluss. Gil sieht aus wie ihr geliebter Mann, mit dem sie sozusagen täglich in innerer Verbindung steht.

Es ist nicht zuletzt die weise und kluge Zurückhaltung von Jakis deutscher Frau, die Nechama immer nur „die da“ nennt, die schlussendlich die Mauern brechen lässt und das Eis schmilzt:
„Nechama spürte die Wärme der anderen Frau, auch die Arme, die sich um ihre Hüften legten, und sie schreckte nicht zurück.“

Ein wunderbares Buch mit einer wundervollen Botschaft: Nur durch Offenheit, Respekt und Herzlichkeit können die entsetzlichen Wunden überwunden werden, die der Holocaust den Völkern, den Familien und den Einzelnen geschlagen hat. Es hätte für dieses Buch keine geeignetere Übersetzerin geben können als Mirjam Pressler, die schon Avram Kantors berühmten Roman „Die erste Stimme“ ins Deutsche übertragen hat.



den Völkern, den Familien und den Einzelnen geschlagen hat. Es hätte für dieses Buch keine geeignetere Übersetzerin geben können als Mirjam Pressler, die schon Avram Kantors berühmten Roman „Die erste Stimme“ ins Deutsche übertragen hat.
 
Entsetzliche Wunden

Die Überlebenden haben in ihrer neuen Heimat Familien gegründet und Kinder groß gezogen, nur eines haben sie nie getan: über das, was sie „dort“ erlebt haben zu sprechen.
Aus der Traumaforschung wissen wir heute, dass sich "entsetzliche, nicht bearbeitete Wunden" in die fortfolgenden Generationen übertragen. In diesem Punkt - unbearbeitete Traumata - ist der Holocaust nicht einzigartig. Man lese die bewegenden Bücher von Sabine Bode (WDR Journalistin und Traumatherapeutgattin) "Kriegskinder" und Kriegsenkel. Die nicht besprochenen Traumata von Vertreibung und Verlust müssen wir 40jährigen heute "ausbaden". Insofern wären Gespräch zwischen Holocaustenkeln (die nichts erlebt haben, aber "ausbaden" und Vertriebenenenkeln (nicht die in diesen Verbänden organisierten, sondern die "normalen", deren Eltern und Großeltern auch nicht gesprochen haben, denn "es nutzt ja nichts und es muss ja weitergehen",) durchaus sinnvoll.

Ich habe bewusst so vorsichtig formuliert, um jeden Revanchismus- oder Relativierungsverdacht zu vermeiden. Es geht lediglich um kollektvie Traumata.
 

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