Kurzone

Ciconia

Mitglied
Warme Septembersonne tauchte den Kurgarten mit seinen üppigen Blumenrabatten in mildes Licht, warm genug, um spätnachmittags ein Stündchen am großen Springbrunnen zu verweilen. Karla schloss entspannt die Augen und lauschte dem beruhigenden Plätschern in dieser Oase der Ruhe – wie sehr hatte sie sich in den letzten aufreibenden Monaten danach gesehnt!

Sie schreckte auf, als zwei kleine Mädchen kreischend um den Brunnen rannten, wieder und wieder. Tadelnde Blicke der Ruhesuchenden, während das dazugehörige ältere Paar unerschütterlich lächelte.
Neben Karla unterhielten sich drei robuste Frauen lautstark auf Russisch. Nach dem gefühlt hundertsten stakkatohaften „Da!“ wurde es ihr zu ungemütlich, sie erhob sich seufzend. Drüben, am Hauptweg, lagen die Bänke bereits im Schatten. Deshalb schlenderte sie lustlos zum Hotel zurück. Ihr blieb noch reichlich Zeit bis zum Abendessen.

In der Hotelauffahrt stand mit laufendem Motor ein riesiger Reisebus, aus dem gerade unzählige junge Asiaten quollen. Mit farbigen Rollkoffern strebten sie aufgeregt plappernd zur Rezeption. Mühsam bahnte sich Karla einen Weg durch das Gewusel.

Die Tageswärme hatte ihr Zimmer aufgeheizt. Karla öffnete die Balkontür und sah einen Moment zu, wie der Bus rückwärts aus der Auffahrt rangierte. Sein Warnsignal fiepte unangenehm.

Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben, dachte sie, das wär’s. Und dann in aller Ruhe noch einmal unbelastet durchstarten. Am besten ganz ohne Warnsignal.
 
A

aligaga

Gast
Immer das gleiche Muster, o Ciconia - eine hochmögende Protagonöse ist sich der schnöden Welt zu schade und sieht im andern nicht das Andere, sondern nur einen Störfaktor. Bezeichnend auch, dass sie am Ende glaubt, sie käme ausgerechnet mit einem Rückwärtsgang heraus aus ihrer Vereinsamung. Welch grausamer Irrthum!

Warum sagt ihr denn niemand, dass sie, um etwas zu ändern, den Vorwärtsgang einlegen müsste? Zu den Leuten hin, nicht von ihnen weg. Falls es dafür nicht schon zu spät ist ...

Man mag mit der Präpotenz dieser Frau (wieder mal) kein Mitleid haben. Ob ihr das Abendessen der Hotelküche wohl schmecken wird, mitten im Gewühl der Söhne Nippons? Der böhse @ali glaubt: eher nein. Sie wird sich, statt auf einen der Samurais zuzugehen und ihn auszufragen, ob er seine Rüstung dabeihat, das Dinner aufs Zimmer bringen lassen und verbittert am zähen Roastbeef kauen. Come triste!

Heiter, sehr heiter

aligaga
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

Karla sucht Ruhe nach den „aufreibenden Monaten“, die hinter ihr liegen. Doch selbst im Kurpark fühlt sie sich gestört, was für mich heißt, dass sie noch immer sehr angespannt ist. Sie flüchtet in ihr Zimmer und sieht den Bus, der rückwärts fährt.

In diesem Augenblick wünscht sie sich: „Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben“. Karla denkt nicht daran, dass sie dem Schrott, den sie los werden will, beim Rückwärtsgang bestimmt wieder begegnet und vergisst einen Moment, dass sie schon einen Schritt nach vorne getan hat: sie verbringt Urlaub im Hotel und geht nicht in die Einöde oder in ein Kloster.
Dort könnte sie Stille erleben und ganz in Ruhe über Vergangenes nachdenken und neue Wege nach vorne suchen.

Viele Grüße
molly
 

Ciconia

Mitglied
Da wird sich meine Karla aber über die launige Lebensberatung freuen, Herr Doktor! Hatte sie doch tatsächlich geglaubt
wie sehr hatte sie sich in den letzten aufreibenden Monaten danach gesehnt!
sie könne in einem beschaulichen Kurort wieder zu Kräften kommen, vielleicht nach längerer Krankheit oder dem Verlust eines Angehörigen. Dabei hätte sie doch besser zum Ballermann fliegen und/oder mit 50 Chinesen auf dem Tisch tanzen sollen! Und dass sie sich manchmal wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können, um verlorene Dinge zurückzubekommen, ist natürlich ganz schnöde. Das geht gar nicht!

Aber ich verrate Ihnen etwas: Wie Sie schon vermuteten, ist Karla an diesem Abend natürlich nicht zu den 50 Chinesen ins Hotelrestaurant gegangen, sondern hat sich in einem gemütlichen Biergarten einen krustigen Schweinsbraten und zwei Halbe gegönnt. Danach soll es ihr dann wieder besser gegangen sein.

Heiter wie das heutige Wetter
Ciconia
 

Val Sidal

Mitglied
@Ciconia

Der Text wäre eine gelungene, farblich gut abgestimmte Momentaufnahme -- ohne den letzten Absatz:
Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben, dachte sie, das wär’s. Und dann in aller Ruhe noch einmal unbelastet durchstarten. Am besten ganz ohne Warnsignal.
Einfach verlustfrei und gewinnbringend streichen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo molly,

ich sehe, dass Du sehr gut nachvollziehen konntest, was ich hier beschreiben wollte, und das freut mich.

Das Kloster ist vielleicht nicht für jedermann geeignet, aber ein beschaulicher Kurort würde normalerweise schon genügend Möglichkeiten des Rückzugs bieten und einem Kranken / Verzweifelten helfen, wieder dem Alltag zu begegnen und nach vorne zu sehen.

Vielen Dank für Deine Zeilen!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Val,

danke auch für Deinen Eintrag.

Eine kurze conclusio schien mir hier eigentlich nötig – aber ich werde über Deinen Vorschlag des Streichens nachdenken.

Gruß Ciconia
 

Val Sidal

Mitglied
@Ciconia

Wenn Du auf das kontemplative (nach meinem Geschmack etwas kitschige) Bild mit dem "Rückwärtsgang im Leben" nicht verzichten magst, dann eher so:
Warme Septembersonne tauchte den Kurgarten mit seinen üppigen Blumenrabatten in mildes Licht, warm genug, um spätnachmittags ein Stündchen am großen Springbrunnen zu verweilen. Karla schloss entspannt die Augen und lauschte dem beruhigenden Plätschern in dieser Oase der Ruhe – wie sehr hatte sie sich in den letzten aufreibenden Monaten danach gesehnt!
[blue]Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben, dachte sie, das wär’s. Und dann in aller Ruhe noch einmal unbelastet durchstarten.
[/blue]
Sie schreckte auf, als zwei kleine Mädchen kreischend um den Brunnen rannten, wieder und wieder. Tadelnde Blicke der Ruhesuchenden, während das dazugehörige ältere Paar unerschütterlich lächelte.
Neben Karla unterhielten sich drei robuste Frauen lautstark auf Russisch. Nach dem gefühlt hundertsten stakkatohaften „Da!“ wurde es ihr zu ungemütlich, sie erhob sich seufzend. Drüben, am Hauptweg, lagen die Bänke bereits im Schatten. Deshalb schlenderte sie lustlos zum Hotel zurück. Ihr blieb noch reichlich Zeit bis zum Abendessen.

In der Hotelauffahrt stand mit laufendem Motor ein riesiger Reisebus, aus dem gerade unzählige junge Asiaten quollen. Mit farbigen Rollkoffern strebten sie aufgeregt plappernd zur Rezeption. Mühsam bahnte sich Karla einen Weg durch das Gewusel.

Die Tageswärme hatte ihr Zimmer aufgeheizt. Karla öffnete die Balkontür und sah einen Moment zu, wie der Bus rückwärts aus der Auffahrt rangierte. Sein Warnsignal fiepte unangenehm.
 

Ciconia

Mitglied
Aber, Val: Auf die Idee mit dem Rückwärtsgang wird Karla doch erst durch den rückwärtsfahrenden Bus gebracht. Nach dem ersten Absatz passt dieser Gedankengang für mich noch nicht. Und außerdem würde der ganze Text dann zu abrupt aufhören.

Gruß Ciconia
 

Val Sidal

Mitglied
@Ciconia

Das ist das Problem des Bildes: in der unmittelbaren Nähe zum Bus (vermeintlich durch die Beobachtung, „wie der Bus rückwärts aus der Auffahrt rangierte“, ausgelöst) ist es widersinnig – niemand möchte/kann sich sein Leben rückwärts ablaufend vorstellen.

Vom Bus entkoppelt wird der Bildcharakter verstärkt: „Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben, dachte sie“, und durch „das wär’s“ wird aus einer Fahrt im Rückwärtsgang ein gefühlter Rücksprung, wodurch das Bild „dann in aller Ruhe noch einmal unbelastet durchstarten.“ die eigentliche Intention der Figur entlastet transportieren kann.

Doch – wie ich in meinem ersten Kommentar bemerkte, ist die Metapher toxisch und zerstört eine angenehmen zu betrachtende Szene.
 

Ciconia

Mitglied
Ich weiß nicht recht, Val: Denke ich zu schlicht oder verkomplizierst Du die Dinge unnötig?

Wenn ich mich rückwärts aus einer Ausfahrt resp. einer Lebenssituation manövriere, weil ich mich festgefahren habe, läuft doch nicht automatisch mein ganzes Leben vor mir ab. Ich bewege mich aus etwas hinaus, um dann auf der Geraden wieder durchstarten zu können. So einfach sehe ich das. Aber vielleicht habe ich Deinen letzten Kommentar auch nicht in Gänze verstanden.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Wer in einem voll besetzten Hotel resp. einem direkt daneben liegenden, öffentlich zugänglichen Kurgarten nach Ruhe zu seelischer Einkehr sucht und obendrein keine Kinder und keine Ausländer mag, hat falsch gebucht. Der sollte die Schuld bei sich, nicht beim Rest der Welt suchen.

Wie @molly bereits richtig bemerkte – zur contemplatio setzte man sich besser in den Wald, ginge ins Kloster oder auf eine einsame Insel, statt mitten aufs Oktoberfest.

Wie sonderbar deshalb, dass die hier besungene Misanthropin nicht folgerichtig das tut, was der böhse @ali ihr zugetraut hätte (ihre abendliche Halbpension einsam im Hotelzimmer zu verzehren), sondern sich angeblich dann mitten ins laute Getümmel eines Biergarten stürzt, um dortselbst einen Schweinsbraten mit Knödel zur Nacht zu verschlingen – und sich, gemeinsam mit anderen Zechern, ihre kümmerliche Sicht schön zu trinken.

Eigentlich wär‘ das gar kein schlechter Schluss für dieses doch recht menschenfeindlich geratene G’schichterl. Ein „oans-zwoa-gsuffa!“ Seit‘ an Seit‘ mit einem Samurai wäre am Ende wirklich besser als eine virtuelle, rückwärts gerichtete Geisterfahrt mit dem Flixbus. Die endet meist nur am nächsten Alleebaum. Bautz!

Amüsiert

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Genauigkeit in der Textanalyse war noch nie @alis Stärke.
in einem [blue]voll besetzten[/blue] Hotel
[red]Wo steht das im Text?[/red]
[blue]direkt daneben liegenden[/blue] Kurgarten
[red]wo steht das im Text?[/red]
[blue]keine Kinder und keine Ausländer mag[/blue]
[red]wo steht das im Text?[/red]
ihre [blue]abendliche Halbpension[/blue]
[red]wo steht das im Text?[/red]
[blue]sondern sich mitten ins laute Getümmel eines Biergarten stürzt, um dortselbst einen Schweinsbraten mit Knödel zur Nacht zu verschlingen – und sich, gemeinsam mit anderen Zechern, ihre kümmerliche Sicht schön zu trinken.[/blue]
[red]wo steht das im Text?[/red]

Es ist (wieder mal) klar ersichtlich, dass Sie sich hier Ihr eigenes Geschichtchen ausgedacht haben, das mit dem Original kaum noch etwas zu tun hat.

Deshalb für Sie: Ende der Diskussion

Ciconia
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

Wegen dem Bus nehme ich an, dass Karla in einem großen Kurhotel wohnt.
Wie wäre es, wenn hier noch nicht Schluss wäre:

"Ein einfacher Rückwärtsgang im Leben, dachte sie, das wär’s. Und dann in aller Ruhe noch einmal unbelastet durchstarten. (Am besten ganz ohne Warnsignal.)

Karla seufzte laut, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. Sie schnappte ihre Tasche und begab sich in den Biergarten.


Nur so eine Idee und die muss weder Dir noch Karla gefallen.

Frohes Wochenende und viele Grüße

molly
 
A

aligaga

Gast
Genauigkeit in der Textanalyse war noch nie @alis Stärke.
quote:

1. in einem voll besetzten Hotel

Wo steht das im Text?

2. direkt daneben liegenden Kurgarten

wo steht das im Text?


3. keine Kinder und keine Ausländer mag

wo steht das im Text?

4. ihre abendliche Halbpension

wo steht das im Text?

5. sondern sich mitten ins laute Getümmel eines Biergarten stürzt, um dortselbst einen Schweinsbraten mit Knödel zur Nacht zu verschlingen – und sich, gemeinsam mit anderen Zechern, ihre kümmerliche Sicht schön zu trinken.

wo steht das im Text?
1. Da:
In der Hotelauffahrt stand mit laufendem Motor ein riesiger Reisebus, aus dem gerade unzählige junge Asiaten quollen. Mit farbigen Rollkoffern strebten sie aufgeregt plappernd zur Rezeption. Mühsam bahnte sich Karla einen Weg durch das Gewusel.
2. Da:
Drüben, am Hauptweg, lagen die Bänke bereits im Schatten. Deshalb schlenderte sie lustlos zum Hotel zurück.
3. Da:
Sie schreckte auf, als zwei kleine Mädchen kreischend um den Brunnen rannten, wieder und wieder. Tadelnde Blicke der Ruhesuchenden, während das dazugehörige ältere Paar unerschütterlich lächelte.
und da:
Nach dem gefühlt hundertsten stakkatohaften „Da!“ wurde es ihr zu ungemütlich, sie erhob sich seufzend.
4. Da:
Deshalb schlenderte sie lustlos zum Hotel zurück. Ihr blieb noch reichlich Zeit bis zum Abendessen.
5. Da:
Wie Sie schon vermuteten, ist Karla an diesem Abend natürlich nicht zu den 50 Chinesen ins Hotelrestaurant gegangen, sondern hat sich in einem gemütlichen Biergarten einen krustigen Schweinsbraten und zwei Halbe gegönnt. Danach soll es ihr dann wieder besser gegangen sein.
Quietschend vor Vergnügen

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Hallo molly,

danke dafür, dass Du hier am Ball bleibst.

Sicher handelt es sich um ein größeres Hotel, das aber mit einer Busladung noch nicht ausgebucht sein muss.

Die Biergarten-Variante würde ich allerdings nicht so gern übernehmen – sie war von mir ja nur in der Kommentarfunktion weitergesponnen worden und hatte mit dem ursprünglichen Text wenig zu tun - so wenig wie die hier vorgebrachten Behauptungen eines anderen Kommentators.

Gruß Ciconia
 

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