Kurzer Versuch über den Shitstorm

steyrer

Mitglied
Ein Shitstorm ist eine heftige Diskussion in sozialen Foren, deren wenige, meist negativen, Argumente auf Zirkelschlüssen beruhen. Dies bedeutet, dass eine unbewiesene Behauptung als scheinbarer Beleg oder Beweis für eine andere dienen kann. Dieser Versuch befasst sich hauptsächlich mit Angriffen auf Personen nach dem Muster „Person A berichtet über die inakzeptablen Ansichten von Person B über eine beliebte/schutzwürdige oder verachtete/tabuisierte Person C“. Dieses Muster findet sich vor allem in Diskussionen mit weltanschaulicher Brisanz, wie etwa bei (Gesellschafts-)politik oder Religion. Eine Variante mit sozialen Motiven, die ihr Ziel direkt benennt, wird anschließend kurz beschrieben.

Als beliebte Personen können Berühmtheiten mit Vorbildcharakter gelten: Beispiele sind Zeitgenossen mit dem Attribut „lebender Heiliger“, oder auch Unbekannte mit sozialem Engagement aus dem politischen Lager der User-Mehrheit. Schutzwürdig sind Kinder im Allgemeinen, aber auch Erwachsene und Kinder mit unheilbaren Krankheiten oder anderen schweren Einschränkungen. Verachtet bis tabuisiert sind im einfachen Fällen Personen des entgegengesetzten politischen Lagers oder im extremen Fällen Schwerverbrecher. Alle diese Personen werden im Folgenden Person C genannt.

Eine, meist anonyme, Person A kann behaupten, dass eine Person B gemeint hätte, eine beliebte/schutzwürdige Person C sei dumm, verbrecherisch, unanständig oder aus einem anderen Grunde nicht tragbar. Bei einer verachteten oder tabuisierten Person wird dies zur Behauptung, dass diese im Recht, oder gar vorbildlich sei. Belegt wird beides oft mit Aussprüchen in kleinem Kreis oder mit Screenshots bereits gelöschter Postings. Gewöhnlich beschränkt sich der Beitrag von Person A auf die Initiation des „Sturms“. A ist somit nicht unbedingt Teil der Community, sondern kann auch außerhalb stehen, etwa als Artikelschreiber in einem Online-Medium.

Eine Person die an der Aussage von A zweifelt, aber keinen Gegenbeleg vorzubringen vermag, macht sich verdächtig mit B zu sympathisieren. Da die Verurteilung der behaupteten Aussage Zustimmung bringt, wird sich die Empörung im Erfolgsfall rasch aufschaukeln. Ein Dementi von Person B kann als Ausflucht oder insgeheimes Eingeständnis gewertet werden und eine Reaktion einer Person C führt, falls sie A zustimmt, zur Verschlimmerung für B. Zeigt sich Person C dagegen unbeeindruckt oder verteidigt gar Person B, bestätigt sich entweder ihre, bereits vorausgesetzte, moralische Überlegenheit, oder, ebenfalls vorausgesetzte, kindliche Arglosigkeit. Dadurch verschlimmert sich die Lage von Person B ebenfalls, da ihre behauptete Aussage nun noch ungerechtfertigter erscheint. Meldet sich eine verachtete/tabuisierte Person C und verteidigt Person B, gilt diese als von C vereinnahmt. War Person C nicht von Anfang an involviert, ist und bleibt A die einzige Person mit komplettem Überblick. Person B weiß nur über ihre eigenen Belange Bescheid und der Rest, Person C inbegriffen, hat keinerlei Einblick.

Person A gewinnt, da sie einen, nach allgemeiner Ansicht, oder zumindest nach dem ihrer Zielgruppe, unerträglichen Skandal oder Missstand aufzeigt und anklagt. Die teilnehmenden User können, je nach Zustimmung oder Ablehnung, gewinnen oder verlieren, Person B verliert und Person C erfüllt die Funktion einer Projektionsfläche für die von Person A angesprochenen Gruppe. Eine beliebte/schutzwürdige Person C gewinnt somit ebenfalls, wenn auch ungewollt und meist ohne eigenes Zutun. Häuft sich derartiges, kann es allerdings nicht nur zu Angriffen auf Person B, sondern zunehmend auch auf Person C kommen, denn oftmals wiederholte Behauptungen, egal wie ungerechtfertigt oder gar absurd sie sein mögen, gewinnen durch stete Wiederholung an Wiedererkennungswert und damit an Glaubwürdigkeit. Dies alles lässt sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Organisationen und Unternehmen anwenden.

Ist in Zeitungsartikeln oder -diskussionen von Shitstorms die Rede, handelt es sich oft um eine Variante die von sozialen Motiven bestimmt wird. Ihre Teilnehmer werden als sozial und moralisch wesentlich niedrigstehender als die anvisierte Zielgruppe dargestellt: (Künstlerische) Auftritte von Kindern und anderen schutzwürdigen Personen widersprechen oft weit verbreiteten und unbewusst wirkenden Idealen oder Konventionen. Es besteht die Möglichkeit, dass eine Person A direkt Person C beleidigt, oder ihr gar Gewalt androht. Wird nun die schutzwürdige Person Ziel des allgemeinen Spottes und von Bedrohungen, ist dies ein Anzeichen dass dieser Shitstorm spontan entstand und Alter und/oder sozialer Status seiner Teilnehmer in etwa der angegriffenen Person entsprechen. Bei von Massenmedien als vorbildlich vorgestellten Personen kann Unaufrichtigkeit unterstellt werden, beispielsweise darin, dass die Person dem eingeforderten Ideal nicht entspricht, oder zu Unterschiedliches verquickt, also etwa verantwortungsvolles Handeln und eine bestimmte politische Überzeugung.

Abschließend: In jedem Fall agieren die Teilnehmer ausschließlich mit ihren Accounts (Benutzerkonten). Ein anonymer Account, also etwa ohne Nennung eines Klarnamens und/oder einer Adresse, sollte niemals anlasslos mit einer Einzelperson gleichgesetzt werden, denn hier kann jemand etwa eine einzige Person vortäuschen, wo tatsächlich mehrere dahinterstehen (Sammelaccount). Umgekehrt ist es auch für einen Einzelnen möglich, mehrere zu benutzen und so mit mehreren Stimmen zu sprechen (Sockenpuppen). Es ist also naheliegend diese Accounts als Rollen anzusehen, die von verschiedenen, oder identischen, Personen ausgefüllt werden können und manchmal nicht einmal von diesen, was zum letzten Grund führt: automatische Programme, sogenannte Robots (kurz: Bots). Nur im einfachsten transparenten Fall werden sie, kenntlich gemacht, zu Wartungsarbeiten eingesetzt, wie etwa in den Wikimedia-Projekten. Sie können allerdings auch, aufwendiger programmiert, in Zeitungsforen und in Kontakt- oder Frageportalen scheinbar persönliche Antworten geben oder in Diskussionsfäden thematisch passende Werbelinks platzieren.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Mich stört am meisten "Versuch". Was versuchst du? Es sieht wie eine Darstellung des üblichen(*) Ablaufes aus. Was ist das (ich nenne es mal) "journalistische Ziel" dabei?
(* Ist das der Ablauf eines Shitstorms oder nur der einer Form von Shitstorm? Es gibt doch auch sehr oft Shitstormes, die gar nicht unter dem Deckmäntelchen des Schutzes Schutzwürdiger toben.)
 

steyrer

Mitglied
„Versuch“ bedeutet, einige einfache Gedanken und Schlussfolgerungen darzulegen, ohne gleich das viel zu große Wort Essay zu bemühen. Mein Beitrag kann ohnehin nicht viel mehr sein, als ein Streiflicht.
Ich beginne mit einem speziellen Beispiel und da halte ich es eben für passend, erst einmal zu klären was ich damit meine. Was allgemein unter einem Shitstorm verstanden wird, lasse ich ja trotzdem nicht unter den Tisch fallen.
 
Zuletzt bearbeitet:

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Okay, also ist es eigentlich nur eine Ideen-Sammlung - ein "journalistisches Ziel" gibt es noch gar nicht. Da ist es schwer, einzuschätzen, ob die angeblich kurze Beschreibung der einen Form von Shistorm wirklich (gemessen am Sinn des Textes) kurz ist oder - wie ich es ampfand - viel zu lange und verdröselt. Auch der unter "Abschließend" genannte Aspekt ist mir zu lang und zu wenig zielführend.

Wenn das Ganze eine Art sachliche Darlegung der Mechanismen von Shitstorms sein soll, könnte diese dateilreiche Beschreibung sinnvoll sein. Dann müssen aber unbedingt auch die anderen Versionen von Shitstorm analysiert werden.

Wenn das Ganze zu irgendwas führen soll wie "Wieso machen Leute das?" oder/und "Was macht das mit den Anges… (sorry) Ge-Shitstorm-ten?" oder/und "Wie kann man sowas eindämmen? Geht das überhaupt?" und/oder "Was bedeudet es eigentlich, wenn da Bots mitmischen?" und/oder …, dann sind die Darlegungen zu ausufernd und haben zu wenig Bezug auf da, warum auch immer das entsprechende dargelegt wird.

Tipp: Entscheide, was das Ganze werden soll. Und dann ergänze entweder die anderen Mechanismen (so als Nachschlagewerk für: "So geht Shitstorm") oder betrachte, was das für wen bedeuetet.
 

steyrer

Mitglied
Erst einmal Dankeschön für deine konstruktive Auseinandersetzung mit meinem Beitrag. Allerdings: Die Vorschläge laufen nicht so sehr auf Verbesserung, sondern eher auf komplettes Umschreiben oder Neuschreiben hinaus und ziemlich sicher hätte ich dann etwas völlig anderes in der Hand als jetzt. Das muss ich erst einmal sacken lassen.
 

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