Krumme Dinger

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Ciconia

Mitglied
Wie ein schwedischer David einen amerikanischen Goliath besiegt

Um es gleich vorab zu sagen: Ich habe beide Filme, die hier eine Rolle spielen, nicht gesehen, nicht sehen können. Das ist schade. Aber ich wollte sowieso keine Rezension schreiben, sondern die Geschichte über einen mutigen schwedischen Filmemacher, dem es gelungen ist, einen amerikanischen Großkonzern in die Knie zu zwingen.

Fredrik Gertten hat in seinem Leben schon viele Dokumentarfilme gedreht. Als er 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten mit den Dreharbeiten zu Bananas beginnt, mag er ein wenig naiv an die Sache herangegangen sein, wie er selbst später in einem Interview bemerkt. Aber die Thematik reißt ihn mit, er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen.

Seit den 1950er-Jahren wird dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erscheint eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wird.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden melden, kommt es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wird daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangt die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern sind zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprüht die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endet der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren beginnen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wird keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung beruft, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhindern. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglicht endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wird. Dole hat bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhindert politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen sind mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hat sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnet sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole spricht sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legt Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgen werden, widerruft das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz hat der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole eingereicht. Richterin Chaney weist beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen müssen, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez beweisen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hat. Richterin Chaney berücksichtigt diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Der Schwede Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert.

Doch das Blatt wendet sich überraschend für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big boys gone bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint. Man hat es sich wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Der mutige Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. http://www.bananasthemovie.com/wp-content/uploads/resources/IJOEH_Boix_Bohme_2012.pdf
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Erster Eindruck: Gut. Aber …

… der Einstieg mit der Beichte, dass der Autor des Textes die Filme nicht gesehen hat, diskreditiert den Text. Dadurch wird nämlich die Behauptung, "Bananes" würde urteilsfrei nur Fakten zeigen, zu bloßem Hörensagen. (Natürlich urteilt ein solcher Film schon durch die Auswahl des Gezeigten.)

… der Teil, der den Ablauf der Ereignisse zeichnet, ist zu lang, er dominiert den Text vor allem in dem Teil, in dem man als Leser drauf wartete, dass die „Geschichte des mutigen schwedischen Filmemachers" erzählt wird. Mir ist klar, dass das Neben(?)thema "die Zeit spielt für Dole" hier aufgemacht wird. Die Länge stört mich trotzdem massiv.

… die durchgängige Verwendung des Präsenz sorgt für eine ungute Verwirrung: Ohne spürbaren Schnitt springt der Text nach der Ereignis-Passage zurück – anfangs scheint es, als sei diese Teil (das Filmmachen) parallel zumindest zum letzten Teil der Ereignisse angesiedelt, dann stellt sich aber heraus, dass ausgerechnet der letzte Teil NACH dem Film(machen) passierte. Es ist generell fragwürdig, ganze "Rückblick"-Texte im Präsens zu schreiben; wenn dann noch sowas passiert, finde ich es doppelt ärgerlich.

… eigentlich hab ich hier inhaltlich gar nicht die Geschichte bekommen, wie Gertten Dole "in die Knie zwingt, sondern die, wie „die Öffentlichkeit" Dole unter Druck setzt. Der Charakteristik "Geschichte über Gerrten" entspricht der Text auch nicht (bis auf den Satz „Gertten ist verzweifelt,“ – zu wenig für die Ankündigung).


Trotzdem: Ich hab den Text gern gelesen. Die oben genannten vier Schwachstellen lassen sich – so glaube ich – leicht beheben, ohne alles ganz neu machen zu müssen. Versuchs mal!
 

Ciconia

Mitglied
Fredrik Gertten und seine Filme
Bananas und Big Boys gone Bananas

Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten hat in seinem Leben schon viele Filme gedreht. Als er 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten mit den Dreharbeiten zu Bananas beginnt, mag er ein wenig naiv an die Sache herangegangen sein, wie er selbst später in einem Interview bemerkt. Aber die Thematik reißt ihn mit, er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieses Thema in einem jahrelangen zähen Kampf enden wird, den er letztlich mit Hilfe vieler Unterstützer gewinnen kann.

Seit den 1950er-Jahren wurde dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erschien eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wurde.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden meldeten, kam es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wurde daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangte die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern waren zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprühte die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endete der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wurde keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung berief, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhinderten. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglichte endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wurde. Dole hatte bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhinderte politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen waren mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hatte sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnete sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole sprach sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legte Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgten, widerrief das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz reichte der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole ein. Richterin Chaney wies beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen mussten, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez bewiesen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hatte. Richterin Chaney berücksichtigte diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichteten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert. Er investiert noch einmal: in gute Anwälte, die den Kampf gegen Dole aufnehmen.

Dann wendet sich das Blatt auf überraschende Weise für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big Boys gone Bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint. Man hat es sich wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Sein Mut, es mit einem Weltkonzern aufzunehmen und sich nicht in seiner Meinungsäußerung einschränken zu lassen, verdient größten Respekt. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. http://www.bananasthemovie.com/wp-content/uploads/resources/IJOEH_Boix_Bohme_2012.pdf

Ein sehr informatives Interview mit Gertten gibt es http://www.youtube.com/watch?v=9RlNopfAV-o
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Jon,

ich hatte gehofft, dass Du einen hilfreichen Kommentar abgibst, und ich bin nicht enttäuscht worden – herzlichen Dank dafür.

Ich habe mich mit diesem Text auf neues Terrain begeben, ich habe sehr viel recherchiert und versucht, aus den zahlreichen Interviews und Berichten, die über Gertten und seine Filme im Internet existieren, eine Kurzfassung zu basteln. Dass der „Ablauf der Ereignisse“ vielleicht ein wenig zu lang geraten ist, mag sein – aber ich halte diese Grundlagen für wesentlich, um einerseits Gerttens Motivation zu diesen Filmen klar herauszustellen und andererseits die „Krummen Dinger“ eines Großkonzern aufzuzeigen. Auch darum ging es mir.

Ansonsten habe ich den Text an einigen Stellen überarbeitet:

Den „Einstieg mit der Beichte“ habe ich in der neuen Fassung weggelassen. Deinen Einwand halte ich für gerechtfertigt.

Die „Ereignis-Passage“ habe ich jetzt ins Präteritum gesetzt, auch hier gebe ich Dir Recht.

Mit einer neuen (Unter-)Überschrift habe ich den Kampf „David gegen Goliath“ ein wenig abgeschwächt, ich hoffe, damit wird dann nicht zu viel versprochen.

Ich würde mich freuen, wenn Du mir noch mal ein kurzes Feedback geben könntest, ob der neue Text so besser geworden ist.

Liebe Grüße
Ciconia
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Gefällt mir deutlich besser. Ich würde aber die Überschrift bei "Krumme Dinger" belassen, der Text beschäftigt sich ja eigentlich auch nicht mit „Gerrten und den Filmen X und Y" sondern mit Dole und Dole vs. Gerrten. "Krumme Dinger" fasst beides prima zusammen und bezieht auch noch die Bananen ein.


Details:

Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten hat in seinem Leben schon viele Filme gedreht. Als er 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten … DBCP erzählen. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieses Thema in einem jahrelangen zähen Kampf enden wird, den er letztlich mit Hilfe vieler Unterstützer gewinnen kann.
Ich versteh nicht, ob er vor Bananas schon viele Filme gedreht hat (vermutlich, wenn man die Zeitschiene anschaut) oder inzwischen.
Das Thema endet - wenn ich das Textende ansehe – nicht wirklich in dem zähen Kampf, es mündet in einen.
Ich würde vorn eventuell noch nicht verraten, dass er den Kampf gewinnt. Macht es spannender ;)


Am Rande:
Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint.
Ich bin nicht sicher, dass Dole da was gedreht hat, Wenn der Name Gerrten oft in Zusammenhang mit Dole im Netz auftaucht, verknüpft Google beides automatisch, glaub ich. Aber ich kann mich auch irren. Du solltest das der journalistischen Sorgfaltspflicht wegen mal prüfen (wenn du's nicht schon getan hast).
 

Ciconia

Mitglied
Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten hat in seinem Leben schon viele Filme gedreht, bevor er 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten mit den Arbeiten zu Bananas beginnt. Vielleicht ist er ein wenig naiv an die Sache herangegangen sein, wie er selbst später in einem Interview bemerkt, aber die Thematik reißt ihn mit. Er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass dieser Film zu einer der größten Herausforderungen seines Lebens werden und er mit diesem Thema jahrelang beschäftigt sein wird.

Seit den 1950er-Jahren wurde dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erschien eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wurde.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden meldeten, kam es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wurde daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangte die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern waren zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprühte die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endete der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wurde keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung berief, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhinderten. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglichte endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wurde. Dole hatte bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhinderte politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen waren mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hatte sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnete sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole sprach sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legte Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgten, widerrief das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz reichte der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole ein. Richterin Chaney wies beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen mussten, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez bewiesen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hatte. Richterin Chaney berücksichtigte diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichteten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert. Er investiert noch einmal: in gute Anwälte, die den Kampf gegen Dole aufnehmen.

Dann wendet sich das Blatt auf überraschende Weise für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big Boys gone Bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint, wie Gertten in einem Interview erläutert. Man hat es sich auch auf dem PR-Sektor wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Sein Mut, es mit einem Weltkonzern aufzunehmen und sich nicht in seiner Meinungsäußerung einschränken zu lassen, verdient größten Respekt. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. http://www.bananasthemovie.com/wp-content/uploads/resources/IJOEH_Boix_Bohme_2012.pdf

Ein sehr informatives Interview mit Gertten gibt es http://www.youtube.com/watch?v=9RlNopfAV-o
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Jon,

diese Arbeit macht wirklich Spaß. Vielen Dank auch für diesen Kommentar!

Ich habe auch die neuesten Anregungen von Dir umgesetzt und den Text entsprechend geändert.

Was die Dole-Werbung anbelangt: Dies ist eine Aussage von Gertten in dem unten im Text angeführten Interview. Ich habe mich (aus gutem Grund!) bemüht, alle meine Aussagen in diesem Text hinreichend zu recherchieren.
Wer sich näher mit meinem Thema beschäftigen möchte und mit Englisch keine Probleme hat, dem kann ich dieses spannende Interview sehr empfehlen.

Liebe Grüße
Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Als der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten die Arbeiten zu Bananas aufnimmt, kann er schon auf viele erfolgreiche Filme zurückblicken. Vielleicht ist er diesmal ein wenig naiv an die Sache herangegangen sein, wie er selbst später in einem Interview bemerkt, aber die Thematik reißt ihn mit. Er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass sein neuer Film zu einer der größten Herausforderungen seines Lebens werden und er mit diesem Thema jahrelang beschäftigt sein wird.

Seit den 1950er-Jahren wurde dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erschien eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wurde.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden meldeten, kam es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wurde daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangte die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern waren zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprühte die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endete der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wurde keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung berief, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhinderten. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglichte endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wurde. Dole hatte bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhinderte politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen waren mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hatte sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnete sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole sprach sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legte Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgten, widerrief das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz reichte der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole ein. Richterin Chaney wies beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen mussten, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez bewiesen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hatte. Richterin Chaney berücksichtigte diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichteten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert. Er investiert noch einmal: in gute Anwälte, die den Kampf gegen Dole aufnehmen.

Dann wendet sich das Blatt auf überraschende Weise für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big Boys gone Bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint, wie Gertten in einem Interview erläutert. Man hat es sich auch auf dem PR-Sektor wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Sein Mut, es mit einem Weltkonzern aufzunehmen und sich nicht in seiner Meinungsäußerung einschränken zu lassen, verdient größten Respekt. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. http://www.bananasthemovie.com/wp-content/uploads/resources/IJOEH_Boix_Bohme_2012.pdf

Ein sehr informatives Interview mit Gertten gibt es http://www.youtube.com/watch?v=9RlNopfAV-o
 

Ciconia

Mitglied
Als der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten die Arbeiten zu Bananas aufnimmt, kann er schon auf viele erfolgreiche Filme zurückblicken. Vielleicht ist er diesmal ein wenig naiv an die Sache herangegangen, wie er selbst später in einem Interview bemerkt, aber die Thematik reißt ihn mit. Er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass sein neuer Film zu einer der größten Herausforderungen seines Lebens werden und er mit diesem Thema jahrelang beschäftigt sein wird.

Seit den 1950er-Jahren wurde dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erschien eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wurde.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden meldeten, kam es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wurde daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangte die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern waren zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprühte die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endete der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wurde keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung berief, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhinderten. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglichte endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wurde. Dole hatte bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhinderte politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen waren mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hatte sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnete sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole sprach sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legte Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgten, widerrief das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz reichte der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole ein. Richterin Chaney wies beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen mussten, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez bewiesen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hatte. Richterin Chaney berücksichtigte diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichteten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert. Er investiert noch einmal: in gute Anwälte, die den Kampf gegen Dole aufnehmen.

Dann wendet sich das Blatt auf überraschende Weise für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big Boys gone Bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint, wie Gertten in einem Interview erläutert. Man hat es sich auch auf dem PR-Sektor wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Sein Mut, es mit einem Weltkonzern aufzunehmen und sich nicht in seiner Meinungsäußerung einschränken zu lassen, verdient größten Respekt. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. http://www.bananasthemovie.com/wp-content/uploads/resources/IJOEH_Boix_Bohme_2012.pdf

Ein sehr informatives Interview mit Gertten gibt es http://www.youtube.com/watch?v=9RlNopfAV-o
 

Penelopeia

Mitglied
Liebe Ciconia,

ich finde den Text sehr gelungen und nehme an der Bemerkung (in der Ursprungsfassung) keinen Anstoss, dass Du selbst beide Filme nicht gesehen hast. (Im Gegenteil: Ein Buch nicht gelesen, einen Film nicht gesehen zu haben, kann der objektiven Meinungsbildung sogar förderlich sein. Ich habe z.B. Schirrmachers letzten Schinken auch nicht gelesen, dafür jedoch einige Rezensionen über "Ego": das reichte mir für eine eigene Einschätzung. Meine Meinung hat sich seither eher verfestigt...)

Derlei Themen werden leider viel zu selten behandelt, dabei betrifft das Wirken und Walten der Großkonzerne doch auch uns ziemlich direkt.

P.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
"Ein Buch nicht gelesen, einen Film nicht gesehen zu haben, kann der objektiven Meinungsbildung sogar förderlich sein."
… aber nicht über das Buch/den Film. Und auch über viele andere Dinge nicht, die mit dem Buch/Film zu tun haben. Man kann z.B. eine objektive Meinung (was eigentlich nicht geht – eine Meinung ist immer subjektiv, aber das sei jetzt mal dahingestellt) darüber entwickeln, ob das Buch erfolgreich war (anhand von Verkaufszahlen z.B.) oder ob Literaturfachleute das Buch mehrheitlich für wichtig halten. Aber nicht, ob z. B. man so einen Hype "objektiv" für gerechtfertigt hält.
 

Ciconia

Mitglied
Darüber möchte ich jetzt nicht mitstreiten – ich hatte ja auch nie vorgehabt, eine Rezension zu schreiben, das hatte ich von Anfang an klar gesagt. Aber ich glaube, das ist auch so verstanden worden.

Hallo Penelopeia,

es freut mich, dass dieser Text noch weitere Leser gefunden hat und dass Du ihn für gelungen hältst. Vielen Dank für die gute Bewertung!
dabei betrifft das Wirken und Walten der Großkonzerne doch auch uns ziemlich direkt
... und zwar uns als Verbraucher jeden Tag mehr. Wenn man allein die Skandale der letzten Monate in der Lebensmittelbranche betrachtet (Bananenkartell, übrigens unter Beteiligung der Firma Dole, Schokoladenkartell, aktuell das Kartoffelkartell) könnte einem der Appetit vergehen. Letztlich kann man als Verbraucher gar nicht alle Produzenten boykottieren, die daran beteiligt sind – dann bleibt nämlich beim täglichen Einkauf nicht mehr viel Auswahl. Und was im Hintergrund noch läuft, wie in meinem Text geschildert, bekommt man sowieso nur in den seltensten Fällen mit – in diesem Fall: Gertten sei Dank!

Gruß Ciconia
 

Penelopeia

Mitglied
Je weniger man von Aktien Ahnung hat...

... umso erfolgreicher spekuliert man an der Börse: Liebe Jon, diese Behauptung soll angeblich wissenschaftlich, d.h. durch Erhebung empirischer Daten, belegt sein. Ich weiß es nicht, vermute trotzdem einen gewissen Wahrheitsgehalt. Mit Büchern und Filmen, die man nicht gelesen resp. gesehen hat, könnte es sich so ähnlich verhalten; man gewinnt einen Eindruck von einer Sache nicht nur direkt über jene Sache, sondern auch über Meinungen und Reflexionen anderer, im Prinzip also auf indirektem Weg. Ist das legitim? Ich denke ja - sofern man sich auf zuverlässsige Meinungsbildner verlässt. Ein Beispiel: Ich muss mir nicht alle Wagner-Opern reinziehen, um zu einem halbwegs fundierten Urteil über Wagners wallende Wahnfriede zu kommen, ein paar späte Äußerungen von Nietzsche über Wagner reichen.

P.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Aktienspekulationen sind etwas völlig anderes. Es ist übrigens nicht belegt, dass „man" da besser spekuliert, sondern nur, dass „man“ nicht schlechter spekuliert, was eher eine Aussage über den Aktienmarkt als über die Rolle von Wissen bei Entscheidungen allgemein trifft. (Für "man" wurde z. B. - so wird kolportiert - ein Affe benutzt, der per Fingerzeig über Ver/Kaufentscheidungen bestimmte.)


Und ja: Du kannst dir, ohne je eine Wagner-Oper gehört zu haben, anlesen, was Nietzsche von Wagnermusik hielt, und Nietzsche in seiner Einschätzungh glauben. So wie ich, die ich nie eine Wagner-Oper hörte, aus der Wagner.-Musik, die man anderweitig ständig um die Ohren kriegt, schließe, dass ich diese Musik nicht mag. Aber keiner von uns kann ein fundiertes Urteil über eine Wagner-Oper abgeben. Du kannst drüber reden, was Nietzsche davon hielt, ich kann davon reden, wie mir das, was ich hörte, gefiel. Das ist was anderes.

Natürlich ist es legitim, sich über etwas ein Bild zu machen, indem man sich mit dem Bild, das andere davon haben, beschäftigt. Wir machen das ständig, der Mensch kann gar nicht anders. Aber das Bild, das dann entsteht, ist eben nicht gleichzusetzen mit dem, das entsteht, wenn man sich (zusätzlich) selbst mit diesem "etwas" konfrontiert. Man kann sehr wohl vertrauenswürdigen Leuten nachbeten, wie genial Herr XY kocht und wie grandios sein Essen schmeckt. Ob man diese Einschätzung teilt, merkt man erst, wenn man selbst kostet.

Zurück zu Texten wie diesem: Wenn der Autor sagt, dass er den Film nicht kennt, dann hat seine Aussage über "der Film macht dies und jenes" ein ganz anderes Gewicht, als würde er mitteilen, dass er den Film kennt. Wenn er nichts sagt (was eher die Regel als die Ausnahme ist), geht man als Leser davon aus, der Autor würde den Film kennen. Das ist in dem Fall hier gemogelt, was aber im Rahmen dieses Textes eher unwesentlich ist, weil die Aussagen (Doles Machenschaften) im Wesen nicht davon abhängt, ob der Film wertet oder nicht.
 

Ciconia

Mitglied
Für diejenigen unter Euch, die an dieser Thematik interessiert sind, sich ein eigenes Bild machen wollen und ORF2 empfangen können:
Am Sonntag, 06.10., 23.05 Uhr, wird „Big Boys gone Bananas“ dort gezeigt. http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20131003_OTS0069/dokfilm-praesentiert-big-boys-gone-bananas-david-gegen-goliath-am-6-oktober-in-orf-2

„Bananas“, der erste Film, lief schon am 29.09. im Fernsehen, kann aber in der Videothek des ORF noch aufgerufen werden http://tvthek.orf.at/programs/6788137-dok-film--Bananas-/episodes/6786853-Bananas-/6810781-Bananas-

Gruß Ciconia
 

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